In einem Dorf im Westjordanland ermöglicht eine neue israelische Verordnung Angriffe von Siedlern, während sie vorgibt, diese zu verhindern
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Das israelische Militär hat das palästinensische Dorf Taybeh zur gesperrten Militärzone erklärt, um „die Ordnung aufrechtzuerhalten“, doch die Bewohner*innen berichten, dass Siedler weiterhin in das Gebiet eindringen dürfen.
Von Sharif Abdel Kouddous, Dropsite News, 12. August 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Am Sonntag, dem 9. August 2026, erklärte das israelische Militär das palästinensische Dorf Taybeh im besetzten Westjordanland zur gesperrten Militärzone und behauptete, die Anordnung diene dazu, eskalierende Angriffe durch marodierende israelische Siedler zu verhindern. Sie verbietet angeblich Israelis und Ausländer*innen den Zutritt zum Gebiet.
Doch Bewohner*innen des Dorfes und der Umgebung erklärten gegenüber Drop Site News, die Militärverordnung diene dazu, Taybeh weiter von der Außenwelt zu isolieren, Solidaritätsaktivist*innen aus dem Gebiet fernzuhalten und gleichzeitig die Angriffe der Siedler weiter zuzulassen. Taybeh, eines der wenigen palästinensischen Dörfer im Westjordanland mit christlicher Mehrheit, ist zunehmenden Angriffen durch israelische Siedler ausgesetzt, die in den letzten Wochen die das Dorf umgebenden kolonialen Außenposten ausgebaut haben.
„Die Anordnung besagt, dass es Israelis und Ausländer*innen verboten ist, das Gebiet zu betreten. Was ist mit dem Siedler, der in der Gegend herumstreift? Was ist er? Ist er Israeli oder nicht? Warum befindet er sich in diesem Gebiet?“, sagt Jack Abed, der Priester der griechisch-katholischen Kirche in Taybeh. „Diese Anordnung soll verhindern, dass Menschenrechtsverteidiger vor Ort sind, um uns gegen das zu verteidigen, was diese Siedler-Schläger tun – uns auf äußerst brutale Weise anzugreifen.“
Diese Einschätzung teilte auch Nayef Kaabneh, der Vorsitzende der Beduinengemeinschaft in Taybeh, die auf den Ländereien rund um das Dorf lebt. „Man sagte uns, das Gebiet sei zur gesperrten Militärzone erklärt worden, um die Siedler davon abzuhalten, hierherzukommen. Aber es stellte sich heraus, dass das alles Lügen waren. Die Siedler kommen immer noch hierher, während die Aktivist*innen daran gehindert werden, zu uns zu kommen“, berichtet Kaabneh. „Sie wollen uns isolieren, damit sie uns verfolgen können.“
Kaabneh berichtet von einem Vorfall vor kurzem, als ein Siedler in das Gebiet kam, gefolgt von mehreren internationalen Solidaritätsaktivist*innen. „Wir riefen die Polizei und die Armee an. Die Armee kam und sagte: ‚Dies ist eine gesperrte Militärzone. Geht weg.‘ Also gingen die Aktivist*innen weg, und der Siedler ging ebenfalls weg. Aber der Siedler ging einfach nur kurz weg, und sobald die Armee abgezogen war, kam er zurück. Die Aktivist*innen kamen hingegen nicht zurück. Die Anordnung richtet sich also in Wirklichkeit gegen die Aktivist*innen, nicht gegen die Siedler“, sagt er. Am Dienstag erließ das israelische Militär eine ähnliche Verordnung und verkündete eine militärische Abriegelung der Dörfer Kufr Qallil und Jalud, die beide im nördlichen Bezirk Nablus liegen, wobei erneut behauptet wurde, dies sei notwendig, um die palästinensischen Bewohner*innen vor den Siedlern zu schützen.
Trotz gelegentlicher Erklärungen israelischer Behörden, dass sie Angriffe von Siedlern nicht dulden, ist die Mitwirkung israelischer Streitkräfte an Angriffen von Siedlern hinlänglich bekannt. Ein UN-Bericht der Untersuchungskommission zu den besetzten palästinensischen Gebieten vom Juni kam zu dem Schluss, dass israelische Behörden direkt an Angriffen von Siedlern beteiligt sind, bei denen palästinensische Gemeinschaften im Westjordanland getötet, verletzt und vertrieben wurden. „Die zunehmende Beteiligung israelischer Sicherheitskräfte an Angriffen von Siedlern kommt einem faktischen Zusammenbruch der Unterscheidung zwischen Siedlern und Soldaten gleich“, heißt es in dem Bericht.
