Ich habe mit Israels leidenschaftlichsten Verteidigern diskutiert – NAZA widerlegt ihre Argumente
Die Aussagen israelischer Soldat*innen und Geheimdienstmitarbeiter*innen in dem Dokumentarfilm entlarven jahrelange haltlose Propaganda. Glauben Sie nicht mir – glauben Sie ihnen.
Von Mehdi Hasan, The Guardian, 16. Oktober 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Ich habe mir neulich Abend die außergewöhnliche neue, vom Guardian produzierte Dokumentation der Oscar-prämierten israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor angesehen, und seitdem kann ich kaum aufhören, darüber nachzudenken. Der Titel des Films leitet sich von einem hebräischen Militärbegriff für Kollateralschäden ab und besteht aus aufschlussreichen Interviews mit zwei Dutzend israelischen Soldat*innen und Geheimdienstmitarbeiter*innn, die im Dunkeln sitzen – oft auf den Dächern von Tel Aviv –, wobei ihre Stimmen „digital verändert wurden, um ihre Identität zu verschleiern“.
An einer Stelle stellt Abraham einem der Soldaten eine bemerkenswert direkte Frage.
„Glaubst du, dass es sich um einen Völkermord handelt?“
„Ja“, antwortet der Soldat. „Auf jeden Fall.“
Er verweist auf das, was er als „vorsätzliche“ Tötung palästinensischer Zivilist*innen, darunter auch Kinder, beschreibt.
„Wir müssen die Dinge so beschreiben, wie sie wirklich sind.“ Dieser Satz könnte als Untertitel des Films dienen. Denn in den letzten drei Jahren gab es faktisch zwei Kriege um den Gazastreifen: den Krieg selbst und den Krieg darum, wie wir ihn beschreiben dürfen:
Hat Israel zivile Ziele ins Visier genommen – oder nutzt die Hamas lediglich „menschliche Schutzschilde“?
Wurden palästinensische Kinder wissentlich getötet – oder ist schon die bloße Behauptung diesbezüglich eine antijüdische „Blutverleumdung“?
Wurden hungernde Palästinenser*innen auf der Suche nach Nahrung erschossen – oder war die Hamas für diese Tötungen verantwortlich?
Sind viele der palästinensischen Toten tatsächlich Zivilist*innen – oder handelt es sich bei einem Großteil von ihnen um „Terroristen“?
Lässt das Vorgehen des israelischen Militärs im Gazastreifen Vergleiche mit dem Holocaust zu – oder ist ein solcher Vergleich an sich schon ein Beweis für Antisemitismus?
NAZA ist wichtig, weil sich nacheinander Israelis, die tatsächlich an der Überwachungs- und Tötungsinfrastruktur des Gaza-Kriegs beteiligt waren, selbst zu diesen Themen äußern. Und was sie sagen, ist geradezu vernichtend.
Ich habe die letzten Jahre damit verbracht, mit einigen der engagiertesten Verteidiger*innen Israels zu debattieren – auf den Live-Bühnen von „Open to Debate“ in New York und den „Munk Debates“ in Toronto, in Kabelnachrichtensendungen und in Piers Morgans YouTube-Show. Ich wünschte, jeder und jede einzelne von ihnen würde sich hinsetzen und alle 80 Minuten von NAZA anschauen. Nicht, weil der Film ein weiteres Argument von mir enthält. Sondern weil er Aussagen genau von der Seite enthält, auf der sie glauben, zu stehen.
Die „menschliche Schutzschild“-Verteidigung
Israel und seine Unterstützer*innen haben wiederholt behauptet, Israel sehe sich in Gaza mit der „menschlichen Schutzschild-Strategie der Hamas“ konfrontiert, bei der „die Hamas ihre Kämpfer gezielt in zivilen Gebieten versteckt“.
