Die Kranken im Gazastreifen warten auf eine Behandlung, die vielleicht nie kommen wird
- 19. Aug.
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Da unter der israelischen Blockade die Medikamente ausgehen und die medizinische Versorgung regelmäßig unterbrochen wird, sind Dialyse- und Krebspatient*innen in der Enklave dazu verdammt, langsam zu sterben.
Von Ahmed Dremly, +972Mag, 14. August 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprach
Vier Tage pro Woche legt der fünfjährige Ibrahim Abdullah die drei Kilometer von dem Zelt seiner Familie in Al-Mawasi zum Nasser-Krankenhaus in Khan Younis zurück, wo er fast vier Stunden an ein Dialysegerät angeschlossen ist. Er ist der jüngste Dialysepatient im Gazastreifen.
Die Fahrt nimmt fast den ganzen Tag in Anspruch. Ibrahims Eltern begleiten ihn abwechselnd, während der jeweils andere mit den drei Töchtern im Zelt zurückbleibt. Wenn es die Sicherheitslage zulässt und ein Krankenhausbus verfügbar ist, nutzen sie diesen. Andernfalls nehmen sie jedes öffentliche Verkehrsmittel, das sie finden können – oft beschädigte Autos, kleine Busse oder von Eseln und Pferden gezogene Karren –, was mindestens fünfmal so viel kosten kann wie vor dem Krieg. Wenn kein Transportmittel verfügbar ist, schiebt sein Vater Mohammed ihn im Rollstuhl durch die vom Krieg gezeichneten Straßen.
„Er hasst es, ins Krankenhaus zu gehen“, erzählt Mohammed gegenüber +972. „Er ist danach völlig erschöpft. Wir verlassen das Zelt gegen 7 Uhr morgens und kehren gegen 17 Uhr zurück. Seine Mutter und ich versuchen, ihn mit Snacks oder Schokolade abzulenken, was wir gerade finden können.“
Der Rollstuhl ist eine neue Anschaffung. Vor einigen Wochen erlitt Ibrahim aufgrund von Bluthochdruck eine Hirnblutung, die zur Lähmung seiner linken Körperhälfte führte. Seitdem hat er begonnen, sich zu erholen, benötigt nun aber neben seiner regelmäßigen Dialyse und den Bluttransfusionen auch eine neurologische Rehabilitation. Vor dem Krieg war Ibrahim ein lebhaftes Kind, das es liebte, mit seinen Geschwistern und Freund*innen zu spielen, erzählte sein Vater. Er und seine neunjährige Schwester Naima leiden beide an einer erblichen Nierenatrophie, doch ihr Zustand war bisher gut zu behandeln.
„In Gaza gab es gesundes Essen und sauberes Wasser“, erinnert sich Mohammed an die Zeit vor Beginn des Völkermords. „Ärzt*innen beobachteten ihre Fälle und hofften, dass sie eines Tages die notwendigen medizinischen Behandlungen erhalten würden, darunter auch eine Nierentransplantation.“ Wenn Ibrahim jetzt nicht im Krankenhaus ist, zieht er es oft vor, allein zu sein. „Er sagt, er wolle niemanden sehen“, so Mohammed, „weil er immer müde ist.“
Seine Verschlechterung spiegelt eine viel umfassendere Krise wider. Überall in Gaza stellen Menschen, deren Überleben von einer kontinuierlichen medizinischen Versorgung abhängt, fest, dass sie sich nicht einmal mehr auf Routinebehandlungen verlassen können. Inmitten der strengen Blockade durch Israel wurde die regelmäßige Dialyse durch Engpässe bei Medikamenten, Geräten, sauberem Wasser und ausreichender Nahrung unterbrochen. Krebspatient*innen haben Schwierigkeiten, Zugang zu Chemotherapie und anderen lebenswichtigen Behandlungen zu erhalten. Krankenhäuser wurden zerstört, Familien wiederholt vertrieben, und Medikamente sowie medizinische Vorräte sind aufgebraucht. Schon allein der Weg zu einer der wenigen funktionierenden Einrichtungen kann eine Tortur sein. Erkrankungen, die einst als behandelbar oder beherrschbar galten, sind zunehmend gefährlich geworden.
Für Ibrahim begann der drastische Verfall kurz nach dem Krieg. Er hatte Vitamin B6 zur Behandlung wiederkehrender Nierensteine eingenommen, doch innerhalb weniger Monate waren die Apotheken leergekauft. Seine Familie suchte sieben Monate lang nach dem Medikament.
