Dr. Hussam Abu Safiya: Ohne Anklage mehr als 530 Tage in Gefangenschaft, Entscheidung über Freilassung vertagt
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„Wir haben in diesem Krankenhaus alles verloren. Sogar unsere Kinder. Sie haben alles verbrannt, was wir je besaßen. Sie haben unsere Herzen verbrannt. Und meinen Sohn getötet. Wir sind am Boden zerstört wegen des Krankenhauses – sie haben es vollständig niedergebrannt. Sie haben meinen Sohn getötet. Weil wir eine humanitäre Botschaft verbreiten, werden unsere Kinder getötet. Ich habe meinen Sohn auf dem Krankenhaushof beerdigt. Der einzige Lohn für all das ist, dass unsere Kinder vor unseren Augen getötet werden und wir sie mit unseren eigenen Händen begraben müssen.“
Dr. Hussam Abu Safiya, sichtlich erschüttert und immer wieder weinend, nachdem sein 15-jähriger Sohn Ibrahim am 25. Oktober 2024 von der israelischen Armee getötet worden war, in einer Videobotschaft an die Weltöffentlichkeit, 28. Oktober 2024.
„Die israelische Armee weiß nicht, was sie will. Sie hielten mich einige Stunden lang fest und befragten mich, ob sich Kämpfer im Krankenhaus befänden, und forderten mich auf, das Krankenhaus vollständig zu evakuieren, aber ich weigerte mich und versicherte ihnen, dass sich im Krankenhaus nur Patient*innen befänden. Doch 57 Mitarbeiter des Krankenhauses wurden verhaftet, (...) Daher leiden wir unter einem gravierenden Mangel an Ärzten, insbesondere an Chirurgen. Im Moment haben wir nur Kinderärzte – es ist eine enorme Herausforderung, unter diesen Umständen zu arbeiten. Ich weigerte mich, das Krankenhaus zu verlassen und meine Patient*innen zu opfern, also bestrafte mich die Armee, indem sie meinen Sohn tötete. Ich sah ihn am Eingangstor sterben – das war ein unbeschreiblicher Schock. Ich habe ihm ein Grab in der Nähe einer der Krankenhausmauern gesucht, damit er in meiner Nähe bleiben kann.“
„Das Krankenhaus wurde und wird nach wie vor durch die Angriffe der Armee schwer beschädigt. Die meisten Abteilungen des Krankenhauses sind zerstört, auch der Operationssaal im dritten Stock. Die Bombardierung der Umgebung des Krankenhauses hört nicht auf, weder bei Tag noch bei Nacht. Wir sind sehr besorgt über die anhaltenden Angriffe auf das Krankenhaus, die wir als einen absichtlichen Versuch ansehen, es außer Betrieb zu setzen. Ich appelliere erneut an die Welt, das Krankenhaus zu retten und die Ärzte aus der Haft zu entlassen. Wir sind eine Gesundheitseinrichtung, die sich um die Patient*innen kümmert, deren Zustand sich aufgrund des Mangels an Medikamenten immer weiter verschlechtert. Wir brauchen unsere Ärzte, um die Verwundeten zu behandeln, aber die Armee ist nicht bereit, sie freizulassen. Wir tun, was wir können, und wir werden nicht aufhören. Ich werde nicht aufhören, meine humanitäre Botschaft zu verkünden: Mein Beruf ist meine Pflicht, und ich muss ihn weiter ausüben. Ich werde bis zum letzten Atemzug im Krankenhaus bleiben.“
Dr. Hussam Abu Safiya im Interview mit der palästinensischen Journalistin Ruwaida Kamal Amer, 5. November 2024
„Das wird uns nicht aufhalten. Ich wurde bei der Arbeit verletzt, und das ist mir eine Ehre. Mein Blut ist nicht kostbarer als das meiner Kolleg*innen oder der Menschen, denen wir dienen. Sobald ich wieder gesund bin, werde ich zu meinen Patient*innen zurückkehren.“
Dr. Hussam Abu Safiya, nachdem er im Krankenhaus von einem Schrapnell bei einem israelischen Drohnenangriff verletzt worden war, 23. November 2024
„Zunächst gab es eine Reihe von Luftangriffen auf die Nord- und Westseite des Krankenhauses, begleitet von intensivem und direktem Beschuss. Sie kamen auf mich zu und befahlen mir, alle Patient*innen, Vertriebenen und das medizinische Personal zu evakuieren, alle im Innenhof des Krankenhauses zu versammeln und sie gewaltsam zum Kontrollpunkt zu bringen. (…) Am Morgen waren wir schockiert, als wir Hunderte von Leichen und Verwundeten in den Straßen rund um das Krankenhaus sahen. Die Lage im nördlichen Gazastreifen ist katastrophal, insbesondere in der Umgebung des Kamal-Adwan-Krankenhauses. (…) Das israelische Militär hat über Nacht Sauerstoffgeneratoren schwer beschädigt. Wir haben jetzt im Krankenhaus [permanent, Anm.] nur noch zwei junge, unerfahrene Chirurgen, um lebensrettende Maßnahmen durchzuführen.“
Dr. Hussam Abu Safiya im Interview mit CNN, 6. Dezember 2024. Vier Krankenhausmitarbeiter wurden bei den Angriffen auf das Krankenhaus getötet, ein Rettungswagen des Roten Halbmonds vor dem Krankenhaus bombardiert.
