Die Einsamkeit der Verschonten
- vor 7 Tagen
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Von Haya Abu Shammala, Arablit (A magazine of Arabic literature in translation), 12. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Bevor ich in einer Privatklinik in Gaza zur Welt kam, hatte meine Familie bereits ein ganzes Jahrzehnt im „Anderswo“ verbracht. Zehn Jahre des Werdens, voller Geschichten mit Anfang, Mitte und Pointe, in denen ich nicht einmal eine entfernte Fußnote war. Als ich auf die Welt kam, waren diese Jahre im Ausland bereits zu Legenden erstarrt. Während meiner Kindheit und Jugend beschworen meine Eltern und Geschwister diese gemeinsame Vergangenheit beiläufig herauf: Nachbar*innen aus vergessenen Winkeln der Welt, Schulfreund*innen mit unaussprechlichen Namen und Unfälle – sowohl katastrophale als auch urkomische –, die als private Liturgie der Familie dienten. Und da saß ich dann, klein, mit großen Augen und insgeheim gekränkt, dass ich diese glamouröse Vorgeschichte meiner eigenen Existenz verpasst hatte. Jede Anekdote war eine verschlossene Tür; jedes Lachen war eine Sprache, die ich noch nicht sprach.
Meine Eifersucht war von der dramatischen Art, wie sie nur Kinder perfektionieren können. Ich starrte sie mit der ganzen verletzten Würde einer sechsjährigen Philosophin an, die vom Schicksal betrogen worden war, überzeugt davon, dass mir etwas Grundlegendes vorenthalten worden war. Ich war ein verspäteter Gast bei einer längst beendeten Feier, ein Anhang an einem fertigen Roman; zwar in den Buchrücken eingebunden, aber abwesend in den Zeilen, die alle zitierten.
Doch eine weitaus schwerere und brutalere Distanz lauerte bereits. Es würde eine Zeit kommen, in der sich zwischen uns eine sprachliche Barriere auftürmen würde, die weit höher war als die, die aus fremden Namen und alten Anekdoten bestand. Nicht die milde Ausgrenzung, eine Geschichte zu verpassen, sondern das härtere Exil, aus einer Realität ausgesperrt zu sein, die jeden in ihrem Inneren verzerrt.
Im Jahr 2021 verließ ich Gaza, um zu studieren, in der Überzeugung, dass diese Entfernung lediglich eine physische Unannehmlichkeit und keine seelische Entfremdung darstellen würde. Doch jedes Mal, wenn israelische Bomben mein Zuhause trafen, bildete sich in mir ein Haarriss, ein subtiler Bruch zwischen dem Ort, an dem mein Körper stand, und dem Ort, an dem mein Herz lebte. Als sich der Völkermord von 2023 von Wochen zu Monaten und von Monaten zu Jahren hinzog, vertieften und vermehrten sich diese Brüche und durchzogen mein Zugehörigkeitsgefühl wie ein Spinnennetz, bis es sich anfühlte, als könnten ganze Teile abbrechen.
Zunächst war diese Erosion noch offensichtlich erkennbar. Sie stand geschrieben in den ausgehöhlten Gesichtern, die durch das Rauschen kurzer Videoanrufe flackerten; im vorzeitigen Ergrauen von Freund*innen, die eigentlich die strahlendste Zeit ihrer Jugend hätten erleben sollen. Gespräche wurden zu schweren, zögerlichen Angelegenheiten. Man wusste nicht mehr, was man fragen sollte, und sie wussten nicht mehr, was man überhaupt noch sagen konnte. Worte schwebten wie verwundete Vögel und zogen sich dann zurück, als schrecke die Sprache selbst vor ihrer eigenen Unzulänglichkeit zurück.
