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Inmitten der Trümmer von Gaza versuchen Familien, ihre Kinder vor Selbstmord zu bewahren

  • vor 3 Tagen
  • 8 Min. Lesezeit

„Wir sprechen hier nicht von Einzelfällen von Depressionen oder Angstzuständen; wir sprechen von einer ganzen Gesellschaft, die ein andauerndes kollektives Trauma durchlebt.“


Von Rasha Abou Jalal, Substack/The New Arab, 30. März 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Als es im Flüchtlingslager Al-Awda westlich von Gaza-Stadt Abend wird, macht sich Khalil Abu Shaqfa auf die Suche nach seinem psychisch kranken Bruder Atta. Mit einer kleinen Taschenlampe in der Hand geht er von Zelt zu Zelt und fragt Passant*innen und Kinder: „Habt ihr Atta gesehen? Ist er hier vorbeigekommen?“ Sein 46-jähriger Bruder leidet an Schizophrenie und flieht oft aus dem Zelt der Familie, sobald sie ihn nur für wenige Minuten aus den Augen lassen.

Khalil erzählt The New Arab, während er vor seinem Zelt saß, umgeben von abgenutzten Stofffetzen: „Wir haben weniger Angst, er könnte anderen Menschen etwas tun, sondern vielmehr davor, dass er sich selbst Schaden zufügt. Aber manchmal verletzt er ungewollt die Menschen um ihn herum. Er weiß nicht, was er tut; er lebt in einer anderen Welt.“

Vor Israels genozidalem Krieg wurde Atta in der psychiatrischen Klinik von Gaza behandelt, erhielt jeden Monat eine Beruhigungsspritze, und Ärzte überwachten seinen Zustand. Er führte ein relativ ruhiges Leben, half manchmal seinen Brüdern, saß mit Kindern zusammen und lachte viel. Nachdem israelische Streitkräfte das Krankenhaus zerstört hatten, wurde die Medikamentenversorgung unterbrochen, und Attas Zustand begann sich rapide zu verschlechtern.

 

Ein verheerender Schlag


Die Zerstörung der einzigen psychiatrischen Klinik im Gazastreifen versetzte dem ohnehin schon brüchigen System der psychischen Gesundheitsversorgung einen verheerenden Schlag. Dies ist die einzige Einrichtung, die sich um schwere Fälle kümmerte und stationäre sowie spezialisierte Behandlungsleistungen anbot; ihr Betrieb wurde in den ersten Wochen des Krieges eingestellt, nachdem Israel die Gebäude bombardiert und zerstört hatte.

Das vor Jahrzehnten gegründete Krankenhaus war die letzte Zuflucht für Patient*innen, die an schweren Erkrankungen wie Schizophrenie, Psychosen und schweren Depressionen litten. Es verfügte über etwa 30 Betten für Fälle, die eine kontinuierliche medizinische Überwachung erforderten, und nahm vor dem Krieg jährlich Tausende von Patient*innen auf. Mit seiner Zerstörung verlor Gaza nicht nur eine medizinische Einrichtung, sondern auch das einzige System, das in der Lage war, gefährliche Fälle zu versorgen. Gleichzeitig wurden auch die psychiatrischen Grundversorgungszentren zerstört, und es entstand ein gravierender Mangel an mehr als 70 Prozent der unverzichtbaren Psychopharmaka.

Dieser Zusammenbruch ließ die Patient*innen ohne Nachsorge oder Behandlung zurück und zwang ihre Familien, die Last der Pflege unter den Bedingungen der Vertreibung zu tragen. Nun gibt es für viele Fälle innerhalb des Gazastreifens keine Alternative für eine spezialisierte psychische Gesundheitsversorgung mehr.

