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„Die Siedler brachten die Gewalt“: Die ethnische Säuberung eines Dorfes im Westjordanland

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  • 18. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Ras ‘Ein al ‘Auja ist eine Gemeinde mit etwa 135 Familien – und die einzige, die in diesem Teil des Jordantals noch übrig ist.


Von Emma Graham-Harrison und Quique Kierszenbaum, The Guardian, 14. Jänner 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Fünf Jahrzehnte im südlichen Jordantal gingen an einem Tag zu Ende, und Mahmoud Eshaq kämpfte darum, seine Tränen zurückzuhalten. Der 55-Jährige hatte seit seiner Kindheit nicht mehr geweint, aber als er das Haus seiner Familie abbaute und sich darauf vorbereitete, das Dorf zu verlassen, in dem er sein ganzes Leben verbracht hatte, überwältigte ihn die Trauer.

Während Eshaqs Kinder Matratzen, einen Kühlschrank, Säcke mit Mehl und Koffer mit Kleidung auf einen Lastwagen luden, eskortierten maskierte Soldaten einen jugendlichen israelischen Hirten die Hauptstraße des Dorfes entlang, wo er auf seinem Esel für Fotos posierte, und ein Victory-Zeichen machte. Die ethnische Säuberung von Ras 'Ein al 'Auja war im Gange, und die Männer und Jungen, die den Palästinenser*innen hier das Leben unerträglich gemacht hatten, waren gekommen, um zu feiern.

Eshaqs Heimat, eine Gemeinschaft von etwa 135 Familien, war das größte und am besten ausgebaute der Beduinendörfer, die in diesem Teil des Jordantals über die Hügel verstreut lagen. Zu Beginn dieses Jahres war es auch das einzige, das noch übrig war. Eine Kampagne zunehmender Gewalt durch Siedler – Brandstiftung, Massendiebstahl, Schläge, Einschüchterung und Zerstörung von Eigentum – zwang ein Dorf nach dem anderen zur Flucht, bis im Juli auch die letzten verbliebenen Nachbar*innen im nahe gelegenen Mu'arrajat flohen.

Israelische Siedler haben nun die vollständige Kontrolle über mehr als 250 Quadratkilometer Land in diesem Teil des besetzten Westjordanlands, wo vor einem Jahrzehnt noch ausschließlich Beduinenherden weideten, so Dror Etkes, Gründer der Siedlungsbeobachtungsgruppe Kerem Navot. Die Palästinenser*innen wurden aus diesem Gebiet vertrieben, das von der internationalen Gemeinschaft als Teil ihres zukünftigen Staates vorgesehen ist.

„Wir haben hier friedlich gelebt, aber sie haben uns zu Feinden gemacht. Die Siedler haben die Gewalt gebracht“, sagt Eshaq. „Ich habe mein ganzes Leben lang nicht geweint, aber heute Morgen habe ich geweint. Das ist ein schrecklicher Tag für uns.“

Aufgewachsen ist er mit Blick über den Jordan auf die Berge, die sich steil über die weiß getünchten Bergdörfer erheben, und beim Planschen im Wadi, wo später seine Kinder und Enkelkinder spielten. Nachts ist der klare Wüstenhimmel voller Sterne.

Die dort lebenden Beduinenfamilien sind Nachkommen von Flüchtlingen, die 1948 aus dem Naqab oder Negev, dem heutigen Israel, vertrieben wurden. Arm, isoliert und selbst innerhalb der palästinensischen Gesellschaft politisch wenig einflussreich, sind sie relativ leichte Ziele für Siedler. Das Projekt, sie aus ihren Häusern zu vertreiben, begann bereits vor dem Krieg in Gaza, gewann jedoch an Fahrt und Stärke, als sich die Aufmerksamkeit der Politik und der Medien auf andere Themen richtete.

„Als der Krieg begann, erkannten die Siedlerführer, dass sie eine beispiellose Gelegenheit hatten, die ethnische Säuberung in diesem Gebiet voranzutreiben“, so Sarit Michaeli, internationale Direktorin der Menschenrechtsorganisation B'Tselem. „Das mittelfristige Ziel ist es, die Palästinenser*innen aus allen offenen Gebieten im Westjordanland zu vertreiben, und sie tun dies mit voller Unterstützung der israelischen Regierung. Die Karten der Siedler machen deutlich, dass sie letztendlich das Land von den Palästinenser*innen räumen wollen.“

Die Kampagne der ethnischen Säuberungen wird von kleinen Außenposten aus betrieben, wo Teenager und einige Erwachsene Schaf-, Ziegen- und Kamelherden hüten. Land durch den Bau von Häusern und Siedlungen zu erobern, ist langsam und teuer. Die Kontrolle über große Teile der kargen Hügel zu erlangen, indem man Tiere dort ansiedelt und sie dazu benutzt, Palästinenser*innen einzuschüchtern, zu isolieren und fernzuhalten, ist viel effizienter. Die Fußsoldaten in diesem Krieg der israelischen Expansion sind junge Männer, darunter auch Minderjährige, die im Rahmen eines Programms für gefährdete Jugendliche vom Staat in Außenposten geschickt werden.

