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Die Ärzte aus Gaza, die immer noch in israelischen Gefängnissen festgehalten werden

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  • vor 4 Tagen
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Während einige im Rahmen des Waffenstillstands freigelassen wurden, hält Israel immer noch 80 palästinensische Mediziner*innen ohne Anklage fest. Ihre Familien fordern ihre Freilassung.

 

Von Michal Feldon, +972Mag, 20. November 2025

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Als Dr. Ahmad Al-Farra in seinem Büro im Nasser-Krankenhaus im Süden Gazas die Kamera seines Handys umdrehte, erschienen auf meinem Bildschirm Plakate mit der Aufschrift „Freiheit für Dr. Abu Teima“ und „Wir werden dich nicht verlassen“. Sie wurden von Nahed Abu Teimas Frau und Kindern hochgehalten, die seit fast zwei Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen haben.


Abu Teima war Leiter der chirurgischen Abteilung des Nasser-Krankenhauses, bis er im Februar 2024 bei einer Stürmung durch die israelischen Streitkräfte in dem medizinischen Komplex festgenommen wurde. Ich sprach mit seiner Familie, nachdem ich Al-Farra, den Leiter der Kinder- und Entbindungsstation des Krankenhauses, gefragt hatte, was er über die sieben Kollegen wusste, die bei derselben Stürmung festgenommen worden waren.


Ihre Namen stehen auf einer Liste, die von Physicians for Human Rights–Israel (PHRI) veröffentlicht wurde und 17 Ärzte aus Gaza – sowie insgesamt 80 medizinische Mitarbeiter*innen – identifiziert, die auch nach der Freilassung von fast 2 000 palästinensischen Gefangenen und Häftlingen durch Israel zu Beginn des Waffenstillstands weiterhin in israelischer Haft sind.


Ohne Anklage oder Gerichtsverfahren unter furchtbaren Bedingungen festgehalten, wird diesen Ärzten jeglicher Kontakt zur Außenwelt verwehrt, abgesehen von seltenen Besuchen ihrer Anwält*innen. Sie sind körperlicher Gewalt, medizinischer Vernachlässigung und Hunger ausgesetzt, wodurch bereits Dutzende von Häftlingen ums Leben gekommen sind. Doch selbst wenn ihre Fälle große öffentliche Aufmerksamkeit erregen – wie im Fall von Dr. Hussam Abu Safiya, dem Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, der seit Dezember 2024 gefangen gehalten wird –, hat dies kaum zu ihrer Freilassung beigetragen.


Vor einigen Monaten nahm ich an einer Social-Media-Kampagne der PHRI teil, in der israelische Ärzt*innen wie ich die Aussagen inhaftierter Ärzte aus Gaza vorlasen. Ich las folgende Worte vor: „Wir brauchen Antibiotika und Medikamente gegen Infektionen ... Manchmal operiere ich Gefangene, reinige den Abszess, öffne ihn mit einem Stück Plastik und desinfiziere ihn mit etwas Chlor.“ Erst nachdem ich mit Abu Teimas Familie gesprochen hatte, erfuhr ich, dass diese Aussage von ihm stammte.


Seit seiner Inhaftierung darf Abu Teima seinen Anwalt nur einmal alle sechs Monate sehen. Nach ihrem letzten Treffen Anfang Oktober teilte der Anwalt der Familie mit, dass Abu Teima 25 Kilogramm abgenommen habe, täglich geschlagen werde, ihm gesagt werde, dass er niemals freigelassen werde, und ihm seine regelmäßigen Blutdruckmedikamente vorenthalten werden.

Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung lebte Abu Teima mit seiner Frau Arwa und ihren neun Kindern im Nasser-Krankenhaus, zusammen mit vielen anderen Familien von medizinischem Personal. Israel hatte ihr Haus in Khan Younis zu Beginn des Krieges zerstört, und sie glaubten, dass das Krankenhaus ihnen einen gewissen Schutz vor den Luftangriffen bieten würde.


