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Babys, die vor zwei Jahren aus dem Gazastreifen evakuiert worden waren, kehrten zu ihren überglücklichen Eltern zurück

  • vor 4 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

 

„Mehr als zwei Jahre, nachdem seine älteste Tochter Kinda aus der Neugeborenen-Intensivstation des größten Krankenhauses im Gazastreifen evakuiert worden war, strahlt Samer Lulu, als er sie in seine Arme nahm. Das letzte Mal hatte er Kinda gesehen, bevor sie und eine Gruppe anderer Neugeborener im November 2023 das Shifa-Krankenhaus verließen, nachdem der Strom abgestellt worden war und die Inkubatoren, die die Babys warm genug hielten, um zu überleben, ausgefallen waren. (...) Die Frühgeborenen hatten dünne Haut, ihr Gewicht war gefährlich niedrig und ihre Körper waren zu klein, um ohne ständige Pflege zu überleben. Als die Stromausfälle einsetzten, wickelte das medizinische Personal sie in Decken, nahm sie aus den funktionslosen Inkubatoren und legte sie nebeneinander, um die Wärme zu erzeugen, die sie brauchten. In der ersten Kriegswoche wurden 50 Frühgeborene versorgt, teilten Ärzt*innen damals der Associated Press mit. 29 wurden nach Ägypten evakuiert, einige zusammen mit ihren medizinischen Betreuer*innen, drei starben dabei. Vier weitere starben, nachdem sie in kritischem Zustand in Ägypten angekommen waren. Einige Eltern sagen, sie wüssten immer noch nicht, was mit ihren Neugeborenen nach der Evakuierung geschehen sei. Elf kehrten nun am Montag nach Gaza zurück.“

Wafaa Shurafa and Sam Metz in ihrem Beitrag „Evacuated from Gaza as newborns, a group of Palestinian toddlers returns to an uncertain future”, Washington Post, 31. März 2026

 

 

„Vor zweieinhalb Jahren, als die israelische Armee das Al-Shifa-Krankenhaus stürmte, holten sie eine Reihe von Neugeborenen aus der Entbindungsstation. Neugeborene. Sie wurden von ihren Müttern getrennt, von der einzigen Wärme, die sie je gekannt hatten, und nach Ägypten geschickt. Ohne Namen. Ohne Familien. Ohne jemanden, der sie abholte. Sie verschwanden. Über ein Jahr lang gab es keine Nachrichten. Keine Antworten. Keine Gewissheit darüber, ob sie überhaupt noch am Leben waren. Gestern wurden einige von ihnen zurückgebracht. Und ich kann nicht aufhören, an einen Moment zu denken. Eine Mutter, die dort steht … und versucht, ihr Kind zu beschreiben. Das Gesicht eines Babys zu beschreiben, das sie weniger als eine Woche lang gekannt hatte. Zu versuchen, ihren eigenen Sohn allein anhand ihrer Erinnerung wiederzuerkennen. Anhand von Bruchstücken. Anhand von Hoffnung. Durch Schmerz. Dann, plötzlich … steht er vor ihr. Lebendig. Sie bricht zusammen. Eine Freude, so überwältigend, dass sie fast wie Trauer wirkt. Und das Kind? Es schaut sie an … ohne sie zu erkennen. Ohne Erinnerung. Ohne den Instinkt, der es zurück in ihre Arme hätte führen sollen. Es kennt seine Mutter nicht. Und was vielleicht noch verheerender ist: Es weiß nicht, was eine Mutter ist.“

Dr. Ezzideen Shehab, praktischer Arzt aus Jabalia, auf X (Twitter), 1. April 2026

 

 

„Ibrahim war im Al-Shifa-Krankenhaus. Einen Monat später erfuhr ich, dass er in Ägypten war. Wir standen mit dem Arzt in Kontakt, und er schickte uns Fotos. Heute kann ich kaum glauben, dass Ibrahim hier bei mir ist.“

Jabr Bader, Vater von Ibrahim, im Interview mit Washington Post, 30. März 2026. Sein Sohn Ibrahim war einer von 29 Frühgeburten, die nach der Stürmung des Al-Shifa-Krankenhauses durch die israelische Armee im November 2023 nach Ägypten gebracht wurde. Ibrahims Mutter – Jabr Baders Frau – starb im Dezember 2023.






Sie haben ihre Eltern nie kennengelernt und sie haben Gaza nie gesehen; sie wurden vor zwei Jahren zu früh geboren und nach Ägypten evakuiert, als die israelische Armee das Al-Shifa-Krankenhaus stürmte.


Von Ramadan Abed, Mahmoud Issa und Nidal Al-Mughrabi; Reuters, 1. April 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Am Montag, dem 30. März 2026, kamen elf Kinder, die inzwischen Kleinkinder sind, im Rahmen einer von den Vereinten Nationen organisierten Mission wieder zu ihren Familien in Gaza zurück – ein Ereignis, das Tränen der Freude und des Jubels hervorrief und zugleich eines der schmerzhaftesten Kapitel des Krieges abschloss.