„Nach dem jüngsten Angriff auf das Kamal-Adwan-Krankenhaus, bei dem über 100 Granaten und Bomben wahllos in die Krankenhausgebäude einschlugen, waren die Schäden erheblich. Zurzeit ist eines der Krankenhausgebäude noch immer ohne Strom, Sauerstoff und Wasser. (…) Derzeit werden in Kamal Adwan 112 Verletzte behandelt, darunter sechs Intensivpatient*innen und 14 Kinder. In der Notaufnahme warten aufgrund des Beschusses eine Reihe von Patient*innen auf ihre Aufnahme, da die Stationen voll belegt sind. Die Situation ist kritisch. Der Beschuss und die Schüsse haben nicht aufgehört. Die Flugzeuge werfen rund um die Uhr Bomben ab. Wir wissen nicht, was uns erwartet und was die Armee von dem Krankenhaus will. Wir haben die ganze Welt angefleht, das Krankenhaus und seine Mitarbeiter*innen zu schützen, aber wir haben von niemandem in der Welt eine Antwort erhalten.“
Dr. Hussam Abu Safiya, 8. Dezember 2024
„Vor einer Woche wurde Dr. Saeed Joudah über den Tod seines Sohnes informiert. Dr. Saeed Joudah konnte seinen Sohn nicht sehen und beerdigen, weil es zu gefährlich gewesen wäre, und er litt jeden Tag sehr unter dem Verlust seines Sohnes. Wir versuchten, ihn zu trösten und ihm beizustehen, aber er war vom Tod seines Sohnes zutiefst erschüttert. Heute ist er seinem Sohn gefolgt.“
Dr. Hussam Abu Safiya, 12. Dezember 2024. Der einzige im Norden von Gaza verbliebene orthopädische Chirurg, Dr. Saeed Joudah, wurde von der israelischen Armee getötet. Er pendelte in einem Ambulanzfahrzeug zwischen den Krankenhäusern Kamal Adwan und Al Awda, um Patient*innen zu versorgen. Dr. Joudah wurde durch einen Kopfschuss getötet, während er in einem Rettungswagen auf dem Weg ins Al-Awda-Krankenhaus war. Dr. Joudah, eigentlich schon in Pension, nahm seinen Arztberuf nach Beginn der israelischen Angriffe auf Gaza als Volontär im Kamal Adwan Krankenhaus wieder auf, um seinen Mitmenschen zu helfen. Er starb nur eine Woche nach seinem 24-jährigen Sohn Majd Joudah, der bei israelischen Bombardierungen ihres Wohnhauses getötet worden war. Am selben Tag wurde Kareem Jaradat, Krankenpfleger im Kamal Adwan Krankenhaus, auf dem Weg zur Arbeit von einer Drohne vor dem Krankenhaus getötet.
