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„Ich kann das alles nicht alleine bewältigen“: Paare, die durch den Krieg im Gazastreifen voneinander getrennt wurden

19. Okt.
5 Min. Lesezeit

Familien wurden auseinandergerissen, Väter von ihren Kindern getrennt, und Paare können nicht wieder zusammen kommen und heiraten.


Von Aseel Mousa, The Guardian, 17. Oktober 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Wijdan Abu Matar, 43, war im November 2023 gezwungen, Gaza mit ihren acht Kindern zu verlassen, um sich medizinisch behandeln zu lassen, während ihr verletzter Ehemann Hatem zurückblieb. Wijdan und ihre Familie lebten im Flüchtlingslager Nuseirat, als der Gaza-Krieg mit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 begann. Zehn Tage später, am 17. Oktober desselben Jahres, traf ein israelischer Angriff den al-Muhandseen-Turm in der Nähe ihres Zuhauses und verletzte Wijdan sowie jedes Mitglied ihrer Familie.

„Wir saßen zusammen und wollten gerade mit dem Mittagessen beginnen, als der Bombenangriff stattfand“, erinnert sich Wijdan. „Die Decke stürzte über unseren Köpfen ein. Es wurde ganz dunkel. Ich konnte nichts mehr sehen. Ich fing einfach an, die Namen meiner Söhne und Töchter zu schreien.“ Ihre 15-jährige Tochter Nour erlitt die schwersten Verletzungen, darunter einen Schädelbruch und eine Hirnblutung.

Die fünfjährige Amna erlitt schwere Verbrennungen am Brustkorb. Nach dem Angriff wurde die Familie zunächst getrennt. Nour verbrachte etwa 33 Tage auf der Intensivstation, Wijdan war die ganze Zeit an ihrer Seite. Amna und die dreieinhalbjährige Aysel waren 15 Tage lang in einem anderen Krankenhaus.  Am 30. November 2023 reiste Wijdan mit Nour zur Behandlung in ein Krankenhaus in Ägypten. Monatelang war die Familie über ganz Ägypten verstreut, erhielt medizinische Behandlung und wohnte bei anderen Verwandten. „Ich fühlte mich völlig hilflos“, so Wijdan. „Es brannte in meinem Herzen, weil ich von meinem Mann getrennt war und meine Familie verstreut war.“

Schließlich gelang es Wijdan, ihre Kinder in einer Wohnung in Ägypten zusammenzubringen. Doch auch drei Jahre später ist sie immer noch von ihrem Mann getrennt, der weiterhin in Gaza lebt. „Ich bin für meine Kinder sowohl Mutter als auch Vater geworden“, sagt sie. „Die Verantwortung zehrt an meinen Kräften, und ich mache mir ständig Sorgen um meinen Mann.“ Hatem erlitt eine schwere Beinverletzung, die seine Mobilität einschränkt, und lebt nun als Vertriebener in einem Zelt in Nuseirat. Selbst mit ihm zu sprechen ist schwierig, da die Internetverbindung in Gaza unzuverlässig ist. „Wenn er es schafft, online zu gehen, ruft er mich und die Kinder an. Er sagt mir: ‚Ich zähle die Tage, bis ich euch wiedersehen kann.‘ Ich kann die Tränen in seinen Augen sehen“, so Wijdan.

Wijdan hat kein regelmäßiges Einkommen und ist auf Spenden angewiesen. Hatem erhält seit zehn Monaten kein Gehalt mehr, und seine Verletzung hindert ihn daran, zu arbeiten. In Ägypten ist das Leben für Wijdan und ihre Familie schwer. Sie berichtet, sie könne sich die Fahrtkosten nicht leisten, um fünf ihrer Kinder zur Schule zu schicken. „Ich sehe, wie die Zukunft meiner Kinder vor meinen Augen verschwindet, und ich kann nichts dagegen tun.“

Nour benötigt weiterhin medizinische Behandlung, doch Wijdan kann sich ihre Medikamente oft nicht leisten. Manchmal erwägt sie, nach Gaza zurückzukehren, um bei Hatem zu sein, doch sie fürchtet, ihren Kindern damit weiteres Leid zuzufügen. „Ich träume davon, meinen Kindern die Behandlung zu ermöglichen, die sie brauchen, und ich hoffe, dass wir so bald wie möglich wieder mit meinem Mann vereint sein können, damit auch er behandelt werden kann“, so Wijdan. „Ich kann das alles nicht alleine bewältigen. Psychisch bin ich am Ende. Ich habe in diesem Krieg 35 Familienmitglieder verloren.“

Seit Beginn des Krieges mit dem Angriff der Hamas auf Israel, bei dem 1.200 Menschen ums Leben kamen, wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums mindestens 73.783 Palästinenser*innen getötet und 174.738 verletzt. Anfang dieses Jahres kam eine unabhängige UN-Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Israel weiterhin Völkermord begeht, indem es gezielt palästinensische Kinder in Gaza angreift.

