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Videoaufnahmen zeigen: Palästinenser, der einem Siedler die Waffe entrissen hatte, wurde unbewaffnet getötet

  • 28. Juli
  • 7 Min. Lesezeit

Eine Analyse von vier verschiedenen Videoaufnahmen, die den Schusswechsel im Dorf Tel im Westjordanland aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, stellt die Darstellung der Ereignisse durch Israel in Frage.


Von Oren Ziv und Ariel Caine, +972Mag in Kooperation mit Local Call, 28. Juli 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Am Freitagmorgen drang eine Gruppe israelischer Siedler aus der Siedlung Havad Gilad in das nahegelegene palästinensische Dorf Tel in der Nähe von Nablus ein. Nachdem palästinensische Bewohner herausgekommen waren, um die Siedler – von denen einige bewaffnet waren – zurückzudrängen, kam es zu einer Rangelei. Einer der Palästinenser entriss einem Siedler die Waffe und eröffnete das Feuer. Israelische Soldaten, die bereits vor Ort waren, sowie mehrere weitere Siedler schossen ebenfalls.

Am Ende lagen zwei Israelis – ein Soldat und ein Siedler – sowie vier Palästinenser tot am Boden.

Hochrangige israelische Politiker und Militärs bezeichneten den Vorfall umgehend als palästinensischen Terroranschlag auf Israelis, die lediglich „wandern“ gegangen waren – obwohl bewaffnete Siedler in ein palästinensisches Dorf eingedrungen waren, was einer gängigen Strategie der „Provokation“ entspricht, und der Palästinenser, der das Feuer eröffnete, dies mit der Waffe eines Siedlers tat, die er vor Ort an sich genommen hatte.

Kurz darauf veröffentlichte die israelische Armee eine Erklärung, in der es hieß, dass „der Terrorist unmittelbar nach der Durchführung des Angriffs unschädlich gemacht wurde“. Scheich Farouk Ramadan [auch Ramdan geschrieben, Anm.], der palästinensische Dorfbewohner, der die Waffe des Siedlers an sich genommen hatte, wurde tatsächlich kurz nach dem Abfeuern der Schüsse erschossen. Eine Analyse von Videoaufnahmen vom Tatort zeigt jedoch, dass er unbewaffnet erschossen wurde, nachdem er langsam auf die Soldaten zugegangen war und sich dann einige Meter vor ihnen zu Boden geworfen hatte – möglicherweise von einem israelischen Siedler.

Wie „Haaretz“ im Anschluss an den Vorfall berichtete, räumten israelische Militärquellen ein, dass alle Getöteten und Verwundeten mit israelischen Waffen erschossen worden seien, und die Armee untersuchte, ob einige der Personen „in ein Kreuzfeuer geraten“ seien. Am Sonntagabend berichtete Kanal 11, dass das Militär davon ausgehe, dass Yuval Ezra, der getötete Soldat, „durch Eigenbeschuss ums Leben gekommen“ sei.

+972 und Local Call hat vier Videos vom Ort des Geschehens analysiert, die im Internet verbreitet wurden und sowohl von anwesenden Israelis als auch von Palästinensern aufgenommen wurden. Die Analyse stellt die offizielle Darstellung der Ereignisse durch Israel in Frage. (Die Videos werden hier gemäß § 27A des israelischen Urheberrechtsgesetzes wiedergegeben.)

Das erste Video dokumentiert die ersten Momente der Eskalation. Da die filmende Person hinter den Soldaten steht, lässt sich vermuten, dass es von einem der Siedler aufgenommen wurde. Das zweite Video, das offenbar von einem Palästinenser aufgenommen wurde, ist eine Bildschirmaufnahme von einem Mobiltelefon, bei der der Originalton fehlt und die teilweise in Zeitlupe vorgeführt wird. Dennoch lässt es sich mit dem ersten Video synchronisieren.

Zu Beginn des ersten Videos schlägt ein Siedler in einem schwarzen Hemd mit seinem Gewehr auf Ramadan ein – dasselbe Gewehr, das Ramadan später an sich reißen wird. Bei Sekunde 15 sind drei Schüsse zu hören, die außerhalb des Bildausschnitts abgefeuert wurden, entweder von israelischen Siedlern oder Soldaten. Bei Sekunde 22 sind junge israelische Siedler zu hören, die auf Hebräisch „Rache!“ rufen.