Die Kommission stellte fest, dass „die Gewalt der Siedler im Westjordanland als Mittel zur Umsetzung der Politik des Staates Israel dient, wobei der Staat und gewalttätige Siedlergruppen sowie Einzelpersonen auf dieselben strategischen Ziele hinarbeiten, darunter die Aufrechterhaltung der völkerrechtswidrigen Besatzung, die Festigung illegaler israelischer Siedlungen, die Annexion palästinensischen Gebiets und die Vertreibung von Palästinenser*innen von ihrem Land.“ Weiter heißt es: „Die israelischen Behörden haben solche Angriffe durch finanzielle und militärische Unterstützung ermöglicht, während die israelischen Justiz- und Strafverfolgungsbehörden der Gewalt der Siedler seit Jahrzehnten Straffreiheit gewähren.“
Zwar sind Angriffe israelischer Siedler und Soldaten auf Palästinenser*innen im Westjordanland seit Jahren an der Tagesordnung, doch haben sie sich seit Oktober 2023 parallel zu Israels völkermörderischem Angriff auf den Gazastreifen drastisch verstärkt, wobei über 1.100 Palästinenser*innen getötet und Zehntausende gewaltsam vertrieben wurden. Im vergangenen Monat warnte die UNO, dass die Angriffe durch israelische Siedler sowie die Errichtung von Siedlungen und Außenposten „einen historischen Höchststand“ erreicht hätten. In den vergangenen zweieinhalb Wochen eskalierten die Angriffe noch weiter, nachdem ein Überfall von Siedlern auf das Dorf Tell mit dem Tod von vier Palästinensern und zwei Siedlern endete. Allein in der vergangenen Woche wurden laut der Kommission gegen Kolonisierung und den Mauerbau über 500 Angriffe gemeldet.
Palästinenser*innen im Dorf Taybeh, in dem etwa 1.500 Menschen leben und das mehrere Kilometer nordöstlich von Jerusalem und Ramallah liegt, sagten, die Gewalt durch Siedler sei mittlerweile nahezu unerträglich geworden. Etwas mehr als ein Drittel von Taybeh – darunter der größte Teil des bebauten Dorfgebiets – ist als Gebiet B ausgewiesen, eine Einstufung gemäß den Osloer Abkommen, wonach die Palästinensische Autonomiebehörde für die Zivilverwaltung zuständig ist, während Israel offiziell die Sicherheitskontrolle behält. Der Rest des Gebiets von Taybeh ist als Gebiet C ausgewiesen, in dem Israel offiziell die volle zivile und sicherheitspolitische Kontrolle ausübt.
„Es gab schon früher Angriffe, aber nichts Vergleichbares zu dem, was wir derzeit erleben“, sagt Kaabneh. „In den letzten 15 Tagen sind die Siedler zwei- bis dreimal täglich gekommen, morgens und abends. Sie haben den Druck auf uns deutlich erhöht. Sie wollen uns gewaltsam vertreiben“, fügt er hinzu. „So Gott will, werden wir geduldig bleiben, und Gott wird uns die Kraft geben, diesen Ort nicht zu verlassen und hier standhaft zu bleiben.“
Die Kirchen von Taybeh stammen aus dem fünften Jahrhundert. „Taybeh ist ein palästinensisches Dorf, ganz gleich, ob christlich oder muslimisch“, sagt Abed, der örtliche Priester. „Der jüdische Siedler macht keinen Unterschied – er sieht nur einen Palästinenser oder eine Palästinenserin.“
Israelische Siedler haben es auch auf die Olivenhaine von Taybeh abgesehen, die eine der Haupteinnahmequellen des Dorfes darstellen. Mehrere Bewohner*innen berichteten Drop Site, dass Siedler Schafe und anderes Vieh auf ihre Felder bringen, um dort weiden zu lassen, das Wasser aus den örtlichen Brunnen verbrauchen und zudem Kamele mitbringen, die die Kronen der Olivenbäume abfressen und diese dadurch ruinieren.
„Die Kamele zerstören die Bäume, weil sie so große, hochgewachsene Tiere sind. Die Kronen der Olivenbäume sind komplett zerstört … Das sind Olivenbäume aus der Römerzeit. Es ist wirklich herzzerreißend“, sagte Fouad Maadi, ein Bewohner. „Jeder Aspekt des Lebens [ist betroffen], einfach alles. Der Handel ist am Ende, die Landwirtschaft ist am Ende, die Viehzucht ist am Ende. Das ist eine Rachekampagne gegen uns, die darauf abzielt, uns aus diesem Land zu vertreiben. Aber wir bleiben hier. Wir werden nicht weggehen, egal was passiert.“




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