Anlässlich des 78. Jahrestages der Nakba: Das Recht auf Rückkehr
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Eines Tages im April 1948 wurden wir vor unserem Internat versammelt, einem alten osmanischen Gebäude in Beerscheba. Wir waren zwanzig oder dreißig Buben im Alter von zehn bis sechzehn Jahren, Söhne der Scheichs von Beerscheba. „Die Lage ist ernst“, verkündete der Schuldirektor. „Jüdische Truppen töten Palästinenser*innen in Jaffa und Jerusalem. In Deir Yassin findet ein großes Massaker statt. Ich kann euch hier nicht beschützen. Geht sofort nach Hause.“
Von Salman Abu Sitta, London Review of Books, 13. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Mein Zuhause, al-Ma’in, lag vierzig Kilometer entfernt. Die Verkehrsverbindungen waren unregelmäßig und unsicher. Die Haganah führte Patrouillen mit Maschinengewehren auf Jeeps durch und schoss nach Belieben. Die Briten waren nicht in der Lage oder nicht willens zu helfen. Manchmal gehörten sie selbst zu den Tätern.
Zwei meiner Cousins, Anfang zwanzig, waren Lehrer in nahegelegenen Dörfern. Sie kamen nach Beerscheba, um ein Transportmittel nach al-Ma’in zu finden, und ich traf mich mit ihnen. Ein Bekannter mit einem Pick-up erklärte sich bereit, uns mitzunehmen. Die Fahrt musste wegen jüdischer Straßensperren mehrmals unterbrochen werden. Die Briten boten keinen Schutz. Beim letzten Versuch traute er sich nicht mehr weiterzufahren. Er setzte uns am Straßenrand ab und fuhr davon.
Wir gingen in Richtung unseres Zuhauses, bis es dunkel wurde. Eine Weile später sahen wir Scheinwerfer näherkommen. Da wir nicht sicher waren, um welches Fahrzeug es sich handelte, warteten wir, bis es näher war. Es war einer unserer Verwandten, der einen Traktor fuhr. Als ich nach Hause kam, konnte meine Mutter kaum glauben, dass ihr zehnjähriger Sohn den größten Teil des Weges von der Schule zu Fuß zurückgelegt hatte und sicher angekommen war.
Ein paar Wochen später, in den frühen Morgenstunden des 14. Mai, sah eine meiner älteren Verwandten am Horizont ein Ungeheuer mit 48 Augen. Es waren 24 gepanzerte Fahrzeuge. Sie schrie mit verzweifelter Stimme, die die Dunkelheit durchdrang: „Oh, meine Söhne. Die Juden kommen, um euch zu holen.“
Ich konnte nichts sehen, aber ich ließ mich von dem Lärm, den Schreien und dem Getrappel der Füße leiten. Wir wussten, was zu tun war: uns im Wadi verstecken. Die Schlucht war zwei bis drei Kilometer entfernt. Im Sommer war sie ein ausgetrocknetes Flussbett, fünf bis zehn Meter tief. In der Dunkelheit erkannten wir einander nur an den Geräuschen und den Silhouetten. Jemand bemerkte die Gestalt eines Mannes. Es war der Lehrer. Abu Leyah war ein friedlicher Mann, der nie eine Waffe getragen hatte. Er stammte aus einem nahegelegenen Dorf, Burayr. Vielleicht war es ihm peinlich, sich unter schreienden Frauen und Kindern wiederzufinden, und so rannte er hinaus ins Unbekannte.
Wir hörten dumpfe Schläge und sahen Feuer und Rauch. Die Angreifer brannten unsere Häuser nieder und zerstörten unsere Gebäude. „Das ist die Schule“, rief jemand. Sie sprengten die Schule in die Luft, die mein Vater 1920 gebaut hatte. „Das ist die Bayara.“ Eine dichte schwarze Wolke stieg auf, beleuchtet von den Flammen. Es war die Getreidemühle, die mein Vater und sein Cousin zwanzig Jahre zuvor gebaut hatten.
Meine Brüder, Ibrahim und Mousa, hatten zwei alte Maschinengewehre und blieben bei der Schule, um auf die Angreifer zu schießen. Es war hoffnungslos. Später am Tag zogen die jüdischen Angreifer weiter. Wir kamen aus der Schlucht heraus und besichtigten unser Zuhause. Das Ausmaß der Verwüstung war immens. Nichts war übrig geblieben außer Trümmern und Asche.
