Die Gegenreaktion auf Enthüllungen über sexuelle Folter an palästinensischen Gefangenen zielt darauf ab, den Preis für das öffentliche Anprangern solcher Missstände zu erhöhen
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Israels Reaktion auf die jüngsten Berichte der New York Times, in denen die schreckliche sexuelle Gewalt gegen Gefangene detailliert beschrieben wird, zielt darauf ab, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die die grundlegende Tatsache der menschlichen Würde der Palästinenser*innen vertreten.
Von Yuli Novak, The Guardian, 14. Mai 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Das Schockierendste an den jüngsten Berichten über sexuelle Folter an Palästinenser*innen in israelischer Haft ist nicht nur das damit verbundene Grauen. Es ist vielmehr die Tatsache, dass sich die Maschinerie aus Missbrauch und Leugnung immer weiter verfestigt, obwohl die Beweise schon seit so langer Zeit so offensichtlich sind.
Nicholas Kristofs jüngste Berichterstattung zu diesem Thema in der New York Times hat die Öffentlichkeit deutlich auf das Problem aufmerksam gemacht. Doch Misshandlungen in israelischer Haft werden schon seit langem von ehemaligen Häftlingen, Anwält*innen, Ärzt*innen und Journalist*innen geschildert und von Menschenrechtsorganisationen dokumentiert. Seit Oktober 2023 offenbart diese Beweislage eine schreckliche Realität: Das israelische Gefängnissystem hat sich in ein kriminelles Netzwerk von Folterlagern verwandelt.
In seiner Berichterstattung dokumentierte Kristof erschütternde Aussagen palästinensischer Männer, Frauen und Kinder, die von weitverbreitetem sexuellem Missbrauch, Vergewaltigung und Demütigung durch israelische Soldat*innen, Gefängniswärter*innen, Siedler und Verhörbeamt*innen berichteten. Israels Reaktion auf die Berichterstattung folgte einem bekannten Muster: Leugnen des Missbrauchs, Angriffe auf diejenigen, die ihn dokumentieren, und Schutz des Systems, das ihn ermöglicht hat. Das Außenministerium tat den Artikel der New York Times als „Hamas-Propaganda“ ab und ging sogar so weit, zu erklären, dass Israel die New York Times verklagen werde. Andere Amtsträger und Kommentator*innen griffen auf den altbekannten Vorwurf der „Blutverleumdung“ zurück, forderten die Schließung der New York Times und taten im Großen und Ganzen alles in ihrer Macht Stehende, um nicht nur die Arbeit von Kristof – einem weltbekannten Journalisten, der über sexuellen Missbrauch in Konflikten rund um den Globus berichtet hat – zu diskreditieren, sondern auch die Arbeit all jener, die versuchen, diesen Missbrauch ans Licht zu bringen.
Bei ihrem kollektiven Wutausbruch geht es nicht nur darum, bestimmte Vorwürfe zu leugnen. Es geht darum, zu kontrollieren, was gesehen werden darf, wer gehört werden darf und wessen Leid in die Öffentlichkeit gelangen darf.
B’Tselem, die israelische Menschenrechtsorganisation, die ich leite, hat dieses System anhand von Aussagen freigelassener palästinensischer Häftlinge dokumentiert, die in verschiedenen israelischen Einrichtungen festgehalten wurden. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt werden Tausende von Palästinenser*innen in diesem System festgehalten. Ihre Aussagen offenbaren ein Regime aus gezielter sexueller Belästigung und Missbrauch, Demütigung, Gewalt, Aushungerung sowie schwerer physischer und psychischer Folter. Sexuelle Gewalt ist Teil eines umfassenderen Systems, das den Palästinenser*innen ihre Rechte und Würde verweigert und sie nicht als Menschen, sondern als Körper behandelt, die gedemütigt, gebrochen und weggeworfen werden können.
Die Berichte selbst sind ebenso übereinstimmend wie grauenhaft. In von B’Tselem gesammelten und überprüften Zeug*innenaussagen beschreiben Palästinenser*innen, die sich in israelischer Haft befinden, sexuelle Gewalt als Mittel der Folter und Unterwerfung: erzwungene Nacktheit, heftige Schläge auf die Genitalien, das Aufhetzen von Hunden auf nackte Gefangene und erzwungene anale Penetration mit Gegenständen. Tamer Qarmut beschrieb, wie ein Soldat ihn im Gefangenenlager Sde Teiman vergewaltigte: „Während der Folter vergewaltigte mich einer der Soldaten. Er schob mir einen Holzstock in den Anus, ließ ihn etwa eine Minute lang dort und zog ihn dann heraus. Dann schob er ihn wieder hinein, noch härter, und ich schrie aus voller Kehle. Nach einer Minute zog er den Stock wieder heraus, befahl mir, den Mund zu öffnen, schob mir den Stock in den Mund und zwang mich, daran zu lecken.“
Ein weiterer Zeuge berichtete: „Ich leide immer noch unter einem schweren Trauma. Sie hielten mich nackt fest, und Soldaten hetzten Hunde auf mich, die mich angriffen. Sie schlugen mich auf den Penis, banden ihn mit einer Plastikschnur ab und verursachten Schwellungen und Blutungen.“ Ibrahim Fuda, der im Negev-Gefängnis inhaftiert war, sagte aus, er habe „Häftlinge gesehen, die sexuell missbraucht wurden. Einige wurden an empfindlichen Stellen von Hunden angegriffen und mussten danach notoperiert werden. Einige Gefangene bluteten aus dem Rektum und der Harnröhre.“
Seit Oktober 2023 sind mehr als 88 palästinensische Häftlinge während ihrer Haft im israelischen Gefängnissystem gestorben – eine nach jedem Maßstab beispiellose Zahl.
