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Das Leben und das Licht von Mariam Abu Dagga, Journalistin von „Independent Arabia“, die von Israel in Gaza getötet wurde

  • vor 4 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

Mariam Abu Dagga, Mutter und Journalistin, wurde 2025 bei einem israelischen „Double-Tap“-Angriff auf das letzte noch funktionierende Krankenhaus im Süden Gazas getötet – sie hätte Gaza verlassen können, blieb jedoch, um über das Massaker zu berichten.


Von Bel Trew, The Independent, 25. August 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörendem Bildmaterial

 

Ein Familienmitglied greift in den Leichensack, umfasst sanft ihr Gesicht und hält Mariam Abu Daggas ein Handy ans Ohr.

Es ist ein erschütternder Moment. Mariam, eine Journalistin bei „Independent Arabia“, ist gerade bei einem israelischen „Double-Tap“-Angriff auf das letzte noch funktionierende Krankenhaus im Süden des Gazastreifens getötet worden. Sie ist umgeben von Trauernden in einer Szene voller Schmerz.

Am Telefon ist ihr einziges Kind, der 14-jährige Ghaith. Und er verabschiedet sich.

Er ist mehr als 1.000 Meilen entfernt, nachdem seine Mutter ein Jahr zuvor hart dafür gekämpft hatte, dass er in die Sicherheit der Vereinigten Arabischen Emirate evakuiert wurde. Und so – inmitten der beispiellosen Belagerung und Bombardierung des Gazastreifens durch Israel – ist dies die einzige Möglichkeit für den verzweifelten Jungen, sich zu verabschieden.

„Ehrlich gesagt … war ich dagegen, dass mein Sohn nicht bei mir ist, denn er ist buchstäblich mein Leben“, hatte Mariam unter Tränen über Ghaith gesagt, während eines der letzten Interviews, die sie kurz vor ihrer Ermordung gab. „Aber jeden Tag filmte ich die Tote – Kinder, einfach nur Kinder –, bis ich mir eines Tages vorstellte, Ghaith sei unter ihnen.“

Über ein Jahr war vergangen, seit er weggegangen war, erklärte sie in dem Interview mit der palästinensischen Organisation Filastiniyat und rang dabei um Worte. „Er verfolgt immer noch die Nachrichten … Immer wenn es Berichte darüber gab, dass Journalist*innen ins Visier genommen wurden, und ich gerade nicht online war, rief er mich an. ‚Mama, geht es dir gut? Bitte sag mir, dass du in Sicherheit bist. Beruhige mich.‘ Das gab mir das Gefühl, dass es jemanden gab …, dem ich wirklich am Herzen lag.“

Und nun, da sich seine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet haben, ist dies der letzte Anruf, den Ghaith an seine Mutter tätigen wird. Diesmal, um sich zu verabschieden, in der Hoffnung, dass ihre Seele es irgendwo hören möge.

Israel tötete die 33-jährige Mariam am 25. August 2025, während sie über den Bombenangriff auf ihren Kollegen, den Reuters-Kameramann Hussam al-Masri, berichtete. Israel hatte Hussam etwa acht Minuten zuvor getötet, als er sich um seine Kamera kümmerte, die den Reuters-Livestream aus dem Nasser-Krankenhaus übertrug – einem Gebäude, das unter internationalem Recht geschützt ist. Sie war zum Tatort geeilt, um herauszufinden, was geschehen war. Das bedeutete, dass ihre Ermordung live in die ganze Welt übertragen wurde. Ein Freund von Mariam, der Ghad-TV-Korrespondent Ibrahim Qannan, filmte das Geschehen von seinem nur wenige Meter entfernten Live-Standort aus, unmittelbar nach dem ersten Panzergranatenbeschuss, der Hussam in die Luft riss.