„In den letzten Jahren haben die jüdischen Hirten immer mehr Gebiete erobert“, lautete eine Nachricht in einer WhatsApp-Gruppe von Siedlern, die die Zwangsumsiedlung eines Dorfes im letzten Jahr feierte. „Bei allem Respekt gegenüber der israelischen Armee, die entscheidende und wichtige Arbeit der jüdischen Besiedlung und der Vertreibung des Feindes wird von diesen 15- bis 16-jährigen Jungen, der ‚Hilltop Youth‘, geleistet.“

Aber auch wenn die Mittel primitiv sind, ist das Projekt alles andere als das. Die Jungen in Jeans und T-Shirts mit Slogans sind Teil eines staatlich finanzierten und unterstützten Projekts, das fast völlig straffrei Gewalt einsetzt. Siedler greifen Palästinenser*innen mit Geländewagen und anderer Ausrüstung an, die ihnen bei öffentlichen Zeremonien von Politikern wie dem rechtsextremen Finanzminister Bezalel Smotrich, selbst ein Siedler, ausgehändigt wird. Die Sicherheitskräfte im besetzten Westjordanland haben die Ressourcen und die Zeit, Hunderte von Krokodilen auf einer illegalen Farm zu töten, aber nicht, um Palästinenser*innen zu schützen.

In Ras ‘Ein al ‘Auja verhaften die Sicherheitskräfte regelmäßig israelische Friedensaktivist*innen und Palästinenser*innen, ignorieren jedoch die Gewalt der Siedler in der Region - oder unterstützen sie sogar. Als ein Gericht im vergangenen Jahr die Armee anwies, die Rückkehr der aus dem benachbarten Mu'arrajat vertriebenen Palästinenser*innen zu koordinieren, blieben die Soldaten nur wenige Stunden. Als sie abzogen, kamen die Siedler und vertrieben die Bewohner*innen erneut.

In den zwei Jahren seit Oktober 2023 haben israelische Soldaten und Siedler über 1 000 Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland getötet, jedeR Fünfte davon war ein Kind. Niemand wurde für diese Todesfälle vor Gericht gestellt oder verurteilt. Letztes Jahr schlugen Siedler einen amerikanischen Staatsbürger zu Tode, woraufhin US-Senatoren warnten, dass es keine Rechenschaftspflicht für palästinensische Leben gebe, und erschossen einen prominenten Aktivisten vor laufender Kamera.

Das israelische Militär verzeichnete im vergangenen Jahr einen Anstieg der Gewalt durch Siedler um 25 %, berichtete Haaretz. Ein Großteil davon wurde auf größere und besser organisierte Gruppen zurückgeführt, die Unterstützung von Politikern und bekannten Aktivisten erhielten.

 

Wendepunkt

Im neuen Jahr erreichte die Gewalt für einige Familien in Ras 'Ein al 'Auja einen Wendepunkt, nachdem Siedler mehrere Häuser durch das Umpflügen eines Feldwegs abgeschnitten und einen provisorischen Außenposten innerhalb des Dorfes errichtet hatten. Sie streiften nachts zwischen den Häusern umher, durchtrennten Stromkabel, leerten Wassertanks und drangen in Räume ein, in denen Frauen und Kinder schliefen.

Am vergangenen Donnerstag beschlossen 26 Familien mit mehr als 120 Personen, dass das Risiko eines Verbleibens die Schmerzen und Kosten einer Abreise überstieg. Die meisten lebten am Rande des Dorfes, und durch ihre Abreise befand sich die Familie von Eshaq nun praktisch an vorderster Front.

„Diese Woche haben wir weder gegessen noch geschlafen“, sagt er. Es dauerte nur ein paar Tage, bis auch er zu dem Schluss kam, dass es zu gefährlich war, zu bleiben. Zumindest die Kinder waren nach dem Schrecken der Hausüberfälle durch Siedler erleichtert. „Sie wollen sofort weg, sofort“, sagte die 24-jährige Rawan, die den neun Monate alten Yacoub im Arm hielt, während ihr vierjähriger Sohn Mousa in der Nähe spielte.

