Im Chaos von Gaza verschwinden jede Woche Dutzende Kinder. Ihre Familien geben die Suche nach ihnen nicht auf
- 23. Apr.
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Das Palästinensische Zentrum für Vermisste schätzt, dass 2 700 Kinder unter den Trümmern begraben sind; 200 weitere Kinder sind aus kriegsbedingten Gründen verschwunden.
Von Rawan Suleiman, Haaretz, 23. April 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Der vierjährige Mohammed Ghaban ist vor drei Wochen im Norden des Gazastreifens verschwunden; er hatte mit seinem Bruder vor dem Zelt seiner vertriebenen Familie gespielt. Er ging hinein, bat um eine Umarmung, zog seine Sandalen an und ging hinaus, berichtet seine Mutter dem jordanischen Fernsehsender Roya TV.
„Keine zehn Minuten später war er verschwunden“, sagt sie. Laut einem Beitrag in den sozialen Medien wurde Mohammed zuletzt im südlichen Gazastreifen mit einer Frau und einem Mann gesehen. In anderen Interviews sagte seine Mutter, sie habe in Moscheen und bei der Polizei nach ihm gesucht; sie sei sich sicher, dass er entführt worden sei. Die Familie hat angekündigt, eine Belohnung für Hinweise auf seinen Verbleib zu zahlen.
Vor dem Hintergrund des Nachkriegschaos im Gazastreifen gilt die Geschichte von Mohammed Ghaban nicht als ungewöhnlich. In Telegram- und Facebook-Gruppen aus dem Gazastreifen werden täglich Dutzende von Aufrufen von Familien mit vermissten Kindern veröffentlicht, oder es werden Fotos von Kindern gezeigt, die nach ihren Familien suchen. Die meisten der Kleinen sind zwischen drei und zehn Jahre alt. In einer Telegram-Gruppe wurden diesen Monat Fotos von mindestens 25 vermissten Kindern und mindestens 26 allein aufgefundenen Kindern veröffentlicht. Im März listeten diese Gruppen 75 Kinder auf, nach denen ihre Eltern suchten oder die ohne ihre Familien gefunden wurden. Im Oktober lag die Zahl sogar bei 122.
Nicht alle Kinder haben sich einfach nur zwischen den Zelten verlaufen; einige Verschwinden stehen in direktem Zusammenhang mit dem Krieg in Gaza und der Präsenz israelischer Truppen. So verschwanden beispielsweise einige Kinder, nachdem sie sich dem Netzarim-Korridor genähert hatten, einer Straße der israelischen Armee, die den Gazastreifen teilt; diese Kinder könnten von der Armee erschossen oder festgenommen worden sein. Andere wurden mit leeren Essensbehältern in der Hand gefunden, nachdem sie bei Hilfsorganisationen nach Essen gesucht hatten. Und die Leichen vieler Kinder liegen noch immer unter den Trümmern in Gebieten, die vom israelischen Militär angegriffen wurden.
Es betrifft auch Kinder, die während des Krieges unter schweren psychischen Belastungen gelitten haben, sowie Kinder mit besonderen Bedürfnissen, darunter solche mit Sprachschwierigkeiten oder Down-Syndrom.
So lautet die Geschichte des 10-jährigen Samer Abu Jama. Seine Mutter Mona erzählt der Zeitung „Haaretz“, dass er unter psychischen Problemen litt, darunter die Weigerung, das Zelt der Familie zu verlassen. „Er hat im Krieg miterlebt, wie Menschen vor seinen Augen getötet wurden“, sagt sie. „Manchmal erholte er sich davon, doch dann wurde er Zeuge eines weiteren traumatischen Ereignisses und zog sich wieder zurück.“ Mona Abu Jama sagt, sie werde den 8. März nie vergessen. „Ich weiß nicht, was in ihm vorging, und genau das lässt mir keine Ruhe“, sagt sie. „Er fühlte sich nicht wohl und ging.“
Die vertriebene Familie lebt in der Nähe von Rafah an der Südspitze des Gazastreifens, etwa zwei Stunden Fußweg von der Gelben Linie entfernt, dem Beginn des Gebiets, das nach dem Waffenstillstand im Oktober noch von Israel kontrolliert wird. Abu Jama glaubt, dass Samer in diese Richtung gegangen ist, also riskierte die Familie, sich der Gelben Linie zu nähern, um nach ihm zu suchen. Sie suchten auch in ganz Khan Yunis im Süden, in Nuseirat im Zentrum des Gazastreifens und in Gaza-Stadt im Norden.