„Ibrahims Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide“, berichtet Mohammed. „Er schied neun Steine aus. Einige waren so groß wie Kichererbsen.“ Die Steine wurden größer und traten häufiger auf, was zu Blutungen und Schwellungen führte und Ibrahims Nieren weiter schädigte.
Gleichzeitig hinderten israelische Militäroperationen in der Nähe der Zelte der Familie in Al-Mawasi sie wiederholt daran, Krankenhäuser oder Kliniken zu erreichen. „Wir aßen während der Hungersnot, was gerade verfügbar war, hauptsächlich Linsen und Nudeln, und tranken das Wasser, das wir von Hilfsorganisationen bekamen, das aber nicht sauber war“, so Mohammed. Im Juli 2025 verschlechterte sich Ibrahims Zustand so sehr, dass er bis September im Krankenhaus bleiben musste. Seine Blutwerte wareb gefährlich gesunken, berichtet Mohammed, und die Ärzt*innen stellten fest, dass er dringend eine Dialyse benötigte. Während dieser Sitzungen erhält er nun auch Bluttransfusionen.
Die Ärzt*innen sagen jedoch, dass er weitaus häufiger eine Dialyse benötigt, als es das zerstörte Gesundheitssystem in Gaza leisten kann. Dr. Nabil Ayad, Leiter der nephrologischen Abteilung am Al-Rantisi-Krankenhaus, erklärt gegenüber +972, dass Ibrahim fast täglich eine Dialyse erhalten sollte, doch Versorgungsengpässe beeinträchtigen nahezu jeden Bereich seiner Versorgung. Unverzichtbare Nierenmedikamente wie Epoetin alfa, das zur Behandlung von Anämie bei Dialysepatient*innen eingesetzt wird, sind ebenso knapp wie grundlegende Dialysegeräte. „Auch Dialysekatheter sind nicht immer verfügbar“, berichtet Dr. Ayad und erklärt, dass Ärzt*innen oft gezwungen seien, auf provisorische Katheter zurückzugreifen, „was weitere Risiken und Komplikationen mit sich bringt.“
Auch Naimas, Ibrahims neunjährige Schwester, geht es immer schlechter. Dr. Ayad berichtet, dass auch sie mittlerweile eine Dialyse benötig, obwohl die Ärzt*innen versuchen, den Beginn der Behandlung so lange wie möglich hinauszuzögern, da sie die begrenzten medizinischen Vorräte rationieren und den dringendsten Fällen Vorrang einräumen. Letztendlich werden beide Geschwister eine Nierentransplantation benötigen. Im Dezember 2025 erhielt Ibrahim laut Angaben seines Vaters eine ärztliche Überweisung, um sich zur Behandlung aus dem Gazastreifen begeben zu können. Acht Monate später ist er immer noch in Gaza. „Die Ärzt*innen sagten mir, sein Zustand verschlechtere sich aufgrund fehlender Behandlungsmöglichkeiten“, so Mohammed. „Er muss zur Behandlung ins Ausland reisen oder zumindest seine Medikamente in den Gazastreifen gebracht bekommen, bevor ich ihn verliere.“
„Wir sind krank, wir sterben langsam“
Als +972 den 47-jährigen Basel Al-Dahdouh vor drei Monaten zum ersten Mal traf, hatte sein Sohn Osama ihn drei Kilometer weit im Rollstuhl geschoben – über mit Schutt und Sand bedeckte Straßen, vom Zelt der Familie in der Al-Shuhada-Straße im Zentrum von Gaza-Stadt bis zum Al-Shifa-Krankenhaus. Dort wartete Basel stundenlang auf seine Dialyse. Als man ihm schließlich in den Rollstuhl half, war sein Gesicht vor Erschöpfung blass.
Selbst diese Behandlung war nur ein Bruchteil dessen, was er vor dem Krieg erhalten hatte. Seine Dialysesitzungen waren von vier auf drei Stunden verkürzt worden, was das Risiko schwerwiegender Komplikationen erhöhte, während Medikamente, auf die er angewiesen war, entweder verschwunden oder unerschwinglich teuer geworden waren. „Vor dem Krieg war ich bei guter Gesundheit. Jetzt kann ich wegen des Medikamentenmangels nicht einmal mehr ohne Hilfe auf die Toilette gehen“, berichtet er.
