29. Jänner - Zum zweiten Todestag von Hind Rajab
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- vor 6 Tagen
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„Meine Tochter Hind Rajab wurde am 3. Mai 2018 geboren, nach Jahren der Unfruchtbarkeit, Jahren des Betens, Jahren des Glaubens, dass Gott eine Tür geschlossen hatte, die sich niemals wieder öffnen würde. Als ich endlich schwanger wurde, hatte ich das Gefühl, die Hoffnung selbst in mir zu tragen. Ihre Geburt war schwierig – sie hätte es fast nicht überlebt –, aber als man mir ihren winzigen Körper in die Arme legten, flüsterte ich ein Gebet, das zu einem Versprechen zwischen uns wurde: „Gott, lass ihren Duft bei mir bleiben. Und wenn das Leben mich zerbricht, lass Hind's Duft das sein, was mir hilft, weiterzumachen.“ Ich wusste nicht, dass dieses Gebet, ein einfacher Wunsch einer jungen Mutter, der einzige Halt sein würde, der mich in dem Albtraum, der noch kommen sollte, zusammenhalten würde. (…) Am 29. Januar 2024 hörte ich zum letzten Mal die Stimme meiner Tochter Hind. Das ist nun zwei Jahre her, aber ihre Abwesenheit ist immer noch das lauteste Geräusch in unserem Haus.“
„No child deserves to die like my daughter” von Wesam Hamada, The New York Times, 29. Jänner 2026
"Ich habe solche Angst. Bitte kommt. Bitte ruft jemanden an, der mich abholt."
Hind Rajab, 5 Jahre, am 29. Jänner 2024
Heute vor zwei Jahren, am 29. Jänner 2024, erreichte um 14:30 Uhr ein Notruf aus Gaza Stadt den Palästinensischen Roten Halbmond (PRCS) in Ramallah. Die 15-jährige Layan Hamadeh und ihre fünfjährige Cousine Hind Rajab waren in einem Auto, gemeinsam mit fünf, bereits getöteten Verwandten eingeschlossen, nachdem sie von der israelischen Armee unter Beschuss genommen worden waren.
Die Familie hatte versucht, in den frühen Morgenstunden aus dem heftig beschossenen Viertel Tel al-Hawa Richtung Al Ahli-Krankenhaus zu fliehen, um dort Zuflucht zu finden. Während ein Teil der Familie sich zu Fuß auf den Weg machen musste, bekam Hind noch einen Platz im Auto ihres Onkels.
Layan berichtete von einem Panzer neben dem Auto, von dem aus auf den Wagen geschossen werde und bat um Hilfe. Sie wurde noch während des Telefonats getötet und die PRCS-Mitarbeiter*innen führten das Gespräch mit der verletzten, noch lebenden Hind fort. Sie wiesen sie an, sich weiterhin im Fahrzeug zu verstecken, bis sie von einem Krankenwagen geholt werde. Hind Rajab blieb dreieinhalb Stunden lang in Verbindung mit den PRCS-Mitarbeiter*innen, die ihr Möglichstes taten, um sie zu beruhigen. „Bitte kommt und holt mich. Werdet ihr kommen und mich holen?“ waren eine der letzten Worte von Hind zur PRCS-Mitarbeiterin Rana Al-Faqeh, und dass sie Angst vor der hereinbrechenden Dunkelheit habe.
Es dauerte mehrere Stunden, um den Zugang der Sanitäter zum Fahrzeug mit der israelischen Armee zu koordinieren. Um 18.00 Uhr machten sich die beiden Sanitäter Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun vom Al Ahli-Krankenhaus aus auf, um Hind zu retten. Trotz erfolgter Koordinierung mit den israelischen Behörden und obwohl der Krankenwagen mit Sirene und Blaulicht fuhr, wurden die beiden bei ihrer Ankunft vor Ort beschossen, sie galten ebenso wie Hind und ihre Familie zunächst als verschollen. Zwei Wochen später, nach dem Rückzug der israelischen Armee, wurden die sterblichen Überreste der Sanitäter geborgen, zusammen mit den Leichen von Hind und ihrer Familie im 50 Meter entfernt stehenden Kleinwagen. Beide Fahrzeuge waren stark beschädigt, alle Leichen wiesen Anzeichen von Beschuss und Granateneinschlägen auf.
Mehrere Nachrichtenagenturen baten das israelische Militär um eine Stellungnahme. Am 2. Februar 2024 teilte die israelische Armee Reportern von CNN mit, sie sei „mit dem Vorfall nicht vertraut“. Als es drei Tage später erneut kontaktiert wurde, teilte das Militär mit, dass es „den Vorfall noch nicht untersucht“ habe.
Die Tötung von Hind Rajab und ihrer Familie wurde von mehreren Medien und Organisationen investigativ untersucht – darunter The Washington Post, Forensic Architecture, Euro-Mediterranean Human Rights Monitor und Sky News. Alle sind sich absolut einig darin, dass der Beschuss von der israelischen Armee stammte. Der Bericht von Forensic Architecture hielt fest: „Es wurden 335 Einschusslöcher in der rechten Außenseite des Kleinwagens der Familie festgestellt. Die Analyse des Telefonanrufs von Layan ergab 64 Schüsse in nur sechs Sekunden, die nur mit israelischen Waffen abgefeuert werden hätten können, wobei der Panzer sich schätzungsweise zwischen 13 und 23 Meter vom Auto entfernt befunden hat. Bei einer solchen Entfernung ist es nicht plausibel, dass der Schütze nicht sehen konnte, dass das Auto mit Zivilist*innen, einschließlich Kindern, besetzt war. Bei dem Panzer hat es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen israelischen Merkava gehandelt.“
Hind Rajabs Schicksal steht beispielhaft für tausende Kinder in Gaza, die von der israelischen Armee vorsätzlich getötet wurden. Und die beiden Sanitäter Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun stehen beispielhaft für hunderte palästinensische Ärzt*innen, Krankenpfleger*innen und Sanitätern, die – während sie versuchten, Menschenleben zu retten – von der israelischen Armee ebenfalls vorsätzlich getötet wurden.




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