In Ibrahims Aufnahmen sieht man Mariam dort mit einem weißen Kopftuch und einer schwarzen Abaya. Jeder Journalist und jede Journalistin, der oder die über Konflikte berichtet, wird diese intensive Konzentration sofort erkennen: Sie ist vollkommen bei der Sache und filmt konzentriert die Rettungsaktion mit ihrem Handy. Keine Zeit zum Nachdenken, um ihre eigene Trauer oder das Ausmaß der Situation um sie herum zu verarbeiten. In diesem Moment konzentriert sie sich ganz auf ihre Arbeit.

Als sich die Menge aus Journalist*innen, Ersthelfern, Sanitätern und Zivilist*innen auf dem Treppenhaus vergrößert, ertönt ein zweiter ohrenbetäubender Knall, und Mariam wird für immer von einer Welle aus Splitter, Beton, Holz und Staub verschlungen. An jenem Tag kam sie in demselben Krankenhaus ums Leben, in dem sie geboren wurde.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu tat die Tötung von rund 22 Menschen als „tragisches Missgeschick“ ab. Das israelische Militär behauptete, das Ziel sei eine Kamera gewesen, die „von der Hamas aufgestellt wurde …, um die Aktivitäten der israelischen Truppen zu beobachten“, und identifizierte später sechs Personen, die es als Hamas-Kämpfer bezeichnete. Reuters bestätigte bald darauf, dass es sich bei der Kamera um ihre Live-Übertragung handelte. Eine einjährige Untersuchung und Rekonstruktion durch The Independent, die heute veröffentlicht wurde, zeichnet ein ganz anderes Bild als die Behauptungen Israels und deckt auf, was Expert*innen für internationales Recht als Beweise für Verstöße gegen das Völkerrecht und wahrscheinliche Kriegsverbrechen bezeichnen.

„The Independent“ teilte diese Erkenntnisse dem israelischen Militär mit, das sich jedoch weigerte, darauf zu reagieren, und hinzufügte: „Die Untersuchung läuft im Rahmen des Mechanismus zur Tatsachenfeststellung und Bewertung des Generalstabs noch weiter.“ In der Vergangenheit hat das Militär in mehreren Stellungnahmen gegenüber „The Independent“ wiederholt bestritten, Journalist*innen ins Visier genommen oder Kriegsverbrechen in Gaza begangen zu haben.

Mariam war bei den Menschen, mit denen sie lebte und arbeitete, sehr beliebt. Das ist keine wohlwollende redaktionelle Interpretation, die ihr posthum zugeschrieben wird, weil man über Tote nichts Schlechtes sagen darf. Ihre Familie, ein Dutzend verschiedener Journalist*innen und Menschen, die in ihrem Umfeld lebten und arbeiteten, waren sich in ihrem Lob einig. Sie war ein „Segen“, „bemerkenswert“, „selbstlos“, „gütig“, „entschlossen“, „engagiert“, „eine Schwester unter uns“. „Sie war zutiefst und aufrichtig menschlich, nicht nur eine Journalistin“, sagt Baraa Lafi, 30, ihre beste Freundin, Mitbewohnerin und Journalistenkollegin, die bei dem Angriff auf das Krankenhaus ebenfalls verletzt wurde. „Bei jeder Geschichte, die Mariam filmte, spürte sie den Schmerz der Menschen, die sie durchlebten“, fährt die schwedisch-palästinensische Journalistin fort, der es schwerfällt, an diesen Tag zurückzudenken.

Auf den Aufnahmen von Mariams auf dem Boden liegendem Körper ist Baraa zu sehen, wie sie neben Mariam kniet, den Kopf nach hinten geneigt, an eine Wand neben ihr gelehnt, versunken in einer alles überwältigenden, unfassbaren Trauer.