Basel, Vater von vier Kindern, begann 2020 mit der Dialyse. Gaza unterlag bereits damals strengen Einschränkungen, doch im Vergleich zur heutigen Versorgung erinnert er sich an das System vor dem Krieg als „perfekt“. Krankenwagen brachten ihn ins Krankenhaus. Die Dialyse dauerte vier Stunden. Seine Medikamente waren stets verfügbar. Mittlerweile ist es sogar schwierig, grundlegende Behandlungen zu erhalten. „Die Injektionen zur Erhöhung meines Hämoglobinspiegels sind nicht mehr verfügbar“, sagt Basel. „Selbst wenn man sie findet, kosten sie 700 Schekel (204 Euro) statt 40 (12 Euro). Selbst Kalziumvitamine sind im Krankenhaus nicht mehr erhältlich, sodass wir sie selbst kaufen müssen.“
Jahrelange Krankheit, verschlimmert durch Hunger, Vertreibung und harte Lebensbedingungen, hat bereits sichtbare Spuren hinterlassen. Basel kann kaum noch gehen und ist auf Krücken angewiesen. Eine Netzhautblutung hat sein Sehvermögen schwer beeinträchtigt. Als israelische Streitkräfte im November 2023 das Al-Shifa-Krankenhaus stürmten, hatte Basel dort Zuflucht gesucht. Er erinnerte sich daran, dass die Patient*innen ohne ausreichende Versorgung mit Nahrung, Wasser oder Strom zurückgelassen wurden, wodurch Dialysebehandlungen eingestellt werden mussten.
„Sie schlugen uns und stellten Fragen wie: ‚Sagt uns, wo die Geiseln sind, dann bringen wir euch zur Behandlung nach Israel‘“, berichtet Basel. „Ich kann kaum sehen oder gehen – wie sollte ich das denn wissen? Sie stellten den Strom und die Versorgung mit Lebensmitteln ein. Wochenlang konnte ich keine Dialysebehandlung erhalten.“ In dieser Zeit verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Basel berichtet, sein Körper habe mehr als 15 Kilogramm Flüssigkeit angesammelt, und er habe vorübergehend sein Augenlicht verloren. „Ich habe sie angefleht, mich zu erschießen. Ich konnte das Leiden nicht mehr ertragen“, sagt er.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) verlegte ihn schließlich in das Al-Aqsa-Krankenhaus in Deir al-Balah, wo er die Dialyse wieder aufnehmen konnte und später sein Augenlicht zurückerlangte. „Wir alle [Dialysepatient*innen] waren so krank“, sagte Basel. „Viele Menschen starben aufgrund der Geschehnisse.“
Drei Monate später [nach dem ersten Gespräch, Anm.] hat sich Basels Zustand dramatisch verschlechtert. Als +972 telefonisch mit Familienangehörigen sprach, die bei ihm im Krankenhaus waren, war Basel zu erschöpft, um zu sprechen. Zwei Wochen vor dem Besuch war sein Dialyseplan erneut reduziert worden: von drei Sitzungen pro Woche auf zwei, die jeweils nur drei Stunden dauerten. Sein Bruder, der 52-jährige Qasem, sagte, die Ärzt*innen hätten gewarnt, dass der Vorrat des Krankenhauses an Bikarbonat – einem wesentlichen Bestandteil der Dialyseflüssigkeit – noch vor Ende des Monats zur Neige gehen könnte. „Zwei Sitzungen reichen nicht aus, um die Giftstoffe aus seinem Blut zu entfernen oder den Wasser- und Salzhaushalt seines Körpers zu regulieren“, so Qasem. „Sein Blutzucker ist ständig erhöht.“
Doch die reduzierte Dialyse war nur ein Teil der Krise, in der sich die Familie befand. Im Oktober 2025 hatte eine Ratte im Flüchtlingslager einen von Basels Zehen angebissen. Die Wunde heilte nicht. Seine Familie führte dies auf eine Kombination aus Diabetes, Mangel an medizinischem Material, unzureichender Sterilisation und den schwierigen hygienischen Bedingungen in ihrem Zelt zurück. Die Wunde entzündete sich und entwickelte sich zu einer diabetischen Gangrän. Die Ärzt*innen amputierten einen Zeh, dann einen zweiten, dann einen dritten. Dennoch breitete sich die Infektion weiter aus. Schließlich kamen sie zu dem Schluss, dass Basels Bein unterhalb des Knies amputiert werden müsse.