Als die israelische Armee den medizinischen Komplex stürmte, floh Abu Teimas Familie, aber er bestand darauf, zurückzubleiben, um sich um die verbliebenen Patient*innen zu kümmern. Es war das letzte Mal, dass seine Familie ihn sah oder mit ihm sprach.


Seitdem leben Arwa und die Kinder in einem Zelt in Khan Yunis. Als praktizierende Gynäkologin hat sie es geschafft, die Familie allein zu ernähren, aber es war nicht einfach: Seit Beginn des Krieges erhalten Ärzt*innen in Gaza keine regelmäßigen Gehälter mehr, sondern nur noch sporadisch alle zwei bis drei Monate Pauschalzahlungen.


Einer ihrer jüngeren Söhne, Yousef, lächelte während unseres gesamten Gesprächs fröhlich, obwohl er an einem Hitzschlag und einem infektiösen Abszess am Bein litt. Als die Familie zum Krankenhaus kam, um für die Freilassung von Abu Teima zu protestieren, verabreichte Al-Farra ihm intravenös Flüssigkeit und Antibiotika; ohne ihre Verbindung zum Krankenhaus wäre Yousefs Behandlung viel schwieriger zu gewährleisten gewesen.


Erst im August 2024 erhielten sie mit Hilfe von PHRI die Bestätigung, dass er im Ketziot-Gefängnis im Süden Israels festgehalten wurde. Der erste indirekte Kontakt über einen Anwalt kam drei Monate später zustande – fast neun Monate nach seiner Verhaftung.

„Wir verlieren jeden Tag ein Kind im Krankenhaus, weil uns die Ausrüstung fehlt“, sagte Al-Farra gegenüber +972. Medikamente gegen Diabetes, Bluthochdruck und Schilddrüsenunterfunktion sind Mangelware. Dem Krankenhaus gehen die Reagenzgläser für Blutuntersuchungen aus, und seine Intensivstationen arbeiten ohne die notwendigen Infusionsgeräte.


Obwohl seit dem Waffenstillstand mehr Lebensmittel nach Gaza gelangen, sind Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Milch, Eier und frische Produkte nach wie vor weitgehend nicht verfügbar, erklärte Al-Farra. Und trotz eines Anstiegs der Patient*innenzahlen aus geschlossenen Krankenhäusern im Norden hat Nasser keine zusätzlichen medizinischen Hilfsgüter erhalten.


Als ich Arwa fragte, wie ich sie unterstützen könne, lehnte sie es ab, Geld für ihre Familie zu sammeln, bis ihr Mann zurückkehrt. Was sie brauche, sagte sie, sei, dass wir protestieren, schreiben und Lärm machen. „Kraft“, sagt sie, „nicht Geld oder Lebensmittel.“

 

Gewichtsverlust und Hautkrankheiten


Nach meinem Gespräch mit Arwa Abu Teima wurde Al-Farras Telefon an die Frau und die beiden Töchter von Dr. Ghassan Abu Zuhri weitergereicht, dem Leiter der orthopädischen Chirurgie am Nasser-Krankenhaus und einem weithin angesehenen Spezialisten für Gelenkersatz.


Im Jahr 2017 verbrachte Abu Zuhri ein Jahr als Gastarzt im Rambam-Krankenhaus in Haifa im Norden Israels, wo man ihn bat, zu bleiben. Stattdessen entschied er sich jedoch, nach Gaza zurückzukehren, um bei seiner Familie zu sein. Vor dem Krieg führte ihn seine Fachkompetenz oft quer durch das Westjordanland, um dort Operationen durchzuführen.


Rima, seine Frau, unterrichtet Mathematik an Schulen und Hochschulen und versorgt nun allein die Familie. Zwölf Mitglieder der Großfamilie teilen sich ein einziges Zelt in Al-Mawasi im Süden Gazas, nachdem ihr Haus in Khan Younis während des Krieges zerstört wurde.