Sami Abu Tabaq, ein 29-jähriger palästinensischer Fotojournalist, war im April 2024 gezwungen, den Gazastreifen zu verlassen und seine Familie sowie seine Verlobte Ola zurückzulassen. „Die Einsamkeit bringt mich jeden Tag um“, sagt er. „Das Leben fern von der Frau, die ich liebe, und meiner Familie ist unglaublich schwer. Ich warte verzweifelt auf den Tag, an dem Gott uns wieder zusammenführt.“

Sami verlobte sich fünf Monate vor Kriegsbeginn mit Ola. Sie hatten sich zufällig kennengelernt, als er das Haus ihrer Familie als Kulisse für ein Fotoshooting auswählte. Vor dem Krieg sahen sie sich ständig. Sie fuhren ans Meer, aßen in Restaurants in Gaza zu Abend und verbrachten Monate damit, das Haus herzurichten, in dem sie nach ihrer Hochzeit, die für November 2023 geplant war, leben wollten. Sami und seine Familie flohen schon früh im Krieg aus ihrem Haus in Tal al-Zaatar, Jabaliya. Ihr Haus wurde schwer beschädigt und später zerstört – ebenso wie das Haus, in das Sami und Ola nach ihrer Hochzeit einziehen wollten.

Als seine Schwester beschloss, mit ihren Kindern nach Süden zu fliehen, begleitete Sami sie, doch er konnte Ola nicht erreichen, um sich von ihr zu verabschieden. Die Trennung wurde unerträglich. Tage, manchmal Wochen vergingen, ohne dass Sami wusste, ob Ola noch am Leben war. Einmal sah er Berichte, dass ein ganzer Wohnblock in der Nähe ihres Hauses in Gaza-Stadt bombardiert worden war. „Ich bin fast durchgedreht. Ich hatte mich noch nie so hilflos gefühlt“, sagt er. Da er nicht in den Norden zurückkehren konnte, bat er seinen Bruder, nach ihr zu sehen. Schließlich bestätigte sein Bruder, dass sie und ihre Familie am Leben waren. Sami arbeitete weiterhin als Fotojournalist aus dem südlichen Gazastreifen. Vier Journalisten, die sich sein Zelt geteilt hatten, wurden später getötet, darunter Hamza al-Dahdouh, ein Sohn des Al-Jazeera-Journalisten Wael al-Dahdouh.

Als Israel 2024 mit einer Bodenoffensive auf Rafah drohte, drängte Ola Sami, den Gazastreifen zu verlassen, da sie befürchtete, er könnte getötet werden. Sami bezahlte damals eine Firma, die Ausreisen koordinierte, damit beide nach Ägypten gelangen konnten. Doch Ola gelangte nicht bis in den Süden des Gazastreifens, um über Rafah zu reisen. „Sie sagte zu mir: ‚Geh du vor, ich komme nach‘“, erzählt Sami. „Und hier sind wir nun, fast zweieinhalb Jahre später, und warten immer noch.“ Sie haben es immer noch nicht geschafft, zu heiraten. Bereits an seinem zweiten Tag in Ägypten wurde Sami von Schuldgefühlen überwältigt. „Das ständige Grübeln bringt mich um“, sagt er. „Ich schäme mich, das Licht einzuschalten oder richtiges Essen zu mir zu nehmen, während meine Verlobte und meine Familie darum kämpften, die grundlegendsten Dinge zu beschaffen.“

In Ägypten wird sein Leben von Einsamkeit und Schlaflosigkeit beherrscht. „In Ägypten ist es sicher und es gibt wunderschöne Orte, aber ich bleibe zu Hause. Glück hat ohne sie keine Bedeutung. Ich kann nichts genießen, solange sie nicht hier ist“, sagt er. 

Aus Ägypten heraus versucht Sami, ihr Momente des Glücks zu bescheren. Zu ihrem letzten Geburtstag kontaktierte er ihren Bruder in Gaza und organisierte heimlich einen Kuchen, ein Geschenk und Blumen. „Als sie aufwachte und alles sah, war sie so glücklich. Ich liebe ihre Reaktion, wenn sie glücklich ist.“ Das einzige Problem waren die Blumen. „Es waren Kunstblumen“, sagt er. „Ich war nicht zufrieden damit, aber echte Blumen können nicht nach Gaza gelangen, weil Israel sie nicht hereinlässt.“

Sami berichtett, er habe jeden erdenklichen Weg versucht, um Ola herauszuholen, jedoch ohne Erfolg. Sie bewirbt sich nun um Stipendien im Ausland, in der Hoffnung, dass eine Ausbildung ihr einen Weg zur Evakuierung und schließlich zu ihm ebnen könnte. Sami reiste kürzlich zur Umrah nach Mekka, wo ihm ein Gebet ständig durch den Kopf ging. „Ich betete: ‚Gott, bitte führe uns bald zusammen‘“, berichtet er. „Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich werde den Rest meines Lebens auf sie warten, bis Gott uns zusammenführt.“ Trotz des Krieges schloss Ola ihr Bachelorstudium in Krankenpflege an der Islamischen Universität von Gaza ab. Auch sie hat einen enormen Verlust erlitten: Ihre Cousine, die Journalistin Ayat Khadoura, wurde zusammen mit etwa 50 weiteren Mitgliedern ihrer Großfamilie getötet.

 

Aseel Mousa ist Journalistin in Gaza.


 

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