Das Leben in einem Versuchslabor der ethnischen Säuberung durch Israel
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Al-Mughayyir steht vor einem existenziellen Kampf gegen die Gewalt durch Siedler und Soldaten sowie gegen die wirtschaftliche Belagerung. Doch trotz unserer vielen Verluste halten wir daran fest, dass unser Dorf bestehen bleibt.
Von Haroon Bshara, +972Mag in Kooperation mit Local Call, 14. August 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Es gibt Ereignisse, die das Leben in ein „Vorher“ und ein „Nachher“ unterteilen. Für mich ist es der 12. April 2024. An jenem Nachmittag stürmten Hunderte bewaffneter Siedler unter dem Schutz der israelischen Armee unser Dorf Al-Mughayyir und steckten Häuser und Autos in Brand. Mindestens 25 Bewohner*innen wurden verletzt, einige durch Schüsse von Siedlern und Soldaten – und der 25-jährige Jihad Abu Alia wurde in den Kopf geschossen und getötet, nur wenige Wochen vor seiner Hochzeit war er zum Märtyrer geworden.
An diesem Tag drangen die Siedler bis zu meinem Haus vor. Sie stürmten hinein, verwüsteten alles, was sie konnten, und versuchten, das Haus in Brand zu setzen, während wir uns noch darin befanden. Meine Frau und ich schirmten unsere Kinder mit unseren eigenen Körpern ab, während sich Rauch in den Räumen ausbreitete. Danach benötigten unsere Kinder monatelange psychologische Behandlung, um sich von der posttraumatischen Belastungsstörung zu erholen.
Doch meine Frau, die zu dieser Zeit schwanger war, zahlte den höchsten Preis. Der Schock dieses Tages wirkte sich so schwerwiegend auf ihre Schwangerschaft aus, dass die Ärzt*innen gezwungen waren, unseren Sohn vorzeitig zur Welt zu bringen. Yaqoub, mein großer Herzenswunsch, lebte nur zwei Tage. Er ist eines der jüngsten Opfer des Terrors der Siedler, ein Kind, das starb, bevor es die Chance hatte, das Licht der Welt zu erblicken.
Für die meisten Menschen ist Al-Mughayyir nur ein weiteres palästinensisches Dorf auf der Landkarte. Für uns steht es seit langem an vorderster Front im Kampf gegen die unerbittliche israelische Maschinerie der Annexion und Enteignung im besetzten Westjordanland.
Das Dorf mit weniger als 4.000 Einwohner*innen liegt 30 Kilometer nordöstlich von Ramallah, und seine landwirtschaftlichen Flächen erstrecken sich nach Osten in Richtung des Jordantals. Zwischen uns und diesen Flächen verläuft die Allon-Straße, eine von Israel durch das Westjordanland gebaute Nord-Süd-Autobahn, die Siedlungen quer durch das Jordantal verbindet und dabei palästinensische Gemeinden weitgehend umgeht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten, seit den Tagen der Zweiten Intifada, gingen die Bewohner*innen auf die Straße, um zu versuchen, die Ausdehnung der Siedlungen über diesen Korridor hinaus zu verhindern und zu verhindern, dass das Ackerland, von dem das Dorf lebt, verschlungen wird. Doch seit Oktober 2023 befinden wir uns in einem existenziellen Kampf, allein und ohne Schutz vor Israels gnadenlosem Apparat der Auslöschung und Vertreibung, der darauf abzielt, unser tägliches Leben in eine unerträgliche Hölle zu verwandeln. Unser geplagtes Dorf ist zu einem Versuchslabor für die abscheulichsten Maßnahmen der ethnischen Säuberung und der gezielten wirtschaftlichen Strangulierung geworden.
In den vergangenen drei Jahren haben Siedler acht Außenposten rund um Al-Mughayyir errichtet und so ihren Griff um das Dorf aus allen Richtungen verstärkt. Heute sind fast alle 43.000 Dunam unseres Landes unzugänglich geworden – entweder unter dem Vorwand einer „gesperrten Militärzone“ oder weil Siedler das Betreten des Gebiets zu gefährlich gemacht haben. Fast 4.000 Menschen wurden auf kaum mehr als einen Quadratkilometer eingepfercht.
Die Armee hat nach dem 7. Oktober den östlichen Haupteingang nach Al-Mughayyir gesperrt, und der einzige verbleibende Weg in und aus dem Dorf von Westen her wird von Checkpoints kontrolliert, an denen Arbeiter aufgehalten und gedemütigt werden. Lieferdienste weigern sich zunehmend, hierher zu kommen. Lehrer*innen von außerhalb des Dorfes haben Mühe, unsere Schulen zu erreichen. Nach und nach wird jede alltägliche Handlung erschwert – mit dem klaren Ziel, uns verschwinden zu lassen.
