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In den zerstörten Krankenhäusern Gazas breitet sich eine Bedrohung durch multiresistente Bakterien aus, deren Ausmaß weit über den Krieg hinausgeht

  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Die moderne Kriegsführung beschleunigt die Ausbreitung von medikamentenresistenten Infektionen, und Expert*innen warnen davor, dass Konfliktgebiete zu Brutstätten für multiresistente Bakterien werden.


Von Tamara Davison, The Wire, 8. Mai 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Die Ausbreitung von multiresistenten Keimen könnte sich im Rahmen des israelischen Krieges gegen Gaza beschleunigen. Dr. Khamis Elessi bemerkte bereits zu Beginn des Krieges besorgniserregende Anzeichen, als er in der Verbrennungsstation des al-Shifa-Krankenhauses arbeitete. Trotz Behandlung zeigten einige Patient*innen kaum Anzeichen einer Besserung.

„Wir schickten Proben an das damals vorhandene Labor“, berichtet er gegenüber WIRED Middle East. Die Ergebnisse zeigten, dass viele Patient*innen gegen Antibiotika resistent waren. Das Problem beschränkte sich jedoch nicht auf eine einzelne medizinische Einrichtung. „Als ich fast zwei Jahre lang im al-Ahli Arab Hospital arbeitete, stellten wir bei fast allen Patient*innen dasselbe fest“, fährt der palästinensische Facharzt für Neurorehabilitation und Schmerzmedizin fort. „Sie leiden unter wiederkehrenden Infektionen, und Brustinfektionen heilen nicht ab. Viele der Patient*innen entwickeln in der Regel Komplikationen, manche sterben sogar daran.“

Das Phänomen, das Elessi beobachtete, ist als Antibiotikaresistenz (AMR) bekannt, bei der Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten Resistenzen gegen Medikamente entwickeln, die sie eigentlich abtöten sollen. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO war AMR im Jahr 2019 direkt für 1,27 Millionen Todesfälle verantwortlich und stellt damit eine der weltweit größten Bedrohungen für die öffentliche Gesundheit dar. Resistenzen gegen Antibiotika können sich im Laufe der Zeit auf natürliche Weise entwickeln, oft begünstigt durch Missbrauch und übermäßige Verschreibung. Doch Krieg beschleunigt diesen Prozess dramatisch.

Überbelegung, infizierte Wunden, zusammenbrechende Sanitärsysteme, unterbrochene Behandlungen und zerstörte Labore schaffen ideale Bedingungen für die Ausbreitung resistenter Krankheitserreger. Angesichts der Tatsache, dass bewaffnete Konflikte derzeit so zahlreich sind wie nie zuvor seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, warnen Forscher*innen, dass moderne Kriegsführung – wie sie derzeit in Teilen des Nahen Ostens stattfindet – möglicherweise auch dazu beiträgt, die nächste Generation globaler multiresistenter Keime hervorzubringen.

 

Perfekte Bedingungen für multiresistente Keime im Krieg


In Kriegsgebieten wie dem Gazastreifen hat der Zusammenbruch der Gesundheitsinfrastruktur Mediziner*innen in ausweglose Situationen gebracht. Israels Zerstörung des palästinensischen Gesundheitswesens hat zu einem kritischen Mangel an Versorgungsgütern in den Krankenhäusern geführt, während die überlasteten Einrichtungen Mühe haben, die Wellen von Verwundeten zu versorgen.

„Man hat keine andere Wahl, als auf primitive, rudimentäre Behandlungsmethoden zurückzugreifen“, sagt Elessi und beschreibt die Realität, mit der Ärzt*innen vor Ort konfrontiert sind. Er erinnert sich an Kolleg*innen, die Seife und Wasser – und manchmal sogar Reinigungsmittel – zur Wundreinigung verwendeten, während das medizinische Personal sich mit begrenzter Ausrüstung und Medikamenten um die Patient*innen bemühte. „Wenn die Infektion weiter fortschreitet, wird der Patient oder die Patientin seinem Schicksal erliegen“, fügt er hinzu.