„Wir arbeiten nun unter dem absoluten Minimum, wir haben keine Medikamente mehr. Verletzte kommen zu uns, aber wir haben nichts mehr, womit wir sie behandeln könnten. Die Situation ist sehr schwierig für uns.“
Dr. Hussam Abu Safiya, nachdem die israelische Armee abermals einen UN-Konvoi, der dringend benötigten Treibstoff und medizinisches Equipment sowie Medikamente in das Kamal Adwan Krankenhaus liefern hätte sollen, nicht passieren hatte lassen, 12. Dezember 2024
„Die israelische Armee hat absichtlich Sprengfallen in den Straßen rund um das Krankenhaus gelegt und die Intensivstation mit Scharfschützen, die auf den Dächern der umliegenden Gebäude stationiert sind, sowie mit Quadcopterdrohnen beschossen. Auch die Wassertanks auf den Dächern des Krankenhauses wurden angegriffen. Es sind sehr viele Schäden entstanden. Mit Bedauern muss ich feststellen, dass auf unsere früheren Bitten, das Krankenhaus vor Angriffen zu schützen, keine Reaktionen erfolgt sind. Es gibt 64 Verletzte und sechs Fälle auf der Intensivstation, und jeder israelische Angriff zwingt uns, die Patient*innen in die Korridore in Sicherheit zu bringen, gleichzeitig bedroht dies jedoch das Leben der Intensivpatient*innen.“
Dr. Hussam Abu Safiya, 17. Dezember 2024
„Das Kamal-Adwan-Krankenhaus wird seit gestern und bis heute ununterbrochen bombardiert. Das Krankenhaus ist ohne vorherige Evakuierungswarnung direkt angegriffen worden. Etwa 400 Zivilist*innen, darunter auch Patient*innen in kritischem Zustand, befinden sich im Krankenhaus, ohne eine Möglichkeit, sie sicher zu evakuieren. Wenn das Kamal Adwan Krankenhaus stillgelegt wird, gibt es auch keine Möglichkeit mehr, die Lebensbedingungen für die verbleibenden mehr als 75.000 Zivilist*innen im nördlichen Gazastreifen zu retten. Es gibt nun kaum noch Lebensmittel- oder Wasserreserven.“
Dr. Hussam Abu Safiya, 22. Dezember 2024
Alle Hilferufe von Dr. Abu Safiyeh an die internationale Staatengemeinschaft um Schutz sowie Lieferungen von Nahrungsmittel, Wasser, Medikamenten und medizinischem Equipment blieben ungehört. Er wurde von der israelischen Armee fünf Tage später, am 27. Dezember 2024, verschleppt.
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Der 53-jährige palästinensischen Kinderarzt und Direktor des Kamal Adwan Krankenhauses, Dr. Hussam Abu Safiya, wird – so wie 13 andere palästinensische Ärzte – seit Ende Dezember 2024 unter menschenunwürdigen Haftbedingungen und ohne Anklage festgehalten.
„Die Ermordung von Ärzt*innen, die Bombardierung von Krankenhäusern und die Inhaftierung von medizinischem Personal waren keine Zufälle. Sie waren Teil einer umfassenderen Strategie: Gaza unbewohnbar zu machen, indem die lebenswichtigen Systeme zerstört wurden“, schrieb der Autor und Journalist Dr. Ramzy Baroud in seinem Beitrag „‘Torture and degrading treatment’ — The case of Dr Abu Safiya and Gaza’s broken medical system“ für Middle East Monitor. „Deshalb ist Dr. Abu Safiya für diese Geschichte so wichtig geworden. Er ist kein Einzelfall – und genau das ist der springende Punkt. Er ist das kollektive Gesicht einer medizinischen Gemeinschaft, die sich weigerte, ihr Volk im Stich zu lassen, selbst als das System um sie herum zusammenbrach. Im Kamal-Adwan-Krankenhaus im Norden Gazas blieb Abu Safiya auf seinem Posten, als israelische Streitkräfte auf die Einrichtung vorrückten, die bereits von Wellen von Verwundeten und vertriebenen Zivilist*innen überrannt worden war. Trotz Mangels an Treibstoff, Medikamenten und Personal behandelte er weiterhin Patient*innen und half dabei, diejenigen zu schützen, die auf dem Krankenhausgelände Zuflucht gesucht hatten. In den letzten Tagen vor seiner Festnahme am 27. Dezember 2024 gehörte er zu den letzten leitenden Ärzten, die noch im Krankenhaus tätig waren, und leitete die Versorgung unter Bedingungen, die jedes herkömmliche Verständnis von medizinischer Praxis sprengen.“