Unser einziges Land
Übergriffe von Siedlern und Soldaten sind zu einem festen Bestandteil des Alltags in und um unser Dorf geworden. Erst diese Woche machten sich Bauern, nachdem sie die Genehmigung des israelischen Obersten Gerichtshofs erhalten hatten, auf den Weg, um ihr Land in der Nähe der Allon-Straße zu bewirtschaften – nur um von Siedlern angegriffen zu werden, während Soldaten tatenlos danebenstanden.
Die Belagerung wird nicht nur durch diese routinemäßigen Akte militärischer Gewalt durchgesetzt, sondern hat sich auch zu einer wirtschaftlichen und ökologischen Belagerung gewandelt. Allein im Jahr 2025 haben Siedler und Bulldozer der Armee Tausende unserer Olivenbäume entwurzelt, viele davon während einer dreitägigen vollständigen Belagerung von Al-Mughayyir im vergangenen August. Die Gewächshäuser unseres Dorfes wurden zerstört, Ernten verbrannt und Felder wiederholt durch von Siedlern gelegte Brände sowie durch das Gas von Blendgranaten beschädigt, das bei Militärrazzien freigesetzt wurde.
Während sich die Siedleraußenposten über die Hügel ausgebreitet haben, haben sie gewaltsam unsere Weideflächen verschlungen, die Generationen von Hirten gedient haben. „Geschlossene Militärzonen“ haben den Palästinenser*innen den Zugang zu Land verwehrt, auf dem Siedler unter dem Schutz der Armee ihre Herden frei weiden lassen – darunter gestohlene Schafe, wobei einige Familien ihre gesamten Herden verloren haben. Innerhalb weniger Jahre brach fast 80 Prozent des lokalen Viehsektors zusammen.
Der Druck reicht bis in jeden Winkel des menschlichen Lebens. Die Gebäude, die die Brände der Siedler stehen lassen, werden von der juristischen Guillotine der Besatzungsmacht verfolgt. Armeebulldozer haben Häuser, Geschäfte und landwirtschaftliche Gebäude am Rande des Dorfes dem Erdboden gleichgemacht, die in Gebiet C des Westjordanlands liegen, wo Israel palästinensische Baugenehmigungen verweigert und für mehr als 90 Gebäude weiterhin Abrissverfügungen bestehen. Der Zweck solcher Verfügungen ist klar: Wer nicht durch Kugeln getötet wird, sieht sich dem langsamen Tod durch Armut und Arbeitslosigkeit gegenüber, und wer die Belagerung erträgt, muss damit rechnen, dass sein Zuhause über seinem Kopf abgerissen wird.
Der Tod hat praktisch jede Familie in Al-Mughayyir getroffen. Munadel Abu Alia, 13; Amjad Abu Alia, 16; Hamdan Abu Alia, 18; Laith Abu Naim, 16; Raed Al-Na’san, 21; Muhammad Al-Na’san, 15: Sie alle wurden von israelischen Soldaten getötet. Said Al-Na’san, 20, wurde letztes Jahr von Siedlern erschossen, als er sein Dorf verteidigte. Im April dieses Jahres eröffneten Siedler bei einem Angriff auf unsere Dorfschule das Feuer und töteten den 14-jährigen Aws Al-Na’san sowie den 37-jährigen Jihad Abu Naim, der sich vor die Schüler stellte, um sie mit seinem Körper zu schützen. Aws’ eigener Vater, Hamdi Al-Na’san (38), war 2019 bei einem ähnlichen Übergriff von Siedlern getötet worden. Und vor weniger als einem Monat haben wir den 17-jährigen Fadi Al-Na’san beerdigt, der an den Verletzungen starb, die er eine Woche zuvor erlitten hatte, als Siedler einen Angriff auf ein Haus am Rande des Dorfes starteten; Soldaten eröffneten das Feuer auf ihn und andere, die versuchten, zu den Angegriffenen zu gelangen.
Ich weiß nicht, wie eine Gemeinschaft solche Verluste übersteht. Ich weiß nur, was als Nächstes geschieht. Wenn jemand verwundet wird, füllt sich das Krankenhaus mit Dorfbewohner*innen. Wenn jemand verhaftet wird, besucht jede Familie ihre Angehörigen. Wenn wir einen unserer Toten beerdigen, begraben wir ihn so, als wäre er der älteste Sohn jedes Haushalts.
Trotz des allgegenwärtigen Todes und der Zerstörung entscheidet sich Al-Mughayyir jeden Morgen für das Leben. Man könnte sagen, es ist eine Schule der Lehre des Sumud („Standhaftigkeit“). Zu jeder Jahreszeit pflanzen wir neue Bäume dort, wo andere entwurzelt wurden. Wir bauen wieder auf, was zerstört wurde, obwohl wir wissen, dass es vielleicht wieder zerstört wird. Wir kehren auf Land zurück, von dem andere behaupten, es gehöre uns nicht mehr.
Das ist der einzige Weg, und dies ist unser einziges Land: Al-Mughayyir wird bestehen bleiben.
Haroon Bshara ist Aktivist, Autor und Entwicklungsforscher aus dem Dorf Al-Mughayyir im Westjordanland.




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