Die durch Israels Zerstörung des Gazastreifens verursachte Schädlingsplage führt nun zu einer Katastrophe für die öffentliche Gesundheit
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In diesem Jahr wurden im Gazastreifen mehr als 70.000 Infektionen registriert, da Ratten Kinder im Schlaf beißen und Hautkrankheiten diejenigen töten, die keine Behandlung im Ausland erhalten können. Gesundheitsbehörden sagen, dass ein Ausbruch der Pest keine ferne Möglichkeit mehr ist.
Von Tareq S. Hajjaj, Mondoweiss, 8.Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Anfang April wachte Enshrah Hajjaj, eine 61-jährige Frau mit Diabetes, in ihrem Zelt in Gaza-Stadt auf und stellte fest, dass ihre Zehen bluteten. Da sie sich nicht erklären konnte, woher die Blutung kam, versorgte sie die Wunde selbst in ihrem Zelt im Beisein ihrer Familie und ging ihren täglichen Aufgaben nach. Eine Woche später wachte sie erneut auf und stellte fest, dass ihre Zehen immer noch bluteten – doch diesmal fehlte die Hälfte von ihnen. Sie begann zu schreien, und ihre Familie brachte sie eilig ins Krankenhaus, wo die Ärzt*innen ihr sagten, dass Ratten sich durch ihre Zehen gefressen hatten, während sie schlief. Als Diabetikerin hatte sie einen Großteil des Gefühls in ihren Füßen verloren – eine häufige Komplikation der Krankheit – und nichts gespürt.
Enshrahs Fall ist bei weitem kein Einzelfall. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza sind vier Vertriebene an Hautkrankheiten gestorben, die in direktem Zusammenhang mit der Rattenplage stehen, obwohl das Ministerium die spezifischen Krankheiten in den einzelnen Fällen nicht bestätigen konnte, da die für die Tests erforderlichen Labormaterialien fehlten.
Nisreen Kilab, Leiterin der Abteilung für Umweltgesundheit im Gesundheitsministerium, erklärte, die bei mehreren Patient*innen beobachteten Symptome deuteten auf ein Virus hin, das durch Nagetierkot und -bisse übertragen werde und in manchen Fällen tödlich verlaufen könne. „Wir hatten den Verdacht auf mehrere Leptospirose-Infektionen, doch leider konnten diese Fälle aufgrund fehlender Mittel nicht durch Labortests bestätigt werden“, sberichtet sie gegenüber Mondoweiss. Kilab erklärte zudem, die sich in Gaza ausbreitenden Hautkrankheiten seien auf Bisse von Insekten, Flöhen und Nagetieren zurückzuführen, und warnte, dass sich der Ausbruch ohne dringende Maßnahmen nur noch weiter verschlimmern werde.
Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden im Jahr 2026 in Gaza mehr als 70.000 Fälle von Infektionen durch Ektoparasiten gemeldet [d.h. Schmarotzer, die auf der äußeren Körperoberfläche (Haut, Haare, Federn) von Menschen und Tieren leben und sich von Blut, Hautschuppen oder Gewebeflüssigkeit ernähren. Wichtige Vertreter sind Zecken, Flöhe, Läuse und Milben, die oft Juckreiz verursachen und Krankheiten übertragen können. Sie können permanent oder temporär auf dem Wirt leben, Anm.], während über 80 % der Flüchtlingslager wiederkehrende Nagetier- und Schädlingsbefall sowie Hauterkrankungen wie Krätze und Läuse meldeten. Der Vertreter der WHO bezeichnete dies als „die bedauerliche, aber vorhersehbare Folge, wenn Menschen in einem zusammengebrochenen Lebensumfeld leben“.
Enshrah Hajjaj lebt nun in ständiger Angst, besonders nachts. „Wenn ich schlafe, wache ich immer wieder auf“, erzählt sie Mondoweiss. „Seit diesem Vorfall habe ich keine einzige ruhige Nacht mehr erlebt. Ich spüre meine Füße nicht mehr, und die Hälfte meines Fußes ist taub, deshalb habe ich Angst, eines Tages aufzuwachen und festzustellen, dass Nagetiere meinen ganzen Fuß abgefressen haben, ohne dass ich es bemerkt habe.“
Die Bedingungen rund um Enshrahs Zelt und in den Zeltlagern im Gazastreifen wurden von Gesundheitsbehörden als besonders förderlich für die Ausbreitung von Nagetierbefall beschrieben, da sich nur wenige hundert Meter von den Vertriebenenlagern entfernt Müllberge zu kleinen Hügeln auftürmen. Die Lager selbst liegen inmitten von Abwasserlachen und Schlamm.