Die Zerstörung von Labors durch Israel hat zudem gefährliche Lücken in den globalen Systemen zur Krankheitsüberwachung geschaffen. Ohne eine funktionierende Testinfrastruktur können resistente Krankheitserreger unentdeckt zirkulieren, was es den Gesundheitsbehörden erschwert, die Entwicklung und grenzüberschreitende Ausbreitung von multiresistenten Bakterien nachzuverfolgen.

Eine Studie aus dem Jahr 2025 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ zum Gesundheitssystem in Gaza ergab, dass zwei Drittel der untersuchten Bakterienproben multiresistent waren, was die Behandlung von Infektionen mit den verfügbaren Mitteln erheblich erschwert. Die Forscher*innen warnen zudem davor, dass das Problem nicht nur in den überlasteten Krankenhäusern auftritt. Die im Krieg Israels gegen Gaza eingesetzten Waffen könnten auch das mikrobielle Umfeld selbst verändern. Dr. Antoine Abou Fayad, außerordentlicher Professor für Mikrobiologie an der American University of Beirut, gehörte zu einem Forscherteam, das herausfand, dass Schwermetalle aus Bomben und militärischer Ausrüstung zur Antibiotikaresistenz beitragen könnten.

„Wir fanden an Konflikt- und Bombenabwurfstellen zahlreiche Proben in der Umwelt, die mit Patient*innen korrelierten, die mit Wundinfektionen ins Krankenhaus kamen“, erklärt er und verweist auf Metalle wie Blei, Barium und Chrom, die häufig in militärischer Ausrüstung vorkommen. Die langfristigen Auswirkungen auf die Umwelt, so argumentiert er, würden nach wie vor gefährlich übersehen.

„Wir gehen immer davon aus, dass Konflikte nur vorübergehende Zerstörungen hinterlassen“, so Fayad. „Das ist jedoch nicht der Fall, denn wenn wir so große Mengen an Schwermetallen in der Umwelt zurücklassen … lösen sich diese in der Natur nicht auf. Sie bleiben dort.“

Dr. Aula Abbara, Fachärztin für Infektionskrankheiten am Imperial College NHS Healthcare Trust, warnt davor, dass die Folgen verheerend sein könnten. „Wir laufen Gefahr, den Kampf gegen AMR generell zu verlieren, aber in Konfliktsituationen sind die Risiken dafür noch höher“, sagt sie. „Dies wird katastrophale Auswirkungen auf die Schwächsten haben, einschließlich des Todes von Patient*innen, deren Infektionen andernfalls behandelt worden wären und die keinen Zugang zu neueren Antibiotika haben, mit denen ihre Infektionen hätten behandelt werden können. Wir sehen dies bereits in Ländern wie Syrien.“

Superbakterien lassen sich weder durch Grenzen noch durch Pufferzonen oder Kontrollpunkte der Besatzungsmacht aufhalten. Forscher*innen warnen davor, dass Krankheitserreger, die in Kriegsgebieten auftreten, sich über Migrations-, Reise- und medizinische Evakuierungswege weltweit ausbreiten können. Während des Irakkriegs beispielsweise verbreiteten sich multiresistente Bakterien, die später den Spitznamen „Iraqibacter“ erhielten, über die medizinischen Evakuierungssysteme des US-Militärs und tauchten schließlich in zivilen Krankenhäusern im Ausland auf.

Zwei Jahrzehnte später befürchten Expert*innen, dass die globalen Risiken nach wie vor unterschätzt werden. Eine Studie prognostizierte, dass AMR bis 2050 jährlich 10 Millionen Menschen töten könnte, obwohl Fayad argumentiert, dass die tatsächliche Zahl letztlich sogar noch höher liegen könnte. „Niemand ist sicher, denn selbst wenn man in den USA lebt, oder in Island, oder im Vereinigten Königreich, oder in Australien, werden diese Keime einen irgendwann erreichen“, warnt er.

Trotz jahrelanger Warnungen argumentieren Expert*innen, dass die weltweite Reaktion nach wie vor gefährlich unzureichend ist – insbesondere in Konfliktgebieten, wo sich resistente Krankheitserreger am schnellsten ausbreiten. „Wir tun zwei Dinge, die sich völlig widersprechen“, sagt Fayad. „Wir sensibilisieren die Öffentlichkeit für AMR, tun aber gleichzeitig einen Scheißdreck dagegen.“



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