Fake News! Glauben Sie nicht der plötzlichen Besorgnis der israelischen Rechten über die Gewalt der Siedler
- 2. Apr.
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Es gab eine höchst ungewöhnliche Flut von Verurteilungen der Gewalt von Siedlern gegen Palästinenser*innen, von Rabbiner*innen über Kommentator*inneen bis hin zu Politiker*innen. Aber verwechseln Sie ihre Äußerungen nicht mit echten Rissen in Israels eiserner Mauer der Unterstützung für Siedlungen, Vertreibung und Annexion.
Von Dahlia Scheindlin, Haaretz, 30. März 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Plötzlich sah es so aus, als hätte Israel einen Wendepunkt erreicht, was sein Vorgehen gegenüber den Palästinenser*innen im Westjordanland angeht. Dies geschah erst, nachdem Siedler einen sadistischen, öffentlich gewordenen Angriff mit sexueller Gewalt gegen eine palästinensische Familie in Khirbet Humsa verübt hatten. Dann töteten Soldaten während des Ramadan Eltern und zwei Kinder, anschließend nahm die Armee ein CNN-Team, das weitere Gewaltakte im Westjordanland untersuchte, fest und bedrohte es, wobei Soldaten Racheangriffe gegen Palästinenser*innen rechtfertigten. Doch seit diesem Wochenende sprechen sich plötzlich sogar israelische Rechtskonservative gegen den Terror der Siedler aus.
Einige Rabbiner*innen, darunter mehrere aus dem Westjordanland, sprechen sich bereits seit Anfang März gegen diese Gewalt aus. Es muss gesagt werden, dass einige von ihnen diese Gewalt aufrichtig ablehnen, und das nicht erst seit gestern – insbesondere jene, die keine Politiker*innen sind.
Am Freitag folgte dann eine höchst ungewöhnliche Flut von Verurteilungen. Israels Finanz- und Annexionsminister Bezalel Smotrich, Erel Segal, der einflussreiche Kommentator und Fernsehmoderator auf Kanal 14 (Israels Newsmax), zusammen mit den prominenten rechtsgerichteten Journalisten Haggai und Amit Segal (Vater und Sohn, nicht mit Erel verwandt) und sogar Yisrael Gantz, dem Vorsitzenden des Yesha-Rates für Siedlungen, sprachen alle wie auf Kommando leidenschaftliche Warnungen gegen solche Gewalt aus und bezeichneten sie teilweise sogar als „jüdischen Terror“.
Am Sonntag veranstaltete eine Online-Gruppe religiöser Persönlichkeiten ein Webinar, das live auf Facebook übertragen wurde, um die israelische Gewalt gegen Palästinenser*innen zu verurteilen (auch wenn einige Redner ihre Zeit damit verbrachten, zu leugnen, dass es überhaupt Gewalt seitens der Siedler gibt).
Man ist versucht zu sagen: „Besser spät als nie.“ Doch wenn Sie glauben, diese Äußerungen seien Risse in Israels eiserner Mauer der Unterstützung für Siedlungen und Annexion, dann irren Sie sich. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass das Ziel der Kampagne darin besteht, zu betonen: „Wir haben etwas gesagt“, um zu vermeiden: „Wir haben etwas getan“ – damit Israels gesamtes Annexions- und Vertreibungsprogramm weiterlaufen kann. Woher wir das wissen? Hier sind die wichtigsten Argumente dieser Scheinverurteilung, aufgeschlüsselt nach ihren wahren Absichten und geordnet vom schlechtesten bis zum ungeheuerlichsten:
Erstens: die Umkehrung der Schuld. Diese Botschaften betonen stets, dass der palästinensische Terror gegen israelische Juden und Jüdinnen im Westjordanland das eigentliche Problem sei, während israelische Gewalt zwar schlimm, aber nebensächlich sei. Amit Segal (einer der einflussreichsten politischen Korrespondenten Israels) erklärte voller Überzeugung: „Es ist weitaus gefährlicher, als Jude/Jüdin in Judäa und Samaria zu leben als als Araber*in.“
Es stimmt, dass es palästinensischen Terror gegen Jüdinnen und Juden gibt. Die Behauptung, Jüdinnen und Juden seien „stärker“ in Gefahr, ist jedoch falsch: Laut UN haben Palästinenser*innen seit 2008 im Westjordanland 378 Israelis getötet, darunter 42 Zivilist*innen von 2023 bis heute. Israelis (ob Armeeangehörige oder Zivilisten) haben seit 2008 2 076 Palästinenser*innen im Westjordanland getötet; davon wurden seit 2023 840 palästinensische Zivilist*innen getötet – 20 Mal mehr als israelische Zivilist*innen.
