Kalkuliertes Chaos: Einblicke in Israels Rückführung palästinensischer Leichen nach Gaza
- 27. Juli
- 10 Min. Lesezeit
Humanitäre Helfer beschreiben ein willkürliches und bewusst undurchsichtiges System für die Rückführung von Toten und Lebenden aus dem Gazastreifen in den ersten Monaten des Völkermords – ein System, das erklärt, warum noch immer Tausende vermisst werden.
Von Frances Brogan, +972Mag, 15. Juli 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Um 6 Uhr morgens an einem eisigen Dezembermorgen im Jahr 2023 öffnete ein Lkw-Fahrer in Gaza den Deckel eines 12 Meter langen Metall-Frachtcontainers. Darin fand er, ordentlich gestapelt und in hellblaues, mit Kabelbindern verschnürtes Nylon gewickelt, die Überreste von 80 palästinensischen Männern, Frauen und Kindern.
Beamte der Koordinations- und Verbindungsbehörde (CLA) für den Gazastreifen – der lokalen Zweigstelle von COGAT, der israelischen Militäreinheit, die die zivilen Angelegenheiten der unter israelischer Besatzung lebenden Palästinenser*innen verwaltet – hatten an diesem Morgen UN-Mitarbeiter*innen angerufen und sie gebeten, die Abholung des Containers von einem Terminal in der Nähe des Grenzübergangs Karem Abu Salem/Kerem Shalom zwischen dem Gazastreifen, Israel und Ägypten zu organisieren. Ariel, ein in der Nähe stationierter UN-Mitarbeiter (der aus Angst vor Repressalien durch Israel um ein Pseudonym und geschlechtsneutrale Pronomen bat), hatte den Fahrer zum Terminal geschickt, der den Container anschließend auf die Gaza-Seite des Grenzübergangs transportierte.
Obwohl die CLA sich weigerte, Einzelheiten preiszugeben, wusste Ariel, was sich darin befand. Die Zurückhaltung der Beamten hatte seine schlimmsten Befürchtungen geweckt, und in den Metallwänden des Containers befanden sich Löcher, aus denen schon aus 30 Metern Entfernung der faulige Geruch verwesender Leichen strömte. Doch Ariel wollte sich nicht selbst davon überzeugen; er hatte dringende Hilfslieferungen zu beaufsichtigen, und der Umgang mit Leichen gehörte nicht zu seinem Aufgabenbereich. Es war eine Erleichterung, als am nächsten Morgen Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums von Gaza kamen, um den Container abzuholen.
Da die Leichen nicht identifiziert und in unterschiedlichen Verwesungsstadien eintrafen – und da Israel die Einfuhr von forensischen Identifizierungsmitteln, darunter DNA-Testkits, nach Gaza kontinuierlich [bis heute, Anm.] blockiert hat –, war es unmöglich, die Familien der Verstorbenen zu kontaktieren.
Ariel und seine Kolleg*innen hatten zuvor bereits die Rückführung von Dutzenden palästinensischer Häftlinge aus israelischen Gefängnissen und militärischen Internierungslagern über Karem Abu Salem nach Gaza unterstützt. Sie waren sich nicht sicher, ob die Leichen in diesem Container von Häftlingen stammten, die in israelischer Haft gestorben waren, oder von Personen, die in Gaza getötet und anschließend nach Israel gebracht worden waren. Die Namen der Verstorbenen und die Umstände ihres Todes sind nach wie vor unbekannt.
Dies war kein Einzelfall. Interviews mit mehr als 15 humanitären Helfer*innen, von denen die meisten aus Angst, von Israel ins Visier genommen zu werden, unter der Bedingung der Anonymität sprachen, offenbaren ein System, in dem Israels Rückführung sowohl toter als auch lebender Bewohner*innen des Gazastreifens in den ersten Monaten des Völkermords ohne vorherige Ankündigung, ohne Transparenz und praktisch ohne zuverlässige Dokumentation erfolgte. Die Aussagen von Ariel und anderen Helfer*innen werfen ein neues Licht darauf, warum die UNO und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) Schwierigkeiten hatten, Auskunft über Tausende von Palästinenser*innen zu erhalten, die seit Beginn des Völkermords im Oktober 2023 von Israel festgehalten wurden, darunter auch solche, die möglicherweise in Haft gestorben sind. Die Berichte werfen zudem Fragen hinsichtlich der Genauigkeit der veröffentlichten Daten auf und lassen vermuten, dass das Schicksal der Vermissten, über die keine Informationen vorliegen – seien sie nun tot oder lebendig –, möglicherweise niemals geklärt werden wird.