„Zunächst sammelten sich Schutt und Trümmer an, später dann Müll in der Nähe der Vertriebenenlager“, so Kilab. „Mehr als 90 % der Bevölkerung Gazas sind vertrieben und leben in Zelten, was zu einem erschreckenden Anstieg der Bevölkerungsdichte geführt hat – und eine hohe Bevölkerungsdichte bedeutet eine schnellere Ausbreitung von Krankheiten.“ Kilab berichtet zudem, dass die 40 Millionen Tonnen an angesammeltem Müll in ganz Gaza die Lage noch verschlimmert hätten. „Diese Bedingungen sind ein idealer Nährboden für Epidemien“, erklärt sie.
Wenn eine Hautkrankheit zum Todesurteil wird
An einer Hautkrankheit in Gaza zu erkranken, kann mittlerweile lebensbedrohlich sein, während den örtlichen Krankenhäusern die Mittel zur Diagnose fehlen. Patient*innen, die eine spezialisierte Behandlung im Ausland benötigen, können das Gebiet nicht verlassen, da Ausreisegenehmigungen für medizinische Reisen unerreichbar bleiben – und dies trotz der eigentlichen Verpflichtung Israels, medizinische Evakuierungen und den allgemeinen Reiseverkehr über den Grenzübergang Rafah im Rahmen des von den USA vermittelten Waffenstillstands mit der Hamas zu erleichtern.
Im vergangenen Februar starb Muhammad Dhiban an einer Hautkrankheit, die die Ärzt*innen in Gaza nicht identifizieren konnten. Die Krankheit schädigte seine Nieren und griff auf sein Gehirn über, was zu einer Meningitis führte. Er konnte nicht zur Behandlung ausreisen und starb in Gaza. Im April starb Ibrahim Abu Aram an einer schweren Hauterkrankung mit Blasenbildung, die seinen Körper mit offenen Wunden bedeckte. Nach Angaben seiner Familie hatte sich die Infektion auf sein Gehirn ausgebreitet. Monatelang appellierten beide Männer und ihre Familien an die Entscheidungsträger, ihnen die Ausreise aus Gaza zur Behandlung zu gestatten, doch es kam keine Antwort.
Dhiban und Abu Aram starben wahrscheinlich an einer der zahlreichen Krankheiten, die sich derzeit unter den Vertriebenen ausbreiten. „Es gibt mehrere durch Nagetiere übertragene Krankheiten wie das Lassa-Fieber, Typhus und Salmonellen, die wahrscheinlich den Großteil der Infektionen ausmachen, die wir beobachten“, so Kilab. „Sie werden alle durch Nagetiere, Insekten und deren Ausscheidungen übertragen.“ Sie warnt, dass Gaza mit einem Ausbruch der Pest rechnen müsse, sollte es den Gesundheitseinrichtungen nicht gelingen, die Epidemie einzudämmen – eine Möglichkeit, die ihrer Meinung nach nicht mehr fern sei.
Abdel Qader al-Basyouni, Vater von vier Kindern, berichtet Mondoweiss, er habe nun Angst um sein jüngstes Kind, das kürzlich nachts im Schlaf von einer Ratte gebissen wurde. Das Kind entwickelte Fieber und Komplikationen, die die Familie als schwerwiegend beschrieb. Al-Basyouni sagt, was die Palästinenser*innen in den Zelten erdulden müssen, sei etwas, das noch niemand in Gaza je zuvor erlebt habe. Früher drangen Ratten selten in Häuser ein, und es war äußerst ungewöhnlich, von einem Rattenbiss zu hören. „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie davon gehört, dass eine Ratte einen Menschen angegriffen und gebissen hat“, sagt er. „Nicht bis nach diesem Krieg.“
Seine Frau, Yasmin al-Basyouni, sagt, der Müll höre nie auf, sich anzuhäufen. Genauso wenig wie die Bombardierungen oder die weitere Anhäufung von Trümmern. Unterdessen können die Maßnahmen zur Abfallsammlung und Säuberung mit der Geschwindigkeit, in der der Müll anfällt, nicht Schritt halten. „Was erwartet uns also?“, fragt sie. „Was erwartet unsere Kinder in den Zelten im Sommer, wenn sich Nagetiere und Insekten noch stärker ausbreiten? Wartet der Tod auf uns? Wartet die Pest auf uns?“ Die Lage sei so verzweifelt geworden, sagt sie, dass sie sich nur noch fragen könnten, ob ihre Kinder an Bomben oder an Nagetierbissen sterben würden. „Sind Ratten jetzt auch unser Feind?“, fügt sie hinzu.
Tareq S. Hajjaj ist Gaza-Korrespondent für Mondoweiss und Mitglied des Palästinensischen Schriftstellerverbandes.




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