Auf winzigen Landstreifen und unter ständiger Bedrohung kämpfen die Bauern im Gazastreifen ums Überleben
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Die Bemühungen zum Wiederaufbau der heimischen Nahrungsmittelproduktion stehen vor großen Herausforderungen und haben bereits tödliche Opfer gefordert.
Von Seham Tantesh und Julian Borger, The Guardian, 26. August 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Da die 2,1 Millionen Einwohner*innen Gazas auf einen immer kleiner werdenden Teil des Gebiets eingepfercht sind, nutzen die Bauern in ihrem Kampf ums Überleben jedes noch verbliebene Stück unberührter Erde, egal wie winzig es auch sein mag. Angesichts des gravierenden Mangels an Wasser, Dünger und Pestiziden sowie der Tatsache, dass mehr als 80 % der Gewächshäuser zerstört sind, waren Einfallsreichtum und Entschlossenheit gefragt, um das Land von Trümmern zu befreien und neue Setzlinge zum Leben zu erwecken. Zudem kann es lebensgefährlich sein, sich ins Freie zu wagen, um die Pflanzen zu pflegen.
Der älteste Sohn und der Bruder von Saqer Abu Rabee wurden getötet, während sie auf ihren kleinen landwirtschaftlichen Parzellen in Beit Lahiya im Norden des Gazastreifens Lebensmittel für ihre Gemeinden anbauten. Sein Sohn Yousef war 24 Jahre alt, als er im Oktober 2024 durch eine von einer Drohne abgefeuerte Rakete getötet wurde. Abu Rabee arbeitete zu diesem Zeitpunkt auf den Feldern, nur 10 Meter von seinem Sohn entfernt.
„Die Rakete war direkt auf ihn gerichtet, und ich habe keinen Zweifel daran, dass er das beabsichtigte Ziel war“, so Abu Rabee. Yousef war vor Ort weithin bekannt als treibende Kraft hinter einer Initiative, die zunächst „We’ll Plant It“ hieß und nun einfach „Our Land“ genannt wird. Diese brachte Freiwillige zusammen und ermutigte Bauern, auf das Land zurückzukehren, um die Landwirtschaft in der Region wieder aufzubauen. „Sie haben beschlossen, ihn gezielt anzugreifen“, sagt Abu Rabee, der betonte, sein Sohn habe keinerlei politische Verbindungen gehabt. „Vor seinem Tod erhielten wir täglich Drohungen von der israelischen Armee. Sie beschossen unser Gebiet jeden Tag drei- oder viermal, während ich zusammen mit den Arbeitern bei der Arbeit war.“
Abu Rabees Bruder Bilal wurde am 2. Juli 2026 getötet, nachdem er in ein zerstörtes Gebäude gegangen war, um landwirtschaftliche Bedarfsgüter zu holen. Sein Tod ereignete sich neun Monate nach Beginn eines „Waffenstillstands“, in dessen Verlauf israelische Streitkräfte mehr als 1.200 Palästinenser*innen getötet haben. Abu Rabee ist überzeugt, dass Landwirte wegen ihrer Rolle bei der Erhaltung palästinensischer Gemeinden inmitten der Trümmer des Gazastreifens zu Hauptzielen geworden sind.
Die israelischen Streitkräfte bestreiten, Bauern oder Zivilist*innen ins Visier zu nehmen, und erklären, sie hätten seit dem Waffenstillstand im Oktober lediglich auf unmittelbare Bedrohungen durch die Hamas reagiert.
Trotz der Risiken ist der 48-jährige Abu Rabee weiterhin jeden Tag bei der Arbeit und bewirtschaftet ein 1,4 Hektar (3,4 Acre) großes Grundstück in Beit Lahiya, das vor dem Krieg ein Orangenhain war. Er berichtet, der Orangenhain sei von der israelischen Armee mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht worden. „Wir haben ihn gerodet und wiederhergestellt – nur mit einfachen Werkzeugen, Handarbeit und enormem menschlichem Einsatz. Es hat viel Zeit und harte Arbeit gekostet, bis er wieder für den Anbau bereit war“, sagt er. Abu Rabee berichtet, dass seine Familie auf diesem kleinen Stück Land Hunderttausende von Auberginen-, Tomaten- und Paprikasetzlingen gezüchtet hat. Sie verdienen Geld, indem sie ihre eigenen Auberginen an Großhändler verkaufen, während der Großteil der Setzlinge an andere Bauern oder an einzelne Haushalte verteilt wird, die sie auf kleinen Beeten rund um ihre Häuser und Zelte anpflanzen.
