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In Gaza gibt es endlich wieder Lebensmittel, doch viele Familien können sich diese nicht leisten

vor 6 Tagen
5 Min. Lesezeit

Obwohl die Geschäfte in Gaza zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder mit Lebensmitteln gefüllt sind, berichten Palästinenser*innen, dass sie nach wie vor Mahlzeiten auslassen müssen oder unter erheblicher Verschuldung leiden. Expert*innen warnen davor, dass zwei Drittel der Bevölkerung bis Dezember mit einer kritischen Ernährungsunsicherheit oder Schlimmerem konfrontiert sein werden.


Von Nagham Zbeedat, Haaretz, 08. September 2026

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Vor etwa sechs Wochen ging der 25-jährige Adham in ein Geschäft in seiner Nachbarschaft in Gaza-Stadt, um Lebensmittel und grundlegende Haushaltsartikel zu kaufen. Als die Rechnung 150 Schekel überstieg, begann er, Artikel aus seinem Einkaufskorb zu nehmen: Tomaten, Hühnerfleisch und Deodorant.

Adham – ein Pseudonym, das auf seinen Wunsch hin aus Sicherheitsgründen verwendet wird – ist einer der Ernährer eines 12-köpfigen Haushalts. Obwohl Lebensmittel in den letzten Monaten auf den Märkten in Gaza wieder besser erhältlich sind, beschränkt sich seine Familie weiterhin auf eine Hauptmahlzeit pro Tag. „Den Rest des Tages kommen wir mit Kaffee und Tee und manchmal trockenem Brot über die Runden“, berichtet er.

Lebensmittel sind in Gaza weitgehend wieder auf den Märkten und in den Regalen der Geschäfte erhältlich, und die Preise sind gegenüber den Höchstständen während des Krieges gesunken, doch Familien im Gazastreifen berichten gegenüber „Haaretz“, dass sie sich das Essen immer noch nicht leisten können. Zerstörte Existenzgrundlagen, aufgebrauchte Ersparnisse und angehäufte Schulden haben dazu geführt, dass viele nicht in der Lage sind, das zu kaufen, was angeboten wird und zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder erhältlich ist.

Eine aktuelle Analyse der „Integrated Food Security Phase Classification“ (IPC) – einem Instrument, das von den Vereinten Nationen, Regierungen und Hilfsorganisationen genutzt wird, um den Schweregrad von Unterernährung und Hunger auf einer Skala von eins bis fünf zu messen – zeigt, dass von Mitte April bis Ende Juni über 1,2 Millionen Menschen, also insgesamt 59 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen, von einer Nahrungsmittelunsicherheit der Stufe drei oder höher betroffen waren.

Die IPC warnt davor, dass das Schlimmste noch bevorsteht. Dem Bericht zufolge werden voraussichtlich mehr als 1,4 Millionen Menschen – 67 Prozent der Bevölkerung im Gazastreifen – bis Ende 2026 von akuter Ernährungsunsicherheit auf Krisenebene oder Schlimmerem betroffen sein. Die IPC führt an, dass geringe Kaufkraft, hohe Kosten und unvorhersehbare Handelswege den Zugang zu lebensnotwendigen Gütern weiterhin einschränken.

Eine UNICEF-Erhebung Ende Juni ergab, dass Getreide, Hülsenfrüchte und frische Produkte auf den Märkten, die die Teams erreichen konnten, weit verbreitet waren, wobei einige Preise im Laufe des Monats sanken. Dennoch waren 72 Prozent der 403 von UNICEF befragten Empfänger*innen von Bargeldhilfen auf diese Hilfe als Haupteinkommensquelle oder -unterstützung angewiesen. Viele waren zudem darauf angewiesen, Schulden aufzunehmen, kostenlose Mahlzeiten aus Suppenküchen in Anspruch zu nehmen oder auf Verwandte zurückzugreifen.

Die Verteilung von warmen Mahlzeiten durch Hilfsorganisationen geht laut dem Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten jedoch zurück. Demnach wurden im Juli 698.000 Mahlzeiten von 102 Suppenküchen ausgegeben, während es Mitte März noch 1,5 Millionen Mahlzeiten aus 165 Suppenküchen waren.

Ahmed Abu Qamar, ein in Gaza ansässiger Wirtschaftsanalyst, erklärte gegenüber der arabischen Ausgabe von „The Independent“ ⁠Anfang dieses Monats, dass die Krise über die Rekordarbeitslosigkeit hinausgeht: Unternehmer*innen und Kleinanleger*innen, die einst Arbeitsplätze schufen, sind nun selbst Empfänger*innen von Lebensmittelpaketen und Nothilfe geworden.

Unter Verweis auf Rückgänge von 99 Prozent im Baugewerbe und 94 Prozent in der Industrie beschrieb Abu Qamar einen „vollständigen strukturellen Zusammenbruch“, der einen Großteil der produktiven Mittelschicht im Gazastreifen ausgelöscht habe. Ehemalige Vermögensbesitzer*innen seien zu Konsument*innen ohne Kaufkraft geworden, erklärte er gegenüber „The Independent“, wodurch sich die Wirtschaft nun darauf konzentriere, täglich genügend Nahrung zu sichern.