Sie haben sich auch an die Polizei und sogar an das Rote Kreuz gewandt. „Man hat uns an einen Anwalt im Westjordanland verwiesen, der sich mit Kinderangelegenheiten und Kinderrechten befasst“, berichtet Abu Jama. Die israelischen Armee hat noch nicht auf die Anfrage des Anwalts geantwortet, ob Samers Name auf der Liste der Häftlinge in israelischen Gefängnissen steht. Für Abu Jama ist alles möglich; Samer könnte entführt worden sein, sich verlaufen haben oder getötet worden sein. „Er weint immer in meinen Träumen, er ist ein Teil meiner Seele, ich werde ihn bis zu meinem letzten Atemzug suchen.“ Die Pressestelle der israelischen Armee gab am 8. März keine Stellungnahme zu einer Schießerei in Rafah oder in der Nähe der Gelben Linie ab.
Die Hamas meldet sich zu Wort
Berichte in den sozialen Medien schüren Panik unter den Bewohner*innen des Gazastreifens. In den Kommentaren unter den Beiträgen finden sich Warnungen wie: „Leute, bitte schützt eure Kinder! In Gaza werden Kinder von verschleierten Frauen entführt. Ihr müsst alle wachsam sein.“ Unterdessen bestreitet die Hamas-Polizei, dass es zu Entführungen gekommen sei, um zu zeigen, dass sie die Lage unter Kontrolle hat. In einer Erklärung sagt die Organisation, es handele sich um erfundene Geschichten über Kinder, die beim Spielen im Freien verloren gingen, oder um das Ergebnis eines Sorgerechtsstreits.
Als Reaktion auf einen Zeitungsbericht berichtete eine Quelle bei der Hamas-Polizei, von Israel finanzierte Milizen verbreiteten Gerüchte über Kindesentführungen, um die öffentliche Ordnung zu untergraben. Er sagte, die Familien, die behaupteten, ihre Kinder seien entführt worden, stünden mit diesen Milizen in Verbindung.
Dennoch sind einige Kinder vor vielen Monaten verschwunden, während der Bombardements im Gazastreifen und der Massenflucht. Am 2. Januar appellierte der Vater von Zina (Name geändert) erneut in einem Social-Media-Beitrag an die Öffentlichkeit: „Ich habe meine 8-jährige Tochter zu Beginn des Krieges verloren, nach einem Angriff auf das Haus eines Nachbarn in Gaza-Stadt. Drei Tage später kamen Zeug*innen zu uns und sagten, sie hätten sie gesehen. Sogar im Al-Shifa-Krankenhaus bestätigten Krankenschwestern, dass sie sie gesehen hätten, und erzählten uns, sie sei von einer Familie mitgenommen worden, aber ich habe sie immer noch nicht gefunden.“
Der Vater fügte hinzu, dass die Behörden Zina nach sechs Monaten für tot erklärt hätten. „Als wir den Aufruf zu ihrem Verschwinden veröffentlichten, kontaktierte uns ein israelischer Geheimdienstoffizier und forderte uns auf, ihm Informationen zu liefern, im Austausch gegen Informationen über unsere Tochter. Wir weigerten uns, zu kooperieren“, schrieb er. Ein Verwandter, der an der Suche teilgenommen hatte, berichtete Haaretz, dass der Vater nie aufgehört habe, nach seiner Tochter zu suchen. Er sagt, die ganze Familie sei nach einem Luftangriff aus den Trümmern gerettet worden, aber Zinas Leiche oder Reste ihrer Kleidung seien nicht gefunden worden. Nachdem Gerüchte aufgekommen waren, Zina sei zusammen mit anderen Kindern in den Süden des Gazastreifens gebracht oder von einer Familie adoptiert worden, die ihr geholfen hatte, zog ihr Vater nach Rafah. Dort suchte er in Zelten und Waisenhäuser, jedoch ohne Erfolg. Nach Angaben des Verwandten gilt Zina beim Roten Kreuz weiterhin als vermisst. „Sie war die Jüngste von vier Geschwistern, ein kluges und eigenwilliges Mädchen, das genau wusste, was es wollte“, sagt er.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz teilte Haaretz mit, dass es mehrere tausend Anfragen zur Suche nach vermissten Personen in Gaza erhalten habe. Die Anfragen seien sowohl vor als auch nach dem Waffenstillstand eingegangen. Das Rote Kreuz erklärte, dass es die Familien benachrichtige, sobald es Informationen über vermisste Personen erhalte. Die Bemühungen der Organisation seien jedoch seit dem 7. Oktober behindert, nachdem Israel ihr den Zugang zu Gefangenen und den Namen von in israelischen Gefängnissen festgehaltenen Bewohner*innen des Gazastreifens vorenthalten habe.
