Der Mann, der in Gaza auf die „gelbe Linie“ zuging – zusammen mit seinem Sohn, den er auf dem Arm trug
- vor 6 Tagen
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Osama Al-Shafis psychischer Verfall aufgrund der Belastungen des Krieges gipfelte darin, dass er in einem geistig verwirrten Zustand auf israelische Soldaten zuging, die ihn und seinen kleinen Sohn festnahmen.
Bericht von Mohanad El-Hemrawi, Dropsite News, 11. Juli
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
FLÜCHTLINGSLAGER AL-MAGHAZI, Gazastreifen – Um Mitternacht ist Waad al-Shafi noch immer wach und sitzt auf dem Boden neben ihrem 22 Monate alten Sohn Jawad. Der Raum ist klein und durch israelische Bombardements stark beschädigt. Lange Risse ziehen sich über den Beton, und an den Ecken hängen Farbreste herunter. Das schwache Licht wirft Schatten an die Wand hinter ihr.
Sie hält ein mit kaltem Wasser angefeuchtetes Tuch in der Hand, mit dem sie Jawads Füße sanft abtupft, während er schläft. Immer wieder legt sie ihre Hand auf seine Brust und spürt seinen Atem. Jawad rührt sich, bevor er die Augen aufschlägt. Er stößt ein leises Wimmern aus, bevor die Worte bruchstückhaft aus ihm herauskommen: „Bumm. Blut. Panzer.“
Waad fragt ihn nicht, was er damit meint. Sie weiß es. Sie beugt sich zu ihm und streicht ihm mit einer Hand über das Haar, während die andere auf ihm ruht. Als seine Stimme wieder verstummt, bleibt sie so, wie sie ist, sitzt neben ihm, wach, und beobachtet, wie sich seine Brust hebt und senkt.
Jawad geht es schon seit dem 19. März so, als sein Vater, Osama Al-Shafi, sagte, er wolle seinen Sohn zum Geschäft mitnehmen, um Süßigkeiten zu kaufen. Er hob Jawad auf seine Schultern und machte sich auf den Weg. Der Laden lag im Westen, in der Nähe ihres Zuhauses im östlichen Teil des Flüchtlingslagers Al-Maghazi, nur wenige hundert Meter von der „gelben Linie“ entfernt. Als er das Haus verließ, änderte er plötzlich die Richtung und begann, nach Osten zu gehen.
Laut Waad hatte Al-Shafi bereits Anzeichen psychischer Belastung gezeigt, zermürbt von den extrem harten Lebensbedingungen und den Schrecken des genozidalen Angriffs Israels auf den Gazastreifen. Er hatte seinen kargen Lebensunterhalt mit einem Pferdewagen verdient, doch zwei Monate zuvor war das Pferd bei einem Beschuss getötet worden. Danach konnte er seine Familie nicht mehr versorgen. Die Knappheit an Lebensmitteln und Grundbedarfsgütern verschärfte sich drastisch.
Al-Shafis Vater, Mohammad, sagt, seine psychische Verschlechterung sei etwa anderthalb Monate nach dem Tod des Pferdes sichtbar geworden. Al-Shafi zerschlug die Fenster des Hauses und zertrümmerte die Möbel. Er geriet in Auseinandersetzungen mit den Nachbarn und zeitweise sogar mit seiner eigenen Familie. Die Familie hatte versucht, eine Behandlung für ihn zu finden. Mohammad sagte, er sei sich sicher, dass Al-Shafi sich nicht bewusst war, was er tat.
An jenem Morgen im März ging Al-Shafi mit Jawad auf den Schultern nach Osten in Richtung der „gelben Linie“, an der israelische Streitkräfte stationiert sind und die nur 500 Meter von ihrem Zuhause entfernt lag. Als er sich näherte, eröffneten israelische Streitkräfte in der Gegend das Feuer auf sie. Keine der Kugeln traf ihn, doch er kehrte nicht um. Nachbar*innen berichteten später, dass Osama sich von den Schüssen nicht beirren ließ, nicht weglief und keinen Schutz suchte – dass er offenbar nicht ganz begriff, was vor sich ging. Er ging einfach weiter in Richtung Osten auf die israelischen Truppen zu, als könne er weder hören noch sehen, was vor ihm geschah.
