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Neuer Dokumentarfilm "NAZA" entlarvt Tötungsmaschine in Gaza

11. Sept.
7 Min. Lesezeit

„Einer der von uns befragten Offiziere beschreibt, wie er in Echtzeit genau über Hunderte von Fällen informiert war, in denen Familien ihrem normalen Alltag nachgingen – ein Mann, der mit seiner Frau sprach, der Ton einer Fernsehsendung, Gebete, ein weinendes Baby –, und wie er dann die Freigabe erteilte, diese Häuser zu bombardieren. Auf die Frage nach dem Grund erklärte er: „Man muss verstehen, dass das Ziel darin besteht, zu zerstören.“ So betrachtet wird die Anwesenheit einer Person, die Israel als Attentatsziel betrachtet, in einem bestimmten Haus zur „Nebensache“; tatsächlich stellte sich in vielen Fällen heraus, dass das Ziel gar nicht anwesend war. Das Töten selbst war der Sinn der Sache. (…) Die Schlussfolgerung, die wir aus den Zeugenaussagen ziehen, ist eindeutig: Die Massenmorde an palästinensischen Zivilist*innen in Gaza waren kein „tragisches Nebenprodukt“ eines Krieges gegen die Hamas, wie es in Israel gemeinhin dargestellt wird, sondern eine vorsätzliche, kalkulierte und absichtliche Tat.“

Yuval Abraham, israelischer Journalist und Dokumentarfilmer, über seinen neuen Dokumentarfilm „NAZA“

 

 

„Man klickt auf einen großen „Play“-Button und die NAZA-Oberfläche erscheint. [Beginnt, mit einem schwarzen Stift auf weißem Papier eine Skizze anzufertigen] Das ist der Bildschirm. Das ist eine Karte der Nachbarschaft. Ich erhalte eine vollständige Karte mit jedem Gebäude in Gaza. Ich kann auf ein Haus klicken und sehen, wie viele Menschen verletzt werden, wenn ich es bombardiere. Das habe ich für ganz Gaza. Man sieht zum Beispiel: Wohnung 6, 5. Stock, Ahmed und seine Familie werden sterben. Es wird angezeigt, wie viele Kinder er hat, und seine Frau. Bei einigen Angriffen kamen 20, 30 oder sogar 300 Menschen ums Leben.“

 

„Unterscheidet Naza zwischen Kindern und Erwachsenen?

Nein. Es gibt keine Unterscheidung.

Ein Baby zählt als 1 NAZA?

Ja… Ich habe nie irgendwelche Unterscheidungen getroffen.

Was ist die höchste Zahl, an die Sie sich bei einem Luftangriff erinnern können?

Ich weiß nicht, wie viele tatsächlich getötet wurden, da das nie ermittelt wurde, aber es gab die Genehmigung, 500 zu töten.“

 

„Es kam zu Massenmorden im industriellen Ausmaß.“

Aussagen von israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren im Dokumentarfilm „NAZA“





Unser neuer Film zeigt anhand der Aussagen der Verantwortlichen, dass das Massaker Israels an palästinensischen Zivilisten eine kalkulierte und vorsätzliche Tat war.


Von Yuval Abraham und Rachel Szor, +972Mag, 10. September 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

In den vergangenen drei Jahren haben wir auf den Dächern von Tel Aviv nächtliche Interviews mit 24 israelischen Soldaten geführt, die eine aktive Rolle bei Israels Angriff auf den Gazastreifen gespielt haben. Die meisten von ihnen waren Geheimdienstoffiziere, die hinter Bildschirmen arbeiteten und aus der Ferne am Massenmord an Palästinenser*innen beteiligt waren.


Ihre Aussagen bilden die Grundlage für „NAZA“, einen neuen Dokumentarfilm unter unserer Regie – produziert von The Guardian und James Wilson, mit Jonathan Glazer als ausführendem Produzenten –, der heute Abend bei den 83. Internationalen Filmfestspielen von Venedig Premiere feiert.


Wir haben diese Soldaten nicht interviewt, weil dies der einzige Weg war, um zu erfahren, was Israel in Gaza getan hat. Jeder, der die Verwüstung im Gazastreifen gesehen, den Bewohner*innen Gazas zugehört oder einfach den israelischen Politiker*innen Glauben geschenkt hat, hätte diese Wahrheit schon vor Jahren erkennen müssen.


Wir haben diesen Film aus einem einfachen Grund gedreht: Uns war klar, dass Aussagen von Offizieren und Soldaten der Armee, die Gaza vernichtet hat – jenen, die die Überwachung durchführten, die berechneten, wie viele unschuldige Menschen in jedem Haus voraussichtlich getötet werden würden, und die wiederholt grünes Licht für die Bombardierung ganzer Familien gaben –, es noch schwieriger machen würden, die Verbrechen zu leugnen. Und genau diese Leugnung trägt dazu bei, dass diese Verbrechen bis heute andauern.


