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Dr. Hussam Abu Safiya aus Gaza ist der Janusz Korczak unserer Generation

  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Der Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses in Gaza weigerte sich, seine Patient*innen im Stich zu lassen, selbst nachdem sein Sohn getötet und er selbst verwundet worden war. Heute wird er ohne Anklage in einem israelischen Gefängnis festgehalten. Wenn Israel zulässt, dass er dort stirbt, wird damit ein palästinensisches Symbol des Heldentums ausgelöscht.

 

Von Michal Feldon, Haaretz, 14. Juni 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Mein 10-jähriger Sohn sah Anfang dieser Woche ein Foto von Dr. Hussam Abu Safiya, das im Nafha-Gefängnis aufgenommen und im Sitzungssaal des Obersten Gerichtshofs projiziert wurde. Dr. Abu Safiya wirkte abgemagert, seine Unterarme waren mit Schnittwunden übersät und sein Gesicht ausdruckslos. Mein Sohn fragte, wer dieser Mann sei und warum er so aussehe. Ich versuchte mein Bestes, es ihm zu erklären: „Er ist Kinderarzt, so wie ich, aber er hat außerdem ein Krankenhaus in Gaza geleitet und durch seine Arbeit Tausende von Menschenleben gerettet.“

„Aber warum ist er im Gefängnis?“, hakte mein Sohn nach. „Er kann doch nicht einfach so ohne Grund dort sitzen.“

„Es gibt keinen Grund“, antwortete ich. „Er ist einfach nur ein Arzt aus Gaza. Er hat nichts Unrechtes getan.“

„Okay“, sagte mein Sohn, „zumindest wird dir das nicht passieren.“

Ich hätte ihn mit dieser kindlichen Hoffnung allein lassen können, aber es lastete schwer auf mir, also antwortete ich anders: „In dem Moment, in dem die Menschheit zulässt, dass solche Dinge in Gaza geschehen, können sie auch hier geschehen. Es ist nur Zufall, dass er in Gaza geboren wurde und ich in Israel.“

Das Foto von Dr. Abu Safiyas Festnahme im Dezember 2024 hat sich ins weltweite Bewusstsein eingebrannt: Ein leitender Arzt und Krankenhausdirektor, gekleidet in einen weißen Kittel, verlässt als Letzter das belagerte und bombardierte Krankenhaus, erst nachdem alle Patient*innen und das gesamte Personal evakuiert worden waren. Er geht durch die Trümmer auf den Panzer zu, womit für ihn laut seinem Anwalt mindestens eineinhalb Jahre Folter, Hungern und Demütigung beginnen sollten.

Auch die Welt kennt seine Geschichte.

Er absolvierte seine medizinische Ausbildung in Kasachstan und heiratete dort, entschied sich jedoch, in seine Heimat im Gazastreifen zurückzukehren.

Das Kamal-Adwan-Krankenhaus im Norden von Gaza, das unter der Leitung von Abu Safiya stand, wurde ab Dezember 2023 wiederholt von israelischen Angriffen getroffen. Abu Safiya weigerte sich trotz der Bitten seiner Familie, seine Patient*innen zu verlassen, und seine gesamte Familie zog ins Krankenhaus ein. Im Oktober 2024 wurde er während einer israelischen Militäraktion für mehrere Stunden festgenommen; bei diesem Angriff kam sein Sohn Ibrahim bei einem Drohnenangriff in der Nähe des Krankenhauseingangs ums Leben. Nach der Beerdigung seines Sohnes auf dem Krankenhausgelände, die weltweit übertragen wurde, begann Abu Safiya, regelmäßig Video-Updates aus dem Kamal-Adwan-Krankenhaus zu veröffentlichen. Er setzte dies fort, bis er wenige Wochen später bei einem weiteren Angriff auf die Einrichtung verwundet wurde.

Sechs Splitter trafen sein Bein. Doch am Ende der Operation, die er ebenfalls übertrug, nahm er von seinem Zimmer auf der Intensivstation aus ein weiteres Video über den Zustand des Krankenhauses auf. Kamal Adwan blieb das letzte funktionierende Krankenhaus im Norden des Gazastreifens, bis israelische Streitkräfte die Einrichtung im Dezember 2024 übernahmen.

Wie Tausende andere Bewohner*innen des Gazastreifens, die während des Krieges von Israel festgenommen wurden, wird Dr. Abu Safiya ohne formelle Anklage gemäß dem Gesetz über unrechtmäßige Kombattanten festgehalten. Seine Haft wurde wiederholt verlängert, in der Regel um jeweils sechs Monate. Laut „Physicians for Human Rights“ sind neben ihm 13 weitere Ärzte und Dutzende medizinische Mitarbeiter*innen inhaftiert. Anwält*innen von „Physicians for Human Rights Israel“, die die Inhaftierten vertreten, sowie medizinisches Personal, das inhaftiert und später im Rahmen von Geisel-Gefangenen-Austauschabkommen freigelassen wurde, beschreiben ein System, in dem es den Inhaftierten verboten ist, Kontakt zu ihren Familien aufzunehmen. In vielen Fällen wussten Angehörige monatelang nicht, dass ihre Liebsten festgehalten wurden.