Ich bin meinem eigenen Blut fremd geworden. Meine Familie, meine Freund*innen, meine Heimatstadt – alle sprechen nun einen Dialekt, der aus dem Sand des Überlebens geformt wurde, getragen von bloßen Händen, die viel zu viel begraben haben. In der Sicherheit der Distanz schwebend, kann ich nur die schwächsten Echos ihrer Sprache erfassen, niemals das volle, erdrückende Gewicht ihrer Bedeutung. Einen Völkermord aus der Ferne mitanzusehen, die systematische Auslöschung der eigenen Heimat und des eigenen Volkes zu beobachten, Stein für Stein, Geschichte für Geschichte, bedeutet, in einem erschütternden Zwischenraum zu leben. Man driftet von dem Ort weg, von dem man stammt, kommt aber nie dort an, wo man gerade ist. Für die Daheimgebliebenen ist man ein Geist – ein Gespenst, das die Hitze der offenen Wunde nicht mehr teilt. Für die hier ist man unverständlich – ein Körper, der eine Trauer trägt, die sie nicht übersetzen können.
Die wachsende Distanz blieb nicht stumm. Sie hat sich zu einer Sprache geformt. Die Menschen in Gaza – darunter meine Lieben – sprechen nun eine Sprache, die es nicht gab, als ich ging, geprägt von Nöten, die mir erspart blieben, und Verlusten, die ich nicht erdulden musste. Ihr Wortschatz ist nicht durch Kultur oder Zeit gewachsen, sondern durch unerbittliche Entbehrung: Wörter, erfunden für endlosen Hunger, für Heilung, die in Abwesenheit von Medizin gesucht wird. Sie sprechen von einer Zeit, die sich nicht mehr entfaltet, sondern sich selbst umkreist. Sie sprechen von Orten, die aus der Geografie herausgerissen, ihrer früheren Unschuld beraubt und zu militärischen Koordinaten und Massengräbern umgestaltet wurden.
Mit jeder neuen Tragödie wirst du ein Stückchen weiter hinausgedrängt und treibst in einen endlosen, salzschweren Ozean. Losgelöst. Dein eigenes Spiegelbild ist dir fremd.
Der Völkermord in Gaza hat ein unfassbares Kapitel in der palästinensischen Geschichte geschrieben, einen Abgrund des Grauens, wie man ihn noch nie zuvor erlebt hat. Das Ausmaß der Zerstörung, der Massenmorde, der gezielten Aushungerung – all das überstieg die Grenzen der Vorstellungskraft und aller bisherigen Vorfälle. Ganze Familien wurden ausgelöscht, Glaubenssysteme erschüttert, Erinnerungen verdrängt, Gedanken auf den Kopf gestellt.
Ich wählte und wählte erneut, kämpfte mit dem Empfang und betete um eine Verbindung, die uns wieder zusammenführen würde. Doch wenn ein Anruf endlich durchkam, erstarrte ich – jeder Satz kam mir zu klein vor, jedes Wort wie eine Verletzung. Wie spricht man, wenn die Sprache von der Katastrophe überholt wurde? Wie spendet man Trost für Menschen, die noch immer im Feuer gefangen sind? Welchen Sinn hat ein dummes, hohles „Wie geht es dir?“, wenn man es zu denen sagt, die mit Wunden leben, die zu tief sind für Sprache? Welchen Wert haben Worte, wenn der Schmerz die Grammatik völlig überholt hat? Und wenn die Frage es wagt, über meine Lippen zu kommen, werden die Worte es schaffen, bevor der Anruf wieder von Stille verschluckt wird, bevor das Signal unter der Gewalt zerbricht, die sogar Gespräche in zwei Hälften zerreißt?
Eines Tages rief mein Bruder gegen Mitternacht an. Mein Herz raste so schnell, dass ich dachte, es würde versagen. Ein Anruf aus Gaza mitten in der Nacht ist niemals beiläufig; er kommt bereits mit Namen im Gepäck. Bevor ich abnahm, zogen die Gesichter all derer, die ich zu Hause liebe, in einer schweren Prozession durch meinen Kopf. Ich dachte: „Wer ist es diesmal? Und wie ist es passiert?“
Als ich abhob, waren die einzigen Worte, die mir einfielen: „Was ist passiert?“
„Uns geht es allen gut. Mach dir keine Sorgen“, erklang seine Stimme ruhig und sanft, als würde sie durch Seide gefiltert.