Dies ist ein Film über ein System. Er konzentriert sich auf Befehle, Richtlinien und Vorgehensweisen, nicht auf Abweichungen davon. Die Schlussfolgerung, die wir aus den Zeugenaussagen ziehen, ist eindeutig: Die Massenmorde an palästinensischen Zivilist*innen in Gaza waren kein „tragisches Nebenprodukt“ eines Krieges gegen die Hamas, wie es in Israel gemeinhin dargestellt wird, sondern eine vorsätzliche, kalkulierte und absichtliche Tat. Aus diesem Grund haben eine UN-Kommission, die weltweit führenden Menschenrechtsorganisationen sowie palästinensische, israelische und internationale Wissenschaftler dies als Völkermord bezeichnet.


Der Titel des Films, „NAZA“, das hebräische Akronym für „Kollateralschaden“, ist eine Kritik an der Art und Weise, wie Israel die Tötung von Zivilist*innen darstellt – wobei sowohl die im Voraus bekannte Zahl der Menschen, die bei jedem Angriff voraussichtlich getötet werden, als auch die Zerstörungsabsicht, die die Militäraktion von Anfang an begleitet hat, verschleiert werden.

Einer der von uns befragten Offiziere beschreibt, wie er in Echtzeit genau über Hunderte von Fällen informiert war, in denen Familien ihrem normalen Alltag nachgingen – ein Mann, der mit seiner Frau sprach, der Ton einer Fernsehsendung, Gebete, ein weinendes Baby –, und wie er dann die Freigabe erteilte, diese Häuser zu bombardieren. Auf die Frage nach dem Grund erklärte er: „Man muss verstehen, dass das Ziel darin besteht, zu zerstören.“


So betrachtet wird die Anwesenheit einer Person, die Israel als Attentatsziel betrachtet, in einem bestimmten Haus zur „Nebensache“; tatsächlich stellte sich in vielen Fällen heraus, dass das Ziel gar nicht anwesend war. Das Töten selbst war der Sinn der Sache.

 

Ein Blick in die Finsternis


Die Soldaten, die in dem Film zu sehen sind, erklärten sich alle bereit, unter der Bedingung zu sprechen, dass ihre Identität sorgfältig verborgen bleibt – aus Angst, Israel könnte Vergeltungsmaßnahmen gegen sie ergreifen, weil sie belastende Informationen preisgegeben haben. Einige ihrer Aussagen waren so dringlich und erschreckend, dass wir sie fast sofort in einer Reihe von investigativen Berichten für das +972 Magazine, Local Call und The Guardian veröffentlichten.


Die meisten der von uns befragten Soldaten gehören zu der sogenannten sozioökonomischen Elite Israels und dienten hauptsächlich in angesehenen Geheimdienst-Einheiten. Einige gaben offen zu, an schweren Verbrechen beteiligt gewesen zu sein, und hofften, dass ihre Aussagen dazu beitragen würden, die Mauern der Verleugnung und Rechtfertigung zu durchbrechen und die israelische Öffentlichkeit dazu zu zwingen, sich mit dem auseinanderzusetzen, wozu die Armee in ihrem Namen entsandt worden war. Andere willigten erst nach monatelangen Überlegungen ein, zu sprechen – sei es aus Schuldgefühlen, Scham oder sogar aus Stolz auf das, was sie als ihre beruflichen Leistungen betrachteten.


Unser Film geht nicht näher auf ihre Beweggründe ein; das war eine bewusste Entscheidung. Er befasst sich in erster Linie mit dem Töten selbst und damit, was dieses Töten erst möglich macht. Würden wir zu viel Zeit auf die moralischen und politischen Ansichten der Informanten verwenden, bestünde die Gefahr, den Schwerpunkt von den Opfern weg zu verlagern – und das wollten wir nicht.


Menschen, die nach eigenen Angaben an schrecklichen Verbrechen beteiligt waren, Anonymität zu gewähren, ist für uns keine leichte Entscheidung. Angesichts der anhaltenden Begehung dieser Verbrechen sahen wir uns jedoch verpflichtet, ihre Berichte zu veröffentlichen, in der Hoffnung, dass dies zu den Bemühungen beitragen könnte, dem Gemetzel ein Ende zu setzen. Die Aussagen der Soldaten weisen zudem auf ein viel größeres System hin, für das die höchsten Ebenen der politischen und militärischen Führung Israels die letztendliche Verantwortung tragen. Wir hoffen, dass der Film dazu beitragen kann, dass Israel für seine schweren Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird und den Opfern Gerechtigkeit widerfährt.


Doch der Film ist nicht nur eine Sammlung von Soldatenaussagen. Wir haben die Kamera auch auf Tel Aviv und seine Bewohner*innen bei Nacht gerichtet und die Stadt als eine Blase hinterfragt, in der das normale Leben weitergeht, während nur 60 Kilometer entfernt Palästinenser*innen massakriert werden. Durch unseren Blick auf die Stadt, von der aus der Krieg gegen Gaza gesteuert wird, haben wir versucht, die Mechanismen der Konformität zu beobachten, die eine derart weit verbreitete Gleichgültigkeit ermöglichen.