Zweitens: Leugnung. Zu diesen Äußerungen gehört die beiläufige Leugnung, dass es sich um Palästinenser*innen handelt. Wie in den meisten anderen Fällen verwendete Smotrich in seinem umfangreichen Artikel vom Freitag in der rechtsreligiösen Zeitung „Makor Rishon“ wiederholt das Wort „Araber*innen“, um über die Ziele der Angriffe durch Siedler zu sprechen. „Palästinenser*innen“ taucht nur einmal auf – wenn er die „illegalen Bauten“ dieser Gruppe erwähnt (gemäß Israels willkürlichen Besatzungsregeln). Wenn einem die Menschlichkeit eines Menschen am Herzen liegt, erkennt man seine Identität an; wenn nicht, tut man es nicht.
Drittens: Missachtung des Gesetzes. Der Trick dabei ist ein Argument, das fast schon ermutigend wirkt, in Wirklichkeit aber eine Verhöhnung ist: Smotrich schrieb, dass diese gewalttätigen Handlungen die Rechtsstaatlichkeit untergraben: „Sie verletzen die Autorität des Staates und seiner Institutionen und versuchen, ihr eigenes Recht zu schaffen.“ Das klingt gut, nur dass diese Regierung mehr getan hat, um die Rechtsstaatlichkeit in Israel auszuhöhlen, als irgendetwas anderes in der Geschichte des Landes. Aber wenn der Staat als fundamentalistisches religiöses Projekt jüdischer Vorherrschaft neu gestaltet wird, sind die Gesetze und Institutionen offenbar in Ordnung.
Viertens: Heuchelei. Eine der abscheulichsten Formen der Heuchelei besteht darin, dass einige dieser Stimmen die Opfer als „Unschuldige“ bezeichnen (damit wird das Wort „Palästinenser*innen“ vermieden). Erel Segal, einer der einflussreichsten Vertreter der Rechten, schrieb auf X: „Wir dürfen Unschuldigen keinen Schaden zufügen.“ Die Kehrseite ist die ständige Wiederholung des Arguments, dass fast alle Siedler unschuldig und gesetzestreu seien, mit Ausnahme der wilden Randgruppen.
Nachdem Israels Rechte obsessiv argumentiert hatte, dass es „keine Unschuldigen in Gaza“ gebe (62 Prozent der Israelis glaubten dies schließlich), wie würden solche Meinungsmacher den Familien all der toten Kinder in Gaza gegenübertreten? Würden sie sagen: „Wir haben unsere Meinung geändert“? Die Antwort lautet: Nein, denn das haben sie nicht.
Warum also dann diese ganze Show?
Die fünfte Heuchelei betrifft den Zeitpunkt: Offenbar ist US-Präsident Donald Trump nicht begeistert davon, dass Siedler Palästinenser*innen angreifen. Vielleicht haben die Golfstaaten Druck auf ihn ausgeübt. Was auch immer der Grund sein mag, Vizepräsident JD Vance sah sich kürzlich gezwungen, einen Medienbericht zu dementieren, wonach er Israel ermahnt habe, dagegen vorzugehen. Auch Außenminister Marco Rubio äußerte sein Missfallen. Netanjahu kann es sich nicht leisten, seinen Kriegsförderer und Partner, Präsident Trump, zu verärgern. Der Premierminister steckt hinter der schlecht getarnten Kampagne.
Doch das Problem mit dem Zeitpunkt ist noch gravierender: Wo waren die Segals und die Smotrichs im Juli 2023, vor dem 7. Oktober, als Israel mehr Palästinenser*innen im Westjordanland tötete als im gesamten Jahr 2022, wodurch 2023 zum „tödlichsten Jahr“ seit Beginn der UN-Erfassung im Jahr 2005 wurde? Wo waren sie 2019, als Amira Hass von Haaretz schrieb: „Die spürbare Eskalation im Westjordanland ist in erster Linie auf die Gewalt der Siedler gegenüber Palästinenser*innen zurückzuführen“, oder 2015, als Siedler eine Familie im Schlaf verbrannten (noch vor kurzem unterstützten rechtsgerichtete Abgeordnete die Täter)? Oder 2008, als die Gewalt der Siedler im Vergleich zu 2007 sprunghaft anstieg?