 

„Wir alle leihen und borgen uns Geld“

Adham lebt im Stadtteil Al-Nasr im Westen von Gaza-Stadt mit seinen Eltern, vier jüngeren Geschwistern, seiner älteren Schwester, deren Ehemann und deren drei Kindern. Vor dem Krieg studierte er Grafikdesign und arbeitete in einem Restaurant. Er schloss sein Studium während des Krieges ab und findet nun freiberufliche Aufträge im Internet, wobei er, wie er sagt, in guten Monaten etwa 500 Dollar und in weniger guten unter 50 Dollar verdient. Die unzuverlässige Strom- und Internetversorgung schränken die Aufträge ein, die er annehmen kann. Einige Kund*innen zögern, Geld direkt auf palästinensische Bankkonten zu überweisen, sodass Zahlungen über Freund*innen im Ausland abgewickelt werden müssen, was seine Einnahmen durch wiederholte Provisionen schmälert.

Vor dem Krieg belief sich das Gesamteinkommen der Familie auf etwa 6.000 Schekel (1700 Euro) pro Monat, einschließlich des Gehalts seines Vaters in Höhe von 3.000 Schekel (850 Euro) von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Wie bei den von der Palästinensischen Autonomiebehörde finanzierten Arbeitsplätzen im Westjordanland sind die Zahlungen an seinen Vater nun nur noch teilweise und unregelmäßig. In einem guten Monat verdiene der Haushalt vielleicht 2.000 Schekel (567 Euro), gefolgt von vier oder fünf Monaten mit weniger als 1.000 (283 Euro), so Adham.

Sein Schwager arbeitet in einer Bäckerei, die mit einer Suppenküche verbunden ist. Sein Lohn reicht in der Regel gerade für Milch und Windeln für seine acht Monate alte Tochter, und manchmal bringt er Brot oder verfügbare Mahlzeiten mit nach Hause. Die Familie legt mehr Wert darauf, Reis und Linsen zu besorgen als Eier und Fleisch. „Handseife ist zu einem Luxus geworden“, sagt Adham. „Eine Flasche Shampoo für alle muss reichen.“

Schulden überbrücken Lücken. „Wir alle leihen einander Geld“, sagt er, „denn heute hat man vielleicht etwas, aber morgen weiß man nicht, wen man brauchen wird.“

 

Unregelmäßige Gehälter

Kareem – ebenfalls ein Pseudonym – ist 23 Jahre alt und arbeitet als Einsatzkoordinator für die gemeinnützige Organisation Irtiqaa. Sein Gehalt beträgt etwa 3.147 Schekel (892 Euro), wenn es ausgezahlt wird, doch er sagt, er habe in den letzten drei Monaten nichts erhalten. Kareem versorgt seine Mutter, seinen Bruder und seine Schwester in der Familienwohnung im Stadtteil Tel al-Hawa in Gaza-Stadt. Als sie nach zwei Jahren zurückkehrten, fanden sie die Wohnung ausgebrannt, beschädigt und geplündert vor; sein Vater war zur medizinischen Behandlung nach Ägypten evakuiert worden.

Obwohl die Familie Eigentümerin der Wohnung ist, sagt Kareem, dass Wasser und Strom zwischen 1.400 und 1.500 Schekel (zwischen 396 undh 425 Euro) im Monat kosten. Ihr Kühlschrank läuft nicht länger als ein oder zwei Stunden am Tag, sodass sie keine leicht verderblichen Lebensmittel lagern können. „Man kauft genau das, was man braucht“, sagt er. „Wenn man dann mehr braucht, kauft man wieder etwas.“

Der Haushalt gibt etwa 800 Schekel (226 Euro) pro Woche für Lebensmittel aus. Wenn Kareems Gehalt eingeht, fließt die Hälfte oder mehr sofort in Schulden, Nebenkosten, Fahrtkosten und ausstehende Zahlungen beim Lebensmittelgeschäft in der Nachbarschaft. Vor kurzem verkaufte er seinen Laptop, um Nebenkostenrechnungen und Schulden beim Lebensmittelgeschäft zu begleichen, und anschließend sein iPad, um ausstehende Studiengebühren für seine Schwester zu decken.

Die Familie erhielt ein Hilfspaket mit Lebensmitteln und Hygieneartikel, doch die Abholung in Deir al-Balah kostete 60 Schekel (17 Euro) an Fahrtkosten. „Ich sage nicht, dass das Paket nicht hilft“, sagt Kareem. „Aber für mich war es keine wirkliche Hilfe.“ Zum Zeitpunkt des Interviews hatte Kareem noch 20 Schekel (5 Euro) übrig. Fünf davon brauchte er für die Fahrt. Mit dem Rest hoffte er, etwas Hackfleisch kaufen zu können, möglicherweise nachdem er sich weitere fünf oder zehn Schekel geliehen hat. Andernfalls, so sagt er, würde er das Essen vielleicht auf den nächsten Morgen verschieben.

„Wann sind wir an einem Punkt angelangt, an dem ich, nur um zu Mittag zu essen, prüfen muss, wie viel Geld ich habe, mir etwas leihen, die Mahlzeit verschieben oder manchmal ganz darauf verzichten muss? Vor dem Krieg war Geld kein Thema“, sagt er. „Jetzt arbeite ich, und es reicht immer noch nicht.“



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