„Als die Ärzt*innen ihm sagten, dass sie möglicherweise einen Zeh amputieren müssten, sank sein Blutdruck vor Angst“, erinnert sich Qasem. „Er begann zu schwitzen und wurde ohnmächtig. Er hatte schreckliche Angst. Wir versicherten ihm immer wieder, dass es nur ein Zeh sei und er mit einer Prothese weiterhin gehen könne. Aber die Infektion breitete sich weiter aus.“
Nach der Amputation verbrachte Basel fast eine Woche zur Beobachtung im Al-Saraya-Feldlazarett der Palästinensischen Rotkreuzgesellschaft. Der gravierende Mangel an Schmerzmitteln in Gaza erschwerte die Genesung. Bei einem Krankentransport zur Dialyse, so Qasem, wurden Basels Schmerzen so stark, dass er fast das Bewusstsein verlor.
Zudem trauert er. Zwei Wochen zuvor war seine 57-jährige Schwester Bushra gestorben, nachdem sie monatelang unter Zittern und wiederkehrenden Nasenbluten gelitten hatte, die mit einer Vorerkrankung zusammenhingen. Kurz vor Kriegsbeginn hatte sie die Genehmigung erhalten, sich außerhalb von Gaza behandeln zu lassen, und sollte am 13. Oktober 2023 ausreisen. Sie hat es nie geschafft, rauszukommen.
Nun befürchtet Basels Familie, dass ihm dasselbe Schicksal bevorsteht. Sie wissen auch nicht, wie sie zurechtkommen sollen, sobald er das Krankenhaus verlässt. Schon vor der Amputation bedeutete der Weg zur Dialyse, seinen Rollstuhl über die zerfallenen Straßen von Gaza zu schieben, wo er häufig stürzte und oft so benommen ankam, dass er nicht mehr stehen konnte. „Mit nur einem Bein wird der Weg noch schwieriger sein“, sagt Qasem. Wie alle Dialysepatient*innen benötigt auch Basel eine streng kontrollierte Ernährung mit Einschränkungen bei Kalium, Phosphor, Natrium und Flüssigkeiten sowie einen zuverlässigen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Für eine vertriebene Familie, die unter der Nahrungsmittelknappheit und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in Gaza leidet, sind diese Anforderungen fast unmöglich zu erfüllen. „Er isst, was wir gerade finden können: Bohnen, Konserven und Mahlzeiten aus Suppenküchen“, berichtet Qasem. „Wir können uns keine frischen Lebensmittel oder Obst leisten. Neben Essen braucht er Vitamine, medizinische Versorgung und vor allem einen sicheren und sauberen Ort zum Leben.“
Vor dem Krieg lebte Basel mit seiner Familie in einem großen Haus in Beit Lahia. Es wurde in den ersten Monaten des Krieges bei einem israelischen Luftangriff zerstört. „Er hatte einen Garten, Bäume, kaltes Trinkwasser und zwei Badezimmer“, berichtet Qasem. „Er führte ein würdiges Leben. Im Vergleich zu heute lebten wir im Paradies.“ Jetzt lebt er in einem Zelt ohne Toilette, umgeben von Ratten und Mäusen und der unerträglichen Hitze ausgesetzt. „[Basel] hat mir schon oft gesagt, dass er lieber sterben würde, als so weiterzuleben“, so Qasem.
Der Kontrast zwischen Basels Leben vor dem Krieg und seinem jetzigen Leben verdeutlicht, wie sehr Krankheit in Gaza mittlerweile untrennbar mit der Vertreibung und den Entbehrungen verbunden ist, die die Patient*innen erdulden müssen. „Unser Leben in Gaza besteht nur aus Schmerz und Leid“,sagt Qassem. „Wir lieben das Leben und wollen in Würde leben. Tiere außerhalb von Gaza leben besser als wir. Wir sind krank und sterben langsam.“
„Jeder Tag Verzögerung kostet weitere Menschenleben“
Dialysepatient*innen sind bei weitem nicht die Einzigen. Auch die Krebspatient*innen in Gaza sind mit dem Zusammenbruch einer kontinuierlichen medizinischen Versorgung konfrontiert, inmitten eines gravierenden Mangels an Chemotherapeutika, Schmerzmitteln und anderen lebenswichtigen Medikamenten.