Zu unserer großen Erleichterung stellten wir fest, dass meine Brüder in Sicherheit waren. Mein Vater, der sich in Khan Younis [heute Gaza, Anm.] aufgehalten hatte, traf ein. Wir standen inmitten der Trümmer und des Gestanks brennender Zelte. Mein Vater wies meine Brüder an, an die Universität zurückzukehren und mich mitzunehmen, damit ich meine Ausbildung in Kairo fortsetzen könne. Wir brachen auf. Wir sollten nie wieder in unsere Heimat al-Ma’in zurückkehren dürfen.
Am selben Tag sprach David Ben-Gurion zu anderen Siedlern in Tel Aviv und rief auf den Trümmern meines Zuhauses einen Staat für sie aus. Geboren als David Grün in Płońsk, Polen, war er 1906 nach Palästina gereist. Im März 1948, als Palästina unter britischer Mandatsverwaltung stand, initiierte er den Plan Dalet. Innerhalb weniger Monate griff die Haganah 530 Städte und Dörfer an und entvölkerte sie. Sie verübten mindestens 95 Massaker, bei denen 15 000 Palästinenser*innen getötet wurden.
Am 21. Oktober 1948 griffen sie Beerscheba an. Eine Woche später kam Ben-Gurion, um die Stadt zu besichtigen. Er bewunderte die schönen Regierungsgebäude aus Stein, die arabischen Häuser und die Bubenschule, die ich besucht hatte. Sie gefielen ihm so gut, dass er beschloss, dort zu leben. Nach seinem Tod im Jahr 1973 wurde er in Sde Boker beigesetzt, etwas südlich der Stadt, in der Nähe des arabischen Dorfes Rakhama (auf Hebräisch in Yeruham umbenannt).
In den 78 Jahren seit 1948 habe ich nie aufgehört, über mein Recht auf Rückkehr in die Heimat nachzudenken, Pläne zu schmieden und dafür zu kämpfen. Ich begann meine Schulzeit in Kairo, wo meine Brüder bereits an der Universität studierten. In den Sommerferien kehrte ich nach Gaza zurück, wo ich Szenen vorfand, die ich mir nie hätte vorstellen können. Menschenmassen strömten in die kleine Enklave, die als Gazastreifen bekannt wurde. Sie suchten Zuflucht in Schulen, Moscheen und auf offenen Plätzen. Sie versuchten, Wege zu finden, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich sah einen Mann, der mit einem kleinen Tisch am Straßenrand Sandwiches verkaufte. Wochen später eröffnete er ein Restaurant.
Die Flüchtlinge bauten ihre Dörfer wieder auf. Jeder Mukhtar (Dorfvorsteher) versuchte, seine Leute in einem Lager zusammenzubringen und für sie zu sorgen. Die Dorfstruktur und der Name blieben erhalten, wurden jedoch an einen neuen Ort verlegt. Die Besonderheiten des Dorfes blieben erhalten. Ein Dorf war für seine Webkunst bekannt. Sie stellten ihre Webstühle entlang der Lagerwege auf, ohne dass sie jemand angerührt hätte. Zweihundertvierzig Dörfer aus der südlichen Hälfte Palästinas, die angegriffen und zerstört worden waren, wurden an einem winzigen Ort neu aufgebaut, der nur 1,3 Prozent der Fläche Palästinas ausmachte.
Es organisierten sich Widerstandsgruppen, um sich gegen die Besatzer zu wehren. Mein Cousin Hasan gehörte zu den Fedajin. Er war ein umgänglicher junger Mann mit einem freundlichen Gesicht. Wenn er von einem Überfall in das besetzte Gebiet zurückkam, erzählte er uns, was mit diesem oder jenem Haus oder Garten geschehen war. Er kam durch eine versteckte Mine ums Leben. Auch die Flüchtlinge gründeten politische Gruppen. Mein Cousin Abdullah, ein Veteran des Aufstands von 1936–39, gründete das Exekutivkomitee der Flüchtlingskonferenz. Es sprach weiterhin für die Flüchtlinge, bis 1964 die PLO gegründet wurde.
