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Gideon Levy: Israels Lösung für das Gaza-Problem ist bereits in vollem Gange

  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Die einzige Alternative zur Herrschaft der Hamas ist derzeit die Anarchie, und dieses Chaos kommt Israel zugute, um seinen Nachkriegsplan zu verwirklichen: den vollständigen sozialen Zerfall und schließlich die Vertreibung.


Von Gideon Levy, Haaretz, 30. Mai 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Israel hat sehr wohl einen Nachkriegsplan für den Gazastreifen. Die Annahme, es gäbe keinen, war völlig falsch. Ich wünschte, dieser Plan existiere nicht. Weit entfernt von der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit und der israelischen Bevölkerung ist die Umsetzung der nächsten Phase von Israels schrittweiser Strategie bereits in vollem Gange.

Nun, da der Völkermord seinen Lauf genommen hat und der Gazastreifen fast vollständig zerstört ist, schreitet Israel selbstbewusst zur nächsten Phase des Plans voran: die gesamte Bevölkerung Gazas dauerhaft zu Invalid*innen, Verletzten, Kranken, Hungernden, Obdachlosen und Arbeitslosen zu machen.

Sobald die Bevölkerung Gazas zu einer heterogenen Masse ohne organisierte Gesellschaft, ohne grundlegende Versorgung, ohne wesentliche Institutionen und natürlich ohne Führung reduziert ist, wird der vollständige Zerfall des sozialen Gefüges es Israel erleichtern, zur nächsten Phase überzugehen, die es nie aufgegeben hat: der Phase der Vertreibung. Erst dann wird das Gaza-Problem endgültig gelöst sein. Und zwar nur auf diese Weise.

Ein deutliches Echo dieses Plans war letzte Woche in den Äußerungen seiner beiden Architekten und Vollstrecker zu hören: Premierminister Benjamin Netanjahu sagte, seine „Anweisung“ sei es, den von Israel kontrollierten Teil des Gazastreifens von 60 Prozent auf 70 Prozent auszuweiten.

Verteidigungsminister Israel Katz schrieb auf X: „Wir haben versprochen, dass die Hamas im Gazastreifen weder zivil noch militärisch herrschen wird, und so soll es auch sein. Auch der Plan zur freiwilligen Auswanderung wird umgesetzt werden, und zwar zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Art und Weise.“ Mit anderen Worten: Die Bewohner*innen des Gazastreifens werden zu einer „Herde“ gemacht, die sich „zum richtigen Zeitpunkt und auf die richtige Art und Weise“ leicht weit weg transportieren lässt. Schließlich muss die Ordnung aufrechterhalten werden.

Die „Auslöschung des Hamas-Regimes“ im Gazastreifen zielt nicht allein auf dieses Ziel ab. Da Israel sich kategorisch gegen eine Verwaltung des Gazastreifens durch irgendeine palästinensische Instanz – weder die Palästinensische Autonomiebehörde, noch eine internationale Organisation, noch irgendetwas anderes – ausgesprochen hat und auch nicht bereit ist, den Gazastreifen selbst zu verwalten, ist die Katze aus dem Sack: Israel will nicht, dass irgendeine Organisation im Gazastreifen regiert. Es will 2 Millionen Menschen in Zelten. Das wird ihre Vertreibung erleichtern.

Wenn Katz sagt, dass die Hamas den Gazastreifen nicht zivil regieren werde, weiß er sehr wohl, dass es außer der Hamas niemanden gibt, der den Gazastreifen regieren könnte, und dass es auch niemanden geben wird, zumindest nicht in absehbarer Zukunft. Die einzige Alternative zur zivilen Herrschaft der Hamas ist derzeit Anarchie. Dieses Chaos ist gut für Israel und die Verwirklichung seines Plans.

Die israelische Propaganda kann weiterhin lautstark behaupten, dass Gaza gleichbedeutend mit der Hamas und die Hamas gleichbedeutend mit Terroristen sei. Das ist natürlich eine Lüge. Nicht nur, dass nicht jeder in Gaza zur Hamas gehört, sondern auch nicht jeder, der als Hamas-Anhänger definiert wird, ist ein Terrorist. Israel weiß ganz genau, dass Zehntausende Lehrer*innen, Ärzt*innen, Polizisten und Regierungsbeamt*innen, deren Gehälter von der Hamas-Regierung gezahlt werden, keine Terrorist*innen sind. Sie als solche zu definieren, ermöglichte es Israel jedoch, Tausende von ihnen unter dem Etikett „Terroristen“ zu töten. Verkehrspolizisten, Buchhalter*innen und Lehrer*innen sind keine Terrorist*innen und dürfen nicht zum Tode verurteilt werden. Ihre Tötung war und ist ein Kriegsverbrechen. Ebenso sind Journalist*innen, die von der Hamas ausgestellte Presseausweise tragen, keine Terrorist*innen. Sie mögen vielleicht Propagandist*innen sein, wie viele israelische Journalist*innen auch, aber sie sind keine Terrorist*innen.

Israel hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Es hat sich – wenn auch auf unrechtmäßige Weise – Legitimität für wahlloses Töten verschafft und gleichzeitig einen weiteren Schritt zur Verwirklichung seines großen Plans getan. Keine Gesellschaft kann ohne Lehrer*innen, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen, Ingenieur*innen und Angestellte funktionieren, und ohne eine funktionierende Gesellschaft ist es ein Leichtes, die Bewohner*innen Gazas in alle Winde zu vertreiben.

Am Donnerstag wurde die neueste Folge von „The Tucker Carlson Show“ ausgestrahlt, in der ein zweistündiges Interview mit Dr. Nick Maynard zu sehen war, einem in Oxford ausgebildeten britischen Chirurgen, der seit rund 17 Jahren immer wieder ehrenamtlich in Gaza tätig ist. Die Gräueltaten, die er als Augenzeuge beschrieb, waren schier atemberaubend: Leichen in Handschellen, Teenager, die nach Schüssen in die Hoden zur Operation gebracht wurden, Babys, die verhungerten, und Frühgeborene, die auf Befehl der IDF bei der Evakuierung eines Krankenhauses in Inkubatoren zurückgelassen und einige Wochen später tot aufgefunden wurden.

Jeder Israeli, jeder Mensch auf der Welt muss dieses Interview sehen oder hören. All diese Gräueltaten hatten ein einziges Ziel: Israels „Lösung“ für das Problem namens Gaza.

 

Gideon Levy ist Kolumnist bei „Haaretz“ und Mitglied der Redaktion der Zeitung.



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