Das ist nicht Armut. Das ist nicht Krieg. Das ist moralischer Zusammenbruch.
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Ich nahm die Hand eines der Mädchen und legte sie auf den Tisch. Ihre Finger waren klein und zart, noch immer die Hände eines Kindes, das eigentlich zeichnen oder seinen Namen schreiben lernen sollte. Stattdessen waren sie verletzt. Die Haut war aufgerissen. Die Verletzungen waren trotz ihrer Größe tief und trotz ihrer Einfachheit schmutzig. Sie erzählte, dass Ratten ihr in der Nacht zuvor, während sie im Zelt schlief, die Finger angefressen hatten.
Von Dr. Ezzideen Shehab, 13. Dezember 2025
(Originalbeitrag auf X (Twitter))
Am ersten Morgen der Kältewelle saß ich in der Klinik, einer Kältewelle, die nicht nur den Körper betrifft, sondern auch an der Seele nagt. Ein Journalist hatte mir zuvor geschrieben und nach dem Wetter und dessen Auswirkungen auf die Patient*innen gefragt. Ich las die Nachricht und dachte, ich würde später antworten. Ich glaubte törichterweise, dass man in einer Welt wie dieser noch ruhig denken könne.
Dann hob ich den Blick.
Vor mir saß eine Frau, still und erschöpft, mit zwei kleinen Mädchen, die sich an sie klammerten. Sie trugen dünne Kleidung, wie man sie an einem milden Frühlingstag tragen würde, nicht in der Grausamkeit des Winters. Über ihnen hing eine Jacke, die so abgenutzt und zerrissen war, dass sie den Gedanken an Schutz geradezu verspottete. An ihren Füßen trugen sie dünne Plastikpantoffeln, wie man sie für geflieste Badezimmer verwendet, die nun mit Schlamm, Kälte und Elend konfrontiert waren. Ich empfand eine seltsame Scham für meine eigenen Schuhe.
Ich nahm die Hand eines der Mädchen und legte sie auf den Tisch. Ihre Finger waren klein und zart, noch immer die Hände eines Kindes, das eigentlich zeichnen oder seinen Namen schreiben lernen sollte. Stattdessen waren sie verletzt. Die Haut war aufgerissen. Die Verletzungen waren trotz ihrer Größe tief und trotz ihrer Einfachheit schmutzig. Sie ähnelten einer Krankheit, ja, aber keiner Krankheit, über die ich etwas gelernt hatte, keine mit einem lateinischen Namen, mit dem man sie sich erklären hätte können.
Während ich ihre Hand untersuchte, sprach sie.
Sie erzählte, dass Ratten ihr in der Nacht zuvor, während sie im Zelt schlief, die Finger angefressen hatten.
Sie weinte nicht. Sie dramatisierte nicht. Sie erzählte es so, als hätte es geregnet oder als wäre die Nacht kalt gewesen. Und weil sich der Verstand gegen absolute Obszönität auflehnt, fragte ich sie erneut, fast wütend, fast flehend, dass die Realität sich selbst widersprechen möge.
„Ratten?“
„Ja“, antwortete sie sofort, überrascht von meiner Überraschung.
In diesem Moment brach etwas in mir zusammen. Nicht langsam, nicht nachdenklich, sondern brutal. Die Welt schrumpfte und wurde eng und stickig, als hätte Gott selbst sich zurückgezogen, um nicht mit ansehen zu müssen, was aus seiner Schöpfung geworden war. Ich hatte über Leiden gelesen. Ich hatte es studiert. Ich hatte die Beschreibungen in Büchern bewundert. Aber das war kein Leiden. Das war Demütigung, erhoben zum Prinzip des Daseins.
Eine Ratte. Ein Lebewesen, getrieben von Hunger und Schmutz, das an den Fingern eines schlafenden Kindes nagt. Und das Schrecklichste daran war nicht die Ratte. Das Schrecklichste war, dass diese Tat alltäglich geworden war. Dass das Kind meine Ungläubigkeit seltsam fand. Dass das Universum sie darauf trainiert hatte, das Nichtakzeptable zu akzeptieren.
Ich wollte schreien. Ich wollte jemanden beschuldigen, irgendjemanden. Die Menschheit, Regierungen, die Geschichte, Gott. Aber es gab niemanden, den ich beschuldigen konnte. Da war nur die Hand des Kindes, die ruhig auf dem Tisch lag.
Da wurde mir klar, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte. Kein Lehrbuch hatte mich darauf vorbereitet. Keine Vorlesung, keine Prüfung, kein brillanter Professor hatte jemals davon gesprochen, dass Ratten Kinder im Schlaf lebendig fressen. Und selbst wenn es ein solches Kapitel gegeben hätte, hätte ich es sicher übersprungen. Wer könnte so etwas lesen und trotzdem glauben, in einer zivilisierten Welt zu leben?
Das ist nicht Armut. Das ist nicht Krieg. Das ist moralischer Zusammenbruch.
Als ich mich später an die Frage des Journalisten über die Kältewelle und ihre Auswirkungen erinnerte, musste ich fast lachen. Um eine solche Frage zu beantworten, braucht man weder Intellekt noch Statistiken oder Expert*innenkommentare. Man muss nur eine Stunde lang durch die Straßen von Gaza gehen. Man muss genau und ehrlich hinschauen, ohne den Blick abzuwenden.
Die Antwort wird dort sein, atmend, blutend und still darauf wartend, dass endlich jemand zugibt, was diese Welt zugelassen hat zu werden.
Dr. Ezzideen Shehab ist ein junger Arzt aus Jabalia und hat vor kurzem eine einfache Klinik in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen eröffnet. Er ist Autor des Buches „Diary of a young doctor“, das seit dem 10. November über Readers and Writers Against Genocide erhältlich ist.




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