Wir wissen, wo sich Haggai Segal in den 1980er Jahren aufhielt: Er verübte jüdischen Terrorismus als Mitglied einer jüdischen Untergrundzelle, die Bomben legte, um mehrere palästinensische Bürgermeister zu töten. Am Tag nach den Anschlägen, bei denen einem die Beine und einem anderen der Fuß abgerissen wurden und weitere Personen verletzt wurden, trafen er und ein weiteres Mitglied ihrer Bande den Stabschef der israelischen Armee, der sie lediglich dafür rügte, dass sie sich nicht abgesprochen hatten. Hätte er davon gewusst, scherzte der Armeechef (und dies steht in Segals eigenem Buch, aus dem auf einer Website der israelischen Regierung zitiert wird), hätte die Armee zwei weitere prominente palästinensische Bürgermeister nicht deportiert. Wenn einer der Einflussreichen etwas gegen den Terrorismus gegen Palästinenser*innen gehabt hätte, so hätten sie Jahrzehnte Zeit gehabt, dies zu äußern.
Führt man all diese Punkte zusammen, ergibt sich der Hauptgrund für die Verurteilungskampagne: die Legitimierung von Siedlungen, Annexion und ethnischer Säuberung der Palästinenser*innen. Die Redner*innen sagen dies wörtlich. Sie alle beklagen, dass diese Gewalt den Siedlungen schadet und ihre Zukunftsaussichten beeinträchtigt.
Smotrich schrieb, dass das übergeordnete Siedlungsprojekt keine Randkriminellen brauche: „Wir machen de facto Schluss mit der Idee der Landteilung und der Errichtung eines Terrorstaates in unserem Kernland, wir festigen unseren Einfluss durch eine noch nie dagewesene Anzahl und Substanz.“ Er zählt eine lange Liste von Punkten auf, die „Fortschritt“ zeigen, und er hat Recht. Jetzt wissen wir auch, warum er plötzlich die staatliche Leistungsfähigkeit liebt: „Wir tun dies nicht im Untergrund oder im Verborgenen, sondern durch Autorität und mit Erlaubnis, offen, im Namen des Staates Israel, mit der vollen Unterstützung der Armee und ihrer Offiziere.“
Das stimmt ebenfalls; es waren eine Einheit der Grenzpolizei und Soldaten, die Anfang dieses Monats die Familie Bani Odeh ermordet haben. Es war ein Offizier der israelischen Streitkräfte, der dem CNN-Journalisten Jeremy Diamond sagte: „Wir sind hier, weil dies unser Ort ist“ und „Wenn du einen Bruder hättest und sie ihn getötet hätten, was hättest du getan?“ Es waren Soldaten, die einen Hügel hinunterstürmten, um zwei Israelis aufzuhalten, als wir es wagten, uns dem zu nähern, was sie eine Armeestellung in Sa-Nur nannten. Tage später kehrten Wohnwägen von Siedlern an diesen Ort zurück, 20 Jahre nachdem er von israelischen Siedlern geräumt worden war.
Tatsache ist, dass es nie nur um die Siedlungen ging oder darum, ob die Siedler als Einzelpersonen gesetzestreu sind. Das Problem ist, dass Israels Gesetze, Institutionen, Ministerien, alle Regierungszweige und die Bürokratie – sie alle steuern gemeinsam auf die Annexion zu, wie sie es seit Jahrzehnten tun, mit ihrer eigenen anhaltenden, auf Enteignung und Vertreibung basierenden Gewalt. Es war schon immer bequem, wildäugigen, mit schwingenden Schläfenlocken herumtanzenden Verrückten die Schuld zu geben.
Die wahren Mechanismen der Annexion sind so viel schwerer zu erkennen – und für das Weiße Haus so viel leichter zu tolerieren. Wenn rechtsgerichtete Israelis viel Lärm um das machen, was sie als marginale Raufbolde darstellen, glauben sie, dass die amerikanischen nützlichen Idioten nicht einmal wissen, wo sie hinschauen sollen.
Dr. Dahlia Scheindlin ist Meinungsforscherin und politische Beraterin.




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