Hunderte nicht identifizierter Leichen
Nachdem Israel Ende Oktober 2023 seine Bodenoffensive im Gazastreifen gestartet hatte, nahm das Militär Tausende Palästinenser*innen fest und brachte sie in militärische Haftanstalten innerhalb Israels, darunter den berüchtigten Stützpunkt Sde Teiman. Dort wurden die Häftlinge ohne Anklage festgehalten und vollständig von der Außenwelt isoliert, ihnen wurde Nahrung vorenthalten, sie wurden gefoltert und sexueller Gewalt ausgesetzt.
Militärhaftanstalten sind als vorübergehende Unterbringungsorte gedacht, bevor die Inhaftierten in das israelische Strafvollzugssystem überstellt und offiziell registriert werden. Doch viele Palästinenser*innen, die zuletzt von Zeug*innen in Militärgewahrsam gesehen wurden, tauchten laut der israelischen Menschenrechtsorganisation HaMoked nie in offiziellen Gefängnis- oder Militärunterlagen auf, was jegliche Bemühungen, ihren Verbleib aufzuklären, vereitelte.
„Zwar werden alle erdenklichen Menschenrechtsverletzungen nur unzureichend gemeldet, doch bei erzwungenen Verschleppungen ist dies noch ausgeprägter“, so Grażyna Baranowska, Mitglied der UN-Arbeitsgruppe für erzwungene und unfreiwillige Verschleppungen. Nach Angaben der UN kann kein Krieg und keine Notsituation das gewaltsame Verschwindenlassen von Personen rechtfertigen; wenn dies in großem Umfang oder systematisch praktiziert wird, kann dies ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen.
Bis Mai 2024 hatten UN-Mitarbeiter*innen in Karem Abu Salem die Rückkehr von über 1.500 lebenden palästinensischen Häftlingen nach Gaza ermöglicht und insgesamt 227 nicht identifizierte Leichen aus drei separaten Lieferungen in Empfang genommen: 80 im Dezember 2023, 100 im Januar 2024 und 47 im März 2024. Laut Zaher Al-Wahidi, einem Gesundheitsbeamten im Gazastreifen, überführte das Gesundheitsministerium die erhaltenen Leichen in das Mohammed-Yousef-El-Najar-Krankenhaus im nahegelegenen Rafah. Die Toten wurden schließlich in einem Massengrab in der Stadt beigesetzt, ohne jegliche Kennzeichnung, die an den Verlust erinnert hätte.
Die systematische Erfassung durch die UNO endete im März 2024, als Israels Einmarsch in Rafah den humanitären Zugang zum Grenzübergang drastisch einschränkte (Israel übergab im August 2024 weitere 100 Leichen und im September 88, die das Gesundheitsministerium zum Nasser Medical Complex in Khan Younis transportierte, bevor sie auf dem sogenannten Österreichischen Friedhof beigesetzt wurden [Der „österreichische Friedhof“ in Gaza bezeichnet eine lokale Begräbnisstätte im österreichischen Viertel (Al-Austri) von Khan Younis im südlichen Gazastreifen, Anm.]). Doch schon zuvor waren die Erfassungsbemühungen fragmentiert und eher nur sporadisch, da sie von Hilfskräften geleistet wurden, zu deren offiziellen Aufgaben die Entgegennahme von Gefangenen oder Verstorbenen nicht gehörte, und da die Vorankündigungen Israels über bevorstehende Rückführungen minimal oder gar nicht vorhanden waren.
Die Gesamtzahl von 415 Leichen, die zwischen Dezember 2023 und September 2024 in Karem Abu Salem abgelegt wurden, deckt sich mit den Schätzungen von Hilfsorganisationen, die an den Überführungen beteiligt waren. Viele der Leichen waren verwest, hatten fehlende Gliedmaßen oder waren verstümmelt; einige waren enthauptet oder gehäutet worden. Die Lieferungen enthielten zudem zerstückelte Leichenteile, sodass es unmöglich war, die genaue Anzahl der zurückgegebenen Leichen zu ermitteln. Keine der Leichen wurde seitdem identifiziert.
„Die israelische Besatzungsmacht weigerte sich, uns irgendwelche Informationen über ihre Identität oder die Umstände ihrer Todesfälle zur Verfügung zu stellen“, berichtet Zaher Al-Wahidi. Das Versäumnis, die Toten zu identifizieren, die sterblichen Überreste würdevoll zu behandeln und in Gewahrsam befindliche Personen zu schützen, stellt einen Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar.
