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Ein Tag im Leben einer Großmutter in Gaza: „Hier wohne ich jetzt, auf der Ladefläche eines Lastwagens“

vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit

Mit 76 Jahren ist Mansouras wertvollster Besitz der Schlüssel zu ihrem ehemaligen Zuhause

Von Seham Tantesh und Tess McClure, The Guardian, 23. September 2026


(Originalbeitrag mit dazugehörendem Video- und Fotomaterial in englischer Sprache)

 

Die Ladefläche des Pritschenwagens ist der heißen Sommerluft ausgesetzt; sein Metallrahmen ist an zwei Seiten mit herunterhängenden Planen bedeckt, hinten mit einem festgesteckten Bettlaken. Auf dem Blechboden liegen eine Matratze und ein Polster mit einem gelben, gerüschten Bezug.

Mansoura Ibrahim Mohammed Abdel Dayem platziert einen dünnen Polster auf den Metallrand der Ladefläche, um ihre Knie zu schützen, während sie hinein- und herauskriecht. Sie setzt ihren Fuß auf den Plastikstuhl darunter, lässt sich dann auf den Boden sinken und taumelt leicht, während sie das Gleichgewicht findet. Mansoura ist 76 Jahre alt. Der Lkw ist jetzt ihr Zuhause. Um sie herum lebt ihre Familie in Zelten, deren Stoff zerrissen und ausgefranst ist.

Das ist ein Tag im Leben einer Großmutter, die in Gaza lebt.

 

Morgendämmerung


Letzte Nacht bin ich bis 2 Uhr morgens wach geblieben. Wegen der Gelsen und der Hitze schlafe ich nachts kaum. Ich schlafe nur kurz ein, wache früh am Morgen auf, bete zu Gott und warte auf den Ruf zum Morgengebet. Wenn ich aufwache, rufe ich meinen Enkel herbei, damit er mir den weißen Plastikstuhl bringt, den ich brauche, um in den Lkw hinein- und wieder herauszuklettern.

Hier wohne ich jetzt: auf der Ladefläche eines Pick-ups. Diesen Pick-up haben wir mitgenommen, als wir aus Beit Lahia [einer Stadt im Norden des Gazastreifens] um unser Leben flohen. Seine Besitzer hatten ihn zurückgelassen, also nahmen wir ihn mit und zogen von Ort zu Ort – bis wir schließlich hier landeten. Als wir endlich ankamen, gab es für mich nirgendwo anders Platz – die Zelte, die wir haben, sind klein, zerrissen und überfüllt, sie fallen auf die Kinder herunter –, also war ich gezwungen, im Pick-up zu leben. Ich schlafe darin, um dem Sand, dem Schmutz und den Insekten zu entkommen. Das ist die Geschichte des Pick-ups.

Nachdem ich aufgewacht bin, falte ich die Matratze zusammen und lehne sie mit dem Polster an die Wand, dann kehre ich mit einem Tuch den Schmutz und den Sand vom Planenboden. Ich sitze mit meinem Enkel zusammen, und wir versuchen, den winzigen Gaskocher zum Laufen zu bringen, um Wasser für Kaffee zu kochen. Es ist ein alter Kocher – ein Erbstück von meinem eigenen Großvater – und es ist schwer, ihn anzuzünden, da nicht genug Gas da ist, aber schließlich bekommen wir eine Flamme hin. Ich koche Wasser in einem kleinen Topf und brühe Kaffee für meine Söhne und mich auf – ein paar Löffel für jeden. Der Kaffee schmeckt stark nach Paraffin.

 

Mittag


Mansouras Sohn hält das Handy hoch, um einen Videoanruf mit einem ihrer Enkel zu führen, der Gaza verlassen hat und nun im Ausland lebt, und sie unterhält sich eine Weile mit ihm. Zum Mittagessen pflückt Mansoura ein paar Basilikumblätter von einer Pflanze, die die Familie in einer Blechdose gezüchtet hat, und zerkleinert sie mit Knoblauch in ihrem Mörser. Sie fügt eine gehackte Paradeis hinzu und isst das Ganze mit etwas Brot.

Das ist der Salat, den ich früher zu Hause zubereitet habe – damals habe ich Rosmarin, grünen Thymian und Minze hinzugefügt. Wenn ich Gemüse wachsen sehe, erinnert mich das an Beit Lahia, an unsere Landwirtschaft, unsere Ernten und unser Land.

Vor dem Krieg lebte ich wie eine Königin. Ich hatte ein wunderschönes Leben. Ich war Bäuerin. Ich habe mein Land bestellt und geerntet. Ich hatte Ställe, in denen ich Vieh, Hühner, Kaninchen und Enten gezüchtet habe. Ich führte ein sehr schönes Leben, aber das hat sich für mich geändert.