Vor kurzem wurde er in Isolationshaft verlegt, nachdem sein Anwalt gegen die Fortsetzung seiner Haft Einspruch eingelegt hatte. Sein psychischer und physischer Zustand ist aufgrund der Bedingungen in den israelischen Folterlagern (O-Ton B’tselem) zutiefst besorgniserregend. Gestern, am 10. Juni 2026, fand um 16:00 Uhr eine Anhörung am Israelischen Obersten Gerichtshof statt. Dr. Hussam Abu Safiya war nicht persönlich anwesend, sondern wurde per Video-Livestream aus dem Gefängnis zugeschaltet – eine gängige Praxis für palästinensische Gefangene. „Die Bilder waren zutiefst beunruhigend“, beschrieb die Organisation Doctors against Genocide den Anblick des Arztes. „Nach mehr als 530 Tagen in Haft waren deutliche Anzeichen körperlicher Verfall, Erschöpfung, Gewichtsverlust und vorzeitiger Alterung zu erkennen. (…) Es gibt Anlass zu ernsthafter Sorge um seine Gesundheit, seine Sicherheit und sein Überleben.“ Die Kamera zeigte Dr. Abu Safiya merklich abgemagert und mit zahlreichen dunklen Flecken an den Unterarmen, die Verletzungen oder unbehandelte Hauterkrankungen (wie beispielsweise durch Krätze oder Milbenbefall) sein können. Der Arzt versuchte, mit seinem Anwalt zu sprechen, bevor israelische Gerichtsmitarbeiter die Sicht auf den Bildschirm versperrten und dann die Verbindung unterbrachen, wodurch anwesende Journalist*innen daran gehindert wurden, den Austausch oder den Videoauftritt zu filmen.
Der Anwalt versuchte, mit Dr. Abu Safiya zu kommunizieren, doch es schien, als könne Dr. Abu Safiya ihn nicht hören. Er versuchte ihm mitzuteilen, dass einige Personen im Gerichtssaal anwesend seien, um ihre Unterstützung und Solidarität zu bekunden, und dass sie auf die Ankunft des Richters warteten, damit er wieder auf den Bildschirm gebracht werden könne. Der Anwalt erklärte im Gericht wiederholt, er könne seinen Klienten Dr. Abu Safiya weder sehen noch hören, „nachdem seine Entführer die Kamera ausgeschaltet haben“.
Eine Entscheidung des Gerichts über eine Freilassung wurde vertagt.
Dr. Abu Safiya hätte als palästinensisch-kasachischer Doppelstaatsbürger mehrmals die Möglichkeit gehabt, Gaza zu verlassen. Er und seine Familie entschieden sich jedoch dafür, zu bleiben. Seine Mutter starb kurz nachdem er verschleppt worden war.

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Weitere Hinweise:
Petition von Amnesty International: Sofortige Freilassung für Dr. Abu Safiya!
UN experts demand immediate release of Dr Abu Safiya after reports of “severe torture”
24. März 2026
Interview mit Dr. Hussam Abu Safiya: Ich werde bis zum letzten Atemzug in meinem Krankenhaus bleiben
Die israelische Armee hat seinen Sohn getötet und seine Kollegen im Kamal-Adwan-Krankenhaus verhaftet, aber Direktor Dr. Hussam Abu Safiya weigert sich, seine Patienten im Stich zu lassen.
Von Ruwaida Kamal Amer, 972Mag, 5. November 2024
Albina Abu Safiya: „Die israelische Armee zielte absichtlich auf meinen Mann“
Nach der Verhaftung von Dr. Hussam Abu Safiya im nördlichen Gazastreifen beschreibt seine Frau ihre Ängste über das Schicksal des Krankenhausdirektors und spricht über die Tragödie der Ermordung ihres Sohnes.
Von Ruwaida Kamal Amer, 972Mag, 17. Januar 2025



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