„Ich habe versucht, zu ihm zu gelangen“, sagt Mohammed, „aber die Leute hielten mich zurück, damit mir nichts zustößt, denn die Besatzer töten jeden, der sich nähert.“ Also stand Mohammed da, unfähig, sich zu bewegen, und sah voller Entsetzen zu, wie sein Sohn seinen Enkelsohn trug und ruhig auf das zuging, was wie ihr Ende aussah.
Waad hörte Schüsse, dann näherte sich ein kleiner Quadcopter. Über einen Lautsprecher befahl er Al-Shafi, sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen und auch Jawad, der noch keine zwei Jahre alt war, die Kleidung auszuziehen. Vier Soldaten näherten sich daraufhin und umzingelten sie. Sie befahlen Al-Shafi, das Kind auf den Boden zu legen und sich langsam auf sie zuzubewegen.
Laut Waad wurde Al-Shafi von seinem Sohn getrennt und festgehalten, während Jawad allein weggebracht wurde. Die Familie verbrachte den ganzen Tag in Angst, da Vater und Sohn ohne ein Wort von ihnen weggenommen worden waren. Um 22.00 Uhr, etwa zwölf Stunden nach dem Vorfall, kam ein Anruf vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) – israelische Truppen hatten Jawad zurückgegeben. Ein Team des IKRK traf daraufhin in der Nähe des Maghazi-Marktes ein, unweit des Wohnortes der Familie, und übergab den Säugling seiner Familie. Das IKRK teilte der Familie mit, dass Al-Shafi einen Schuss in die Schulter erhalten habe, hatte jedoch keine weiteren Informationen über seine Inhaftierung.
Waad erhielt Jawad, der in Plastikfolie eingewickelt war. Man sagte ihr, er sei vor Kälte eingeschlafen. Als sie ihn in die Arme nahm, brach er in schrilles Schreien aus. Als sie ihm die Kleidung auszog, entdeckte sie Blut, Brandspuren und Stichwunden an seinen Beinen und Knien.
Ein von Drop Site eingesehenes ärztliches Gutachten des Al-Aqsa-Märtyrer-Krankenhauses in Deir al-Balah besagte, dass das Kind mit einer Schwellung am rechten Knie und wiederholtem Erbrechen eingeliefert worden war, zusammen mit Schnittwunden im Bereich der Knie und tiefen Stichwunden am Unterkörper. Sein Allgemeinzustand war stabil, innere Verletzungen lagen nicht vor. Die Familie berichtet, Dr. Bisan Ahmad, die Jawad untersuchte, habe festgestellt, dass die Spuren an seinen Beinen „auf absichtliche Zigarettenverbrennungen hindeuten, die als Form körperlicher Folter eingesetzt wurden“.
Die Ärzte behandelten Jawads körperliche Wunden, doch der psychische Schaden durch den Vorfall reicht viel tiefer. Sein Vater war vom Krieg gebrochen und hatte seinen Sohn zu den Soldaten getragen. Überall in Gaza zerstört der Krieg viele Erwachsene und die Kinder, die sie eigentlich beschützen sollten.
Über 73.000 Palästinenser*innen wurden in Israels Krieg gegen den Gazastreifen getötet, darunter über 1.000 seit Inkrafttreten eines sogenannten Waffenstillstands im Oktober 2025. Mehr als 173.000 wurden verwundet, davon über 3.400 seit dem „Waffenstillstand“. Tausende Palästinenser*innen wurden in Gaza willkürlich festgenommen und ohne Anklage oder Gerichtsverfahren in israelischen Gefangenenlagern festgehalten, wo sie systematischen Misshandlungen und Folter ausgesetzt waren [und sind, Anm.].
In einem Bericht mit dem Titel „Folter und Völkermord“ warnt die UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, dass die Folter palästinensischer Häftlinge durch Israel „auf kollektive Rache und zerstörerische Absichten hindeutet“. Was Jawad widerfahren ist, fügt sich in dieses übergeordnete Muster ein: die Verwandlung eines ganzen Gebiets in einen Ort der kollektiven Bestrafung.
Mohammed Al-Kurd ist Berater für psychosoziale Unterstützung in Gaza und Psychologe mit den Schwerpunkten Schutz, Rehabilitation und Wiedereingliederung. Seit Jahren bringt ihn diese Arbeit in Kontakt mit Kindern, Frauen, vertriebenen Familien, Verwundeten und Menschen, die ein Trauma mit sich tragen, das sie nicht loswerden können. Al-Kurd sagte, um Al-Shafis Fall zu verstehen, müsse man das Gesamtbild erfassen: die Verluste, die zuvor geschahen, den täglichen Kampf ums Überleben, die Angst, die niemals nachlässt, und dann einen plötzlichen Schlag. Oft, so merkte er an, seien psychische Zusammenbrüche die Folge einer Anhäufung anhaltender Traumata – der Moment, in dem sich alles, was sich in einem Menschen angestaut hat, schließlich zeigt.
