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Die geheime Mission zur Rettung des wichtigen Archivs der UN über palästinensische Flüchtlinge

  • 20. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

Millionen von Dokumenten, die Generationen von Traumata dokumentieren, wurden in einer zehnmonatigen UNRWA-Operation aus Gaza und Ostjerusalem gerettet.


Von Jason Burke, The Guardian, 14. Mai 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Die Reise von Ostjerusalem nach Amman hätte eigentlich einfach sein sollen: eine kurze Fahrt hinunter zum Toten Meer, über den Grenzkontrollpunkt und zügig weiter in die jordanische Hauptstadt. Doch im Frühsommer 2024 schien diese Strecke für die humanitären Helfer*innen der UNRWA (Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge) ein fast unüberwindbares Hindernis zu sein, als sie versuchten, riesige Mengen an Archivdokumenten zu sichern, die für Jahrzehnte der jüngeren palästinensischen Geschichte von entscheidender Bedeutung sind.

Eine zehnmonatige Aktion zur Rettung der von der UNRWA in Gaza und Ostjerusalem verwahrten Archive näherte sich ihrem Ende. Die Aktion war äußerst heikel und mitunter gefährlich gewesen. Dutzende UNRWA-Mitarbeiter*innen in mindestens vier verschiedenen Ländern waren daran beteiligt gewesen; sie hatten riskante Reisen unternommen, um Dokumente unter Beschuss zu retten, Beamt*innen hatten sorgfältig unmarkierte Umschläge nach Ägypten transportiert, und wertvolle Kisten waren mit Militärflugzeugen in Sicherheit gebracht worden.

Doch nun lief die Zeit ab. Das weitläufige Gelände der UNRWA in Ostjerusalem war zum Mittelpunkt einer konzertierten israelischen Kampagne zur Vertreibung der Organisation und zum Ziel rechtsextremer Gruppen geworden. Die Bedeutung der UNRWA-Archive, von denen ein Großteil die Erfahrungen der Palästinenser*innen dokumentierte, die während der Kriege, die 1948 zur Gründung Israels führten, flohen oder aus ihren Häusern vertrieben wurden, war offensichtlich.

„Ihre Zerstörung wäre katastrophal gewesen … Sollte es jemals eine gerechte und dauerhafte Lösung für diesen Konflikt geben, dann sind dies die einzigen Beweise, mit denen die Menschen belegen können, dass einst Palästinenser*innen an einem bestimmten Ort gelebt haben“, berichtet Roger Hearn, ein hochrangiger Verterter der UNRWA, der die Operation leitete.

Solche geheimen Bemühungen sollten eigentlich nie Aufgabe der UNRWA sein, die 1949 gegründet wurde, um rund 750.000 palästinensische Flüchtlinge mit medizinischer Versorgung, Nahrungsmitteln und Bildung zu versorgen.

Zu Beginn des Krieges im Gazastreifen, der auf den Überraschungsangriff der Hamas auf Israel folgte, bei dem 1 200 Menschen, überwiegend Zivilist*innen, ums Leben kamen, waren die Archive der Organisation über die Länder verstreut, in denen sie im Nahen Osten tätig ist. In staubigen Kisten auf dem UNRWA-Gelände in Gaza-Stadt befanden sich die Original-Registrierungskarten palästinensischer Flüchtlinge, die 1948 in Gaza Zuflucht gesucht hatten, sowie Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunden, die Generationen zurückreichten. Diese könnten es Palästinenser*innen, deren Vorfahren gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, ermöglichen, ihre familiären Wurzeln in dem Gebiet nachzuverfolgen, das später zu Israel wurde. Trotz früherer Bemühungen, die Dokumente zu digitalisieren, lagen im Jahr 2023 Hunderttausende historischer Aufzeichnungen weiterhin nur in Papierform vor und waren somit anfällig für Feuer, Überschwemmungen oder vorsätzliche Zerstörung.