Israels heimliche Überstellung toter Palästinenser*innen im September 2024 ist die letzte bekannte Lieferung dieser Art. Die Armee gab im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens im vergangenen Oktober Hunderte weiterer palästinensischer Leichen zurück und hat weiterhin kleine Gruppen lebender Häftlinge über Karem Abu Salem und Kissufim freigelassen, vor allem in Abstimmung mit dem IKRK.
Heute, nach fast drei Jahren des Völkermords, werden laut dem Palästinensischen Zentrum für Vermisste und Gewaltsam Verschwundene noch immer rund 8.000 Bewohner*innen des Gazastreifens vermisst. Diese Zahlen stützen sich jedoch in erster Linie auf Meldungen von Angehörigen. Die tatsächliche Zahl ist mit großer Wahrscheinlichkeit höher, da in Gaza ganze Familien getötet wurden, sodass niemand mehr da ist, der das Verschwinden von weiteren Familienmitgliedern melden könnte. Von den 5.400 Suchanfragen, die von Familien in Gaza über HaMoked eingereicht wurden, gelten mehr als 1.800 Einwohner*innen weiterhin als vermisst, nachdem das israelische Militär keinerlei Hinweise darauf gegeben hat, ob sie festgenommen oder inhaftiert wurden. Tal Steiner, Geschäftsführerin von HaMoked, geht davon aus, dass die meisten der noch Vermissten wahrscheinlich tot sind, auch wenn unklar bleibt, ob sie in provisorischen Haftanstalten in Gaza, in israelischer Militärgewahrsam, in Kampfgebieten oder dadurch ums Leben kamen, dass sie von der israelischen Armee als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden, oder ob sie noch immer unter den Trümmern israelischer Luftangriffe begraben sind. Einige von ihnen könnten zu den nicht identifizierten Leichen gehören, die später nach Gaza zurückgebracht wurden.
Die Ungewissheit wird durch Israels lange und dokumentierte Praxis verschärft, palästinensische Leichen zurückzuhalten. Im Januar 2026 befanden sich die sterblichen Überreste von mindestens 776 Palästinensern aus der Zeit seit 1967 im Besitz des Staates, darunter 88 Menschen, die nach dem 7. Oktober in Gewahrsam des israelischen Strafvollzugsdienstes (IPS) oder des Militärs starben.
„Alles geschieht spontan – und genau das ist Teil ihres Plans“
Die Willkür bei der Rückführung von Gefangenen und Leichen erklärt zum Teil, warum es keine verlässlichen Zahlen gibt. Obwohl das IKRK nach dem humanitären Völkerrecht ein einzigartiges Mandat zur Erleichterung von Gefangenenfreilassungen und der Rückführung von sterblichen Überresten hat, wurden die ersten drei Lieferungen nicht identifizierter Leichen ausschließlich von UN-Personal in Empfang genommen. Laut Ariel informierten CLA-Beamte zunächst nur UN-Mitarbeiter*innen – nicht das IKRK – sowohl über die Freilassung von Häftlingen als auch über die Ankunft von Containern mit Leichen, sodass das humanitäre Personal gezwungen war, eine schnelle Lösung zu improvisieren und erst im Nachhinein das IKRK um Hilfe zu bitten.
