Der Zionismus ist nicht auf dem falschen Weg gelandet, er war von Anfang an so konzipiert - Eine Replik von Gideon Levy auf Omer Bartov
- vor 4 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Der Zionismus beruht im Grunde auf dem Glauben an die Vorherrschaft der Jüdinnen und Juden zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer, und genau wie jede andere Ideologie, die von rassischer, nationaler oder religiöser Vorherrschaft ausgeht, ist er unrechtmäßig.
Eine Replik von Gideon Levy auf das Haaretz-Interview mit Omer Bartov (siehe Übersetzung), Haaretz, 6. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Es ist nicht einfach, Israeli und Antizionist*in zu sein. Es ist fast unmöglich. Diese Kombination wird in Israel als Verrat, als Ketzerei und als völlig illegitim angesehen. Das ist schon seit den guten alten Zeiten der Mapai-Ära so, lange vor den dunklen Tagen von Benjamin Netanjahu und Itamar Ben-Gvir.
Seit der Sowjetunion gab es keinen anderen Staat mehr mit einer derart ausgrenzenden und räuberischen Ideologie, einer Ideologie, die jegliche Zweifel oder Ablehnung verbot, wie der zionistische Staat Israel. Nicht einmal ein antizionistischer Exilant zu sein ist einfach, erst recht nicht für einen Prinzen der zionistischen Aristokratie.
Omer Bartov ist ein renommierter israelisch-amerikanischer Historiker, Völkermordforscher und Experte für den Holocaust, der an der Brown University in Providence, Rhode Island, lehrt. Nach zweijähriger Überlegung kam Bartov zu dem Schluss, dass Israel im Gazastreifen tatsächlich einen Völkermord begangen hat. Er veröffentlichte in der „New York Times“ zwei Gastkommentare, in denen er seine Auseinandersetzung mit dem Begriff des Völkermords schilderte und damit weltweit Reaktionen auslöste. Eines der Bücher seines Vaters, des Autors und Journalisten Hanoch Bartov, trägt den Titel „Ligdol Ulikhtov Be'Eretz Yisrael“ („Aufwachsen und Schreiben im Land Israel“). Omer Bartovs jüngstes Buch heißt „Israel: What Went Wrong?“ – die gesamte Entwicklung, kurz und bündig.
Anlässlich der Veröffentlichung des Buches gab Bartov der Zeitung „Haaretz“ ein Interview, in dem er sich beeilte zu erklären, er sei kein Antizionist – so schmerzhaft und schwer fällt ihm ein solches Eingeständnis. „Ich bin in einem zionistischen Elternhaus aufgewachsen. Für mich war es selbstverständlich, dass Israel mein Zuhause war“, sagte er, um zu erklären, warum er kein „Anti“ sei. Doch er hat dieses Zuhause vor Jahrzehnten verlassen, und seine Äußerungen lassen einen über seine Bedenken oder vielleicht seine Scham nachdenken, zuzugeben, dass er Antizionist ist – was offenbar immer noch keine Legitimität besitzt.
Bartov sagt, der Zionismus sei zum Untergang verurteilt, Israel könne unter dieser Ideologie nicht als normaler Staat bestehen, und wenn der Zionismus zu einem Völkermord in Gaza führen könne, könne er als Ideologie nicht länger Bestand haben. Es fällt schwer, Behauptungen zu finden, die mutiger und zutreffender – oder antizionistischer – sind als diese.
Wenn dem nun so ist, warum zögert Bartov dann, sich selbst als Antizionisten zu bezeichnen? Es gibt keinen besseren Beweis dafür als diesen für die Indoktrination, die tief in den Herzen jedes Juden und jeder Jüdin verankert ist, der oder die hier aufgewachsen ist. Ein im Exil lebender israelischer Intellektueller, ein kritischer und scharfsinniger noch dazu, wagt es nicht, sich selbst als Antizionisten zu bezeichnen, obwohl seine Argumente belegen, dass er einer ist.
Es ist unerlässlich, dieses Tabu zu brechen. Ein Israeli, selbst ein Israeli im Exil, darf Antizionist sein und dennoch legitim bleiben. Der Zionismus ist eine Ideologie, die wie jede andere Ideologie hinterfragt werden kann. Ihr liegt der Glaube an die jüdische Vorherrschaft zwischen dem Jordan und dem Mittelmeer zugrunde, und genau wie jede andere Ideologie, die sich auf rassische, nationale oder religiöse Vorherrschaft stützt, ist sie illegitim.
Bartovs Ansatz unterscheidet sich von den antizionistischen Strömungen, die derzeit weltweit aufblühen. Er ist überzeugt, dass in dem einst so reinen und unschuldigen Land, das ihm einst gehörte, etwas schiefgelaufen ist und dass sich in der reinen zionistischen Ideologie etwas verdreht hat. Es gab eine Ideologie, die zur Gründung eines hochmoralischen Staates führte, und plötzlich lief etwas schief. Diese Aussage mag vielleicht die Qualen von Bartovs schmerzhaftem Abschied vom Zionismus lindern, aber es ist zweifelhaft, ob sie der Wahrheit entspricht.
Bartov sagt, er glaube nicht an eine Geschichte, bei der man am Ende sagt: „Wir wussten doch schon immer, dass es so kommen würde.“ Aber so hat es schließlich angefangen. Die weitere Entwicklung war nicht unvermeidlich, doch damit es anders gekommen wäre, hätte es eine Korrektur gebraucht, und die ist nie eingetreten. Der Zionismus kehrte der einheimischen Bevölkerung den Rücken zu, die seit den Anfängen in Palästina lebte – schon seit den Tagen der „Eroberung der Arbeit“, als Jüdinnen und Juden dazu aufgerufen wurden, in der Landwirtschaft und Industrie zu arbeiten – der ersten zionistischen Enteignung. Lange vor den arabischen Unruhen von 1929 und dem Holocaust strebte die Bewegung danach, die lokale Bevölkerung zu enteignen und zu vertreiben.
Damals wie heute; Yigal Allon ebenso wie Bezalel Smotrich. Das war der Anfang, und er war von Anfang an befleckt. Bartov, der Zionismus hat sich nicht zu etwas anderem gewandelt; er war schon immer so. Ich wünschte, er wäre anders geworden. Vielleicht ist es noch nicht zu spät.




Kommentare