Er sagt, das Angebot habe den lokalen Lebensmittelmarkt verändert. Auberginen kosten nun weniger als zwei Schekel pro Kilogramm, verglichen mit 40 Schekel vor einigen Monaten. Paprika und Mulukhiyah, ein dunkelgrünes Blattgemüse [ähnlich wie Mangold, Anm.], werden nun zu einem Zehntel ihres Marktpreises von Anfang dieses Jahres verkauft. „Was passiert ist: Beit Lahiya hat ein gewisses Maß an Selbstversorgung zurückgewonnen“, so Abu Rabee. „Meiner Ansicht nach würde Gaza ohne Beit Lahiya einer Hungersnot gegenüberstehen. Vor dem Krieg galt der Ort wegen seines fruchtbaren Bodens, des frischen Grundwassers und des leichten, ertragreichen Landes als die Kornkammer des Gazastreifens.“
Dank erhöhter Hilfslieferungen und kommerzieller Lieferungen im Rahmen des Waffenstillstands konnte der Gazastreifen aus dem Abgrund der Hungersnot des letzten Jahres gerettet werden, doch laut UN-Organisationen sind immer noch 1,4 Millionen Menschen – 67 % der Bevölkerung des Gazastreifens – von akuter Ernährungsunsicherheit in Krisenausmaß oder Schlimmerem betroffen.
Ein Großteil der kommerziellen Lebensmittellieferungen weist eine schlechte Nährstoffqualität auf. Der Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), Qu Dongyu, erklärte, dass die begrenzte Erholung ohne eine heimische Nahrungsmittelproduktion weiterhin fragil bleiben werde. „Die Ernährungssicherheit im Gazastreifen kann sich nur dann erholen, wenn die lokale Nahrungsmittelproduktion wieder aufgenommen wird und Landwirte, Viehzüchter, Fischer und andere Erzeuger ihre Lebensgrundlagen wiederaufbauen können“, so Qu im Juli.
Auf der Grundlage von Satellitendaten schätzt die FAO, dass nur etwas mehr als ein Viertel der gesamten Ackerfläche Gazas aus der Zeit vor dem Krieg – 4.100 Hektar – zugänglich ist, und davon nur etwa 3 % – 450 Hektar – unbeschädigt, frei von Trümmern und bereit für den sofortigen Anbau sind. Der größte Teil der vor dem Krieg vorhandenen landwirtschaftlichen Nutzfläche im Gazastreifen steht unter israelischer militärischer Besatzung, und dieser Anteil hat zugenommen, da die Armee die „gelbe Linie“ im Laufe des Waffenstillstands stetig nach vorne verschoben hat.
Mithilfe spezieller Satellitenbilder führte die Menschenrechtsorganisation „Forensic Architecture“ eine Untersuchung der Vegetation im gesamten Gazastreifen durch, um daraus einen messbaren Anhaltspunkt für die Anbaufläche zu gewinnen. Dabei stellte sich heraus, dass fast 68 % der Vegetation des Gebiets auf der israelischen Seite der gelben Linie lag und weitere 5 % innerhalb einer von der Armee ausgerufenen Pufferzone, die auf Karten durch eine orangefarbene Linie markiert ist und in die es für Palästinenser*innen äußerst gefährlich ist, sich zu begeben.
Bilal Abu Rabee, Saqers Bruder, wurde zusammen mit einem weiteren Mann erschossen, als sie in Schussweite israelischer Scharfschützenstellungen gerieten. Ihre Leichen blieben zwei Tage lang im Freien liegen, da es für ihre Angehörigen zu gefährlich war, sie zu bergen.
Der alte Bauernhof der Familie steht nun unter israelischer Kontrolle, weshalb sie nach der Verkündung des Waffenstillstands nach Beit Lahiya kamen, um auf gepachtetem Land einen Neuanfang zu wagen. Seit letztem Oktober hat die Armee die „gelbe Linie“ nach vorne verschoben und dabei nahegelegene Bauernhöfe im Westen von Beit Lahiya eingemeindet.
„Die Ausweitung hat verheerende Auswirkungen auf den Agrarsektor gehabt“, so Abu Rabee. „Fruchtbares Ackerland, das die Bauern unermüdlich bewirtschaftet hatten, nachdem sie ihr gesamtes Vermögen aufgebraucht oder sich sogar Geld geliehen hatten, wurde einfach beschlagnahmt, gerade als es erntebereit war, sodass ihnen nichts mehr blieb.“
Auf dem verbliebenen Land scheinen die Herausforderungen endlos zu sein. Da kaum noch Vieh vorhanden ist, gibt es kaum selbst hergestellten Dünger auf Mistbasis, sodass die Familie improvisiert, indem sie verrottende Pflanzen unter Planen aufschichtet. Gleichzeitig kämpfen sie gegen Nematoden und andere Bodenparasiten sowie gegen chronischen Wassermangel – und das alles unter der ständigen, unvorhersehbaren Bedrohung durch den Tod. Abu Rabee sagt: „Verirrte Kugeln erreichen häufig diese Gegend und schlagen an vielen Orten um uns herum ein. Viele Menschen wurden zudem auf den Straßen durch wahllose Angriffe verwundet. Ich fürchte um mein eigenes Leben, einfach nur, weil ich Landwirt bin.“




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