Jetzt haben wir kein Zuhause, keine Einkommensquelle und kein gutes Essen. Das Leben in Zelten ist schrecklich – eigentlich unerträglich. Überall wimmelt es von Insekten, Mücken, Sand, Schmutz, Müll und zerrissenen Zelten. Und der Wind. Im Winter weht er alles weg. Im Sommer sterben wir vor Hitze. Wir haben nicht einmal genug Platz, um ein ordentliches Badezimmer zu bauen – wer in einem Zelt duscht, kommt schmutziger wieder heraus, als er hineingegangen ist.

Ich habe das Gefühl, dass für Menschen in meinem Alter der Tod ehrenvoller ist, als dieses Leben zu führen. Das ist kein Leben. Wir leben nicht. Wir sind tot. Alles Schöne ist verschwunden. Es ist verschwunden, und ich bin mit ihm verschwunden.

Nach dem Essen wasche ich die Kleidung für meine Familie. Zu Hause lebten wir in einem zweistöckigen Haus und hatten eine Waschmaschine – ich habe sie immer auf dem langen Waschgang laufen lassen und die Kleidung einmal, zweimal, sogar dreimal gespült. Jetzt, obwohl ich eine ältere Frau bin, wasche ich die gesamte Wäsche von Hand in einem Plastikeimer.

 

Nachmittags


Nach dem Mittagessen setzt sich Mansoura draußen auf den Boden, versammelt ihre Enkelkinder um sich herum und befragt sie zu ihrem früheren Leben. Einige sind noch klein und können sich kaum an eine Zeit vor dem Krieg erinnern: Sie haben fast drei Jahre lang in Zelten inmitten der Trümmer gelebt.

„Wo haben wir gewohnt, Mohammed?“, fragt Mansoura.

„Im Norden von Beit Lahia“, antwortet er.

„Wo genau im Norden?“

„In der Nähe der 36. Straße.“

„Erzähl ihnen, wie es in Beit Lahia vor dem Krieg war.“

„Ehrlich gesagt, war es gut, besser als heute.“

„Wir werden dorthin zurückkehren“, sagt Mansoura.

Sie zieht ihre Ledertasche zu sich heran und durchsucht die Taschen. „Schaut mal, was ich in meiner Tasche habe. Was ist das?“, fragt Mansoura und hält einen Gegenstand vor sich hin.

Sie antworten: „Der Schlüssel zum Haus.“

Das ist das Wertvollste, was ich besitze – der Schlüssel zu unserem Haus im Norden. Es ist der Schlüssel zu dem Haus, das die Besatzungstruppen mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht haben. Sie haben alles dem Erdboden gleichgemacht: das Haus, die Bäume, den Brunnen, sogar einen Pferch voller Tiere – sie haben alles plattgewalzt. Wir konnten nichts mitnehmen, kein Geld, kein Vieh.

Ich habe schon zuvor Kriege erlebt. Keiner war so schlimm wie dieser. Während des 52-Tage-Kriegs suchten wir Zuflucht in Schulen, und es ging uns gut – es gab keine Bombenangriffe wie diese, nicht in diesem Ausmaß an Tötungen und nicht diese Zerstörung von Häusern. Aber dieser Krieg ist extrem schwer. Die Zerstörung ist enorm, die Verwüstung ist enorm – und das alles ohne jeden Nutzen. All das ist umsonst.

Das Leben hat sich völlig verändert. Unsere Familie kannte zuvor weder Hunger noch Vertreibung, Bombardierungen, Raketenangriffe, Tötungen und Zerstörung in dieser Form oder in diesem Ausmaß. Das andere, was ich in dieser Tasche aufbewahre, ist eine Kugel – sie wurde aus dem Rücken meines Sohnes entfernt. Während der Hungersnot hatte er nichts zu essen und nichts, womit er seine sieben Kinder ernähren konnte, also ging er zu den Hilfsstationen, um einen Sack Mehl für seine Kinder zu holen, und sie haben ihn erschossen. Ich bewahre sie als Erinnerung daran auf, was passiert ist – und das alles nur, um an Essen zu kommen.

Ehrlich gesagt ist für mich jetzt jeder Tag gleich. Ich wache auf, räume den Platz um uns herum und unseren Schlafbereich auf, putze ihn, esse, sitze da und schlafe.

Was mich zum Lächeln bringt, ist, wenn ich morgens aufwache und meine Kinder wohlbehalten vorfinde, wenn ich höre, dass es meinen Enkelkindern gut geht, und wenn es mir selbst gut geht, Gott sei Dank … Das ist für mich das schönste Leben und das größte Glück.

Nachts rufe ich meinen Enkel, damit er mir den Stuhl bringt. Dann krieche ich zurück in den Lkw, um zu schlafen.



 
 
 

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