Der Kampf um die Waffe beginnt bei Sekunde 27 während einer Auseinandersetzung zwischen einem palästinensischen Mann in schwarzem Hemd und Jeans und dem Siedler im schwarzen Hemd. Bei Sekunde 29 mischt sich ein Siedler in weißem Hemd – der ebenfalls bewaffnet ist – ein, und auch Ramadan betritt die Szene, möglicherweise um die Situation zu entschärfen. Der palästinensische Mann in Schwarz greift nach dem Riemen des Gewehrs, das der Siedler in Schwarz hält.

Bei Sekunde 31 beginnt Ramadan, mit dem Siedler um die Waffe zu ringen. Der andere palästinensische Mann hat den Riemen losgelassen und befindet sich nun hinter Ramadan. Bei Sekunde 32, noch bevor Ramadan die Kontrolle über die Waffe erlangt, sind vier Schüsse zu hören, und der palästinensische Mann im schwarzen Hemd geht zu Boden.

An dieser Stelle im zweiten Video ist eine Rauchwolke zu sehen, die offenbar durch einen Schuss aus dem Gewehr des Siedlers in Weiß verursacht wurde. Bei Sekunde 34 im ersten Video sind zwei weitere Schüsse zu hören, die anders klingen und wahrscheinlich von dem Soldaten in der Bildmitte stammen; außerdem ist ein Mündungsblitz zu sehen. Bei Sekunde 40 ist einer der jungen Männer zu hören, der auf Hebräisch ruft: „Ein Araber ist verwundet“, womit er vermutlich den jungen Mann in Schwarz meint.

Bei Sekunde 42 im ersten Video taucht Ramadan mit einem Gewehr auf und richtet es auf den Siedler in Weiß, der vor ihm auf dem Boden liegt. Gleichzeitig feuert Ramadan im zweiten Video mindestens einen Schuss ab – möglicherweise in Richtung dieses Siedlers oder auf einen Soldaten, der außerhalb des Bildausschnitts steht. Der Siedler in Schwarz (dem bereits sein Gewehr entrissen worden war) beginnt, eine Pistole aus seinem Hosenbund zu ziehen; Ramadan dreht sich zu ihm um, und die beiden richten ihre Waffen aufeinander.

Bei Sekunde 19 im zweiten Video feuert Ramadan auf den Siedler in Schwarz. Es ist unklar, ob die Kugel den Siedler trifft oder nicht.

Zwar enden diese Videos an dieser Stelle, doch lässt sich aus den Aufnahmen zweier weiterer Videos, die gegen Ende des Vorfalls gedreht wurden, ableiten, was anschließend geschah. Das dritte Video wurde von einem Palästinenser von einem erhöhten Aussichtspunkt aus irgendwo im Dorf Tel mit Blick auf die Route 60 aufgenommen. Es beginnt offenbar kurz nach dem Ende der beiden anderen Videos.

Ramadan ist in der Bildmitte zu sehen, erkennbar an seiner weißen Kopfbedeckung. Auf der rechten Seite ringen ein schwarz gekleideter Siedler und ein Palästinenser in einem hellen Hemd am Boden, und links von Ramadan ist ein weiterer bewaffneter Siedler in einem weißen Hemd zu sehen. Bei Sekunde 5 ist auf der linken Seite des Bildausschnitts ein Soldat zu sehen, der mehrere Schüsse in Richtung Ramadan und der anderen abfeuert. Aufgrund der schlechten Qualität des Videos ist es schwierig festzustellen, wer getroffen wurde.

Eine Sekunde später ist auf dem Boden zwischen Ramadan und dem Siedler in Weiß eine Staubwolke zu sehen, die auf einen Einschlag aus der Richtung des Soldaten hindeutet. Während der Soldat weiter schießt, sind bei Sekunde 8 drei weitere Einschläge in der Nähe von Ramadan zu sehen, der auf dem Boden liegt. Es ist unklar, ob er getroffen wurde. Es ist auch möglich, dass neben dem Soldaten auch der Siedler in Weiß mit einer Handfeuerwaffe schießt.

Bei Sekunde 12 steht der schwarz gekleidete Siedler, der sich am Boden mit einem palästinensischen Mann gerungen hat, auf und geht auf die Soldaten zu. Am Ende des Videos, bei Sekunde 48, nachdem mehrere weitere Schüsse gefallen sind, scheint Ramadan sich auf die Knie zu erheben.

