top of page

Ein Tag im Leben einer schwangeren Frau in Gaza: „Ich habe meine Kinder verloren und habe Angst, mein Baby erneut zu verlieren“

vor 3 Tagen
5 Min. Lesezeit

Alaa lebt in einem Zelt, das auf den Trümmern ihres Hauses steht, das durch einen israelischen Luftangriff zerstört wurde, bei dem alle drei ihrer Kinder getötet wurden. In einem Monat wird sie erneut ein Kind zur Welt bringen.


Von Seham Tantesh, Tess McClure und Aseel Mousa, The Guardian, 21. September 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörendem Bild- und Videomaterial)

 

Alaa Hessi setzt jeden Schritt bedächtig: Sie hebt den Fuß, um ihn schwer auf die nächste Stufe zu setzen, holt Luft und lässt ihre Hand am Geländer nach oben gleiten. Die Holztreppe, die auf einem unebenen Trümmerhaufen ruht, wackelt bei jeder Bewegung. Ihre Bewegungen werden durch den schweren, melonenförmigen schwangeren Bauch verlangsamt.

Oben an der Treppe hält sie inne, um Luft zu holen, dann geht sie weiter auf die Plattform, die einst das Obergeschoss des Hauses ihrer Familie bildete. An der Stelle, an der das Haus stand, ist ein Zelt aufgeschlagen. Unter ihren Füßen liegen die Ruinen des Hauses, in dem sie ihre drei Kinder großgezogen hat: Waseem (10), Mohannad (7) und Khawla (5). Und wo sie starben – alle drei wurden bei einem israelischen Luftangriff getötet, der das Haus dem Erdboden gleichmachte.

In etwa einem Monat wird Alaa erneut ein Kind zur Welt bringen.

 

Morgendämmerung


Das Geräusch, das mich morgens weckt, ist das Summen der Fliegen im Zelt und die Geräusche unserer Nachbar*innen. Privatsphäre gibt es in den Zelten ebenso wenig wie Sicherheit. Hier hört jeder die Geheimnisse der anderen. Wir hören die Leute, wenn sie auf die Toilette gehen. Wir können sogar ihren Atem hören. Das Fenster meines Zeltes zeigt direkt auf die gelbe Linie. Von hier aus kann man die Stellungen der israelischen Armee sehen, und manchmal schießen sie auf uns.

Mein Mann und ich trinken morgens sehr gerne Tee, aber das Teekochen ist zu einer Herausforderung geworden, da Israel die Einfuhr von Kochgas nach Gaza verhindert hat und Gas extrem knapp ist. Wir sind beim Kochen und bei der Zubereitung heißer Getränke nach wie vor auf Brennholz und offenes Feuer angewiesen. Das Holzsammeln und Feuermachen reicht schon aus, um mich zu erschöpfen.

Nachdem ich meinen Tee getrunken habe, räume ich das Zelt auf und versuche, so früh wie möglich zu kochen, bevor die Sonne zu stark wird. Außerdem wasche ich die Kleidung meines Mannes und meine eigene von Hand, was körperlich sehr anstrengend ist, da ich im achten Monat schwanger bin.

 

Morgen


Alaa öffnet das Fenster – eine Plane an der Seite des Zeltes. Ein Loch hinaus ins Freie. Als sich ihre Augen an das helle Licht gewöhnt haben, wird deutlich, dass alles, soweit das Auge reicht, zerstört ist. Die Landschaft ist eine Ansammlung aus zerschmettertem Beton und verbogenem Stahl.

Heute habe ich einen Termin zur Schwangerschaftsvorsorge, um zu sehen, wie es dem Baby geht.

Der Ort ist weit entfernt, und ich gehe zu Fuß dorthin – normalerweise gibt es kein Fahrzeug, das mich mitnehmen kann. Es sind 34 °C, und in der Hitze des Tages durch bombardierte Straßen voller Trümmer und Insekten zu laufen, ist extrem anstrengend. Der Ort, an dem ich meine Schwangerschaftsvorsorge bekomme, ist ein Zelt, keine richtige medizinische Einrichtung.

Die Ärzte haben mir Nahrungsergänzungsmittel für meine Schwangerschaft verschrieben. Ich war davor ja schon schwanger und merke, dass diese Schwangerschaft anders ist: Egal, wie sehr ich versuche, die Nährstoffmängel und die Nahrungsnot auszugleichen, die ich während des Krieges erlebt habe, mein Körper bleibt erschöpft. Lebensmittel sind knapp. Mein Mann kauft mir Obst und Gemüse und weigert sich, selbst davon zu essen, weil er sich nur kleine Mengen leisten kann.

Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, verspürte ich zwei völlig gegensätzliche Gefühle. Ich war glücklich, dass ich ein Kind bekommen würde, aber ich weinte auch ständig, weil ich meine Kinder vermisse – Waseem, Mohannad und Khawla. Alles erinnert mich an sie. Wenn ich Heißhunger auf bestimmte Speisen habe, denke ich an Waseem, denn diese Speisen habe ich geliebt, als ich mit ihm schwanger war.