In NAZA widerlegen israelische Militär- und Geheimdienstquellen diese Verteidigung. Hören Sie sich zum Beispiel die israelische Quelle in NAZA an, die die KI-gestützte Strategie erläutert, mit der Hamas-Kommandeure nachts in ihren Häusern neben ihren Familien aufgespürt und anschließend bombardiert werden. „Die Hamas setzt in einigen Fällen menschliche Schutzschilde ein, aber die Behauptung, es handele sich bei Privathäusern um menschliche Schutzschilde, ist absurd. Das stimmt einfach nicht. Wir bombardieren sie in ihren Häusern, weil wir sie dort finden“, sagte er. „Sie kommen einfach nach Hause, um zu schlafen. Dort erwischen wir sie.“
Die Zivilist*innen schirmten das Ziel nicht ab. Das Ziel wurde von Israel bis zu den Zivilist*innen verfolgt.
Die Kinder
Einige haben behauptet, die Berichterstattung der Medien über in Gaza getötete palästinensische Kinder stelle eine „Blutverleumdung“ dar und wecke uralte Vorstellungen vom „kindermordenden Juden“.
„Fragen Sie, wie Israel in der Lage sein soll, unschuldige Kinder mit solch tödlicher Präzision ins Visier zu nehmen, und niemand kann Ihnen das sagen“, schrieb der gefeierte britische Schriftsteller Howard Jacobson. „Fragen Sie, warum sie unschuldige Kinder ins Visier nehmen sollten … und auch das kann Ihnen niemand sagen.“
NAZA klärt die Debatte: Es ist kein antisemitischer Blutvorwurf, darauf hinzuweisen, dass Israel wissentlich Kinder in Gaza getötet hat. Eine israelische Geheimdienstquelle berichtet, dass es möglich war, das Handy eines 12-jährigen palästinensischen Mädchens zu hacken, um herauszufinden, wann ihr Vater – das eigentliche Ziel – nach Hause zurückkehren würde. Zu diesem Zeitpunkt konnte das Haus bombardiert werden. Abraham stellt die naheliegende Frage. Was passiert mit dem 12-jährigen Mädchen?
„Man hackt sich in ihr Handy ein und tötet sie dann“, lautet die Antwort.
Das vielleicht Erschreckendste ist nicht nur der Inhalt der Antwort, sondern auch die Art und Weise, wie sie gegeben wird: ruhig, sachlich, fast schon bürokratisch.
Ein anderer israelischer Befragter erinnert sich an einen Jungen, der eine vom Militär kontrollierte Zone betrat. „Er hat nichts getan“, sagt der Soldat. „Sie haben ihn bombardiert.“ Dann folgt eines der schrecklichsten Details in einem ohnehin schon schrecklichen Film: Dem Soldaten zufolge werden Leichen den Hunden zum Fraß überlassen.
Vielleicht lautet die Frage also gar nicht mehr: Warum sollten israelische Streitkräfte überhaupt Kinder töten? Vielleicht sollte die Frage stattdessen lauten: Wie viele israelische Aussagen, die die Tötung von Kindern beschreiben, sollen wir noch ignorieren?
Die Zahl der „terroristischen“ Opfer
Einige Militärexpert*innen argumentieren nach all dem Gemetzel immer noch, Israel habe in Gaza ein historisch niedriges Verhältnis von zivilen zu militärischen Opfern erreicht, während sie unkritisch die israelischen Behauptungen nachplappern, dass mehr als 24.000 Kämpfer getötet worden seien. Doch NAZA wirft eine ziemlich grundlegende Frage auf: Wer wird als „Kämpfer“ gezählt?
Israelische Soldat*innen und Geheimdienstmitarbeiter*innen beschreiben „Vernichtungszonen“ im Norden des Gazastreifens, in denen palästinensische Zivilist*innen, die unsichtbare Grenzen überschritten, getötet werden durften. „Jeder, der die Zone betritt, muss sterben“, so die Anweisung an die Truppen, wie ein Befragter berichtet. Seine Einheit tötete in solchen Zonen 140 unbewaffnete Menschen. Dennoch, so sagt er, wurden sie trotzdem als Terroristen gezählt. „Wen auch immer man zu töten beschloss, galt als Terrorist.“
Die Schlangen vor den Lebensmittelausgabestellen
Als im Jahr 2025 Berichte auftauchten, wonach Palästinenser*innen in der Nähe von Lebensmittelausgabestellen erschossen worden seien, argumentierten Israel-Befürworter, die Hamas sei für die Tötungen verantwortlich. Hätten sie sich jedoch NAZA angesehen, hätten sie gehört, wie israelische Soldat*innen und Geheimdienstmitarbeiter*innen ganz beiläufig schilderten, wie israelische Militärscharfschützen hungrige und verzweifelte Palästinenser*innen erschossen, die aus der Schlange getreten waren, um wie „Ameisen“ über die Lebensmittelausgabestellen zu strömen. Ein Interviewpartner erzählt Abraham, wie „drei separate Soldatenteams die Bevölkerung massakrierten“, als diese versuchten, an die Lebensmittel zu gelangen. Die Hamas wurde dabei nicht erwähnt.