„Seitdem er die Medikamente nicht mehr nimmt, hat er sich völlig verändert. Er ist nervös geworden, schreit plötzlich herum und schlägt manchmal jeden, der vorbeikommt, sogar Kinder. Nicht, weil er ihnen wehtun will, sondern weil er glaubt, dass die Leute ihn angreifen oder über ihn reden. Wir entschuldigen uns immer bei den Leuten und erklären, dass er krank ist“, sagt Khalil Abu Shaqfa über seinen kranken Bruder. Im Zelt versucht die Familie, Atta in ihrer Nähe zu halten, aber das ist nicht einfach. Er rennt plötzlich davon, legt lange Strecken zwischen den Zelten der Vertriebenen zurück und verschwindet manchmal für Stunden oder sogar einen ganzen Tag.

„Einmal war er zwei ganze Tage lang verschwunden. Wir dachten, er sei bei den Bombenangriffen ums Leben gekommen. Wir fanden ihn in einem weit entfernten Lager, wo er allein saß, lachte und Selbstgespräche führte“, erinnert sich Abu Shaqfa. Das größte Problem, mit dem die Familie zu kämpfen hat, ist der Mangel an Medikamenten und Beruhigungsmitteln, die Atta benötigt, um seine Anfälle unter Kontrolle zu halten. „Wir haben alle Apotheken abgesucht, aber es gibt keine Medikamente. Selbst einfache Beruhigungsmittel sind nicht erhältlich. Früher bekam er jeden Monat eine Spritze im Krankenhaus, und jetzt gibt es überhaupt kein Krankenhaus mehr. Was sollen wir tun? Wir sind keine Ärzte“, sagt Abu Shaqfa.

„Manchmal müssen wir ihn gewaltsam festhalten, wenn er einen Erregungsanfall hat. Einmal versuchte er, sich mit einer Eisenstange auf den Kopf zu schlagen, und ein anderes Mal rannte er einem Kind hinterher, weil er glaubte, das Kind würde ihn beleidigen. Wir leben in ständiger Angst, dass er jemanden verletzen oder sich selbst etwas antun könnte“, fügt er hinzu. Da es keine psychiatrische Klinik gibt, hat sich die Familie gleichzeitig in Pflegekräfte und Wächter*innen verwandelt und wacht Tag und Nacht über ihn. Einer seiner Brüder schläft jede Nacht neben ihm, damit er nicht wegläuft.

„Der Krieg hat nicht nur Häuser zerstört, sondern auch die Psyche der Menschen. Mein Bruder ist einer von denen, die nach der Zerstörung der Klinik verloren gingen. Er ist kein gefährlicher Verrückter, er ist einfach nur ein Patient. Aber jetzt lebt er auf der Straße und in Zelten ohne Behandlung, und das ist das Gefährlichste“, so Abu Shaqfa.

 

„Eine Frau, das das Leben liebte“


Maryam Shehda, 31, war vor dem genozidalen Krieg Israels nicht psychisch krank. Sie war, wie ihre Mutter sie beschrieb, „eine Frau, die das Leben liebte“; sie lebte mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein einfaches Leben und plante, ihr Haus zu vergrößern und eine neue Schlafzimmereinrichtung zu kaufen. Ihr Leben endete im November 2023, als sie auf den Markt ging, um einige Dinge des täglichen Bedarfs zu kaufen. Während sie weg war, tötete ein israelischer Luftangriff auf das Haus der Familie ihren Mann und ihre beiden Kinder.

„Als sie vom Markt zurückkam, fand sie kein Haus mehr vor, sondern nur Trümmer. Sie schrie ununterbrochen und suchte mit den bloßen Händen zwischen den Trümmern nach ihren Kindern. Seit diesem Tag ist Maryam nicht mehr die Maryam, die wir kannten“, erzählt ihre Mutter TNA, während sie in einem Zelt für Vertriebene sitzt und den Saum ihres Kleides festhält.

In den ersten Wochen nach dem Vorfall weinte Maryam ununterbrochen; dann verstummte sie plötzlich für lange Stunden und starrte auf einen einzigen Punkt in die Leere. Danach entwickelte sie eine schwere Depression, weigerte sich zu essen oder zu sprechen und sagte, sie wolle sterben, um zu ihrem Mann und ihren Kindern zu gelangen. „Jeden Tag sagt sie zu mir: Warum habe ich überlebt? Ich hätte mit ihnen sterben sollen. Sie fühlte sich schuldig, weil sie auf den Markt gegangen war und sie zu Hause zurückgelassen hatte“, so ihre Mutter.