Er erzählte mir, dass er nicht schlafen konnte. Er war ein gutes Stück vom Zelt weggegangen und hatte einen hohen Hügel bestiegen, um nach einem Signal zu suchen, das stark genug war, um eine Verbindung herzustellen. Das Wetter, sagte er, sei schön. Er hatte Lust zu reden, Lust auf ein normales Gespräch, so wie wir es in den guten „alten“ Zeiten geführt hatten.
Ich brach zusammen.
Es war das erste Mal seit fast einem Jahr, dass ich mir erlaubte, zu weinen, während ich mit jemandem von zu Hause sprach. Seit Beginn des Völkermords hatte ich eine unsichtbare Rüstung getragen: Ich darf nicht zusammenbrechen. Ich darf keine Schwäche zeigen. Ich konnte es mir nicht leisten, zu zerbrechen, wenn alle anderen bereits zerbrochen waren.
Aber in dieser Nacht fiel die Rüstung.
Ich weinte offen und ungehemmt, während mein Bruder abwartete, nachdem er mir wiederholt versichert hatte, dass alles „in Ordnung“ sei. Zum ersten Mal seit fast zwei Jahren sprachen wir wieder wie Geschwister miteinander. Für ein paar Minuten waren wir nicht mehr zwei verwundete Soldaten, die sich durch den dichten Rauch eines Schlachtfelds zuriefen und Schadensberichte sowie Bestätigungen ihres Überlebens austauschten. Er fragte, wie sich unsere Fußballmannschaft schlug. Er fragte, welches Buch ich gerade las. Fragen, die so alltäglich waren, dass sie fast metaphysisch wirkten – Relikte aus einer Welt, in der es erlaubt war, sich um Kleinigkeiten zu sorgen.
Es traf mich, wie sehr ich es vermisse, jemandes kleine Schwester zu sein, eine Version von mir selbst zu leben, der es erlaubt war, klein zu sein, bevor die Welt mir die Erlaubnis entzog, mich anzulehnen, getragen zu werden, zu existieren, ohne ständig daran arbeiten zu müssen, mich zusammenzureißen.
Ich vermisse es, meine Mutter wegen Rezepten anzurufen, denn sie hatte kaum noch etwas zu essen. Ich vermisse es, meinen Vater um Rat für meine sterbende Pflanze zu bitten, denn sein Garten und alles andere, was er geschaffen hatte, ist bereits tot. Ich vermisse es, meine Schwestern anzurufen, um Dampf abzulassen, bevor ihr Leben zu einem Kampf ums Überleben wurde. Ich vermisse es, meine Freund*innen anzurufen, doch einige waren nicht mehr da, und andere kämpften sich völlig ausgehöhlt durch den Alltag.
Während das Licht, das nach Hause führt, in einem dichter werdenden Nebel verschwindet, ruft mich das Leben „hier“ mit grausamer Autorität zu sich. Es verlangt eine Präsenz, die ich nicht mehr besitze, eine Konzentration, die sich wie ein Verrat an den Geistern anfühlt, die ich mit mir trage, als wäre ich noch unversehrt, als wäre ich nicht in zwei Teile gespalten worden. Aber ich kann nicht bieten, was ich nicht mehr besitze. Ich gehe durch meine Tage als eine verwässerte Version meiner selbst, als eine Silhouette, die Beständigkeit vortäuscht, während mein Innerstes in einer anderen Zeitzone pulsiert, unter einem anderen Himmel, inmitten des Geruchs von Kordit und pulverisiertem Beton.