Ich erzähle den Krankenschwestern in der Klinik nichts von meiner Situation und meinen toten Kindern, denn selbst das medizinische Personal ist emotional erschöpft. Sie sind nicht in der Lage, Trost oder psychologische Unterstützung zu bieten. Meine Geschichte ist in Gaza nichts Ungewöhnliches. Viele Frauen hier haben ihre Kinder verloren.

Nach dem Termin bei der Ernährungsberaterin habe ich noch einen Termin bei der Schwangerschaftspsychologin. Sie raten mir, mich auf meine Atmung zu konzentrieren: tief einatmen, den Atem anhalten und langsam ausatmen.

Dann gehe ich zurück nach Hause.

 

Nachmittag


Alaa nimmt erneut die Treppe in Angriff und schleppt einen blauen Rucksack hinauf zum Zelt. Darin befinden sich einige Kleidungsstücke ihrer verstorbenen Kinder, von denen sie hofft, dass das neue Baby sie eines Tages tragen wird. Viele davon wurden durch die Bombenexplosion beschädigt – zerrissen, an den Rändern versengt, aber immer noch tragbar. Sie faltet vorsichtig ein Snoopy-T-Shirt und eine Mütze mit zwei flauschigen Bommeln auseinander und holt einen Schal des Castleview AFC – eines kleinen Fußballvereins in Cork – hervor, den ihr Sohn Waseem sehr geliebt hat.

Er trug ihn ständig, sogar im Sommer. Ich sagte dann: ‚Waseem, es ist zu heiß, zieh ihn aus!‘ Und er antwortete: ‚Nein, ich liebe ihn.‘

Ich verbringe den Nachmittag mit meinem Bruder und versuche zu entscheiden, wie wir die Kleidung für das neue Baby aufbewahren sollen. Er schlägt eine stabile Papp- oder Holzkiste vor. Was uns Sorgen macht, sind die Ratten: Die Ratten sind überall. Wir hören sie jede Nacht, und sie finden immer einen Weg ins Zelt. Ich habe die Stelle zugenäht, an der sie hereingekommen sind, und sie haben sich einen neuen Weg hineingeknabbert – heute haben wir ein weiteres Loch an der Seite des Zeltes gefunden.

Ich frage mich, ob wir Rattengift verwenden könnten, aber mein Bruder befürchtet, dass die Ratten dann hier im Zelt sterben und Krankheiten verbreiten würden.

Für das Baby, das bald zur Welt kommt, wünsche ich mir nichts sehnlicher als einen sicheren Ort, den die Ratten nicht erreichen können. Das Baby wird so klein sein, und ich habe schreckliche Angst um sie oder ihn. Ich hätte gerne ein richtiges Kinderbett für mein Baby, aber Kinderbetten sind in Gaza derzeit schwer zu finden, und das Zelt ist ohnehin schon überfüllt.

Was ich mir von der Welt außerhalb Gazas wünsche, ist, dass sie versteht, wie demütigend das Leben in einem Zelt wirklich ist. Es ist schwer, erniedrigend und zutiefst unmenschlich. Der Tod umgibt uns nach wie vor von allen Seiten.

 

Abend


Als der späte Nachmittag naht, blättert Alaa durch die Fotos ihrer Kinder. Das Smartphone, auf dem sie gespeichert sind, ist – wie so viele in Gaza – alt, und sein Bildschirm ist gesprungen. Nach einer langen Blockade werden nun zwar neue Smartphones ins Land geliefert, doch sie sind teuer, und viele Familien können sie sich nicht leisten. Die Stimmen der Kinder erklingen dünn aus dem Lautsprecher. Khawla und ihr älterer Bruder necken sich gegenseitig. „Mama, ich bin die Süßeste!“, ruft Khawla. Mohannad lacht und ruft zurück: „Nein – ich bin der Süßeste!“

Ich spreche eigentlich nur mit meinem Mann über meine Kinder. Er ist der einzige Mensch, der denselben Schmerz trägt und wirklich versteht, was in meinem Herzen vorgeht.

Wenn ich schwach werde, gibt er mir Kraft. Wenn er zu kämpfen hat, versuche ich, ihn zu trösten und ihm emotional beizustehen. Wir verbringen Stunden damit, über unsere Kinder zu sprechen – über ihre Persönlichkeiten, die Dinge, die sie liebten, und wie sie sich verhielten. Wir besuchen auch gemeinsam ihre Gräber.

Dieser Ort bewahrt noch immer die Erinnerungen an meine Kinder. Er erinnert mich an unser schönes gemeinsames Leben von früher. Wenn ich diese Trümmer betrachte, erinnere ich mich an meine Kinder – an das Leben, das ich mit ihnen geteilt habe, daran, wie ich sie großgezogen, für sie gekocht und ihnen Dinge beigebracht habe. Alles Schöne ist verschwunden, nachdem sie nicht mehr da waren.

Manchmal überwältigt mich die Angst, weil ich meine Kinder verloren habe und ich nun furchtbare Angst habe, mein Baby erneut zu verlieren. Ich hoffe, dass mein neues Baby ein besseres Leben führen wird als seine Geschwister und dass es in Sicherheit sein wird.

. . .


Kurz nachdem diese Geschichte geschrieben wurde, brachte Alaa einen gesunden Jungen zur Welt. Sie nannte ihn Waseem, nach seinem älteren Bruder.



Kommentare


bottom of page