Die 39-jährige Maisaa Eliwa leidet an fortgeschrittenem Krebs, der im Oberkiefer begann und sich seitdem auf ihre rechte Brust und die Lunge ausgebreitet hat. Ein Tumor in ihrer Lunge ist auf 18 Zentimeter angewachsen. Sie lebt nun in einem Zelt nahe der Küste westlich von Gaza-Stadt. Ein israelischer Luftangriff zerstörte im November 2024 ihr Haus in Shuja’iya und tötete dabei ihren Ehemann, ihren Sohn und 28 weitere Verwandte.
Bislang erhielt Maisaa drei Chemotherapie-Behandlungen im Al-Shifa-Krankenhaus. Seit dem 14. Juli hat sie jedoch keine mehr erhalten. „Die Ärzt*innen sagten mir, dass es wegen der Beschränkungen an den Grenzen keine Chemotherapeutika gibt“, berichtet sie. „Ich habe ständig hohes Fieber, manchmal bis zu 42 Grad Celsius. Ich habe Wasser in der Lunge und im rechten Bein. Ich erbreche jeden Tag Blut, und mein ganzer Körper schmerzt.“
Die Ärzt*innen verschrieben ihr außerdem Zoledronsäure-Injektionen, um ihre Knochen zu schützen, ihre Schmerzen zu lindern und ihr zu helfen, mobil zu bleiben. Das Medikament sei manchmal in den Apotheken in Gaza erhältlich, sagte Maisaa, aber mit einem Preis von 2.400 Schekel (700 Euro) liege es weit außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten. Ihre 18-jährige Tochter Arwa verkaufte zuerst ihre Goldohrringe, dann ihr Handy, um die Injektionen zu bezahlen. Zu anderen Zeiten verkaufte die Familie Lebensmittel, die sie von Wohltätigkeitsorganisationen erhalten hatte, verkaufte Kochgas oder lieh sich Geld von Verwandten und Freund*innen. „Jetzt kann mir niemand mehr etwas leihen, weil die Menschen selbst wirtschaftlich zu kämpfen haben und ich keine Einkommensquelle habe, um das Geld zurückzuzahlen“, berichtet Maisaa. Ohne die Injektion, fügt sie hinzu, „liege ich im Zelt und kann mich nicht mehr bewegen.“
Vor sechs Monaten erhielt Maisaa eine dringende ärztliche Überweisung, um Gaza zu verlassen. Die Ärzt*innen sagten ihr, sie müsse operiert werden, um Tumore aus ihrer rechten Lunge und ihrer Brust zu entfernen. Sie wartet immer noch darauf.
Selbst als noch eine Chemotherapie verfügbar war, konnte der Weg zur Behandlung Stunden dauern. Maisaa verließ ihr Zelt gegen 7 Uhr morgens und suchte nach einem Transportmittel. Wenn sie keines fand, musste sie den dreistündigen Fußweg zum Krankenhaus auf sich nehmen. Dort angekommen mussten die Ärzt*innen zunächst feststellen, ob ihr Körper stark genug war, um eine Chemotherapie zu erhalten. „Die Ärzte wissen, dass ich ohne etwas gegessen zu haben zu den Terminen komme, deshalb verabreichen sie mir zwei Stunden lang eine intravenöse Nährlösung, bevor ich die Behandlung erhalte“, berichtet sie.
Die Überbelegung im Krankenhaus stellte ein weiteres Problem dar. „Während meiner Therapie gab es nicht genügend Betten im Krankenhaus, sodass ich manchmal mit zwei anderen Frauen auf demselben Bett sitzen musste. Wir Krebspatient*innen haben das Recht, in Gaza behandelt zu werden oder zumindest mit unseren Überweisungen evakuiert zu werden, uns behandeln zu lassen und dann zurückzukehren“, sagt Maisaa. „Wir leben unter harten Bedingungen in Zelten, ohne Hygiene und ohne die grundlegenden Lebensnotwendigkeiten. Ich sterbe jeden Tag tausendmal. Der Grund für all unser Leid ist die israelische Besatzung, die uns unserer grundlegenden Rechte beraubt und es uns verweigert, wie normale Menschen zu leben“, fügt sie hinzu.
Dr. Mohammed Abu Nuda, Leiter des Krebszentrums im Nasser-Krankenhaus in Gaza, erklärt gegenüber +972, dass es in Gaza derzeit an entscheidenden Krebsbehandlungsangeboten mangele, darunter Strahlentherapie und moderne diagnostische Untersuchungen. Die Folge seien verspätete Diagnosen und unterbrochene Behandlungen, so Abu Nuda. „In Gaza herrscht ein Mangel von 60 Prozent an Chemotherapeutika, Begleitmedikamenten, Schmerzmitteln und zielgerichteten Therapien“, berichtet er.
