Ich habe zwei Jahre Völkermord überlebt. Ich bin immer noch hier.
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- 10. Okt.
- 5 Min. Lesezeit
Die Welt vor dem 7. Oktober 2023 ist nur noch eine ferne Erinnerung. Aber wir machen weiter, angetrieben von der Entschlossenheit, dass dieses Land wieder zu einem Ort des Lebens wird.
Von Taqwa Ahmed Al-Wawi, 7. Oktober 2025, The Nation
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Seit zwei Jahren tobt in Gaza ein unerbittlicher Völkermord. Das Leben ist zu einem endlosen Kreislauf aus Verlust und Leid in einem System geworden, in dem nichts und niemand verschont wird – weder Menschen noch Steine oder Bäume. Der Tod ist allgegenwärtig. Tag für Tag leiden wir unter Belagerung, Hunger, Bombardierungen und Zerstörung, unter Vertreibung und Orientierungslosigkeit, unter Häusern, die zu Trümmern zusammenbrechen und die Leichen und Träume derer begraben, die einst darin lebten. Geliebte Menschen verschwinden und hinterlassen nur noch Fotos anstelle ihrer Gesichter. Die Stadt selbst pulsiert vor Chaos und schlägt so wild wie mein eigenes Herz.
Die Welt von vor zwei Jahren ist nur noch eine ferne Erinnerung. Vor dem 7. Oktober und trotz der 18-jährigen Blockade durch die israelische Besatzung empfanden wir das Leben damals noch als fast luxuriös – gewöhnlich, einfach und geprägt von einem Gefühl der Sicherheit und Freiheit, das in unseren Herzen weiterlebte. Die Belagerung schränkte unseren Horizont ein, aber sie raubte uns nie das Gefühl, lebendig zu sein. Sie hinderte uns nicht daran, uns eine Zukunft vorzustellen, die wir mit unseren eigenen Händen gestalten konnten.
Am 20. Juli 2023 schloss ich die High School ab. Diese Tage waren voller Freude – Feiern mit meinen Freunden, Zeremonien, die endlos schienen. Bald darauf schrieb ich mich an der Islamischen Universität von Gaza ein, wo mein Vater Professor ist und wohin er mich als Kind unzählige Male mitgenommen hatte. Die Erinnerungen daran, wie ich neben ihm durch diese Korridore ging, sind noch immer lebendig. Ich entschied mich für Englisch als Hauptfach, ein Fach, das ich schon immer geliebt hatte. Die Welt der Bücher und neuen Sprachen faszinierte mich, und ich war gespannt darauf, das Universitätsleben zu beginnen, das ich mir seit Jahren vorgestellt hatte.
Einen Monat lang fuhr mich mein Vater jeden Morgen zur Universität, und nachmittags kehrten wir gemeinsam zurück. Ich traf meine Freunde in Vorlesungen oder direkt danach. Dann kam der Völkermord, und alles, was ich aufgebaut hatte, brach zusammen. Der Unterricht wurde für neun Monate ausgesetzt. Am 28. Juni 2024 gab die Universität bekannt, dass der Unterricht wieder aufgenommen würde, allerdings nur online.
Ich machte fest entschlossen weiter. Nur noch 42 Punkte trennen mich vom Abschluss. Ich sagte mir immer wieder: Das ist nicht das Universitätsleben, das ich mir vorgestellt hatte. Aber ich hielt durch, denn Bildung ist eine Form des Widerstands gegen die Besatzung.
Ich habe mir innerhalb meines Studiums eine innere Welt aufgebaut, um der Außenwelt zu entfliehen. In meinem Kurs „Einführung in die Literatur“ sollten wir die Vorlesungen von Dr. Refaat Alareer verfolgen, dem Schriftsteller und Dichter, der vom israelischen Militär ermordet wurde. Ich war nie sein Student in einem Hörsaal, aber ich habe mir alle seine Vorlesungen angesehen und alles gelesen, was er geschrieben hat, alles, wozu er seine Student*innen inspiriert hat. In einem Video sprach er über die Bedeutung des Erzählens von Geschichten und zitierte dabei zwei Passagen, die mir im Gedächtnis geblieben sind.
Die erste handelte von einem Angehörigen der kanadischen First Nations, der sich an die Kolonisatoren wandte, die das Land aufteilten. Als sie ihm sagten: „Dieses Land gehört uns; wir teilen es unter uns auf“, antwortete er: „Wenn dies euer Land ist, erzählt mir eure Geschichten. Wenn dies wirklich euer Land ist, erzählt mir eure Geschichten.“ Als Antwort herrschte nur Stille, denn sie hatten keine Geschichten über dieses Land – sie gehörten nicht wirklich dorthin.
