Die israelische Armee gibt zu, 70.000 Palästinenser*innen in Gaza getötet zu haben. Welche weiteren Anschuldigungen könnten sich als wahr herausstellen?
- office16022
- vor 7 Tagen
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Der Streit über die Zahl der Todesopfer mag sich dem Ende nähern, aber die Debatte über ihre Identitäten dürfte noch lange weitergehen. Die israelische Öffentlichkeit muss sich fragen, was diese verspätete Anerkennung über die Glaubwürdigkeit der Armee und der Regierung hinsichtlich des Vorgehens Israels in Gaza aussagt.
Analyse von Nir Hasson, Haaretz, 29. Jänner 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Dass Israel letztendlich die vom Gesundheitsministerium in Gaza gemeldeten Todeszahlen akzeptiert hat, sollte keine Überraschung sein. Obwohl israelische Regierungsvertreter*innen die Zahlen zu Beginn des Krieges kritisch hinterfragt hatten, hat seit mehreren Monaten kein prominenter israelischer Sprecher sie mehr angezweifelt.
Die Debatte über die Glaubwürdigkeit des Gesundheitsministeriums findet fast ausschließlich in den sozialen Medien und in den israelischen Mainstream-Medien statt. Jede einzelne Regierung, jede gemeinnützige Organisation und jedeR Wissenschaftler*in, die sich mit Gaza befassen, akzeptieren die Daten des Ministeriums und halten sie für sehr zuverlässig.
Um zu verstehen, warum die Berichte des Gesundheitsministeriums zuverlässig sind, müssen wir uns zunächst fragen, ob es widersprüchliche Informationen dazu gibt – es existieren jedoch keine. Der jüngste Krieg in Gaza, der am 7. Oktober 2023 begann, ist der erste Krieg in der Geschichte Israels, in dem die israelische Armee keine offiziellen Daten zu den Opfern der gegnerischen Seite veröffentlicht hat. Das Gesundheitsministerium in Gaza veröffentlichte hingegen nicht nur die Gesamtzahl der Todesopfer, sondern stellte auch eine detaillierte Liste der meisten Toten zusammen, einschließlich ihrer vollständigen Namen, der Namen ihrer Väter und Großväter, ihrer Geburtsdaten und Ausweisnummern.
Die Liste, die Haaretz erhalten hat und in der Palästinenser*innen aufgeführt sind, die zwischen Oktober 2023 und Oktober 2025 in Gaza getötet wurden, enthält Angaben zu 68 844 Todesfällen, was 96 Prozent der vom Gesundheitsministerium angegebenen Zahl entspricht. Insgesamt enthält die Liste rund eine halbe Million überprüfbarer Informationen. Die Todesfälle, die in der Zahl erfasst sind, aber nicht vollständig in der Liste aufgeführt sind, sind nicht identifizierte Leichen oder solche, für die das Gesundheitsministerium nicht über vollständige Angaben verfügt.
Achtzig Prozent der Angaben, die das Ministerium zur Erstellung der Liste verwendet hat, stammen laut Angaben des Ministeriums von Leichenhallen in Krankenhäusern im Gazastreifen. Die übrigen Todesfälle wurden nach Meldungen ihrer Familienangehörigen in die Liste aufgenommen. Das Ministerium erklärte jedoch, dass diese Todesfälle erst nach einem rechtlichen Untersuchungsverfahren, in dem die Beweise für ihren Tod geprüft wurden, in die Liste aufgenommen wurden.
In den Monaten nach Kriegsbeginn waren die Listen des Gesundheitsministeriums noch weniger zuverlässig, und Wissenschaftler*innen fanden Fehler und Doppeleinträge. Im Laufe des letzten Jahres wurden diese Fehler jedoch behoben. Einige registrierte Namen wurden zur erneuten Überprüfung entfernt und nicht alle wieder aufgenommen.
Nach den Anpassungen wurde die Glaubwürdigkeit der Listen erheblich gesteigert, und Wissenschaftler*innen, die versuchten, sie anzufechten, fanden keine gravierenden Fehler. Einige Wissenschaftler*innen glauben, dass die Gesamtzahl der Todesopfer des Krieges – einschließlich derjenigen, die an den Folgen starben, und derjenigen, die getötet wurden und noch unter den Trümmern begraben sind – deutlich über 70 000 liegt. Tatsächlich schätzen wissenschaftliche Studien aus den letzten Monaten, dass der Krieg über hunderttausend Palästinenser*innen das Leben gekostet hat.
