Ein Krankenhaus, das kein Verbandsmaterial mehr hat
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Das ist die heutige Realität in den Krankenhäusern von Gaza. Der Mangel ist so groß, dass selbst die grundlegendsten Medikamente, einfache Schmerzmittel wie Paracetamol, nicht frei ausgegeben werden. Sie werden nur nach schriftlicher Genehmigung verteilt, als wäre jede Tablette ein seltenes und kostbares Objekt.
Von Dr. Ezzideen Shehab, 7. März 2026
(Originalbeitrag auf X (Twitter))
Vor zwei Tagen wurde ein Kind mit Verbrennungen am ganzen Körper in das größte Krankenhaus von Gaza eingeliefert. Sein Name ist Mohammed, er ist noch keine zwei Jahre alt. Vor dem Krieg wäre dieser Satz schon schrecklich genug gewesen. Aber im heutigen Gaza ist das nur der Anfang der ganzen Geschichte.
Seine Mutter hatte Wasser über einem kleinen Feuer im Zelt der Familie erhitzt. So lebt heute fast jede Familie. Es gibt keine Küchen, keinen Strom, keine sicheren Ecken, in denen ein Kind ohne Gefahr herumtollen kann. Nur Stoffwände, Staub, Rauch und die täglichen Improvisationen, die zum Überleben notwendig sind.
Sie wollte ihn baden. Für einen Moment, nicht länger als einen Herzschlag, wandte sie den Blick ab. Kinder in diesem Alter bewegen sich mit einer eigentümlichen und furchtlosen Neugier. Mohammed kam dem Topf zu nahe. Vielleicht versuchte er, sich an dessen Rand festzuhalten, vielleicht streckte er einfach nur die Hand nach dem Dampf aus. Der Topf kippte um. Kochendes Wasser ergoss sich über seinen Körper.
Als er im Al-Shifa-Krankenhaus ankam, protokollierten die Ärzt*innen, was sie in solchen Momenten immer verzeichnen: Verbrennungen dritten Grades auf fast sechzig Prozent des Körpers. Die Haut an Brust und Bauch hatte sich abgelöst. Teile der Arme und Beine waren weiß und ledrig geworden, ein untrügliches Zeichen dafür, dass die tiefsten Gewebeschichten zerstört waren.
Das Kind weinte, bis es vor Erschöpfung verstummte. Die Ärzte begannen mit der Behandlung. In normalen Krankenhäusern erfordern solche Verbrennungen eine ständige Versorgung mit steriler Gaze, Verbänden, Schmerzmitteln, Antibiotika und einer sorgfältigen Überwachung auf Infektionen. Jede Stunde zählt.
Aber Gaza ist kein normaler Ort mehr.
Später an diesem Tag kam der Vater des Jungen in unsere Klinik. Er bat nicht um Geld, er bat nicht um Essen. Er bat um Gaze und Verbände. Zuerst dachte ich, er bräuchte sie für die Pflege zu Hause oder vielleicht für ein anderes verletztes Familienmitglied. Aber etwas in seiner Stimme deutete auf etwas anderes hin, also rief ich einen Kollegen an, der in der Abteilung für Verbrennungen und plastische Chirurgie des Krankenhauses arbeitet. Was er mir erzählte, war selbst hier schwer zu begreifen.
Jedes Mal, wenn das medizinische Personal Verbandsmaterial für einen Patienten oder eine Patientin benötigt, muss es einen formellen Antrag beim zentralen medizinischen Lager stellen. Nicht, weil dies das übliche Verfahren ist, sondern weil die Vorräte fast aufgebraucht sind.
Der Mangel ist so groß, dass selbst die grundlegendsten Medikamente, einfache Schmerzmittel wie Paracetamol, nicht frei ausgegeben werden. Sie werden nur nach schriftlicher Genehmigung verteilt, als wäre jede Tablette ein seltenes und kostbares Objekt.
Das ist die heutige Realität in den Krankenhäusern von Gaza.
Es gibt noch einen weiteren Umstand, der erklärt, wie es zu dieser Situation kommen konnte. Seit Anfang dieses Jahres verbietet die israelische Armee Médecins Sans Frontières, medizinische Hilfsgüter in ihre Kliniken in Gaza zu bringen. Und so liegt heute Nacht irgendwo in einem Krankenhauszimmer ein Kind, dessen Körper von Verbrennungen übersät ist.
Und irgendwo in der Stadt irrt ein Vater umher. Er geht nicht nach Hause, nicht zum Schlafen, nicht zum Beten. Er geht durch eine verwundete Stadt und sucht nach Verbandsmaterial, damit die Ärzt*innen seinen Sohn behandeln können.
An vielen Orten wird Krieg in Zahlen gemessen: Opfer, Statistiken, Berichte. In Gaza wird er manchmal in etwas viel Kleinerem gemessen. Ein Topf mit kochendem Wasser. Ein verbranntes Kind.
Und ein Krankenhaus, das kein Verbandsmaterial mehr hat.
Dr. Ezzideen Shehab ist ein junger praktischer Arzt aus Jabalia und hat vor kurzem eine einfache Klinik in Zusammenarbeit mit Ärzte ohne Grenzen eröffnet. Er ist Autor des Buches „Diary of a young doctor“, das seit dem 10. November über Readers and Writers Against Genocide erhältlich ist.




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