Die Familie konnte Maryam nicht zu einem Psychiater bringen. Der Krieg hat den Bereich der psychischen Gesundheit fast vollständig zerstört; die psychiatrische Klinik ist außer Betrieb, und es gibt keine spezialisierten Kliniken oder verfügbaren Medikamente. „Wir haben sie zu keinem einzigen Psychiater gebracht, nicht weil wir das nicht wollen, sondern weil es keine Ärzt*innen und keine psychiatrischen Kliniken gibt. Niemand kümmert sich derzeit um diese Art von Patient*innen; das gesamte Gesundheitswesen ist zusammengebrochen“, berichtet die Mutter.

Vor einigen Tagen unternahm Maryam ihren ersten Selbstmordversuch.

„Ich war nur kurz weg, um Wasser zu holen, und als ich zurückkam, sah ich, wie sie versuchte, sich mit einem Seil zu erhängen, mit dem wir das Zelt befestigt hatten. Ich schrie auf, rannte zu ihr und rettete sie im letzten Moment. Seit diesem Tag habe ich sie nie mehr allein gelassen“, erzählt ihre Mutter unter Tränen. Die Familie lebt nun in ständiger Angst, dass Maryam erneut versuchen könnte, sich das Leben zu nehmen, weshalb ihre Mutter gezwungen ist, strenge Maßnahmen zu ergreifen, um sie zu schützen.

„Ich verstecke alle Messer im Zelt und lasse keine Seile in ihrer Nähe liegen. Manchmal, wenn ich das Gefühl habe, dass es ihr sehr schlecht geht, fessele ich ihre Hand ans Bett, damit sie sich nicht verletzt. Ich bin eine Mutter und weiß, dass das grausam ist, aber was soll ich tun? Ich möchte sie vor dem Tod bewahren“, sberichtet die Mutter. „Manchmal höre ich meine Tochter sprechen und sagen: ‚Warte auf mich, ich komme bald.‘ Wenn ich sie das sagen höre, habe ich das Gefühl, dass ich sie jeden Moment verlieren werde“, fügt sie hinzu.

 

Eine der größten psychologischen Katastrophen


Dr. Dardah Al-Shaer, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Gaza, erklärt gegenüber TNA, dass der Gazastreifen derzeit eine der größten kollektiven psychologischen Katastrophen der modernen Geschichte durchlebe. Er berichtet, dass die Auswirkungen des Krieges nicht mehr auf die Toten und Verwundeten beschränkt seien, sondern sich auf die psychologische Struktur der Gesellschaft als Ganzes, insbesondere auf Kinder, ausgedehnt hätten.

„Wir sprechen hier nicht von Einzelfällen von Depressionen oder Angstzuständen; wir sprechen von einer ganzen Gesellschaft, die ein anhaltendes kollektives Trauma durchlebt, in dem die Menschen gleichzeitig ihre Sicherheit, ihr Zuhause, ihre Familie, ihre Arbeit und ihre Zukunft verloren haben, was zu einem weit verbreiteten psychischen Zusammenbruch führt“, fügt er hinzu.

Al-Shaer erklärt, dass nach dem Krieg durchgeführte Studien schockierende Zahlen zeigten, die darauf hindeuten, dass ein sehr großer Teil der Bevölkerung unter Symptomen von Angstzuständen und Depressionen leidet und dass die Rate an posttraumatischen Belastungsstörungen beispiellos hoch ist, insbesondere bei Kindern und Vertriebenen. Eine Studie zeigt, dass etwa 67,8 Prozent der Bevölkerung unter Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. 79,3 Prozent leiden unter Angstzuständen und 84,5 Prozent unter Depressionen – extrem hohe Zahlen im Vergleich zu jeder anderen Gesellschaft weltweit.

