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Ein Vater in Gaza sucht in den Trümmern seines Hauses nach den Gebeinen seiner Familie

  • vor 3 Tagen
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Mahmoud Hammad hockt inmitten eines Trümmerhaufens, der einst sein Zuhause in Gaza war, schaufelt Erde in ein großes Sieb, schüttelt es und schaut sorgfältig hinein, bevor er den Inhalt ausleert.


Von Wafaa Shurfa and Samy Magdy, AP-News, 11. Februar 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

GAZA-STADT, Gazastreifen (AP) – Mahmoud Hammad hockt inmitten eines Trümmerhaufens, der einst sein Zuhause in Gaza war, schaufelt Erde in ein großes Sieb, schüttelt es und schaut sorgfältig hinein, bevor er den Inhalt ausleert.

In den letzten Tagen hatte er Glück. Er fand winzige Knochen.

Er glaubt, dass sie zu dem ungeborenen Mädchen gehören, das seine schwangere Frau in sich trug, als vor mehr als zwei Jahren ein israelischer Luftangriff das Gebäude der Familie traf und seine Frau und ihre fünf Kinder tötete.

Er legte die Fragmente in eine Kiste mit Knochen, die er in monatelanger Arbeit mit Pickeln, Schaufeln und seinen Händen aus den Trümmern gesammelt hatte.

„Ich werde sie nicht alle finden“, sagte er.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums von Gaza liegen noch immer etwa 8 000 Menschen unter den Trümmern ihrer Häuser begraben, die während der israelischen Militäraktion gegen die Hamas zerstört wurden. Während die Luftangriffe und Bodenoffensiven tobten, war es unmöglich, die meisten von ihnen zu bergen. Seit dem Waffenstillstandsabkommen im Oktober wurden die Bemühungen, sie auszugraben, jedoch verstärkt, obwohl sie durch den Mangel an schwerem Gerät behindert werden.

 

„Sie wurden getötet, und ich habe überlebt“

Am 6. Dezember 2023 gegen 11:30 Uhr traf ein israelischer Angriff das sechsstöckige Gebäude, in dem die Familien von Hammad und seinem Bruder im Stadtteil Sabra in Gaza-Stadt lebten.

Der 39-jährige Hammad hatte gerade die Wohnung verlassen, um nach oben zu gehen, während seine Frau Nema Hammad, die im neunten Monat schwanger war, und ihre fünf Kinder im Alter von 8 bis 16 Jahren gerade ihr Frühstück beendeten.

In den Tagen vor dem Angriff hatte das israelische Militär Flugblätter über dem Gebiet abgeworfen und die Menschen aufgefordert, das Gebiet zu verlassen und sich in den südlichen Teil des Gazastreifens zu begeben. Mahmoud Hammad weigerte sich, das Gebiet zu verlassen.

Eine Zeit lang gingen Nema Hammad und die Kinder zum Haus ihrer Eltern im nahe gelegenen Stadtteil Jabaliya, während ihr Mann zurückblieb. Aber Nema Hammad wollte zurückkommen. Ihr Mann versuchte, sie davon abzubringen, da überall israelische Bomben fielen. Aber am 5. Dezember fand er seine Frau und seine Kinder vor der Tür. „Entweder wir leben zusammen oder wir sterben zusammen als Märtyrer“, habe seine Frau zu ihm gesagt.

„Sie wurden getötet, und ich habe überlebt“, sagt er. Auch sein Bruder, seine Schwägerin und ihre vier Söhne kamen ums Leben.

Mahmoud Hammad wurde mit mehreren Verletzungen, darunter Brüchen im Brustkorb, Becken und Knie sowie inneren Blutungen im Brustbereich, in eine nahegelegene Klinik gebracht. Nach dem Angriff konnten Nachbarn die Leichen seines ältesten Sohnes Ismail und zweier Kinder seines Bruders bergen.

Die übrigen blieben unter den Trümmern begraben.

 

Durch sein Haus graben

Nachdem er sich von seinen Verletzungen erholt hatte, kehrte Hammad zu den Trümmern seines Hauses zurück und errichtete in der Nähe eine Unterkunft, um dort zu leben.

„Ich blieb bei ihnen, meiner Frau und meinen Kindern, in den Trümmern“, sagt er. „Jeden Tag spreche ich mit ihnen. Ihr Geruch hing noch in der Luft, und ich fühlte mich ihnen tief verbunden.“

Er begann mit der Suche nach ihren Leichen. Zuerst bat er das Zivilschutzkorps von Gaza um Hilfe. Aber die Rettungsteams kamen nie, entweder weil es angesichts der intensiven israelischen Bombardements zu gefährlich war oder weil sie nicht über die Ausrüstung und Maschinen verfügten, um die Trümmer zu beseitigen.

Also begann er selbst zu graben. Er begann mit den eingestürzten Decken und Wänden, zerbrach sie in kleine Steine und füllte sie in Säcke. Dutzende von Säcken umgeben nun die Stelle wie eine Mauer.

Im März 2024 fand er einige Überreste, von denen er glaubte, dass sie zu seiner Familie gehörten. „Es waren einfache Knochen, die mit Fleisch bedeckt waren … einige davon waren von Tieren angefressen“, berichtet er.