Fudas Aussage ist einer von vielen Berichten, die seit langem öffentlich bekannt sind. Die israelischen Behörden und internationale Akteure können nicht glaubhaft behaupten, davon nichts zu wissen. Und dennoch gehen die Misshandlungen weiter, denn sie sind keine Abweichung vom System, sondern ein Merkmal desselben. Ein System, das auf der Leugnung der Menschlichkeit der Palästinenser*innen beruht, wird das Leid der Palästinenser*innen nicht als Beweis für ein Verbrechen betrachten.
Die Bemühungen Israels und seiner Unterstützer*innen, Berichte wie den von Kristof zu delegitimieren, beschränken sich nicht auf einen einzigen Artikel oder auf das Gefängnissystem. Israel hat in Gaza Journalist*innen in beispiellosem Ausmaß getötet, verweigert ausländischen Reporter*innen die Einreise nach Gaza und hat Gesetze genutzt, um palästinensische und arabische Medien zu schließen. Unter solchen Bedingungen wird die Arbeit derjenigen, die in der Lage sind, Informationen zu verbreiten, die der Staat lieber unterdrücken würde – Journalist*innen, Menschenrechtsorganisationen, Ärzt*innen und Anwält*innen –, immer wichtiger, um die grundlegende Tatsache zu bekräftigen, dass Palästinenser*innen Menschen sind und dass ihr Leiden nicht einfach ignoriert werden kann.
Die im Sommer 2024 in Sde Teiman, einer israelischen Militärhaftanstalt, aufgedeckten Misshandlungen waren ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie weit der Staat geht, um eine Rechenschaftspflicht für die in diesen Gefängnissen begangenen Verbrechen zu verhindern. Ein palästinensischer Häftling wurde in israelischer Haft sexuell missbraucht – ein Vorfall, der von Überwachungskameras aufgezeichnet und an die Öffentlichkeit gelangt war. Der Fall wurde zu einem nationalen Skandal, nicht wegen dessen, was ihm angetan wurde, sondern weil die Soldaten, die ihn missbraucht haben sollen, verhaftet wurden und gewalttätige Proteste zu ihren Gunsten ausbrachen. Nach einer intensiven öffentlichen und politischen Kampagne wurden die Anklagen gegen die Soldaten im März fallen gelassen, und der Generalstabschef erlaubte ihnen, in den Militärdienst zurückzukehren. Benjamin Netanjahu feierte die Entscheidung, bezeichnete den Fall als „Blutverleumdung“ und erklärte: „Der Staat Israel muss seine Feinde jagen – nicht seine heldenhaften Kämpfer.“ Die einzige Person, die wegen der Affäre bestraft wurde, war die Militärjuristin, der das Video an die Öffentlichkeit gebracht hatte.
Das ist Straffreiheit in der Praxis: Das System ist darauf ausgelegt, sich selbst und diejenigen zu schützen, die die Misshandlungen begehen.
Die Folter palästinensischer Häftlinge ist Teil eines umfassenderen israelischen Angriffs auf das Leben der Palästinenser*innen. Im Gazastreifen geht der Völkermord weiter. Im Westjordanland eskaliert die Gewalt durch das Militär und Siedlermilizen, wodurch ganze palästinensische Gemeinschaften von ihrem Land vertrieben werden. In Haftanstalten werden Palästinenser*innen systematisch gefoltert. Das Muster ist überall dasselbe: eskalierende Gewalt, die Aufhebung von Beschränkungen und die Normalisierung eines Systems, das den Palästinenser*innen jeglichen Schutz entzieht.
Die Gegenreaktion auf Kristofs Berichterstattung und die Drohungen gegen die New York Times haben die wahre Priorität Israels und seiner Verteidiger offenbart: den Preis dafür ständig zu erhöhen, Israels Verbrechen aufzudecken und sich dagegen auszusprechen. Die Frage ist nicht mehr, ob es Beweise gibt. Die Frage ist, wie lange dieses System noch weiterlaufen darf, bevor die Welt auf eine grundlegende Wahrheit reagiert, die Israel so sehr zu verwischen versucht: Palästinenser*innen sind Menschen, und ihr Leben muss geschützt werden.
Yuli Novak ist Geschäftsführer von B’Tselem.




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