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Ein Journalist fragte, warum Israel nicht für den Wiederaufbau Gazas aufkommt. Das kostete ihn seinen Job.

  • office16022
  • 9. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Die italienische Nachrichtenagentur Nova bestätigte, dass sie den Reporter Gabriele Nunziati entlassen hat, weil er eine Sprecherin der Europäischen Kommission bei einer Pressekonferenz zu Israel befragt hatte.


Von Arthur Neslen, The Intercept, 4. November 2025


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Ein italienischer Journalist, der eine Sprecherin der Europäischen Kommission fragte, warum Israel nicht für den Wiederaufbau des Gazastreifens aufkommen solle, wurde von seiner Nachrichtenagentur entlassen.

Gabriele Nunziati, ein in Brüssel ansässiger Reporter, der für die römische Nachrichtenagentur Nova über die EU berichtete, erzählte The Intercept, dass er kaum einen Monat nach seinem Amtsantritt als Korrespondent die Kündigung erhalten habe.

Der Schritt, über den zuerst die italienische Nachrichtenwebsite Fanpage berichtete, erfolgte, nachdem er Paula Pinho, die Chefsprecherin der Europäischen Kommission, am 13. Oktober zum Wiederaufbau Gazas befragt hatte.

„Sie haben mehrfach wiederholt, dass Russland für den Wiederaufbau der Ukraine aufkommen sollte“, sagte Nunziati, der als Mitarbeiter für Nova tätig ist, auf einer Pressekonferenz. „Sind Sie der Meinung, dass Israel für den Wiederaufbau des Gazastreifens aufkommen sollte, da es fast die gesamte zivile Infrastruktur zerstört hat?“

Pinho antwortete, dass dies „auf jeden Fall eine interessante Frage sei, zu der ich mich jedoch nicht äußern möchte“.

Ein Clip dieser Unterhaltung verbreitete sich viral – was bei Pressekonferenzen der Europäischen Kommission nicht oft vorkommt – und Nunziati war plötzlich sehr gefragt.

„Die Aufnahme wurde von mehreren Medien veröffentlicht und es wurde wirklich riesig“, erzählt Nunziati. „Ich wurde sogar von mehreren Leuten kontaktiert, die sagten: ‚Ich habe dich auf Instagram gesehen!‘ Zwei Wochen später – am 27. Oktober – erhielt ich eine E-Mail von meiner Nachrichtenagentur, in der mir mitgeteilt wurde, dass sie unsere Zusammenarbeit beenden wollten.“

Die Agentur verwendet laut Mitarbeiterangaben häufig „Kooperationsverträge“ mit begrenzten Schutzmaßnahmen, darunter Geheimhaltungsvereinbarungen. Nunziati berichtet, dass er in den zwei Wochen zwischen seiner Frage und der Mitteilung, dass sein Vertrag beendet werde, zwei „angespannte” Anrufe von seinen Vorgesetzten bei Nova erhalten habe, lehnte es jedoch ab, sich weiter dazu zu äußern.

Francesco Civita, ein Sprecher von Nova, bestätigte, dass die Nachrichtenagentur ihre Beziehung zu Nunziati wegen seiner Gaza-Frage beendet habe. Civita sagte, Nunziati sei entlassen worden, weil er eine Frage gestellt habe, die „technisch falsch“ gewesen sei, da Russland ohne Provokation in ein souveränes Land eingefallen sei, während Israel auf einen Angriff reagiert habe. Der Unterschied zwischen der Position Russlands und der Israels sei Nunziati „wiederholt erklärt“ worden, so Civita, „aber er habe sich geweigert, den wesentlichen und formalen Unterschied zwischen den Situationen zu begreifen“.

„Tatsächlich bestand er darauf, dass die Frage korrekt sei, und demonstrierte damit seine Unkenntnis der Grundprinzipien des Völkerrechts”, sagt Civita. „Schlimmer noch, das Video zu seiner Frage wurde von russischen nationalistischen Telegram-Kanälen und Medien, die mit dem politischen Islam verbunden sind und eine anti-europäische Agenda verfolgen, aufgegriffen und erneut gepostet, was der Agentur Unannehmlichkeiten bereitete.”

 

„Unangenehme Frage“

In einem Gespräch mit einer italienischen Zeitung verurteilte Anna Laura Orrico, Abgeordnete der Fünf-Sterne-Bewegung im italienischen Parlament, die Entscheidung, Nunziati zu entlassen. „Wenn die Geschichte den Tatsachen entspricht, wäre es einfach beschämend für ein Medienunternehmen, eine solche Entscheidung zu treffen“, sagt sie.

Ein anderer Journalist von Nova, der unter der Bedingung der Anonymität sprach, um seinen Lebensunterhalt nicht zu verlieren, sagte gegenüber The Intercept, dass Nunziatis Fall „nur die Spitze des Eisbergs der italienischen Zensur ist, der Journalist*innen in Bezug auf Israel ausgesetzt sind“.

„Gabriele wurde entlassen, weil er der Europäischen Kommission eine unangenehme Frage gestellt hat. In den folgenden Tagen war die Atmosphäre sehr angespannt.“ Der Journalist der Agentur Nova sagt weiters, dass nach Nunziatis Entlassung „alle Journalist*innen in der Redaktion verstummten“.

Mehrere westliche Journalist*innen haben ihren Job verloren, nachdem sie kritische Fragen gestellt oder sich kritisch über Israels Krieg im Gazastreifen geäußert hatten. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalist*innen wurden im Gazastreifen mehr als 240 Journalist*innen getötet, Dutzende verletzt und fast 100 von Israel inhaftiert.

 

Arthur Neslen ist ein unabhängiger Journalist mit Sitz in Brüssel, dessen Arbeiten in The Guardian, Reuters, Politico, Al Jazeera und der BBC erschienen sind. Er ist Autor von zwei [sehr empfehlenswerten, Anm.] Büchern über die israelisch-jüdische und palästinensische Identität: „Occupied Minds: A Journey Through the Israeli Psyche” und „In Your Eyes a Sandstorm: Ways of being Palestinian”.

 


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