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„Es fühlt sich an wie ein Todesurteil“

vor 6 Tagen
4 Min. Lesezeit

Im Westjordanland stehlen Siedler Vieh, um Palästinenser*innen von ihrem Land zu vertreiben.

Von Basel Adra, Jewish Currents, 3. September 2026

(Originalbeitrag in entlischer Sprache)

 

Für palästinensische Familien, die in Hirtengemeinden im besetzten Westjordanland leben, sind Schafe und Ziegen weit mehr als nur Vieh. Sie liefern Milch, Nahrung und Einkommen – und für viele sind sie die einzige Überlebensgrundlage.

In den letzten Wochen berichteten Bewohner*innen der südlichen Hebron-Hügel von zwei separaten Überfällen, bei denen Siedler Hunderte von Schafen und Ziegen im Wert von Zehntausenden von Dollar entwendeten. Die Diebstähle fügen sich in ein breiteres, sich abzeichnendes Muster von Angriffen durch Siedler im gesamten Westjordanland ein. Die israelische Menschenrechtsorganisation B’tselem berichtete diesen Monat, dass sie in diesem Jahr bisher 17 Vorfälle gezählt habe, bei denen Siedler palästinensischen Hirten Vieh gestohlen hätten – eine Eskalation gegenüber den Vorjahren. In vielen Fällen, darunter auch die beiden in den südlichen Hebron-Hügeln in den letzten Wochen, beobachteten die israelischen Behörden die Diebstähle, griffen jedoch nicht ein.

Der jüngste Angriff ereignete sich laut dem Dorfbewohner Mohammad Abu-Tabihk am 21. August kurz nach Mitternacht in Khirbet Deir Sams. Sowohl seine Familie als auch die Familien seiner Brüder wurden angegriffen, und beide verloren einen erheblichen Teil ihres Viehbestands. „Ich stand in der Nähe meines Schafstalls und beobachtete das Geschehen, als ich hörte, wie die Schreie immer lauter wurden“, erinnert sich Abu-Tabhik. „Plötzlich kamen mindestens 15 maskierte Siedler mit Stöcken auf uns zu und griffen uns an.“

Die Siedler bewarfen Abu-Tabihks Haus mit Steinen und beschossen Türen und Fenster, während sich seine Frau und seine Kinder im Inneren versteckten. Sie bewarfen auch ihn und seinen 14-jährigen Sohn mit Steinen, trafen ihn am Kopf und am Fuß und seinen Sohn an der Hand, bevor sie sich dem Wassertank zuwandten – den sie öffneten und dessen gesamten Inhalt auslaufen ließen. Dann nahmen sie sich das Vieh vor. „Sie öffneten den Pferch, in dem wir etwa 70 Ziegen hatten; dann öffneten sie den Schafpferch, in dem sich etwa 100 Schafe befanden“, berichtet Abu-Tabihk. „Sie trieben alle Tiere nach draußen und führten sie zu einem Außenposten nördlich der Siedlung Shima’a“ – etwa 1,5 Kilometer vom Dorf entfernt.

Während die Siedler mit den Tieren davonzogen, fuhren israelische Militärfahrzeuge in der Nähe vorbei. „Wir schrien und zeigten auf die Siedler. Wir benutzten Taschenlampen, damit die Soldaten sehen konnten, was vor sich ging“, sagte Abu-Tabihk. „Aber sie unternahmen nichts. Sie fuhren weiter in Richtung der Route 60 und verließen das Gebiet.“

Die Familie gab an, auch die Polizei gerufen zu haben, doch es seien keine Beamten vor Ort erschienen. Laut B’tselem hat eine Schafherde von der Größe derjenigen von Abu-Tabihk im Westjordanland einen Wert von etwa 100.000 Dollar. In den fast zwei Wochen seit dem Überfall wurde ihnen kein einziges der gestohlenen Tiere zurückgegeben. Auch an Abu-Tabihks Brüder, die bei dem Überfall 70 Schafe verloren haben, wurden keine Tiere zurückgegeben. Die Familie ist am Boden zerstört; sie hat ihren gesamten Besitz verloren.

