Eine zunehmende Rattenplage bedrängt die Zeltlager in Gaza
- 4. Mai
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„Wir leiden unter zwei Kriegen“, sagt Majd Sukar, Leiter der Abteilung für Gesundheitsvorsorge in Gaza-Stadt. „Dem Krieg der Bomben und dem Krieg der Ratten.“
Von Ahmed Dremly, Dropsite News, 29. April 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
GAZA-STADT, Gazastreifen – Nahla Al-Majdob wachte letzte Woche mitten in der Nacht auf, als ihre siebenjährige Tochter Aya in ihrem Zelt schrie. „Ich schaltete die Taschenlampe meines Handys ein, sah aber zunächst nichts“, berichtet Al-Majdob gegenüber Drop Site News. „Dann bemerkte ich Bissspuren an Ayas Zeh.“ Es war nicht das erste Mal. „Ich bin schon oft nachts aufgewacht und habe Ratten um unsere Matratzen herum entdeckt“, sagt sie. „Manchmal sind sie direkt neben uns und schnüffeln herum.“
Wie fast alle Palästinenser*innen in Gaza wurden Al-Majdob und ihre Familie durch den Krieg aus ihrem Zuhause vertrieben und leben seitdem in einem dürftigen Zelt in der Nähe des ehemaligen Hafens an der Küste von Gaza-Stadt. Zu den Strapazen der Vertreibung kommt eine wachsende Population von Nagetieren hinzu, die Familien in der gesamten Enklave bedroht. „Die Ratten kommen aus den Trümmern und dem Müll“, so Al-Majdob. „Sie krabbeln über unsere Kleidung und versammeln sich dort, wo wir Lebensmittel lagern. Wenn wir etwas liegen lassen, wird es kontaminiert.“
Al-Majdob, ihr Mann und ihre Tochter sind alle drei Diabetiker*innen, was sie besonders anfällig für Infektionen durch Rattenbisse macht. Ihre Familie fürchtet mittlerweile die Nacht, wenn die Ratten im Dunkeln auf Futtersuche gehen und sich durch Zelte, Kleidung und Fleisch nagen. „Vor dem Krieg hätte ich niemals etwas gegessen, das mit Nagetieren in Berührung gekommen ist, aber jetzt, wenn ich sie im weißen Mehl finde, siebe ich es und verwende es trotzdem“, sagte sie. „Wenn ich alles wegwerfe, würden wir verhungern.“ Sie fügt hinzu, dass die Nagetiere mit zunehmender Population offenbar auch mutiger geworden seien. „Sie haben keine Angst mehr vor uns“, berichtet sie. „Ich verscheuche sie mit einem Stock und allem, was ich sonst finden kann, aber nach ein paar Minuten kommen sie immer wieder zurück.“
Palästinensische Familien in Gaza leben in überfüllten Zelten und provisorischen Unterkünften, umgeben von Müll und Trümmern, mit eingeschränktem Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Zu den weit verbreiteten und schwerwiegenden Gesundheitsrisiken, die sich aus diesen Bedingungen ergeben, gehört laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus diesem Monat die Vermehrung von Nagetieren sowie von Kakerlaken, Fliegen und anderen Schädlingen, die zur Übertragung von Krankheiten beitragen.
Bei einer Schnellbewertung von mehr als 1 600 Vertriebenenlagern in ganz Gaza in diesem Monat stellte die UNO fest, dass in über 80 % davon häufig Nagetiere und Schädlinge zu sehen waren, wovon 1,45 Millionen Menschen betroffen sind. Praktisch alle betroffenen Familien berichteten von Hautinfektionen, darunter Krätze, Läuse und Bettwanzen, wobei im Jahr 2026 bisher mehr als 70 000 Fälle registriert wurden.
Am 12. April war Amani Abu Selmi ganz in die Vorbereitungen für ihre bevorstehende Hochzeit vertieft, die nur noch eine Woche entfernt war. Seit 2024 lebte sie mit ihrer fünfköpfigen Familie in einem provisorischen Zelt in der Nähe des Nasser-Krankenhauses, nachdem ihr Haus in Khan Younis bei einem israelischen Luftangriff zerstört worden war. Sie durchlief die traditionellen Rituale einer zukünftigen Braut und prüfte jedes Kleidungsstück und zeigte es Freundinnen und Verwandten, die vorbeikamen. Am nächsten Morgen war ihre Freude verloren. Ratten hatten sich den Weg ins Innere gebissen und ihre wenigen Habseligkeiten zerfetzt. Abu Selmis Mutter, Ghalia, kam gerade vom Markt zurück, als sie ihre jüngere Tochter, die 13-jährige Samar, auf sich zulaufen sah, die schreiend berichtete, dass etwas Schreckliches passiert sei. Im Zelt fand Ghalia Amani vor, die unter Schock stand und Teile ihrer zerfetzten Brautkleider hochhielt. „Die Mäuse und Ratten haben nichts verschont“, erzählt Ghalia Drop Site. „Das waren neue Kleider für sie, und jetzt waren sie voller Löcher. Ich fing an zu weinen, weil ich wusste, wie schwer es für uns gewesen war, sie uns überhaupt leisten zu können.“
Amani hatte versucht, ihre Kleidung vor Nagetieren zu schützen, indem sie sie mit einem Holzbrett abgedeckt hatte, das mit Steinen beschwert war. Doch die Ratten und Mäuse hatten sich darunter durchgegraben. „Besonders ihr handbesticktes palästinensisches Kleid hat ihr das Herz gebrochen“, berichtet Ghalia. „Sie hatte davon geträumt, es am Morgen ihrer Hochzeit zu tragen. Das gehört zu unserer Tradition.“ Nagetiere, Flöhe und Insekten sind in ihrem Zelt schon lange ein Problem, doch Ghalia sagt, die Situation habe sich in den letzten drei Monaten dramatisch verschlechtert.