Israels Offensive im Mai 2024 in Rafah zerstörte das Lager für die Aufnahme von Häftlingen und schränkte die humanitären Einsätze des UN-Hilfswerks (UNRWA) in dem Gebiet dauerhaft ein. Letztendlich fällt die Abwicklung der Rückführung von Gefangenen dem IKRK zu. Doch für diese Untersuchung befragte humanitäre Helfer*innen und Mitarbeiter*innen anderer Organisationen äußerten sich skeptisch, ob das IKRK jemals über ausreichende Kapazitäten oder Zugangsmöglichkeiten verfügte, um die Freilassungen genau zu dokumentieren und die Gefangenen angemessen zu unterstützen. Nach Angaben mehrerer mit dem Ablauf vertrauter Helfer*innen trafen Mitarbeiter*innen des IKRK oft erst dann an den Aufnahmezentren auf der Gaza-Seite des Grenzübergangs ein, wenn die Gefangenen bereits von UN-Mitarbeiter*innen betreut worden waren, oder sie waren personell zu schwach besetzt, um die Rückkehrer ordnungsgemäß zu befragen. In einigen Fällen erschienen die IKRK-Mitarbeiter*innen nicht zum angekündigten Zeitpunkt und führten dies auf Personal- und Ressourcenmangel zurück. „Wo war das IKRK bei all dem?“, fragt ein ehemaliger hochrangiger UNRWA-Beamter, der anonym bleiben wollte. „[Sie waren] nicht vorhanden. Warum sind sie nicht gekommen?“
Da niemand sonst einsprang, übernahmen die UNRWA-Mitarbeiter*innen in den ersten Kriegsmonaten schließlich die Verantwortung für die Aufnahme der zurückkehrenden Häftlinge und Leichen. Sie beschrieben diesen Prozess als völlig improvisiert. Bevor die humanitäre Hilfe am 17. Dezember 2023 über Karem Abu Salem wieder aufgenommen wurde, entließ Israel Häftlinge am Grenzübergang ohne Vorankündigung, und die UN-Mitarbeiter*innen erfuhren oft erst von ihrer Ankunft, nachdem sie bereits wieder nach Gaza zurückgekehrt waren. Erst in diesem Monat begann die UNO damit, die Rückkehr von Inhaftierten systematisch zu erfassen, nachdem Ariel mit der unerwarteten Ankunft von 70 traumatisierten und misshandelten Inhaftierten konfrontiert worden war. „Sie waren völlig verstört“, berichtet Ariel. „Man konnte sie nicht trösten. Sie wussten nicht, wo sie waren und was sie taten.“
Zu dieser Gruppe von Häftlingen gehörten ein 85-jähriger Mann, der gefoltert worden war, ein blinder Mann, der ausgehungert worden war, und ein Mann, dessen zertrümmerte Beine mit Stiften zusammengehalten wurden. Erschüttert von dem, was er sah, drängte Ariel die CLA darauf, künftige Freilassungen im Voraus anzukündigen. Obwohl dies weit außerhalb seines offiziellen Zuständigkeitsbereichs lag, bauten Ariel und andere humanitäre Helfer*innen ein Lagerhaus zu einer provisorischen Aufnahmeeinrichtung um und bemühten sich eilig, Lebensmittel, Decken, Zahnbürsten und alles andere zu beschaffen, was sie auftreiben konnten, um den Häftlingen den Übergang zu erleichtern.
Doch obwohl Ariel und ihre Kolleg*innen Ressourcen mobilisierten, um die Inhaftierten zu unterstützen, blieb das Rückführungssystem unberechenbar, da Israel sich weigerte, seiner Verpflichtung zur Bereitstellung ausreichender Informationen nachzukommen. Wenn überhaupt eine Benachrichtigung über Rückführungen erfolgte, teilte die CLA den UN-Mitarbeiter*innen in der Regel spät in der Nacht mit, dass die Inhaftierten am nächsten Morgen um 6 Uhr ankommen würden, wobei oft ungenaue Angaben zur Personenzahl gemacht wurden. Geplante Freilassungen wurden manchmal ohne Erklärung abgesagt. „Alles läuft spontan ab – und das ist Teil ihres Plans“, sagt Ariel und bringt damit seine Überzeugung zum Ausdruck, dass das administrative Chaos gezielt inszeniert wurde, um Hilfsorganisationen daran zu hindern, sich umfassend um die zurückkehrenden Inhaftierten zu kümmern.
Manchmal durften humanitäre Helfer*innen Busse zum Grenzübergang bringen. In anderen Fällen zwang die CLA die Inhaftierten – die alle Anzeichen von Unterernährung, Misshandlung und medizinischer Vernachlässigung aufwiesen – jedoch dazu, barfuß den drei Kilometer langen Korridor zu durchqueren, der die israelische und die palästinensische Seite von Karem Abu Salem voneinander trennt. Bei einer Freilassung hinderte die CLA die Helfer*innen daran, einen Rollstuhl mitzubringen, um einen 12-jährigen Jungen zu transportieren, der bei der Suche nach Nahrung für seine Familie in die Beine geschossen worden war. Manchmal schossen israelische Soldaten, die den Grenzübergang bewachten, auf den Boden, um die Inhaftierten zum Laufen zu bewegen, wie mehrere Helfer*innen berichteten, die dies aus erster Hand beobachteten.