Nach Angaben des Palästinensischen Zentrums für Vermisste und Gewaltsam Verschwundene sind während des Krieges 2 900 Kinder verschwunden. Die Direktorin des Zentrums, Nada Nabil, erklärte diese Woche gegenüber der Tageszeitung Al-Araby Al-Jadeed, dass schätzungsweise 2 700 Kinderleichen unter den Trümmern begraben seien, während weitere 200 Kinder aufgrund von Vertreibung, Gefahren durch nahegelegene Armee-Stellungen und dem Chaos in den Hilfsgüterverteilungsgebieten vermisst würden. Nabil fügte hinzu, dass die Hungersnot in Gaza viele Kinder dazu gezwungen habe, Verantwortung für ihre Familien zu übernehmen.
Ein Bewohner Gazas, der mit Haaretz sprach, stimmte Nabil zu und sagte, dass viele Kinder hinausgingen, um nach Essen zu suchen, Wasser zu holen und Brennholz zum Kochen zu sammeln. „Nach der Verteilung von Lebensmitteln, insbesondere Mehl, begaben sie sich in Gebiete mit Hilfskonvois, was zum Verschwinden vieler Kinder führte“, so Nabil. Diese Woche berichtete ihre Organisation, dass die Leiche eines sechs Monate alten Mädchens vor einer Klinik gefunden worden sei, die während des Krieges im Stadtteil Daraj in Gaza-Stadt angegriffen worden war. Die Identität des Babys ist noch unbekannt.
Das Leben in den Zelten der Vertriebenenlager birgt für Kinder zudem viele Gefahren, da es an geschlossenen Schulen und sicheren Spielplätzen mangelt. Laut UNICEF übt jedes sechste Kind eine lebensgefährliche Tätigkeit aus, wobei jede vierte Familie ihre Kinder zu solcher Arbeit schickt.
UNICEF ist sich des Phänomens vermisster Kinder in Gaza sehr wohl bewusst; während des gesamten Krieges und der damit einhergehenden Massenvertreibung wurden viele Fälle von vermissten Kindern beobachtet, die in Krankenhäusern und UN-Hilfsstellen ankamen. Das Kind könnte sich im Zentrum von Gaza befinden, die Mutter im Norden und der Vater im Süden. Und dieses Phänomen ist nicht auf Gaza beschränkt. Verschiedenen Studien zufolge besteht 1 Prozent der Vertriebenenpopulation aus Kindern, die als von ihren Angehörigen getrennt oder unbegleitet gelten. Dazu gehören Waisenkinder oder Kinder, die von anderen Familienmitgliedern als ihren Eltern betreut werden.
In Gaza würde diese Zahl bei mindestens 17.000 Kindern liegen, doch UNICEF hält dies für eine konservative Schätzung, angesichts der hohen Zahl getöteter und verwundeter Zivilist*innen sowie des hohen Anteils an Kindern in Gaza. Ein Aspekt in Gaza könnte jedoch Kindern, die sich allein wiederfinden, tatsächlich helfen. Wie UNICEF in einer Erklärung feststellte: „Der Gazastreifen ist nur 50 Kilometer lang, die Verbindungen zwischen den Gemeinden in den Lagern und Städten sind stark, und Kinder haben wahrscheinlich Verwandte, die sich um sie kümmern, was das Risiko einer Familientrennung zumindest zu einem gewissen Grad mindert.“




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