Dabei stellten wir uns Fragen, die schon die Generation unserer Großeltern gestellt hat – Fragen, die Menschen auf der ganzen Welt gestellt haben, nachdem sie von Gräueltaten und Völkermorden an anderen Orten erfahren hatten: Wie kann eine Gruppe von Menschen der vollständigen Entmenschlichung einer anderen Gruppe zustimmen? Und wie sieht ein System des Völkermords von innen heraus aus?


In den kommenden Jahren – vielleicht in einer Ära nach Netanjahu, falls es eine solche geben sollte – könnten Teile des liberalen Lagers in Israel versuchen, sich von den Verbrechen in Gaza zu distanzieren und sie der rechtsextremen Regierung anzulasten. Sicherlich trägt diese Regierung die Hauptverantwortung für die Tötung von mehr als 73.000 Menschen, überwiegend Zivilist*innen, im Zuge der verbrecherischen Massaker der Hamas am 7. Oktober. Doch ein erheblicher Teil dieser Tötungen wurde von Soldaten verübt, die aus dem Herzen des liberalen Lagers Israels stammten: Geheimdienst- und Luftwaffenoffiziere, die in den prestigeträchtigsten Einheiten des Militärs dienten.


Piloten der Luftwaffe mögen behaupten, sie hätten lediglich Befehle befolgt – dass sie eine Reihe von Koordinaten erhalten, die Bombe abgeworfen und seien nach Hause zurückgekehrt, ohne zu wissen, was sie getroffen hätten. Infanteristen werden sich damit verteidigen, dass sie nicht immer wussten, wen sie trafen, was zum Teil auf den Nebel des Krieges zurückzuführen sei. So fragwürdig diese Rechtfertigungen auch sein mögen, lässt sich nicht leugnen, was die Mitarbeiter*innen der Nachrichtendienste wussten.


Sie sahen und hörten mit eigenen Augen und Ohren, dass die Häuser, die sie „als Ziele auswiesen“, voller Familien waren. Sie wussten, dass die umfangreichen „NAZA-Genehmigungen“ nicht mit Zielen von nennenswertem militärischem Wert in Verbindung standen. Und dennoch spielten sie ihre Rolle in der Maschinerie des Todes, ohne sich nennenswert zu weigern oder Widerstand zu leisten.


Der Film zeigt, wie ein Tötungssystem aussieht, wenn es auf der Vorstellung basiert, dass „es in Gaza keine Unschuldigen gibt“ – oder, wie man es in der Terminologie der Geheimdienste formulieren könnte: „Es gibt kein NAZA in Gaza.“ Als solches wird der Film wahrscheinlich die Leugner*innen, die Zweifelsäenden und diejenigen untergraben, die sich immer noch wohlfühlen, in der Grauzone zwischen Wissen und Nichtwissen darüber zu leben, was 60 Kilometer südlich von Tel Aviv geschieht.

 


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Yuval Abraham ist Journalist und (oscarprämierter) Filmemacher und lebt in Jerusalem. NAZA erhielt nach seiner Premiere am 10. September 2026 einen rekordverdächtigen, 24,5-minütigen stehenden Applaus – den längsten, der je bei dem Festival gemessen wurde.


Weitere lesenswerte Beiträge von ihm finden Sie auf unserer Homepage:


Eine geheime Datenbank der israelischen Armee zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der 6 000 Palästinenser*innen, die in Gaza festgenommen und unter entsetzlichen Bedingungen in israelischer Haft gehalten werden, Zivilist*innen sind, wie eine gemeinsame Untersuchung ergab.

Von Yuval Abraham, +972Mag in Kooperation mit Merkomit/Local Call, 4. September 2025

 

Neue Daten: 98 Palästinenser in israelischer Haft gestorben

Obduktionsberichte der Verstorbenen und Aussagen ehemaliger Häftlinge deuten darauf hin, dass viele von ihnen an den Folgen von Folter, medizinischer Vernachlässigung und Nahrungsentzug gestorben sind. Laut einer durchgesickerten Datenbank des israelischen Geheimdienstes handelte es sich bei Dutzenden von ihnen um Zivilisten.

Von Yuval Abraham, +972Mag in Kooperation mit Local Call, 17. November 2025


 

"Eine Fabrik für Massenmorde": Israels kalkulierte Bombardierung des Gazastreifens

Eine Untersuchung von „+972“ und „Local Call“ zeigt, dass die israelische Armee durch die Freigabe von Luftangriffen auf nichtmilitärische Ziele und den Einsatz eines Systems künstlicher Intelligenz ihren bisher tödlichsten Krieg gegen den Gazastreifen führen konnte.

Von Yuval Abraham, +972Mag mit Local Call, 30. November 2023







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