Al-Shafi ging weiter in östliche Richtung, der Gefahr entgegen, ohne die Schüsse um ihn herum oder die Stimmen zu hören, die ihn anflehten, umzukehren. Wenn die Erschöpfung eines Menschen den Punkt überschreitet, den er ertragen kann, greift der Verstand möglicherweise auf einen psychologischen Abwehrmechanismus zurück, der als Dissoziation bekannt ist, als wolle er sich vor mehr schützen, als er verkraften kann. In diesem Zustand kann sich ein Mensch von der Realität, von seinen eigenen Gefühlen und von jeglichem Zeit- und Ortsgefühl losgelöst fühlen. Der Körper bleibt präsent. Das Bewusstsein jedoch nicht.
Al-Kurd sagte, ein Moment wie der von Al-Shafi könne nicht losgelöst von allem, was ihm vorausging, betrachtet werden. Unter anhaltender Bedrohung beginne der Verstand, das Leben selbst als einen endlosen Notzustand zu betrachten, in der Abwehr einer Gefahr, die niemals nachlässt. Mit der Zeit zehrt dies an einem Menschen auf eine Weise, die über die Angst hinausgeht. Die Konzentration lässt nach. Das Gedächtnis versagt. Bei manchen beginnt das Gefühl, dass das Leben noch einen Sinn hat, zu schwinden. Das war der Verlauf, den Al-Shafis Vater beschrieben hatte. Sein Spaziergang an jenem Morgen war nicht losgelöst von diesem Zerfall. Er war dessen endgültiger Höhepunkt.
Auch Jawad ist nun zutiefst traumatisiert. Die Worte kommen gebrochen aus seinem Mund. Er wacht nachts voller Angst auf. Er versinkt nicht in den tiefen Schlaf eines Kindes. Al-Kurd sagte, ein so kleines Kind habe vielleicht noch nicht die Worte für das, was ihm widerfahren ist, aber es speichert es in seinem Körper und in seinem emotionalen Gedächtnis. Starke, wiederholte Angst hält das Gehirn eines Kindes in einem ständigen Alarmzustand, bis der Schlaf selbst, der eigentlich ein Zufluchtsort sein sollte, zu einer weiteren Bedrohung wird.
Jawads unruhige Nächte sind kein Einzelfall. Eine Studie des in Gaza ansässigen Community Training Centre for Crisis Management, die mit Unterstützung der War Child Alliance durchgeführt wurde, stellte Jawads nächtlichen Schrecken in einen größeren Zusammenhang. Unter den untersuchten Kindern litten etwa 79 % unter anhaltenden Albträumen.
Al-Kurd sagte, Fachleute würden mittlerweile eher von „kontinuierlichem Trauma“ als von „Posttrauma“ sprechen, da „Post“ voraussetze, dass das Ereignis beendet sei – was in Gaza jedoch nicht der Fall ist. Wenn Jawad nachts schreit, erinnert er sich nicht an das, was ihm in der Vergangenheit widerfahren ist, sondern reagiert damit auf eine andauernde traumatische Erfahrung.
Seit der Nacht seiner Rückkehr schläft Jawad nur noch in kurzen, unterbrochenen Abschnitten. Seine Mutter sitzt die langen Stunden über an seiner Seite, legt ihm kühle Kompressen auf die Stirn, reibt Salbe in die Verbrennungen an seinen Füßen ein und wartet darauf, dass er zur Ruhe kommt. Der Vater, der eigentlich bei ihnen sein sollte, befindet sich immer noch in Haft, sein Schicksal ist unbekannt.
Mohammed sagte, der schwerste Moment war, als sein Enkelsohn Jawad ein Bild in einem Kalender an der Wand betrachtete – einen Olivenbaum unter freiem Himmel – und zu ihm sagte: „Hier hat die Armee auf uns geschossen.“ Der Junge hatte das Bild mit dem verbunden, was er erlebt hatte. Der Kalender war zu einem Fenster zu jenem Morgen geworden. Er griff nicht nach einer Erinnerung. Er wies auf etwas hin, das noch immer in ihm war.
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23. März 2026



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