Jean-Pierre Filiu, Professor für Nahoststudien an der Sciences Po in Paris, der während des Krieges Gaza besuchte, bezeichnet die Dokumente als „entscheidend für das palästinensische Geschichtsverständnis“. „Es gibt Berichte darüber, wie die Menschen 1948 zur Flucht gezwungen wurden, woher sie kamen, wo sich ihr Eigentum befand und was zerstört wurde. Zweihunderttausend kamen zwischen 1948 und 1949 aus ganz Palästina nach Gaza“, sagt Filiu.

Seit Jahrzehnten steht Israel der UNRWA feindselig gegenüber und wirft der Organisation vor, die Hoffnungen der Palästinenser*innen auf eine Rückkehr in ihre ursprünglichen Heimatgebiete aufrechtzuerhalten, indem sie den Nachkommen der ursprünglich Vertriebenen den Flüchtlingsstatus gewährt. Israel hat die UNRWA zudem wiederholt beschuldigt, in ihren Schulen Lehrbücher zu verwenden, die antiisraelische und antisemitische Ansichten verbreiten. Nach dem Überfall der Hamas im Jahr 2023 behauptete Israel, UNRWA-Mitarbeiter in Gaza hätten an dem Angriff teilgenommen. Die Organisation entließ später nach einer Untersuchung neun ihrer Mitarbeiter.

Die erste Phase der Dokumentenrettungsaktion war dramatisch – und riskant.

Tage nach dem Einmarsch seiner Streitkräfte in Gaza ordnete Israel die Evakuierung der UNRWA-Büros in Gaza-Stadt an. Internationale Mitarbeiter*innen verließen den Ort innerhalb weniger Stunden, ohne die wichtigen Archive mitnehmen zu können. „Es bestand die reale Gefahr, dass die Israelis einmarschieren und sie zerstören würden, oder dass sie einfach durch einen Brand, eine Explosion oder ähnliches zerstört würden“, sagt Sam Rose, der amtierende Direktor für UNRWA-Angelegenheiten im Gazastreifen. Nur wenige Monate zuvor musste das digitale Registrierungssystem der UNRWA nach einem Hackerangriff vorübergehend abgeschaltet werden, und es herrschte zudem weit verbreitete Besorgnis, dass ein weiterer Cyberangriff die bereits gescannten Daten von den Servern löschen könnte.

„Es gab diese sehr gefährliche Phase, in der wir jeden Tag viele, viele [Cyber-]Angriffe erhielten und ernsthaft befürchteten, dass sowohl die Originale als auch alle von uns angefertigten digitalen Kopien zerstört werden könnten. Dann wäre alles für immer verloren gewesen“, sagt Hearn. Trotz anhaltender Luftangriffe und Beschuss – im Rahmen einiger der tödlichsten Angriffe der unerbittlichen israelischen Offensive, bei der mehr als 70 000 Menschen, überwiegend Zivilist*innen, ums Leben kamen – fuhr ein kleines Team von UNRWA-Mitarbeiter*innen mit gemieteten Pick-ups zurück zum weitläufigen Gelände der Organisation in Gaza-Stadt. Sie unternahmen drei Fahrten, um die Dokumente nach Süden zu einem Lebensmittellager in Rafah an der Grenze zu Ägypten zu bringen.

Doch Kairo wollte die Archive nicht aus Gaza herauslassen, solange Israel nicht konsultiert worden war. Die UNRWA-Mitarbeiter*innen waren sich sicher, dass die israelischen Behörden, die eine fast vollständige Blockade über Gaza verhängt hatten, die Bedeutung der Dokumente sofort erkennen und sie beschlagnahmen oder ihre Durchfuhr verweigern würden. Als Israel 1982 in den Libanon einmarschierte, hatte das israelische Militär die Archive der Palästinensischen Befreiungsorganisation aus den Büros in Beirut entfernt.

Stattdessen wurden Vertreter*innen der UNRWA mit internationalen Pässen damit beauftragt, die Archive unbemerkt rauszuschaffen. „Wenn jemand an der Grenze angehalten wurde, sagte er einfach, er habe Papierkram dabei. Es gab Berge [von Dokumenten] herauszuschaffen. Jeder nahm etwas mit“, sagt Rose.