„Ist es mein Bruder? Ist es mein Vater?“
Aufgrund des chaotischen Rückführungsprozesses waren die Aufzeichnungen von Anfang an unvollständig. UN-Mitarbeiter*innen, die auf der Gaza-Seite des Grenzübergangs Karem Abu Salem stationiert waren, halfen in den ersten sechs Monaten des Krieges bei der Freilassung von Häftlingen; die letzte umfassende Zählung der UNRWA stammt aus dem April 2024, kurz bevor die Organisation den zuverlässigen Zugang zum Grenzübergang und zum umliegenden Gebiet verlor. Die Häufigkeit der Freilassungen schwankte stark und reichte laut mehreren UNRWA-Mitarbeiter*innen von zweimal pro Woche bis zu einmal alle drei Wochen. Die Gruppen umfassten zwischen fünf und 100 Inhaftierte und umfassten manchmal auch Frauen, ältere Menschen und Kinder im Alter von bis zu 12 Jahren.
Selbst nachdem das Notfall-System eingerichtet worden war, gaben Helfer*innen an, dass einige Freilassungen völlig außerhalb dieses Systems stattfanden und somit gänzlich unerfasst blieben. Humanitäre Helfer*innen berichteten, sie hätten nicht registrierte Inhaftierte gesehen, die vom Grenzübergang Erez, der während des gesamten Krieges für Helfer gesperrt war, und vom Grenzübergang Gate 96, der durch die Invasion in Rafah unzugänglich geworden war, zurückgingen. „Es muss eine erhebliche Lücke bei der Zahl der registrierten und unterstützten Menschen geben“, sagt ein UN-Mitarbeiter*innen, der aus Angst vor beruflichen Konsequenzen anonym bleiben wollte.
Die mangelnde Transparenz hinsichtlich der Freilassungen lässt sich unmöglich von Israels Verschleierung weitaus grundlegenderer Informationen darüber trennen, wer überhaupt inhaftiert worden war, wo die Betroffenen festgehalten wurden und wie viele von ihnen in Haft gestorben sind. Laut Naji Abbas, dem Leiter der Abteilung für Gefangene und Inhaftierte bei „Physicians for Human Rights – Israel“ (PHRI), brauchte das israelische Militär sieben Monate, um überhaupt auf die Anfrage der Organisation nach der Zahl der Inhaftierten zu antworten, die in militärischen Haftanstalten gestorben waren. Bis heute sind laut Abbas 104 Palästinenser, darunter 70 aus dem Gazastreifen, nachweislich in IPS- und Militärgewahrsam gestorben. PHRI geht jedoch davon aus, dass die tatsächliche Zahl weitaus höher liegt, unter anderem weil die Armee sich in den ersten neun Monaten des Krieges weigerte, Informationen über die in ihrem Gewahrsam befindlichen Inhaftierten bereitzustellen. In diesem Zeitraum, so Abbas gegenüber +972, habe Israel „eine systematische Politik der Tötung von Palästinensern [in israelischem Gewahrsam]“ betrieben.
„Sowohl das System der Registrierung von Inhaftierten als auch das System der Informationsweitergabe sind sehr, sehr chaotisch und mangelhaft“, sagt Avshalom Matalon, der für HaMoked das Verschwinden von Palästinenser*innen untersucht. Matalon fügte hinzu, dass der Prozess eigentlich vom IKRK hätte überwacht werden müssen, doch Israel habe der Organisation den Besuch palästinensischer Häftlinge in israelischen Gefängnissen untersagt und während des gesamten Krieges Informationen über deren Verbleib zurückgehalten, wodurch einer der wenigen Mechanismen der Rechenschaftspflicht außer Kraft gesetzt wurde. „Die genauen Zahlen erhält man nirgendwo außer von den israelischen Behörden“, erklärt Ajith Sunghay, Leiter des UN-Menschenrechtsbüros in Palästina, gegenüber +972. Da solche Zahlen fehlen, bleibt den Palästinenser*innen im Gazastreifen nichts anderes übrig, als allein zu versuchen, sich ein Bild davon zu machen, welches Schicksal ihre Angehörigen ereilt hat.
„Die Menschen fragen nach ihren Angehörigen und Familienmitgliedern, die inhaftiert sind“, bereichtet ein humanitärer Helfer aus Gaza. „Stellen Sie sich vor, in diesen Containern lägen etwa 500 [Leichen]. Ist das mein Bruder? Ist das mein Vater? Wer sind diese Menschen?“
Weder die israelische Armee noch der IPS reagierten auf Anfragen nach einer Stellungnahme. Das IKRK lehnte mehrere Anfragen nach einer Stellungnahme ab.
Frances Brogan ist Studentin im letzten Studienjahr an der Princeton University und leitende Redakteurin des „Daily Princetonian“.




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