Die Säuglinge gehörten zu den 29 Frühgeburten, die im November 2023 aus der Neugeborenen-Intensivstation des Al-Shifa-Krankenhauses in Gaza evakuiert wurden, als israelische Streitkräfte das Krankenhaus stürmten, weil der Hamas vorgeworfen wurde, es für militärische Zwecke genutzt zu haben [wofür bis heute von der israelischen Regierung keine unabhängig überprüfbaren Beweise vorgelegt wurden, Anm.]. Da die Kämpfe tobten und die Grenze zu Ägypten geschlossen war, durften die Babys nur von medizinischem Personal begleitet werden. Ihren Eltern war es nicht gestattet, mit ihnen zu gehen.

„Ich konnte sie nicht berühren, ich konnte meine Tochter in den zweieinhalb Jahren nicht im Arm halten“, so eine der Mütter, Sundus Al-Kurd, als sie ihre Tochter Bissan umarmte, während sie und andere Eltern am Montag mit ihren Kindern wiedervereint wurden. „Heute ist wie ein (neuer) Geburtstag, wie ein Neuanfang, und ich werde meiner Tochter alles nachholen, was ihr vorenthalten wurde, so Gott will“, sagt sie.

 

„Mit der Zeit wird das kleine Mädchen uns kennen lernen“


Wie viele andere wurde auch Al-Kurds Tochter Bissan vor zwei Jahren in einem Inkubator von Gaza nach Ägypten gebracht – eine Reise, die laut Ärzt*innen ihr Leben ernsthaft gefährdet hatte. Sieben der 29 evakuierten Säuglinge starben in Ägypten, berichten die Ärzt*innen. Abgesehen von den elf, die nach Gaza zurückkehrten, befanden sich die übrigen Kinder bei Familienangehörigen außerhalb des palästinensischen Gebiets. Al-Kurd berichtet, sie habe Angst gehabt, dass Bissan, die bei ihrer Rückkehr ganz in Weiß gekleidet war und eine Einhornschleife im Haar trug, sie nicht erkennen würde. Sie brachte Bissan Snacks und einen grünen Luftballon mit, um sie zum Lächeln zu bringen und ihr ein Gefühl der Geborgenheit zu vermitteln.

„Sie weiß immer noch nicht, wer ihre Mutter ist, wer ihr Vater ist, wer ihre Familie ist. Also versuchen wir es Schritt für Schritt mit ihr, und hoffentlich wird sich die Lage mit der Zeit bessern, und das Mädchen wird uns kennenlernen“, sagt Al-Kurd. Bissan hat zwei lebende Geschwister. Eine Schwester, Habiba, kam an dem Tag ums Leben, an dem Bissan geboren wurde.

Ein israelischer Luftangriff traf im Oktober 2023 das Haus ihrer Familie in der Stadt Beit Lahiya im Gazastreifen und tötete sie sowie neun weitere Familienmitglieder. Al-Kurd, die im achten Monat schwanger war, wurde verletzt, und die Ärzt*innen mussten einen Kaiserschnitt vornehmen, um Bissans Leben zu retten. Die Familie lebt nun in einem Zeltlager in Gaza-Stadt. „Sie (Bissan) wird den Verlust ihrer Schwester und aller anderen Menschen, die ich verloren habe, wiedergutmachen“, sagt die Mutter.

 

Krankenhäuser und Neugeborenenstationen wurden zerstört


Die Rückführung der Kinder zu ihren Eltern wurde durch ein von den USA vermitteltes Abkommen im vergangenen Oktober ermöglicht, das einen Großteil der Kämpfe beendete und später dazu führte, dass Israel den einzigen Grenzübergang Gazas zu Ägypten wieder [im geringen Ausmaß, Anm.] öffnete. Während des zweijährigen Krieges warf Israel der Hamas und anderen Militanten regelmäßig vor, Krankenhäuser zur Lagerung von Waffen sowie zur Verschleierung von Tunneln und Kämpfern zu nutzen. Es veröffentlichte [nicht unabhängig überprüfbare, Anm.] Fotos und Videos, die angeblich unter Krankenhäusern gegrabene Tunnel zeigen. Die Gruppen bestreiten dies.

Israels Angriffe zerstörten und beschädigten medizinische Einrichtungen und Neugeborenenstationen in ganz Gaza. Einrichtungen für Neugeborene, insbesondere für solche mit gesundheitlichen Problemen, werden dringend benötigt, sagt Mohamed Abu Selmia, Direktor des Al-Shifa-Krankenhauses. „Es mangelt auch an lebenswichtigen Medikamenten für Frühgeborene, spezieller Säuglingsnahrung und Medikamenten zur Atemunterstützung“, fügt er hinzu. Rund 52 Prozent der Grundmedikamente sind in Gaza nicht verfügbar, während 75 Prozent der medizinischen Hilfsgüter fehlen, so Abu Selmia.



 

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