Was mich betrifft, so setzte ich meine Ausbildung in Kairo fort, bis ich einen Abschluss als Ingenieur erlangte. Anschließend reiste ich nach London, um am University College London zu promovieren. In meiner Freizeit vertiefte ich mich in verschiedenen Londoner Bibliotheken und Archiven in Dokumente über Palästina. In Deutschland fand ich Luftbilder von Palästina aus dem Ersten Weltkrieg. Im Laufe der Jahre sammelte ich viele Karten und Dokumente. In den Bibliotheken der Kolonialmächte gab es mehr Aufzeichnungen über mein Land, einschließlich meines Dorfes al-Ma’in, als in Palästina selbst. Der Grund dafür ist einfach: Da wir nicht vorhatten, in andere Länder einzufallen, brauchten wir deren Karten nicht. Im Jahr 2010 veröffentlichte ich den „Atlas of Palestine 1917–66“.
Das Rückkehrrecht ist für die Palästinenser*innen nicht nur heilig und durch das Völkerrecht geschützt; seine Umsetzung ist auch machbar. Es gibt 246 palästinensische Dorfgebiete, in denen heute keine Jüdinnen und Juden leben. Es gibt 272 Dorfgebiete, in denen weniger als fünftausend Jüdinnen und Juden leben. Der Bezirk Beerscheba ist bis auf die Stadt Beerscheba praktisch menschenleer.
Im Allgemeinen leben Jüdinnen und Juden in 927 aufgeführten Ortschaften mit einer Gesamtbevölkerung von 5,5 Millionen innerhalb der Waffenstillstandslinie von 1949. Doch das kann irreführend sein. Nur fünfzehn dieser Ortschaften haben mehr als 100.000 Einwohner*innen. Die anderen sind viel kleiner: 62 haben zwischen 10.000 und 100.000 Einwohner*innen; und 850 sind kleine Siedlungen, meist Kibbuzim, mit wenigen tausend Einwohner*innen. Mit anderen Worten: 90 Prozent der Jüdinnen und Juden leben in 77 von 927 Ortschaften. Die von ihnen besetzte Fläche beträgt 1400 Quadratkilometer, also 6 Prozent der Fläche Israels. Der Rest des palästinensischen Landes ist leer und wird als Militärlager genutzt. Die offensichtliche Schlussfolgerung ist, dass das besetzte Palästina weitgehend leer ist. Die Palästinenser*innen können in ihre Heimat zurückkehren, ohne dass die Siedler in nennenswertem Umfang umgesiedelt werden müssen.
Im Bezirk Beerscheba ist die Situation noch auffälliger. Dort leben nur 150.000 Siedler: weniger Menschen als in einem Flüchtlingslager im Gazastreifen. Auf 12.500 Quadratkilometern – der Hälfte Palästinas – beträgt die Bevölkerungsdichte sieben Personen pro Quadratkilometer. Die Eigentümer*innen dieses Landes leben in Flüchtlingslagern im Gazastreifen, wo die Bevölkerungsdichte bei 20.000 Personen pro Quadratkilometer liegt. Der Kontrast ist frappierend. Ich habe einen Wettbewerb für junge palästinensische Architekt*innen organisiert, an dem bisher 330 teilgenommen haben. Sie haben Wiederaufbaupläne für sechzig Dörfer entworfen.
Meine Lebensreise, die mich als Ausländer durch viele Länder geführt hat, soll dort enden, wo sie begann: in Ma’in Abu Sitta. David Ben-Gurion, der die Truppen anführte, die mein Dorf zerstörten und mich ins Exil trieben, ist in meiner Heimatstadt begraben. Auch ich möchte an meinem Geburtsort begraben werden.
Salman Abu Sitta, geboren 1936 im Dorf, das auch seinen Familiennamen trägt, Ma'in Abu Sitta, ist Gründer und Präsident der Palestine Land Society in London, die sich der Dokumentation des Landes und der Bevölkerung Palästinas verschrieben hat. Er ist vor allem dafür bekannt, Palästina kartografiert und einen praktischen Plan zur Umsetzung des Rückkehrrechts palästinensischer Flüchtlinge entwickelt zu haben.




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