Die zweite Geschichte stammt vom nigerianischen Schriftsteller Chinua Achebe: „Wenn die Löwen keine eigenen Historiker haben, wird die Geschichte der Jagd immer die Jäger verherrlichen.“ Wenn wir also unsere Geschichten nicht aufschreiben, wird, wie Dr. Alareer es ausdrückte, „die Geschichte immer die Besatzer und Kolonisatoren verherrlichen und nicht die Kolonisierten, Unterdrückten, Ureinwohner und rechtmäßigen Bewohner des Landes.“
Diese Worte haben mich dazu bewegt, selbst mit dem Schreiben zu beginnen. Vor acht Monaten habe ich angefangen, meine Texte zu veröffentlichen, weil ich es als meine Pflicht empfand, die Geschichten meines Volkes zu erzählen. Lesen und Schreiben sind seit meiner Kindheit meine Talente, aber unter dem anhaltenden Völkermord Israels wurden sie sowohl zu meiner Therapie als auch zu meiner Waffe.
In den letzten acht Monaten habe ich über die täglichen Erfahrungen dieses Völkermords und über diejenigen geschrieben, die ich verloren habe. Die Besatzung hat nicht nur unsere Träume zerstört, sondern auch meine Liebsten, einen nach dem anderen. Jeder Name steht für eine Lücke, die nicht gefüllt werden kann, jede Erinnerung lebt in meinen Texten und in meinem Herzen weiter: meine liebsten Freunde Shimaa Saidam (19), Raghad Al-Naami (19), Lina Al-Hour (19), Mayar Jouda (18), Asmaa Jouda (21) sowie Mitglieder meiner Familie: meine Tante Asmaa, die Frau meines Onkels Neveen, meine Cousine Fatima, mein Onkel Abd al-Salam und seine Kinder Huthaifa (13) und Hala (8). Wenn ich mir ihre Fotos ansehe, sehe ich nicht nur Bilder – ich sehe Gesichter voller Zuneigung, Wärme und Leben.
Dann wandte ich mich dem Thema der Zerstörung von Schulen und Universitäten durch die israelische Besatzung zu, darunter auch die Islamische Universität selbst, und schrieb über die Lehrer*innen und Professor*innen, die getötet wurden und eine akademische und spirituelle Lücke hinterließen. Ich schrieb über Vertreibung, die Teil unseres täglichen Lebens geworden ist – ich selbst wurde fünf Mal vertrieben: einen Monat lang in Khan Yunis und fünf Monate lang in Rafah. Ich erzählte von all den Häusern, die wir verloren haben: das Haus meines Onkels, das vierstöckige Haus meines Großvaters, das sechsstöckige Gebäude meiner Schwester – sogar Gaza-Stadt selbst. Ein Zuhause ist Teil deiner Identität. Jede Ecke, jede Straße, jeder Raum birgt eine Geschichte.
Ich schrieb auch über die Hungersnot, die durch die absichtliche Blockade verursacht wurde, über chronisch Kranke, denen sogar die Medikamente verweigert wurden, die sie zum Überleben brauchten, und über Kinder, die inmitten von Hunger und Mangel an Grundbedürfnissen aufwachsen – Kinder, die still fragen: Werden wir heute etwas zu essen bekommen? All dies, während die Welt gelähmt zusieht.
Trotz der digitalen Blockade, die uns die Besatzungsmacht auferlegt hat, um uns aus dem Gedächtnis zu löschen, habe ich mich geweigert, aufzugeben. Ich habe an internationalen Programmen und Workshops online teilgenommen – von Gaza bis Großbritannien, Malta, Deutschland und Schweden – und meine Ausbildung und meine kreative Arbeit durch Online-Programme fortgesetzt, die mir einen Blick auf eine noch lebendige Welt ermöglichten.
Alle meine Texte können die Tiefe und das Ausmaß unseres Leidens nicht vermitteln. Keine Worte können die Schrecken, die wir überlebt haben, angemessen beschreiben.
Ich bin erschöpft. Wir sind erschöpft. Wenn man Müdigkeit tragen könnte, würden wir alle abgetragene Hemden tragen. Wir sehnen uns nach dem Gaza, das wir einmal kannten, nach dem Leben, das wir einmal lebten, und nach dem Selbst, das wir einmal waren. Wir verlangen nur, dass dieser unerbittliche Albtraum des Völkermords endet, dass das Land wieder ein Land wird und dass wir wieder das Leben umarmen können, nicht den Tod.
Taqwa Ahmed Al-Wawi ist eine 19-jährige palästinensische Schriftstellerin, Dichterin und Herausgeberin aus Gaza, die an der Islamischen Universität Gaza englische Literatur studiert. Weitere Werke von ihr finden Sie unter https://tqwaportfolio-project.netlify.app/




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