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Für Israel ist eine Hilfsorganisation der Vereinten Nationen eine Terrororganisation

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  • 6. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Von Gideon Levy, Haaretz, 14. Dezember 2025


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Die wahnsinnige Verleumdungskampagne Israels gegen das Hilfswerk der Vereinten Nationen, die letzte Woche mit dem rücksichtslosen Überfall auf dessen Hauptquartier in Jerusalem und dem Hissen der israelischen Flagge ihren Höhepunkt erreichte, hat einen tiefen Grund, den Israel niemals zugeben würde: Die UNRWA ist die wichtigste Organisation, die seit 1948 palästinensischen Flüchtlingen hilft. Das ist ihr eigentliches Vergehen; der Rest sind Vorwände und Propaganda. Die UNRWA hat die Flüchtlinge gerettet, daher ist die UNRWA der Feind.

Viele Jahre lang diente die UNRWA Israel als nützlicher Idiot, finanzierte die Besatzung und übernahm Aufgaben, die nach internationalem Recht in der Verantwortung der Besatzungsmacht liegen. In den Jahren, als Israel sich noch ein wenig um die Bevölkerung kümmerte, vor allem, damit sie ruhig blieb, und Entscheidungen auf der Grundlage von Vernunft und nicht nur aus Hass getroffen wurden, hatte die UNRWA ihren Platz.


Dann kam der 7. Oktober, und Israel biss die Hand, die seine Opfer ernährte. Es verlor jegliches Interesse an der Lage der Palästinenser*innen und sah sie nicht mehr als Menschen an. Für Israel wurde die UNRWA zu einer Terrororganisation, und die Trump-Regierung schloss sich dieser Ansicht schnell an.


Die erste Behauptung, die die israelische Propagandamaschine aufstellte, war, dass Mitarbeiter der UNRWA an den Ereignissen vom 7. Oktober beteiligt gewesen seien. Nicht die Hamas habe Israel angegriffen, sondern die UNRWA. Israel behauptete, dass 12 Mitarbeiter der Organisation an dem Massaker beteiligt gewesen seien: 12 von 13 000 Mitarbeiter*innen der UNRWA im Gazastreifen. Die israelischen Medien und Propagandachöre verbreiteten das Gift: Die UNRWA sei Nukhba, die Eliteeinheit der Hamas, die das Massaker angeführt habe.


Die Behörde entließ diejenigen, die möglicherweise daran beteiligt waren, aber sie hatte keine Chance. Niemand hat jemals gefragt, wie viele Mitarbeiter*innen der Bank Leumi Kinder in Gaza bombardiert haben, wie viele Angestellte der Hebräischen Universität Jerusalem Krankenhäuser im Gazastreifen beschossen haben oder wie viele Mitarbeiter*innen des Bildungsministeriums Menschen erschossen haben, die auf Hilfe warteten. Das Schicksal der UNRWA war besiegelt. Die nie bewiesenen Geschichten über „Kommandozentralen“ der Hamas in den Luftschutzbunkern der UNRWA, der einzigen Zuflucht für Hunderttausende Menschen, schürten ebenfalls die Aufwiegelung.


Dann wurden die alten Geschichten wieder aufgegriffen: Die UNRWA hält den Flüchtlingsstatus der Palästinenser*innen aufrecht. Ohne die UNRWA gäbe es keine palästinensischen Flüchtlinge mehr. Das Flüchtlingsdasein ist der letzte Beweis für die Nakba, weshalb Israel es nicht mag. Nachdem über 400 Dörfer ausgelöscht worden waren, blieben die Flüchtlingslager als einzige blutige Erinnerung an 1948 zurück. Das ist das Verbrechen der UNRWA, argumentiert auch der Dokumentarfilm von Duki Dror, der im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Kan ausgestrahlt wurde. Die Europäer seien naiv, behauptet Dror, wie die Israelis immer über die Hilfsorganisationen sagen. Sie sind naiv, nur wir Israelis sind klar denkend.


Nicht die UNRWA hat den Flüchtlingsstatus der Palästinenser*innen aufrechterhalten, sondern die Besatzung. Hätten die Palästinenser*innen einen Staat, würde dieser die Verantwortung für sie übernehmen. Der Gipfel der absurden Propaganda wurde erreicht, als Dror in einem Interview sagte: „Bei den Vereinten Nationen gilt Palästina als ‚Beobachterstaat ohne Mitgliedschaft‘, und man kann kein Flüchtling sein, wenn man einen Staat hat. Entscheiden Sie sich: Entweder sind Sie ein Staat oder Sie sind besetzte Gebiete.“


Es ist wirklich nicht nett von euch, palästinensische Flüchtlinge, dass ihr euch noch immer nicht entschieden habt. Aber Israel hat schon vor langer Zeit für euch entschieden. 1967 entschied es sich für die Besatzung, und seitdem hat es seine Entscheidung kein bisschen geändert. Jetzt sagt es, dass es niemals einen Staat geben wird. Und die UNRWA ist es, die ihren Flüchtlingsstatus aufrechterhält. Und natürlich gibt es den Lehrplan der UNRWA-Schulen, der ausschließlich aus „Aufwiegelung“ gegen Israel besteht. Als ob man die UNRWA bräuchte, um palästinensische Kinder dazu zu bringen, Israel zu hassen. Um diejenigen zu hassen, die ihnen all das angetan haben, müssen sie nur ihr Fenster öffnen, falls sie noch eines haben. Die UNRWA hätte ihnen beibringen sollen, Israel zu lieben.


Für die UNRWA wurde ein Ersatz gefunden: die Gaza Humanitarian Foundation. Diese amerikanische Organisation wurde zum Glück geschlossen, nachdem etwa 1 000 Menschen getötet worden waren. Die Angriffe auf die UNRWA gehen weiter, und es gibt keinen Ersatz für sie.


Am Freitag verabschiedete die UN-Generalversammlung mit überwältigender Mehrheit eine Resolution, in der Israel zur Zusammenarbeit mit der UNRWA aufgefordert wird, nachdem auch der Internationale Gerichtshof die Vorwürfe gegen die Organisation für unbegründet befunden hatte. Israels UN-Botschafter Danny Danon reagierte umgehend: Die UNRWA sei eine Terrororganisation. Man solle diese Flüchtlinge einfach aus unserem Blickfeld entfernen.

 

Gideon Levy ist Kolumnist bei Haaretz und Redaktionsmitglied der der Zeitung.



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