Vor einigen Tagen, so Ghalia, habe sie festgestellt, dass das Auge ihres 19-jährigen Sohnes zugeschwollen war. „Es gab kleine Bissspuren in der Nähe seines Auges. Er hatte gar nicht bemerkt, was passiert war, bis ich ihn danach fragte. Er sagte, er habe im Schlaf etwas auf seinem Gesicht gespürt“, erzählt sie. Sie brachte ihren Sohn Raef in die nächste Klinik des Roten Halbmonds, wo die Ärzte bestätigten, dass sich die Wunde entzündet hatte, und ihm eine Antibiotikabehandlung verschrieben.
„Sie bewegen sich den ganzen Tag frei im Zelt“, so Ghalia. „Selbst wenn es voller Menschen ist, graben sie Tunnel unter uns.“ Sie sagte, sie habe an einem einzigen Tag 20 Mäuse mit Klebefallen gefangen, doch das habe kaum geholfen, das Problem einzudämmen. „Ich habe immer wieder versucht, ihre Tunnel mit Schlamm zu verschließen, aber sie kommen immer wieder zurück“, sagt sie. „Es ist furchtbar. So kann ich nicht mehr leben.“
Majd Sukar, Leiter der Abteilung für Gesundheitsvorsorge der Stadtverwaltung von Gaza, erklärt gegenüber Drop Site, dass die Beschwerden über Nagetiere seit dem sogenannten Waffenstillstand im Oktober 2025 deutlich zugenommen hätten. Damals habe das israelische Militär seine Bombardierungskampagne nach dem Prinzip der „verbrannten Erde“ eingestellt, setze jetzt jedoch fast täglich kleinere Angriffe fort.
„Das Ausmaß der Zerstörung in Gaza hat ideale Brutstätten geschaffen“, so Sukar. „Die israelische Blockade von Schädlingsbekämpfungsmitteln, die Berge von nicht abgeholtem Müll und unbehandeltes Abwasser sind die Hauptursachen für diese Krise.“ Die Bemühungen der Stadtverwaltung, die Situation in den Griff zu bekommen, wurden zudem durch Israel stark eingeschränkt. „Wir haben den Großteil unserer städtischen Fahrzeuge bei israelischen Angriffen verloren“, sberichtet Sukar. „Wir haben schlichtweg nicht die Kapazitäten, um Müll zu beseitigen oder effektiv zu reagieren.“
Die israelischen Beschränkungen für Hilfslieferungen nach Gaza haben die Bemühungen zur Bekämpfung der zunehmenden Rattenplage behindert. Laut Ärzte ohne Grenzen hat Israel wiederholt die Einfuhr zahlreicher Güter verweigert, die für die grundlegende sanitäre Versorgung benötigt werden, darunter Ratten- und Insektizide. „Wir haben versucht, Alternativen zu finden“, sagt Sukar. „Wir haben mit Expert*innen der Universität in Gaza zusammengearbeitet und verschiedene Alternativen getestet, aber keine war wirksam. Selbst viele lokale Initiativen sind gescheitert. Viele Menschen haben uns selbst hergestellte Gifte gebracht, aber auch die wirken nicht.“
Die Stadtverwaltung hat Aufklärungskampagnen gestartet und rät Familien, Lebensmittel sicher zu lagern, ihre Umgebung zu reinigen und nach Bissen sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen, insbesondere bei Kindern und Menschen mit chronischen Erkrankungen. Dennoch sagte Sukar, sie kämpfen auf verlorenem Posten. „Ratten sind mittlerweile überall in Gaza, in zerstörten Häusern, Notunterkünften, Krankenhäusern, einfach überall.“ Es gibt zudem immer mehr Berichte über eine große, besonders aggressive und anpassungsfähige Rattenart, die als Wanderratte bekannt ist. „Wir appellieren dringend an den UN-Generalsekretär, dass wir Ausrüstung zur Abfallbeseitigung und Mittel zur Schädlingsbekämpfung benötigen. Dies ist kein nebensächliches Problem, sondern eine Katastrophe für die öffentliche Gesundheit. Wir leiden unter zwei Kriegen“, fügt Sukar hinzu. „Dem Krieg der Bomben und dem Krieg der Ratten.“
Saber Dawas, ein 38-jähriger Vater von sechs Kindern, hat verzweifelt versucht, die Ratten in ihrem Zelt im Flüchtlingslager im Al-Yarmouk-Stadion im Zentrum von Gaza-Stadt fernzuhalten. Er versuchte, Lebensmittel in Plastikbehältern, verschlossenen Säcken und sogar in einem gereinigten Fass zur Aufbewahrung von Mehl zu lagern. „Es hat nichts genützt“, sagt Dawas. „Eine Ratte hat sich direkt durch das Fass durchgenagt.“
Obwohl Lebensmittel teuer und knapp sind, wirft er letztendlich alles weg, von dem er vermutet, dass es kontaminiert ist. Er hängt nun den Großteil seiner Lebensmittelvorräte in Plastiktüten an einem Holzstab auf, den er in den Rahmen des Zeltes gesteckt hat, in der Hoffnung, sie so vor den Nagetieren zu schützen. Er berichtet, dass er sehr unruhig schlafe und ständig in Alarmbereitschaft sei. „Manchmal habe ich das Gefühl, ich muss die ganze Nacht meine Familie bewachen“, fügt er hinzu. „Wir stehen am Anfang des Sommers. Das wird alles nur noch schlimmer werden.“




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