Die israelische Öffentlichkeit muss sich fragen, was die verspätete Anerkennung der palästinensischen Todesopferzahlen durch die israelische Armee über die Glaubwürdigkeit der Behauptungen der Armee und der Regierung hinsichtlich anderer Aspekte der Kämpfe im Gazastreifen aussagt: von den Vorschriften zum Schusswaffengebrauch über die Misshandlung palästinensischer Häftlinge, Plünderungen, die Lage von Krankenhäusern und Hamas-Einrichtungen bis hin zu den unverhältnismäßigen Zerstörungen.
Der Streit über die Zahl der Todesopfer mag sich dem Ende nähern, aber die Debatte über ihre Identitäten dürfte noch lange andauern. Die Anerkennung der Zahlen des Gesundheitsministeriums durch die israelische Armee bestätigt jedoch nur die Aussage, dass die Daten Israels über den Anteil der zivilen Opfer nicht der Realität entsprechen.
Premierminister Benjamin Netanjahu hat behauptet, dass das Verhältnis zwischen Kombattanten und Zivilist*innen 1:1 oder 1:1,5 beträgt. Die in Großbritannien ansässige gemeinnützige Organisation Action on Armed Violence veröffentlichte diese Woche eine dem widersprechende Studie, wonach auf jeden durch israelisches Feuer getöteten Kombattanten fünf Zivilist*innen kamen – was bedeutet, dass 83 Prozent aller Opfer Zivilist*innen waren.
Die Studie von Action on Armed Violence ist nur eine von vielen, die schätzen, dass die Zahl der zivilen Opfer deutlich höher war als von Israel angegeben. So wie israelische Regierungsvertreter*innen nun beginnen, die ursprünglich abgelehnte Zahl palästinensischer Todesopfer zu akzeptieren, könnten sie auch die Richtigkeit der hohen Zahl ziviler Opfer anerkennen.
Die Zahlenangaben des Gesundheitsministeriums zu akzeptieren bedeutet auch, die Echtheit seiner Namensliste anzuerkennen. Viele der zusammengetragenen Namen waren Frauen, Kinder und Säuglinge. Viele der getöteten Männer waren aller Wahrscheinlichkeit nach keine Kämpfer. In jedem Krieg machen Männer einen erheblichen Teil aller getöteten Zivilist*innen aus, und auch in Gaza gingen sie größere Risiken ein, um Lebensmittel zu beschaffen und Brennholz zu sammeln. Darüber hinaus fiel es der israelischen Armee viel leichter, sie als Militante darzustellen.
Die Anerkennung der Glaubwürdigkeit der palästinensischen Liste ist der erste Schritt, um zuzugeben, was wir in den letzten zwei Jahren in Gaza getan haben: Zehntausende Palästinenser*innen getötet, ganze Städte zerstört, fast zwei Millionen Menschen vertrieben und Hunderte zu Tode hungern lassen.
Ein genauer Blick auf die Liste offenbart das ganze Ausmaß der Gräueltaten – 17 Babys, die am Tag ihrer Geburt starben, 115, die innerhalb eines Monats starben, und 1 054, die starben, bevor sie ein Jahr alt wurden.
Die Gräueltaten werden noch dadurch verschlimmert, dass sie für viele Israelis überhaupt nicht grausam sind. Dutzende Israelis veröffentlichten unverhohlen freudige und jubelnde Kommentare zum Tod von Ayesha, einem wenige Wochen alten Baby, das an Unterkühlung starb.
Ofek Azulay schrieb, dass dies wunderbare Nachrichten seien. Arella Schreiber schrieb: „Wunderbar.“ Avshalom Weinberg schrieb: „Möge es noch viele mehr geben.“ Tzipi David schrieb: „Großartig.“ Barak Levinger fügte hinzu: „Ein kaltblütiger Tod ist angemessen für diejenigen, die kaltblütig getötet haben.“ Und diese Kommentare sind nur die Spitze des Eisbergs.
Nir Hasson ist Korrespondent der Zeitung Haaretz in Jerusalem und berichtet unter anderem über die humanitäre Katastrophe im Gazastreifen.




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