Angesichts dieser stark erschöpften Ressourcen sind die medizinischen Teams gezwungen, die Vorräte zu rationieren und zu entscheiden, welche Patient*innen eine Behandlung erhalten. Das Zentrum hat sich an die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das IKRK und andere internationale Organisationen gewandt, um die Einfuhr von Medikamenten und Ausrüstung sowie die Evakuierung schwer kranker Patient*innen zu ermöglichen.
Derzeit leben laut Dr. Abu Nuda rund 11.000 Menschen in Gaza mit Krebs, wobei jedes Jahr etwa 2.000 neue Fälle diagnostiziert werden. Etwa 4.000 Patient*innen haben dringende Überweisungen für eine Behandlung im Ausland, können das Gebiet jedoch nicht verlassen. „Jeden Tag sterben drei Patient*innen, weil sie keine Chemotherapie erhalten und nicht zur Behandlung ins Ausland reisen können“, sagt er.
„Krebspatient*innen im Gazastreifen brauchen mehr als nur Medikamente“, sagt Dr. Abu Nuda. „Sie brauchen dringend humanitäre Hilfe, die ihnen den Zugang zu Behandlungen garantiert.“ Er fordert Ägypten, Katar und die Türkei – Länder, die als Garanten für Waffenstillstands- und humanitäre Abkommen fungieren – auf, Druck auf Israel auszuüben, damit Medikamente und Diagnosegeräte, darunter Mammographiegeräte, Ultraschallgeräte, CT-Scanner und MRT-Systeme, ungehindert ins Land gelangen können. „Jeder Tag Verzögerung kostet weitere Menschenleben“, sagt er.
Für die 58-jährige Sana Abed aus Rafah erwiesen sich Vertreibung, Hunger und Verlust letztendlich als verheerend. Bei ihr war bereits vor dem Krieg Leberkrebs diagnostiziert worden, und sie war zur Behandlung nach Ägypten gereist, wo sie sich acht Monate lang auf eine Lebertransplantation vorbereitete. Ihr 39-jähriger Sohn Mohammed hatte vor, einen Teil seiner Leber zu spenden.
Die Ärzt*innen wollten zunächst, dass Sana vor der Operation abnimmt, berichtet Mohammed, also kehrten Mutter und Sohn nach Gaza zurück, während sie weiterhin ein Diätprogramm befolgte. Sie kamen nur zwei Tage vor Kriegsbeginn an. Wiederholte Vertreibungen und Nahrungsmittelknappheit machten die vorgeschriebene Ernährung bald unmöglich. Innerhalb weniger Monate waren die Medikamente, die sie aus Ägypten mitgebracht hatten, aufgebraucht.
„Die meisten dieser Medikamente waren in Gaza nicht erhältlich, sodass sich ihr Gesundheitszustand zu verschlechtern begann, insbesondere während der Hungersnot [im Süden der Enklave im Juni 2025] und der vollständigen Abriegelung“, berichtet Mohammed. Als sich der Krebs ausbreitete, erhielt Sana eine weitere Überweisung und wurde auf eine Warteliste gesetzt, um Gaza zur Behandlung verlassen zu können, doch die Genehmigung kam nie.
Im September 2025 wurden zwei von Sanas Söhnen bei einem israelischen Angriff getötet. Mohammed sagt, der Verlust habe seine Mutter zutiefst getroffen. Als sich ihr körperlicher Zustand verschlechterte, „schien sie ihren Lebenswillen zu verlieren“. Schließlich breitete sich der Krebs in ihrem Verdauungssystem aus, und ihre Nieren begannen zu versagen. Die Ärzt*innen stellten fest, dass sie eine Dialyse benötigte, und sie erhielt eine Behandlung im Nasser-Krankenhaus.
Sana starb am folgenden Tag. Eine Woche später rief die WHO Mohammed an, um ihm mitzuteilen, er solle sich auf eine Reise zur Behandlung vorbereiten.
Ahmed Dremly ist ein Journalist aus Gaza, dessen Artikel unter anderem bei Middle East Eye, Mondoweiss, The Electronic Intifada, The Intercept und Al-Monitor erschienen sind. Nachdem er Gaza im Mai 2026 verlassen hatte, studiert er derzeit in Italien.
Ibtisam Mahdi hat zu diesem Bericht beigetragen.




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