Ende 2024 hatte er sich bis zur Wohnung seines Bruders im dritten Stock vorgearbeitet, wo er die Leichen seines Bruders und seiner Schwägerin fand. Er begrub sie auf einem provisorischen Friedhof, den die Bewohner*innen der Gegend während des Krieges angelegt hatten, um ihre Toten dort zu bestatten, bis sie auf einen richtigen Friedhof umgebettet werden können.

Seit Oktober hat Hammad die Grabungen wieder aufgenommen. Er grub sich neun Meter tief. Schließlich erreichte er seine eigene Wohnung, die sich im Erdgeschoss befunden hatte. Jetzt konzentriert er sich darauf, die Trümmer auf der Ostseite zu beseitigen, denn dort weiß er, dass seine Frau ihre letzten Momente verbracht hat.

„Sie aßen Milchreis im Wohnzimmer“, sagt er.

Als er den Schmutz mit seinem Sieb durchsuchte, fand er winzige Knochenfragmente. Er teilte Bilder der Knochen über WhatsApp mit einem Arzt, der sagte, dass die Fragmente, darunter ein Kieferknochen, offenbar von einem kleinen Baby stammen.

Er glaubt, dass es sich um die Überreste des kleinen Mädchens handelt, auf das sie gewartet hatten. Sie hatten vor, sie Haifa zu nennen, nach einer Schwägerin von Hammad, die nur wenige Wochen vor dem Angriff auf ihr Haus bei einem israelischen Angriff ums Leben gekommen war. „Alle Babykleidung, ein Kinderbett und ein Zimmer waren vorbereitet, und alle zu Hause warteten auf ihre Ankunft“, sagte er.

Die Entdeckung der Knochenfragmente hat ihm Hoffnung gegeben. „Es gibt einen Hinweis darauf, dass ich meine Frau und meine anderen Kinder erreichen werde“, sagt er.

Sobald er genügend Überreste gesammelt habe, wird er ihnen ein angemessenes Begräbnis geben.

 

61 Millionen Tonnen Trümmer

Seit Beginn des Waffenstillstands wurden mehr als 700 Leichen unter Gebäuden geborgen, teilt Zaher al-Waheidi, Leiter der Registratur des Gesundheitsministeriums, der Associated Press mit.

Jede Leiche wird in eine Liste der Kriegstoten aufgenommen – laut Angaben des Ministeriums, das Teil der von der Hamas geführten Regierung ist, sind es mittlerweile mehr als 72.000. Das Ministerium führt detaillierte Opferlisten, die von UN-Behörden und unabhängigen Expert*innen als allgemein zuverlässig angesehen werden, allerdings ohne Aufschlüsselung nach Zivilist*innen und Militanten. [Allen Berechnungen zufolge handelt es sich bei den Toten bei über 80 Prozent um Zivilist*innen, Anm.]

Der Krieg begann nach dem Angriff der Hamas auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023, bei dem rund 1 200 Menschen getötet und 251 als Geiseln genommen wurden. Laut der Satellitenbildanalyseabteilung der Vereinten Nationen wurden durch israelische Bombardements 81 Prozent der 250 000 Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt, darunter Schulen, Krankenhäuser und Privathäuser. Dadurch ist Gaza zu einem der am stärksten zerstörten Orte der Erde geworden, mit 61 Millionen Tonnen Trümmern – laut UNO entspricht dies etwa dem Volumen von 15 Pyramiden von Gizeh oder 25 Eiffeltürmen.

Das Ausgraben wurde durch den Mangel an Bulldozern und schwerem Gerät erschwert, deren Einfuhr nach Gaza Israel meist untersagt. In den mehr als 50 Prozent des Gazastreifens, die weiterhin unter israelischer Militärkontrolle stehen, sind Rettungsarbeiten nach wie vor unmöglich. Dort hat das Militär systematisch Gebäude gesprengt und abgerissen, wodurch die Chancen, darin verschüttete Leichen zu finden, noch weiter gesunken sind. Vor etwa zwei Monaten koordinierten die UNO und das Rote Kreuz die Einfuhr eines Baggers für den Zivilschutz, berichtet Karem al-Dalu, ein Mitarbeiter des Zivilschutzes.

„Aber das reicht nicht aus“, sagt al-Dalu. Er spricht, während er und andere Rettungskräfte mit dem neuen Bagger die Trümmer eines Gebäudes im Stadtteil Sheikh Radwan in Gaza-Stadt beseitigten. Das Gebäude wurde am 11. Dezember 2023 durch einen Luftangriff zerstört, wobei sich etwa 120 Menschen darin befanden, so Rafiq Abdel-Khaleq Salem, dessen unmittelbare Familie zu den Menschen gehörte, die dort Zuflucht gesucht hatten.

„Ihr einziges Verbrechen war, dass sie nicht gegangen sind, also haben sie das Gebäude über ihnen zerstört“, berichtet er. In den Tagen nach dem Angriff wurden 66 Leichen geborgen, weitere 54 Menschen blieben unter den Trümmern begraben.

Am Wochenende konnten die Rettungskräfte endlich an den Ort des Geschehens zurückkehren. Sie fanden 27 weitere Leichen, aber der Rest bleibt weiterhin vermisst, darunter Salems Frau und ihre vier Kinder.

„Es ist ein schmerzliches Gefühl“, sagt er. „Ich hatte gehofft, meine Frau und meine Kinder zu finden, um sie zu begraben und ihnen meine Ehre zu erweisen.“



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