Ähnlich verlief die Geschichte einen Monat zuvor, am 16. Juli, als eine noch größere Herde in der Gegend von Hreibat al-Nabi weidete. „Meine Familie ist vollständig von der Landwirtschaft und der Viehzucht abhängig“, berichtet Ibrahim Ayed Mor, dessen Brüder Eigentümer der Herde waren. „Wir verkaufen Milch, Butter, Jameed [traditionelle, hartes und getrocknetes Joghurt, Anm.], Ghee [Butterschmalz, Anm.] und Laban [Sauermilchjoghurt, Anm.], und wir verkaufen auch Jungtiere. An jenem Tag“, fährt er fort, „ließen meine Brüder Mohammad und Haitham etwa 122 Schafe und Ziegen in der Nähe des Hauses weiden.“

Ayed Mor berichtet, dass ein weiterer Bruder, Nidal, die Herde hütete, als sich ein Siedler auf einem Esel näherte. „Der Siedler kam schnell auf Nidal zu und versuchte, seine Tiere unter unsere zu mischen. Nidal protestierte und versuchte, unsere Schafe wegzutreiben“, sagt er. „Dann sprühte der Siedler ihm direkt in die Augen – entweder Pfefferspray oder eine Art Gas.“ Die Auseinandersetzung eskalierte, als weitere Siedler eintrafen. „Ich hörte die Mädchen schreien, dass die Siedler die Schafe stahlen“, sagt Ayed Mor. „Ich eilte sofort mit meinem Bruder Ziad, einigen Frauen und anderen Anwohner*innen dorthin. Es gelang uns, einen Teil der Herde zurückzuholen und einige der Tiere nach Hause zu bringen.“

Doch die Siedler folgten ihnen.

„Zuerst waren es drei Siedler“, berichtet er. „Dann wurden es immer mehr. Sie folgten uns bis zu unserem Haus und versuchten, die Schafe aus dem Gehege zu holen.“ Der Familie gelang es, die Tiere im Gehege einzusperren, doch wenige Minuten später trafen Dutzende Siedler ein. „Wir riefen die Polizei“, berichtet Ayed Mor, „und sagten ihnen, dass die Siedler versuchten, unsere Schafe zu stehlen.“

Stattdessen trafen israelische Soldaten ein, doch sie schützten die Familie nicht. „Sie drängten uns von den Tieren weg“, sagt er. „Sie zwangen die Frauen in ihre Häuser und schlossen sie dort ein. Sie hinderten die Dorfbewohner*innen daran, näher zu kommen, und drohten uns mit scharfer Munition.“

Während die Bewohner*innen zurückgehalten wurden, so sagte er, brachen die Siedler die Schlösser am Gehege auf und nahmen die Schafe mit. Vier Bewohner wurden später festgenommen und bis zum nächsten Tag festgehalten, bevor sie freigelassen wurden. Israelische Verbindungsoffiziere erhielten schließlich die Identifikationsnummern der Tiere, die vom palästinensischen Landwirtschaftsministerium gekennzeichnet worden waren. „Sie machten sich auf die Suche nach den Schafen“, erzählt Ayed Mor. „Nach etwa fünf Stunden kamen sie mit nur neun Ziegen zurück.“

Die größere Herde, so sagt er, habe etwa 227 Tiere umfasst. „Wir haben bei der Polizei Anzeige erstattet und einen Anwalt kontaktiert. Wir versuchen, unsere Tiere zurückzubekommen.“ Für die Familien geht der Verlust weit über den Wert des Viehs hinaus. „Diese Schafe sind die Lebensgrundlage von 56 Menschen, darunter 46 Kindern“, so Ayed Mor. „Für uns ist das nicht einfach nur ein wirtschaftlicher Verlust. Es fühlt sich an wie ein Todesurteil für unsere Familien.“

 

Basel Adra, 1996 in At-Tuwani im Bezirk Hebron geboren, ist ein palästinensischer Rechtsanwalt, Aktivist und Journalist. Er ist Co-Autor und Co-Regisseur des Dokumentarfilms No Other Land, der 2024 bei den 74. Internationalen Filmfestspielen Berlin zwei Preise und 2025 den Oscar jeweils für den besten Dokumentarfilm erhielt.



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