Auch Nachbar Mohammed Reshad packte seine Sachen zusammen, nachdem Siedler in einem nächtlichen Überfall Kleidung und Matratzen gestohlen hatten. „Sie haben mir und meinen beiden Schwestern Sachen weggenommen“, sagt seine neunjährige Enkelin Jana.

Die Anmietung des Lastwagens kostete 1.800 Schekel (490 Euro), hier ein kleines Vermögen, und sie diskutieren noch, wohin sie gehen sollen. „Gibt es jemanden, der mich vor den Siedlern beschützt? Wenn ja, dann bleibe ich“, sagt er.

Jede Familie, die ihre Sachen packt, macht diejenigen, die bleiben, noch verletzlicher. Na’ef Ja’alin, ein 50-jähriger Vater von zehn Kindern, bleibt aus Verzweiflung in seinem Haus, nicht aus Hoffnung. „Diejenigen, die gegangen sind, haben Familienangehörige, die ihnen ein Stück Land geben können. Ich und meine Brüder haben keinen Ort, an den wir gehen können“, sagte er. „Ich habe kein Geld, und Land ist sehr teuer.“

 

Unterstützung durch die Mainstream-Medien

Das Projekt zur Vertreibung der Palästinenser*innen wird von gewalttätigen Extremisten durchgeführt, die von rechtsextremen Kabinettsministern unterstützt werden. Die Annexion dieses Gebiets ist jedoch ein seit langem bestehendes Mainstream-Projekt in Israel, das von Politikern aller Parteien unterstützt wird. Yigal Allon, damals Kabinettsminister der säkularen Arbeitspartei, legte kurz nach der Eroberung des Westjordanlands durch Israel im Jahr 1967 einen ersten Plan vor. Er wollte, dass Israel einen Landstreifen entlang des Jordantals als Sicherheitspuffer behält.

Die CIA bezeichnete den Plan als aufwieglerisch und unrealistisch, stellte jedoch fest, dass die Regierung bereits einige Elemente davon umsetzte. „Israel hält den Allon-Plan unrealistischerweise für eine praktikable Lösung für die Probleme der besetzten Gebiete und hat einige seiner Elemente umgesetzt“, warnte ein inzwischen freigegebenes Memo.

Der Plan wurde nie offiziell angenommen, blieb aber in der politischen Vorstellung Israels präsent, vielleicht auch aufgrund der Tatsache, dass zwei israelische Straßen Allons Landraubpläne grob nachzeichnen. Der Landstreifen, den er für Israel haben wollte – und zu dem auch Ras 'Ein al 'Auja gehört – liegt heute zwischen der Autobahn 90 nahe der jordanischen Grenze und der „Allon Road“, die sich entlang der Bergkämme durch die Mitte des Westjordanlandes schlängelt.

Die Hügel, die zum Jordan hin abfallen, sind dünn besiedeltes Halbwüstenland, zu trocken für die Landwirtschaft, aber geeignet für die Viehzucht. Siedler-Hirtenaußenposten haben sich hier als besonders effizientes Instrument zur Massenenteignung erwiesen.

Im vergangenen Mai feierte der Siedlerführer Elisha Yered die Zerstörung eines weiteren Dorfes hier als Vorbild für das gesamte Westjordanland. „So sieht Erlösung aus!“, schrieb er in den sozialen Medien, nachdem die Bewohner*innen von Mughayyir al-Deir geflohen waren. „So Gott will, werden wir euch [Palästinenser*innen] eines Tages an die Orte zwingen, wo ihr hingehört, in den Irak und nach Saudi-Arabien.“

Eine Karte, die von einer Siedler-Nachrichtenagentur anlässlich dieser Vertreibung veröffentlicht wurde, zeigte das Dorf innerhalb eines angestrebten israelisch kontrollierten Gebiets von fast 400 Quadratkilometern, einer Fläche, die größer ist als Gaza. In der gesamten Westbank haben Siedler über 18 Prozent des für einen zukünftigen palästinensischen Staat vorgesehenen Landes beschlagnahmt, sagte Etkes, ohne dass dies nennenswerte Konsequenzen gehabt hätte.

Kanada, Frankreich, Großbritannien und andere europäische Länder verhängten Sanktionen gegen gewalttätige Siedler und erkannten im vergangenen Jahr einen palästinensischen Staat an, doch die Auslöschung palästinensischer Gemeinden vor Ort schreitet nur noch schneller voran.

„Die Schuldigen sind bekannt, nicht nur die gewalttätigen Siedler, sondern auch die Anstifter*innen, die Politiker*innen, die diese gewaltsame Umsiedlung ermöglichen und finanzieren“, so Michaeli. „Aber leider glaube ich, dass wir weiter denn je von einer internationalen Rechenschaftspflicht entfernt sind.“



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