„Kinder sind die Gruppe, die psychologisch am stärksten vom Krieg betroffen ist, da ein Kind nicht einordnen kann, was um es herum geschieht – Bombardierungen, Tötungen, Vertreibung und der Verlust der Familie –, sodass zahlreiche psychologische und Verhaltenssymptome auftreten, wie Bettnässen, plötzliches Schweigen, Stottern, Albträume, starke Angst und manchmal sogenannte psychogene Anfälle oder Realitätsentfremdung“, merkt al-Shaer an.

„Wir beobachten zudem eine Zunahme von Fällen von Sprachlosigkeit oder sogenannter Katatonie bei Kindern, die Zeug*innen von Tötungen wurden oder ihre Familien verloren haben; dabei hört das Kind auf zu sprechen und sich zu bewegen und wirkt, als wäre es von der Welt abgeschnitten. Diese Fälle erforderten früher eine spezialisierte psychologische Behandlung in der psychiatrischen Klinik, die zerstört wurde“, fügt der Arzt hinzu. Er weist zudem darauf hin, dass Israels Krieg zu gefährlichen sozialen Phänomenen im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit geführt habe, wie häusliche Gewalt, Suchtverhalten und Selbstmordversuche.

 

Erschreckendes Ausmaß


Hisham Al-Mudalal, Direktor für Planung und Entwicklung der psychischen Gesundheit im Gesundheitsministerium, erklärt gegenüber TNA, dass „detaillierte Zahlen auf ein erschreckendes Ausmaß an psychischem Bedarf im Gazastreifen hindeuten“, und führt aus, dass sich das Ausmaß der psychologischen Katastrophe seit Ausbruch des Krieges in beispielloser Weise vervielfacht habe.

„Vor dem Krieg litten etwa 485.000 Menschen in unterschiedlichem Ausmaß an psychischen Störungen, doch heute kann man sagen, dass die gesamte Gesellschaft psychologische Unterstützung benötigt. In Gaza leben etwa eine Million Kinder, was bedeutet, dass fast alle Kinder im Gazastreifen aufgrund wiederholter Traumata durch Bombardierungen, Vertreibung und den Verlust von Familienangehörigen nun dringend psychologische und soziale Unterstützung benötigen. Das ist eine riesige Zahl, die die Kapazitäten jedes Gesundheitssystems übersteigt, geschweige denn eines zusammengebrochenen“, so al-Mudalal.

Er weist außerdem darauf hin, dass die größte Herausforderung für die psychischen Gesundheitsdienste der gravierende Mangel an Medikamenten sei: „Die Mengen an Psychopharmaka, die nach Gaza gelangen, decken nicht mehr als 10 Prozent des tatsächlichen Bedarfs, was bedeutet, dass etwa 90 Prozent der unverzichtbaren Psychopharmaka nicht verfügbar sind“, berichtet er. „Dieser Mangel bedeutet nicht nur, dass Patient*innen keine Behandlung erhalten, sondern auch, dass wir es mit einer Gesellschaft zu tun haben, die in einem schleichenden psychischen Zusammenbruch und einem Auseinanderbrechen des kollektiven psychischen Gefüges lebt, in der die Menschen in einem ständigen Zustand nervöser Anspannung und endloser Angst leben.“

Al-Mudalal fügte hinzu, dass sich dieser Krieg von früheren Kriegen unterscheide, da das Trauma kein Ereignis sei, das ein Ende habe, sondern ein Trauma, das täglich andauere: „In Kriegen endet das Trauma normalerweise, und dann beginnt die Erholungsphase, aber in Gaza dauert das Trauma jeden Tag an; es gibt keinen sicheren Ort und kein wirkliches Ende der Bombardierungen, und dies nimmt dem Gehirn die Möglichkeit, den Erholungsprozess zu beginnen. Daher beobachten wir in großem Umfang schwere psychische Symptome, insbesondere bei Kindern.“

 

Rasha Abu Jalal ist Journalistin aus Gaza und arbeitet für verschiedene Medien. Sie berichtet über politische, humanitäre und soziale Themen.



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