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Alle in diesem Land sind verrückt geworden

  • 5. März
  • 3 Min. Lesezeit

Unter den Expert*innen, Politiker*innen und der breiten Öffentlichkeit, die alle stündlich in die Schutzräume rennen, aber lächeln, wenn sie wieder herauskommen, und den Krieg gegen den Iran und die damit verbundenen Vorteile loben, findet sich keine einzige Stimme der Vernunft. Da vermisst man fast schon das Jahr 1967.


Von Gideon Levy, Haaretz, 5. März 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Wo wurde festgelegt, dass Kriegszeiten auch Zeiten der Dummheit sind? Wer hat geschrieben, dass, wenn die Kanonen donnern, die Musen nicht nur schweigen, sondern sich auch schämen sollten? Es hat lange gedauert, aber was diese Woche in der öffentlichen Debatte in Israel passiert ist, bricht alle bisherigen Negativrekorde.

Es ist bereits jetzt unmöglich, die Siegesalben und Ruhmeslieder von 1967 nicht zu vermissen. „Nasser wartet auf Rabin, ay, ay, ay” ist im Vergleich zu dem heutigen Müll noch subtil. Und wer hätte gedacht, dass wir „Oh Sharm el-Sheikh, wir sind wieder zu dir zurückgekehrt” vermissen würden. Heute heißt es: „Endlich können wir frei leben, endlich können wir atmen, Israel ist frei, der Iran ist frei, alle hören den brüllenden Löwen, Halleluja, der Luftwaffe, Halleluja der Armee … Ihr seid unser großer Stolz“ (Text: Pnina Rosenblum).

Nur dass wir hier nicht nur über Lieder sprechen, sondern über den öffentlichen und medialen Diskurs. Ultranationalistisch, daran sind wir schon gewöhnt; militaristisch, auch das ist normal. Alles ist rechtsgerichtet, es gibt keinen Raum für Zweifel, für Opposition, für Fragezeichen oder irgendetwas weniger als Respekt und Lob für die israelischen Streitkräfte – auch das ist ein Merkmal von Kriegszeiten. Ruhe bitte, wir drehen gerade. Nur Patriotismus in den Fernseh- und Radiostudios und in den sozialen Medien. Was diesmal anders ist, ist das Niveau der Debatte oder, besser gesagt, ihr unfassbar niedriges Niveau – noch nie war sie so hohl, klischeehaft und betäubend.

Ein ehemaliger Fußballspieler gilt als Stimme der Weisheit, ein Militärpolizist als Stimme der Moral. Jeder persische Jude ist ein Experte, jede persische Jüdin eine Expertin. Zu den Hampelmännern, auch bekannt als Militärkorrespondenten und ihre Kollegen, die über Außenpolitik berichten und sich ebenfalls dem Chor angeschlossen haben, ist eine neue Gruppe von Analysten hinzugekommen, eine Art, die noch nie zuvor die Rundfunkwellen und sozialen Medien so dicht und exklusiv gefüllt hat; eine Flut von Gehirnwäsche, wie sie hier noch nie zuvor gesehen wurde. So sieht es aus nach zweieinhalb Jahren ohne echten Journalismus, ohne auch nur minimale Berichterstattung über den Krieg in Gaza.

Versuchen Sie, auch nur eine einzige Stimme der Vernunft zu finden, jemanden, der etwas zu sagen hat, der tatsächlich etwas weiß. Es gibt nicht eine einzige. Zu Purim ist der Medienprofi Avri Gilad Luftwaffenpilot, der Kinderunterhalter Yuval Shem Tov singt auf Farsi. Alle sind so fröhlich: Warum? Vielleicht endet alles in Tränen. Es ist jedoch inakzeptabel, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen. Die Orgie der Mordanschläge ist in vollem Gange, jeder Treffer ein Grund zum Feiern.

Im Studio der Journalistin Sharon Gal ist die Party in vollem Gange: Die israelischen Waffenverkäufe werden neue Höhen erreichen, und alle sind voller Freude. „Fließbänder in ganz Indien. ... Wir haben Indien erobert. ... Wir brauchen 1,4 Milliarden Inder*innen, die für uns produzieren.“ Was für eine vielversprechende neue Welt dieser Krieg uns eröffnen wird. Jetzt geht es nicht mehr nur um die Rückeroberung des Landes, sondern um Geld, viel Geld.

Die Aufwiegelung kennt keine Grenzen. Ein Demonstrant, der mit rasender Geschwindigkeit an einem Fernsehsender vorbeifährt, ist ein nationaler Skandal, der eine strenge Bestrafung erfordert. Ein Siedler, der zwei Bauern tötet, ruft nichts als ein Gähnen hervor. Eine winzige europäische Spende an eine Menschenrechtsorganisation wird als Einmischung des Auslands in die inneren Angelegenheiten dargestellt. Der Versuch, ein Regime in einem fremden Land durch Bombenangriffe zu stürzen, ist ein legitimer demokratischer Schritt. Wie weit werden wir noch gehen?

Jeder verzweifelte Versuch, auch nur eine einzige intelligente Stimme zu hören, ist zum Scheitern verurteilt. Während in ausländischen Netzwerken intelligente Diskussionen über den Krieg stattfinden, sprechen hier nur Dummheit und Ignoranz. Während dort berichtet wird, was wirklich im Iran und im Libanon geschieht, wird hier von einer Hochzeit auf einem Parkplatz berichtet – endloser Unsinn ist das Hauptthema, ohne substanzielle Diskussion. So verbreitet sich die Dummheit der Massen wie eine radioaktive Wolke und zerstört alles, was ihr im Weg steht.

Es könnte noch schlimmer kommen. Beobachten Sie die „spirituelle Beraterin” von US-Präsident Donald Trump, die zur Leiterin seines „White House Faith Office” ernannt wurde. Eine Evangelistin für den Heiligen Krieg: „Ich höre den Klang des Sieges. Ich höre den Klang von Rufen und Gesängen. Ich höre den Klang des Sieges. Der Herr sagt, es ist vollbracht. Ich höre den Sieg! Sieg! Sieg!”, schreit sie ekstatisch. Bald wird es soweit sein.



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