Rima und die Kinder haben seit seiner Inhaftierung nicht mehr mit Abu Zuhri gesprochen. Sein Anwalt durfte ihn nur zweimal besuchen. Bei seinem ersten Besuch schien Abu Zuhri, der zuvor keine gesundheitlichen Probleme hatte, an Krätze – die sich während des Krieges in den Gefängnissen aufgrund der Untätigkeit der israelischen Behörden ungehindert ausbreiten konnte – und unter starker Erschöpfung zu leiden. Bei seinem zweiten Besuch hatte er 30 Kilogramm an Gewicht verloren.


Dr. Al-Farra betonte immer wieder, dass Abu Zuhri keinerlei politische Zugehörigkeit habe – dass er einfach ein guter Mensch und Arzt sei, der seinen hippokratischen Eid einhalte und jeden Patienten und jede Patientin unabhängig von Religion, Rasse oder Geschlecht behandle.

Erst nachdem die Familie den Raum verlassen hat, erklärt er, warum er diesen Punkt besonders hervorheben möchte. „Wir glauben, dass er zwei israelische Geiseln behandelt hat, und dass ihm deshalb die Freilassung verweigert wird“, so Al-Farra. „Aber wissen Sie, er hat sie genauso behandelt wie jeden anderen Patienten auch.“


Zuletzt sprach ich mit der Familie von Dr. Omar Ammar, einem 67-jährigen pensionierten Gynäkologen aus Khan Yunis, der dazu beigetragen hat, den Einsatz von Pap-Tests zur Erkennung von Gebärmutterhalskrebs in Gaza bekannt zu machen. Im Gegensatz zu den anderen Ärzten, die während des Überfalls der israelischen Armee auf das Nasser-Krankenhaus festgenommen wurden, verschwand Ammar im März 2024, als die Armee Khan Yunis umzingelte.


Seine Frau Jihan und ihre Töchter erfuhren erst, dass er inhaftiert war, als sie ihn auf einem Foto erkannten, das in den sozialen Medien kursierte – eine Gruppe palästinensischer Männer, die nackt und mit verbundenen Augen in einem großen, leeren Pool knieten und von israelischen Soldaten bewacht wurden.


Jihan brauchte Monate, um seinen Aufenthaltsort zu bestätigen. Laut einer Aussage, die Ammar im Oktober 2024, acht Monate nach seiner Verhaftung, gegenüber PHRI machte, war er zwischen drei Einrichtungen hin- und herverlegt worden, bevor er im Juni in das Nafha-Gefängnis im Negev/Naqab gebracht wurde, wo er seitdem festgehalten wird.

Über das Rote Kreuz, das sie mit PHRI in Kontakt brachte, konnte Jihan einen Anwalt beauftragen, der Ammar zweimal besucht hat. Der Anwalt berichtete, dass Ammar 25 Kilogramm abgenommen habe, seine Haare verliere und an Krätze erkrankt sei, aber keine saubere Kleidung bekomme. Im Nafha-Gefängnis gibt es keine Seife; die Häftlinge werden von Wachhunden angegriffen und die ganze Nacht über alle zwei bis drei Stunden absichtlich geweckt.


Jihan und die drei Kinder des Paares wurden seit Kriegsbeginn 15 Mal vertrieben und leben nun in einem Zelt in Deir Al-Balah. Beide Töchter leiden unter niedrigem Blutdruck und haben jeweils mehr als 10 Kilogramm abgenommen. Jihan selbst lebt mit Diabetes, Bluthochdruck und chronischen Herzproblemen und hat seit Monaten keinen Zugang zu ihren regelmäßig eingenommenen Medikamenten.


„Ich würde lieber sterben, als wieder woanders hinzuziehen“, sagt sie gegenüber +972. „Ich kann das nicht mehr. Der Krieg hat mich völlig verändert.“

 

Dr. Michal Feldon ist leitende Kinderärztin am Shamir Medical Center.


ree

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