Der Antisemitismus der israelischen Rechten
- 10. Juni
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Als Autorin bei „Haaretz“ wurde mir oft „Auto-Antisemitismus“ vorgeworfen. Doch wenn Rechte Linke auf dieselbe Weise angreifen, wie die Nazis über die Jüdinnen und Juden sprachen, wird dies nicht als Selbsthass angesehen. Zu unserem Entsetzen hat die weltweite Welle des Antisemitismus auch Israel nicht verschont.
Von Carolina Landsmann, Haaretz, 7. Juni 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Im Kampf der Rechten gegen die Linke gibt es kein beliebteres rhetorisches Mittel als ein Zitat von Berl Katznelson, einem der Begründer des sozialistischen Zionismus, in dem er fragt: „Gibt es ein anderes Volk auf der Erde, das emotional so verdreht ist, dass es alles, was seine Nation tut, als verabscheuungswürdig und abscheulich ansieht, während jeder Mord, jede Vergewaltigung und jeder Raub, den seine Feinde begehen, sein Herz mit Bewunderung und Ehrfurcht erfüllt?“
Auto-Antisemitismus (sich selbst hassende Jüdinnen und Juden) ist die häufigste Verleumdung, die gegen die „extreme“ Linke vorgebracht wird. Als jemand, der für Haaretz schreibt, wurde mir oft Auto-Antisemitismus vorgeworfen, ebenso wie anderen Autor*innen bei Haaretz und dessen Herausgeber Amos Schocken. Der Abgeordnete Ofer Cassif, ein jüdisches Mitglied der überwiegend arabischen Hadash-Partei, wird von diesen Ankläger*innen ebenfalls als Auto-Antisemit betrachtet.
Im Gegensatz dazu wird der Hass, den Rechtsgerichtete in Israel gegenüber Linken empfinden, nicht als Selbsthass wahrgenommen. Wenn Rechtsgerichtete Linke hassen, nehmen sie diese als ihrem „Selbst“ fremd wahr, als ihrem „Wir“ feindlich gesinnt. Dies gilt unabhängig davon, ob es sich um Benjamin Netanjahus ikonisches Flüstern ins Ohr des kabbalistischen Rabbiners Yitzhak Kaduri handelt, in dem er ihm sagt, die Linke habe vergessen, was es bedeutet, jüdisch zu sein, oder ob es die gängige Praxis ist, Linke als Verräter*innen zu bezeichnen. Oder die neue Frage, die am 7. Oktober aufkam – „Gehörst du zu Israel?“, womit angedeutet wird, dass die Linke nicht wirklich Teil der Nation ist. Im Hass der Rechten auf die Linken werden Letztere als fremd und der kollektiven Identität feindlich gegenüberstehend angesehen.
Bei der Untersuchung des Diskurses über den Hass auf die Linke in den letzten Jahren lässt sich feststellen, dass dieser Hass mit Hass auf aschkenasische Jüdinnen und Juden vermischt ist und dass die Eigenschaften, die Linken zugeschrieben werden, mit dem übereinstimmen, was die Nazis über Jüdinnen und Juden sagten. Ähnlich wie der Hass der Rechten auf aschkenasische Linke stellte die Nazi-Propaganda Jüdinnen und Juden als eine Kraft dar, die von innen heraus daran arbeitete, die (deutsche) Nation zu korrumpieren – als entwurzelte Kosmopoliten, die der Nation gegenüber illoyal seien und universelle und liberale Werte förderten, um die (deutsche) Nationalität zu schwächen. Sie galten als unverhältnismäßig einflussreiche Eliten in den Medien, im akademischen Bereich, in der Kultur, im Bankwesen und in allen anderen Machtzentren, die ihre Macht nutzten, um die Denkweise der Menschen zu prägen und der Mehrheit ihre Werte aufzuzwingen.
Sie galten zudem als Verantwortliche für den moralischen Verfall und die Verwässerung der nationalen Identität, als Gegner des Nationalgeistes und der wahren Interessen der Nation, als Befürworter*innen der Assimilation anstelle einer reinen nationalen Identität. Wer hat das gesagt – Goebbels oder Yair Netanjahu [Sohn von Benjamin Netanjahu, Anm.]?
Es gibt zweifellos eine aktuelle weltweite Welle des Antisemitismus – doch zu unserem Entsetzen hat sie auch Israel nicht verschont. Wer verstehen will, wie der europäische Antisemitismus funktionierte, muss kein Geschichtsbuch mehr aufschlagen. Es reicht, Channel 14 einzuschalten und zuzuhören, was dort über linke aschkenasische Jüdinnen und Juden gesagt wird. Es sind dieselben Jüdinnen und Juden – oder ihre Nachkommen –, und der einzige Unterschied besteht darin, dass diesmal die Nation, die laut den Menschen, die sie hassen, „bedroht“ ist, nicht die arische, sondern die jüdische ist. Wir sehen den Wahnsinn hier live, im Fernsehen, im Land der Jüdinnen und Juden. Es ist kein Wunder, dass der Hass auf aschkenasische Linke in den sozialen Medien oft von dem Wunsch eines Kommentators begleitet wird: Schade, dass die Nazis die Sache nicht zu Ende gebracht haben.
Im Gegensatz zur Linken, die den Staat und den von ihm eingeschlagenen Kurs scharf kritisiert – was von manchen als eine Art „autoimmun“ wirkende antisemitische Mutation dargestellt wird –, seid ihr auf der rechten Seite keineswegs „autoimmun“: Ihr seid schlicht und einfach gewöhnliche Antisemiten. Ihr beherrscht die Sprache der Nazis mittlerweile fließend. Die Nazis hassten die Jüdinnen und Juden Europas, und ihr hegt denselben Hass gegenüber ihren Nachkommen in Israel.
Während wir uns fragten, ob es legitim ist, „Vergleiche“ anzustellen, haben wir die Tatsache übersehen, dass im innerjüdischen Dialog, parallel zu all den anderen Prozessen, die hier stattfinden, die Nachkommen der Verfolgten Opfer genau derselben Propaganda sind – und zwar im jüdischen Staat.
Carolina Landsmann ist Redakteurin und Kolumnistin bei Haaretz.




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