In den folgenden sechs Monaten wurden die Dokumente in Ägypten zusammengestellt und anschließend von einer jordanischen Hilfsorganisation mit Militärflugzeugen des Königreichs transportiert, die nach der Lieferung von Hilfsgütern für den Gazastreifen auf dem Rückweg nach Amman waren. Die letzte Ladung war gerade noch unterwegs, als israelische Panzer im Mai 2024 vorrückten, um Rafah einzunehmen, und damit den Fluchtweg endgültig versperrten.

Doch im UNRWA-Gelände in Ostjerusalem befand sich noch ein weiterer Satz ebenso wichtiger Dokumente, der ebenfalls dringend in Sicherheit gebracht werden musste. Innerhalb weniger Wochen nach Beginn des zweijährigen [genozidalen, Anm.] Krieges hatte Israel seine Vorwürfe, die UNRWA kollaboriere mit der Hamas, verschärft und eine Kampagne der Behinderung und Schikane gegen die Organisation gestartet. Anfang 2024 war das Gelände in Ostjerusalem Ziel von Protesten und einer Reihe von Brandanschlägen, die erheblichen Schaden anrichteten. Die Bestrebungen, die UNRWA zu vertreiben, nahmen Fahrt auf.

„In Ostjerusalem hatten wir monatelang Warnungen erhalten, dass wir den Zugang [zu unseren Büros] verlieren würden“, berichtet Rose. Die Bemühungen, befreundete diplomatische Vertretungen zur Aufbewahrung der Archive zu bewegen, blieben erfolglos. Da die Zeit drängte, wurden auch diese von Mitarbeiter*innen entfernt und über mehrere Monate hinweg heimlich transportiert, bis sie schließlich die UNRWA-Büros in Jordanien erreichten. Im Januar 2025 wurden der Organisation durch neue israelische Gesetze der Zugang zu Israel und dem von Israel besetzten Palästina untersagt.

In Amman wurde eine neue, umfangreiche Initiative zur Digitalisierung der Dokumente gestartet. Finanziert vor allem von Luxemburg, arbeiteten mehr als 50 UNRWA-Mitarbeiter*innen in einem überfüllten, beengten Keller daran, eine große Anzahl von originalen Flüchtlingsregistrierungsdokumenten im Postkartenformat sowie Millionen weiterer Dokumente per Hand einzuscannen. „Jetzt befinden sich [die Archive] zwar nicht mehr in Palästina, aber zumindest sind sie in Sicherheit“, sagt Filiu.

Nachdem nun fast 30 Millionen Dokumente digitalisiert sind, strebt die UNRWA an, jedem palästinensischen Flüchtling seinen Stammbaum und alle dazugehörigen Unterlagen zur Verfügung zu stellen sowie Karten zu erstellen, die die Vertreibungsmuster von 1948 veranschaulichen. Die Archive werden zudem ein besseres Verständnis der umstrittenen Ereignisse rund um die Vertreibung und Flucht von etwa 750.000 Palästinenser*innen zu jener Zeit ermöglichen. Beamte schätzen, dass diese Aufgabe noch zwei Jahre in Anspruch nehmen könnte.

Dr. Anne Irfan, Historikerin für den modernen Nahen Osten am University College London und Autorin des kürzlich erschienenen Buches „A Short History of the Gaza Strip“, sagte, die Dokumente stellten eine unverzichtbare Aufzeichnung der palästinensischen Nationalgeschichte dar. „Die Palästinenser*innen sind ein staatenloses Volk und verfügen über kein vollständig einheitliches Nationalarchiv … daher hat das UNRWA-Archiv für sie eine besondere Bedeutung“, so Irfan.

Die digitalisierten Archive eröffnen vielfältige Forschungsansätze zu den Erfahrungen palästinensischer Flüchtlinge, zur Rolle der UNO und der internationalen Gemeinschaft sowie zu zentralen Aspekten der Politik im Nahen Osten in den letzten 80 Jahren, erklärt Irfan gegenüber dem Guardian. „Es handelt sich um eine höchst umkämpfte Geschichte, die potenziell sehr reale Auswirkungen auf die Gegenwart hat.“


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