Vergleiche
Befürworter*innen Israels wehren sich seit langem gegen Vergleiche zwischen der israelischen Regierung und dem Dritten Reich. Im Juni 2026 veröffentlichte Haviv Rettig Gur, israelischer Journalist und Nahost-Analyst bei Bari Weiss’ „Free Press“, einen Essay mit dem Titel: „Warum der Gaza-Krieg nicht mit dem Holocaust verglichen werden kann“. Gur bezeichnete den Vergleich als eine „so gefühllose Verdrehung, dass man es kaum glauben kann“ und argumentierte, sein Zweck bestehe speziell darin, „die Jüdinnen und Juden zu Nazis zu machen“.
In „NAZA“ erzählt ein verzweifelter israelischer Soldat Abraham, dass er als Schulkind Polen besucht, sich schon von klein auf mit den Nazis beschäftigt und sich gefragt habe, wie solche Deutschen – die Verkörperung des „reinen Bösen“ – „mit sich selbst leben“ könnten. Nun, als Erwachsener und Veteran des Gaza-Kriegs, sagt er: „Ich verstehe es“, und berichtet, wie er und seine Kameraden Häuser im Gazastreifen in die Luft sprengten und anschließend wieder zu ihrem Studium zurückkehrten. In einem eindringlichen Satz sagt er: „Ich sehe diese Nazis immer noch als böse an, aber was sagt das dann über mich?“
Verständlicherweise löst der Vergleich besonders heikle Reaktionen unter Israelis aus, und wie Abraham selbst kürzlich in einem „Haaretz“-Podcast betonte, ist er nicht an einem „vereinfachenden und direkten Vergleich“ interessiert. Vielmehr glaubt er, dass der Holocaust universelle Lehren darüber bereithält, wie Einzelpersonen zu Systemen der Entmenschlichung beitragen. „Er hat etwas davon verstanden, was es bedeutet, ein Täter zu sein“, sagte Abraham über den Soldaten. „Wenn wir die Worte ‚Nie wieder‘ verwenden, geht es dabei auch darum, Muster der Entmenschlichung zu verstehen.“
Betreibt dieser israelische Veteran wirklich eine voreingenommene Propagandakampagne? Oder kann er uns etwas darüber lehren, was geschieht, wenn ein ganzes Volk entmenschlicht wird?
Die „Blutverleumdung“
NAZA hat bei israelischen Amtsträgern heftige Reaktionen ausgelöst. Der ehemalige israelische Ministerpräsident Naftali Bennett verurteilte den Dokumentarfilm als „schreckliche Blutverleumdung gegen unsere Söhne und Töchter“. Auch Israels Militärchef Eyal Zamir bediente sich der Sprache der „Blutverleumdung“. Ihre Rhetorik ist jenseits jeder Parodie. Wir sind mittlerweile abgestumpft gegenüber israelischen Amtsträgern, die palästinensische Augenzeug*innen diffamieren und entmenschlichen. Aber soll man ernsthaft glauben, dass diese israelischen Militärinsider*innen und Augenzeug*innen … sich selbst mit einer Blutverleumdung bezichtigen?
Die unbequeme, aber unbestreitbare Wahrheit für Israel und seine Apologet*innen ist, dass im Laufe von weniger als 90 Minuten 24 israelische Soldat*innen und Geheimdienstmitarbeiter*innen – bewusst oder unbewusst – 36 Monate grundloser Propaganda, fauler Argumente und widerwärtiger Lügen vollständig entlarvt haben.
Glauben Sie nicht mir, sondern ihnen.
Mehdi Hasan ist Geschäftsführer und Chefredakteur von Zeteo.




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