Aus Aussagen von freigelassenen Inhaftierten wissen wir von Folter, darunter Schläge, Angriffe durch Hunde, langes Stehen und ständiges Fesseln von Händen und Füßen. Wir wissen von Haut- und Atemwegserkrankungen sowie unzureichender medizinischer Versorgung. Ärzte haben beschrieben, wie sie Abszesse bei Mitgefangenen mit irgendwelchen Gegenständen, die sie finden konnten, ohne Desinfektion aufgestochen haben. Wir wissen von Hunger und unzureichendem Zugang zu Wasser. Wir wissen auch, dass drei leitende Ärzte im Gefängnis unter bis heute ungeklärten Umständen starben.

In den letzten Monaten habe ich mit mehreren Familien inhaftierter Ärzte gesprochen.

Dr. Arwa Abu Taima, eine Gynäkologin und Mutter von neun Kindern, versorgt ihre Kinder nun allein in einem Zelt in Khan Yunis, nachdem ihr Ehemann, der Chirurg Dr. Nahed Abu Taima, im Februar 2024 bei einer Invadierung im Nasser-Krankenhaus festgenommen wurde. Sie sagt, sie habe erst im November 2024 erfahren, was mit ihm geschehen war, als ein Anwalt ihn endlich besuchen konnte.

Als ich ihr finanzielle Unterstützung anbot, lehnte sie dies entschieden ab. Sie wiederholte, dass sie nur eine Art von Hilfe wolle: Hilfe bei der Freilassung ihres Mannes. Sie bat uns, zu demonstrieren, Briefe zu schreiben und unsere Stimme zu erheben. Was sie wolle, sagte sie, sei politische Hilfe und politischer Einfluss, kein Geld und keine Lebensmittel.

Doch öffentlicher Druck kann Inhaftierten manchmal schaden. Dutzende Petitionen mit Zehntausenden von Unterschriften wurden zugunsten von Dr. Abu Safiya in Umlauf gebracht, und kürzlich wurde beim Obersten Gerichtshof eine Petition eingereicht, in der seine Freilassung gefordert wurde. Doch wenige Tage nach Einreichung der Petition wurde Dr. Abu Safiya aus seiner Zelle im Ketziot-Gefängnis in die Einzelhaft im Nafha-Gefängnis verlegt.

Bei einer Gerichtsverhandlung am 10. Juni ließ Dr. Abu Safiya über seinen Anwalt einen einzigen Satz übermitteln:

„Ich bin Kinderarzt und versorge die Kranken, Verwundeten und Schutzbedürftigen in Gaza medizinisch. Meine Inhaftierung hier ist ungerecht und willkürlich, und ich fordere meine sofortige Freilassung.“

Fast jeder kennt die Geschichte von Janusz Korczak, dem Arzt, der es ablehnte, sich selbst zu retten, als die Kinder des von ihm geleiteten Waisenhauses nach Treblinka deportiert wurden. Er begleitete sie ins Lager und wurde zu einem der bleibenden Symbole des Heldentums im 20. Jahrhundert. Sogar meine Kinder wollten am letzten Holocaust-Gedenktag eine Gedenkkerze für ihn anzünden.

Dr. Abu Safiya ist der Janusz Korczak unserer Generation. Er wird in einem israelischen Gefängnis gefoltert und ausgehungert, und sein Leben könnte in Gefahr sein. Sollte der Oberste Gerichtshof seine Freilassung nicht anordnen, wird kein israelisches Gericht und keine israelische Behörde in der Lage sein, eine direkte Beteiligung an der Vernichtung eines palästinensischen Symbols des Heldentums zu vermeiden.

 

Janusz Korczak (* 22. Juli 1878 oder 1879[1] in Warschau; † nach dem 5. August 1942) war ein polnischer Militär- und Kinderarzt sowie Kinderbuchautor und bedeutender Pädagoge jüdischer Abstammung. Bekannt wurde er vor allem durch seinen Einsatz für Kinder, insbesondere in einem jüdischen Waisenhaus. So begleitete er freiwillig die Kinder seines Waisenhauses bei der Deportation durch die deutschen Besatzer in ein Vernichtungslager, obwohl das auch für ihn selbst den Tod bedeutete.

 

Dr. Michal Feldon ist leitende Kinderärztin am Shamir Medical Center.



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