Ein viertes Video, das von Siedlern und Journalisten verbreitet wurde, wurde offenbar kurz nach dem dritten Video aufgenommen. Der Filmende war offensichtlich ein Siedler – wahrscheinlich einer der Teilnehmer der „Wanderung“ –, da jemand, bei dem es sich vermutlich um einen Soldaten handelt, ihn auf Hebräisch eindringlich auffordert, zurückzutreten. Das Video wurde von Rechten im Internet verbreitet, um gegen die Zeit zu protestieren, die die Armee benötigte, um Ramadan zu töten, sowie gegen die Tatsache, dass er sich offenbar frei bewegte, nachdem er die Waffe an sich genommen hatte.

In dem Video ist zu sehen, wie Ramadan aufsteht und – langsam und unbewaffnet – auf die Soldaten zugeht, die auf einem Feldweg am Fuße des Hügels postiert sind. Bei Sekunde 4 ruft der Filmende oder jemand neben ihm: „Schießt doch endlich auf sie, tötet sie – wollt ihr, dass wir sterben?“

Bei Sekunde 14 ist deutlich zu sehen, dass Ramadan in seiner rechten Hand keine Waffe hält; eine Sekunde später wird klar, dass er auch in seiner linken Hand keine Waffe hält.

Bei Sekunde 29 im vierten Video ist zu sehen, wie Ramadan sich auf den Boden hockt. Zu diesem Zeitpunkt sind keine Schüsse zu hören. Bei Sekunde 42 ruft jemand außerhalb des Bildausschnitts: „Worauf wartet ihr noch? Schießt doch endlich auf sie.“ Fünf Sekunden später ist ein einzelner Schuss zu hören. Bei Sekunde 50 sagt ein Siedler hinter der Kamera zu jemandem neben ihm: „Sie schießen, weil ich schreie“, bevor er erneut brüllt: „Schießt auf jeden, der sich nähert!“

Bei Sekunde 53 zeigt der verwundete Siedler in Schwarz (der im dritten Video zu sehen ist, wie er sich am Boden mit einem Palästinenser eine Rangelei liefert) auf Ramadan und sagt zu einem bewaffneten Israeli in Zivilkleidung: „Töte ihn!“ Eine halbe Sekunde später feuert der Israeli zwei Schüsse in Richtung Ramadan ab. Im Hintergrund ist jemand neben der Kamera zu hören, der ruft: „Tötet ihn, er ist es, er ist es!“ Danach hört man den Siedler in Schwarz am Telefon sagen: „Sie haben meine Waffe mitgenommen; ich weiß nicht, wo sie ist.“

Bei Sekunde 60 dreht sich der schwarz gekleidete Siedler um und geht weg; zwischen diesem Moment und dem Ende des Videos sind keine Schüsse mehr zu hören. Zu diesem Zeitpunkt ist unklar, ob Ramadan noch am Leben ist, der mehrere Meter vom Militärjeep entfernt auf dem Boden liegt.

Nach dem Vorfall gab die Armee bekannt, dass „Kräfte der israelischen Armee den Terroristen, der den Schussangriff verübt hatte, unschädlich gemacht haben“, doch Haim Goldich von Kanal 11 berichtete, es sei ein Zivilist gewesen, der Ramadan letztendlich getötet habe.

Die Leichen von Ramadan und drei seiner Angehörigen, die bei dem Vorfall ebenfalls getötet wurden – Ibrahim, Jawad und Imran –, wurden von Palästinensern in ein Krankenhaus in Nablus gebracht. Bei Vorfällen, die als „Terroranschläge“ eingestuft werden, beschlagnahmt die Armee in der Regel die Leichen von Palästinenser*innen. Ihre Überführung ins Krankenhaus könnte darauf hindeuten, dass die Einsatzkräfte vor Ort den Vorfall nicht als solchen betrachteten, obwohl dies auch lediglich das Ausmaß des Chaos widerspiegeln könnte.

Die israelische Armee ging nicht auf die Fragen von +972 und Local Call ein und erklärte lediglich: „Die israelische Armee teilt die Trauer der [israelischen] Hinterbliebenen und wird sie weiterhin unterstützen. Die Einzelheiten des Angriffs und des Vorfalls werden von der Armee gründlich untersucht. Die Ergebnisse werden den Hinterbliebenen transparent dargelegt.“

 

Oren Ziv ist Fotojournalist, Reporter bei „Local Call“ und Gründungsmitglied des Fotografenkollektivs „Activestills“.

Ariel Caine ist Dozent am Institut für Kultur, Kommunikation und Medien der UCL und war zuvor als Projektkoordinator und Forscher bei der Agentur „Forensic Architecture“ an der Goldsmiths University of London tätig.



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