Mariam begann 2016 nach ihrem Abschluss in Journalismus und Medienwissenschaften als Fotografin zu arbeiten. Wie sie selbst sagt, spielte sie schon als Kind mit Spielzeugkameras und tat so, als würde sie echte Fotos machen. Sie hatte über zahlreiche Kriege und Krisen berichtet: Etwa zur Zeit des Gaza-Konflikts 2021 begann sie, für „Independent Arabia“ zu arbeiten, neben ihrer Tätigkeit für die Associated Press und Ärzte ohne Grenzen (MSF). Als Israel nach den tödlichen Angriffen militanter Hamas-Kämpfer am 7. Oktober 2023 die bisher schwersten Bombardements auf den Gazastreifen entfesselte, beschloss sie, vor Ort zu bleiben und weiterhin über die israelischen Vergeltungsmaßnahmen zu berichten, die so intensiv waren, dass eine UN-Untersuchungskommission zu dem Schluss kam, es handelt sich um Völkermord. Sie arbeitete unbeirrt weiter, obwohl das Komitee zum Schutz von Journalisten (CPJ) davor warnte, dass der Gazastreifen einer der gefährlichsten Orte der Welt für Journalist*innen sei und dass Israel mehr Medienmitarbeiter*innen getötet habe als jede andere Nation seit Beginn der Aufzeichnungen. (Israel bestreitet, gezielt gegen Journalist*innen vorzugehen, und hat die Vorwürfe des Völkermords zurückgewiesen.)

Sie arbeitete eng mit ihrem Bruder Siddiq zusammen, der sie begleitete und oft Aufnahmen für ihre Berichte machte. „Was auch immer passierte – man fand sie immer als Erste vor Ort. Mit ihrer Energie und ihrem Tatendrang war sie schon da, bevor das Ereignis überhaupt begann; niemand konnte ihr zuvorkommen“, sagt er.

Mariam war auch in den sozialen Medien sehr aktiv; viele ihrer Beiträge drehten sich um Kinder und ihre untröstlichen Mütter, die die verschiedenen Phasen der Trauer durchlebten. Auch sie brachte ihre eigene Perspektive ein, da sie selbst Vertreibung, Hunger und Bombenangriffe erlebt hatte. „Die Tage sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Das ist die Realität, in der wir leben“, sagt sie in einem auf Facebook geposteten Reel, während sie durch eine zerstörte Straße geht.

Mariam hätte mit ihrem Sohn einen Weg aus dem Gazastreifen finden können, entschied sich jedoch dafür, zu bleiben, um ihre Eltern zu unterstützen. Sie pflegte ihre geliebte Mutter, die an Krebs litt und im Mai 2024 inmitten zahlreicher Vertreibungen und beispielloser Bombardements starb, da es kaum Behandlungsmöglichkeiten oder Medikamente gab.

Im Jahr 2015 hatte Mariam ihrem kranken Vater Riyad Abu Dagga eine Niere gespendet. In seiner Trauer sagt er, sein einziger kleiner Trost sei, dass sie buchstäblich „immer bei mir bleibt“.

Mohamed Abu Shahma, ein weiterer palästinensischer Journalist, der wie Mariam aus Khan Yunis stammte, sagt, einer der Gründe, warum sie in Gaza blieb, sei gewesen, während der Hungersnot Essen und Wasser für ihren Vater zu beschaffen, da er besondere Pflege und Ernährung benötigte. Mariam habe immer andere und ihre Arbeit an erste Stelle gesetzt, fügt Baraa hinzu. Es gab mehrere Gelegenheiten, bei denen Mariam ihr letztes Stück Brot teilte, damit Baraa nicht hungern musste. Einmal versuchte Mariam um Mitternacht ganz allein, Baraa und ihre Familie zu retten, als sie in der südlichen Stadt Rafah unter Belagerung und heftigen Bombardements festsaßen. „Sie unterbrach oft die Dreharbeiten, um die Kinder zu trösten“, erzählt Baraa.

Doch dieses Leid forderte seinen Tribut.