Es gibt Nachrichten, die auf Antworten warten, Fristen, die wie Geier kreisen, Miete, die eintrifft, ohne sich um die Welten zu kümmern, die in dir zusammenbrechen, Freundschaften, die Wärme erwarten, die du nicht mehr erzeugen kannst. Hier besteht das Leben auf Schwung. Dort schwebt das Leben zwischen dem Atemzug und dem Grab. Und du existierst in dem unbehaglichen Raum zwischen ihnen, führst zwei parallele Leben und scheiterst in beiden, weil keines dir die Gnade der Ganzheit gewährt.
Du bist eine Überlebende, doch dein Überleben ist eine Form permanenter Staatenlosigkeit. Du bist zu verschont, um an der unmittelbaren Qual deines Volkes teilzuhaben, aber innerlich zu sehr gezeichnet, als dass die Welt hier dich wirklich sehen könnte.
Ich finde eine eindringliche Symmetrie in der Geschichte des einsamsten Wals der Welt, eines Wesens, das durch die lichtlosen Weiten der Tiefe gleitet und mit einer Frequenz von 52 Hertz ruft. [Der 52-Hertz-Wal singt als einziger auf einer für ihn charakteristischen Frequenz von 52 Hertz. Dadurch kann er nicht mit anderen Walen kommunizieren und bewegt sich unabhängig von ihnen. Man bezeichnet ihn daher auch als „einsamsten Wal der Welt“. Die Spezies des Wals ist unbekannt; aufgrund seiner Wanderungen wird er in der Verwandtschaft von Blauwalen und Finnwalen vermutet, die auf viel tieferen Frequenzen singen, Anm.] Sein Gesang ist kein Versagen der Absicht, sondern eine Tragödie der Resonanz; er spricht in einer Tonlage, die keiner seiner Artgenossen hören kann. Er ist ein biologischer Geist, der eine perfekt artikulierte Einsamkeit ins Leere sendet. Was ich einst als Kuriosität der Naturgeschichte las, erkenne ich nun als die Architektur meines eigenen Überlebens.
Verschont zu werden bedeutet, eine unumkehrbare Neukalibrierung der Akustik der Seele zu durchlaufen. Ich bin auf eine Tonlage der Trauer gestimmt worden, für die es in der Welt der Unversehrten keine lokale Grammatik gibt. Und doch bleibe ich im Widerspruch zu dem instinktiven, zerklüfteten Dialekt derer, die im Feuer geblieben sind. Ich bin eine wandelnde Dissonanz, eine Übertragung ohne Empfänger. Ich bewege mich durch die sonnenbeschienenen Straßen des „Hier“ wie eine Fälschung, meine Stimme trägt das Gewicht einer zusammenbrechenden Geografie, die die Menschen neben mir nicht hören können. Und wenn ich zurück zum „Dort“ greife, kommen meine Worte zu bereinigt an, zu schwerelos, entblößt von dem Sand und dem Staub des Überlebens, der nun den Dialekt meines Blutes prägt.
Das ist die ontologische Steuer der Verschonten: Atem zu erhalten auf Kosten der Zugehörigkeit. Ich bin nicht länger eine Brücke zwischen zwei Welten, sondern die weite, eisige Strömung des Wassers darunter. Wie jener einsame Wanderer des gleichgültigen Blaus bin ich eine Frequenz ohne Heimat, eine Stimme, die dazu bestimmt ist, für immer über einen Ozean zu reisen, wo das Lied des Überlebenden kein Echo findet und das Ufer, an das ich mich erinnere, nicht mehr existiert, um den Klang zu empfangen.
Haya Abu Shammala ist eine palästinensische Schriftstellerin aus Gaza. Nachdem sie Gaza 2021 verlassen hatte, um ihren Master in Übersetzungswissenschaft zu absolvieren, konnte sie nach ihrem Abschluss nicht mehr zurückkehren. Sie ist fest davon überzeugt, dass das Überleben eines Volkes in den kleinsten Details seiner Geschichten liegt.




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