„Meine Mutter zu verlieren, war das Schwerste. Danach hat sich mein Leben komplett verändert, es gab kein Leben mehr, wie ich es kannte“, sagt Mariam in ihrem Interview mit Filastiniyat, gekleidet in ihre blaue Presse-Schutzweste, auf Trümmern sitzend und sich eine Träne abwischend. „Wegen dieses Krieges musste ich meinen Sohn in die Vereinigten Arabischen Emirate schicken, was ebenfalls unglaublich schwer war. Das waren die beiden schwersten Ereignisse meines Lebens, nicht nur des Krieges, sondern meines gesamten Lebens, denn meine Existenz war an diese beiden Menschen gebunden: meinen Sohn und meine Mutter.“

Drei Tage vor ihrem Tod schickte sie eine verzweifelte Nachricht an Hadi Torfi, stellvertretender Chefredakteur bei Independent Arabia, in der sie schrieb, sie befürchte, erneut vertrieben zu werden. Angesichts eines gut dokumentierten Musters, nach dem Israel große medizinische Zentren, von denen es behauptet, sie würden von Militanten genutzt, einkreist, bombardiert und belagert, gab es Befürchtungen, dass das Nasser-Krankenhaus als Nächstes an der Reihe sein könnte. Während sie spricht, wird deutlich, dass sie krank ist: Die Sprachnachricht wird von tiefem, kehlendem Husten unterbrochen. „Uns wurde gesagt, wir sollen fliehen“, sagt sie und fragt Hadi, ob man sie zu ihrer Sicherheit weiterhin im Auge behält. „Wenn ich eine Unterkunft in Al-Mawasi finde, werde ich es dir Bescheid geben, denn bis jetzt weiß ich nicht, wohin ich gehen soll … Ich kann nirgendwo hingehen.“

Doch sie hörte nie auf zu arbeiten. Etwa zur gleichen Zeit schickte sie auch eine Nachricht an Mohamad Ghandour, einen der anderen Redakteure bei „Independent Arabia“, der sich mit Mariam verbunden fühlte, da auch sein Elternhaus im Südlibanon – er ist libanesischer Staatsbürger – von Israel zerstört worden war. „Sie wurde mit einer Kamera in der Hand geboren“, sagt er und fügt hinzu, dass sie Mühe hatte, ihre Rollen als Reporterin, Mutter und Betroffene miteinander zu vereinbaren.

Gegen Ende fühlte sich Mariam „vom Tod umzingelt“, berichten ihre Freund*innen. Der bekannte palästinensische Journalist Anas al-Sharif, der für Al Jazeera arbeitete, war nur wenige Wochen zuvor bei einem gezielten israelischen Mordanschlag auf sein Zelt im Al-Shifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt getötet worden. Wie so viele palästinensische Journalist*innen verfasste sie mehrere Testamente für den Fall, dass das Schlimmste eintreten sollte, darunter eines für ihren Sohn, in dem sie ihn eindringlich aufforderte, sein Leben zu meistern, einen erfolgreichen Beruf zu ergreifen und nicht zu weinen, sollte das Schlimmste geschehen. Ihr letzter posthumer Wunsch an ihren geliebten Sohn war, dass, sollte er einmal eine Tochter bekommen, diese Mariam heißen solle.

Sie hinterließ ihre Testamente bei Baraa, dem die schreckliche Aufgabe zukam, sie zu überbringen.

Mariam hatte Momente, in denen sie sich untröstlich niedergeschlagen fühlte, und gab mehr als einmal zu, dass sie „die Kamera am liebsten wegwerfen“ wollte. Sie hatte das Gefühl, dass sie einen Völkermord in Echtzeit dokumentierten, während die Welt nur mit den Schultern zuckte. Doch wie immer gab sie niemals auf.

„Die Schwierigkeiten und die Angriffe, denen wir ausgesetzt waren, haben uns trotz der Gefahr und der harten Bedingungen, unter denen wir lebten, sogar noch mehr an unseren Beruf gebunden“, sagt sie in ihrem letzten Interview – trotzig in ihrer Pressejacke inmitten der aschgrauen Trümmer. „Wir setzen unsere Berichterstattung fort, um die Botschaft an die Außenwelt zu vermitteln. Wir haben uns noch fester an diesen Beruf geklammert, unsere Liebe zu ihm ist gewachsen.“



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