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Israel erklärt Flugdrachen von palästinensischen Kindern zu Kriegswaffen

  • vor 3 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

„Ich möchte euch von einer der schönsten Geschichten erzählen, über die ich berichtet habe, als ich in Gaza lebte. Es war der Tag, an dem Tausende palästinensischer Kinder in Gaza versuchten, den Weltrekord für das gleichzeitige Steigenlassen der meisten Drachen zu brechen. In diesem kurzen Moment waren sie die Besten der Welt, und keine Blockade, kein Krieg, keine Besatzung und kein Leid konnten sie davon abhalten, die Allerbesten zu sein.

Ich frage mich, wie viele dieser Kinder heute als Erwachsene noch am Leben sind. Vielleicht sind sie inzwischen selbst Eltern geworden und prahlen – wie alle Eltern – mit der Zeit, als sie den Weltrekord gebrochen haben, und übertreiben dabei vielleicht sogar ein wenig. Vielleicht haben sie ihre Kinder an genau denselben Strand in Gaza mitgenommen, um ihnen beizubringen, wie man einen Drachen steigen lässt.

Es gibt gezielte Bemühungen, Palästinenser*innen zu entmenschlichen und ihre Menschlichkeit bei jeder Gelegenheit auszulöschen. Sie sollen abstrakt erscheinen oder auf politische Schlagzeilen und Statistiken reduziert werden. Das geschieht, indem der Welt die Möglichkeit verwehrt wird, sie als Menschen mit all ihrer Vielschichtigkeit, ihren Hoffnungen, Träumen und Fehlern zu sehen.

Dann wird es leichter, das Töten von Kindern zu rechtfertigen, nur weil sie Drachen steigen lassen, während die Welt wegschaut.“

Ayman Mohyeldin, amerikanischer Nachrichtensprecher bei NBC News, 26. August 2026


 

 

„Premierminister Netanjahu und ich haben die israelische Armee angewiesen, gegenüber dem Start von Drachen und Ballons aus dem Gazastreifen in Richtung der Siedlungen im Negev eine Politik der Nulltoleranz und der vollständigen Eindämmung zu verfolgen. Sollten Drachen und Ballons weiterhin gestartet werden, werden entschiedene Maßnahmen ergriffen, um diesem Phänomen ein Ende zu setzen. Ein Ballon und ein Drachen sind genauso zu behandeln wie eine Drohne – unabhängig davon, ob sie Sprengstoff enthalten oder nicht.“

Israel Katz, israelischer Verteidigungsminister, 24. August 2026

 

 


„Israel hat erklärt, dass Papierdrachen, die von palästinensischen Kindern steigen gelassen werden, als Kriegswaffen behandelt werden.

Lesen Sie das noch einmal.

Das ist die Realität des Völkermords – die vollständige Zerstörung von Unschuld, Freiheit und Freude. Jede militärische Zusammenarbeit mit Israel muss beendet werde - sofort.“

Jeremy Corbyn, britischer Gewerkschaftsfunktionär und Politiker, 24. August 2026

 

 


„Kinder in Gaza wurden bombardiert, beschossen, ausgehungert und in provisorische Unterkünfte vertrieben. Sie müssen mit lebensverändernden Verletzungen, Infektionen und Hautkrankheiten zurechtkommen. Sie können nicht zur Schule gehen. Sie können nicht schlafen. Sie sind traumatisiert. Spielzeug, darunter auch Flugdrachen, beflügelt die Fantasie eines Kindes. Künstlerische Aktivitäten bringen wieder etwas Farbe in die graue Umgebung. Das Spielen schenkt Lachen und Hoffnung.

Jetzt kann sogar das Drachensteigen eine Gefahr für sie darstellen. Kinder müssen geschützt werden und die Möglichkeit haben, zu leben, zu spielen, zu genesen und aufzuwachsen.“

Statement von Ärzte ohne Grenzen (MSF), 28. August 2026

 

 


„Israel hat das Recht, sich lächerlich zu machen. Es hat das Recht zu töten, auszuhungern, zu belagern, zu zerstören und zu vernichten, aber vor allem hat es das Recht, dabei lächerlich zu klingen. Israel kann behaupten, dass von kleinen Kindern steigen gelassene Drachen ein kriegerischer Akt seien, und diese Behauptung wird dennoch mit rationaler Fassung diskutiert werden. Ein Völkermordstaat hat offensichtlich das Recht auf Absurdität, und wir haben das Recht, schockiert zu sein. (...) Israel kennt keine Scham, aber damit Israel keine Scham kennt, braucht es eine gesamte Menschheit, die die Kinder von Gaza aufgegeben hat.“

Hanan Habashi, palästinensische Lehrerin und Autorin aus Gaza, 26. August 2026

 

 

 

 

 

 

 

In Gaza, wo die Kindheit bereits so vieler ihrer alltäglichen Aspekte beraubt wurde, ist nun sogar ein Flugdrache in den Wortschatz der Kriegsführung eingegangen. Im August 2026 segelten mehrere Drachen von Gaza aus in Richtung israelischer Ortschaften nahe der Grenze. Das israelische Militär selbst berichtete, dass die sichergestellten Drachen kein verdächtiges Material enthielten und keine Gefahr darstellten – sie waren schlicht Kindern aus Gaza davongeflogen.


Dennoch reagierten israelische Politiker darauf, indem sie ihr Auftauchen als potenziellen Kriegshandlung behandelten. Verteidigungsminister Israel Katz kündigte an, dass ein Ballon wie ein Drachen und ein Drachen wie eine Drohne behandelt werde, „mit oder ohne Sprengstoff“. Premierminister Benjamin Netanjahu und Katz drohten zudem, dass die Verantwortlichen ins Visier genommen werden und dass die Bevölkerung aus Gebieten, die als Startplätze identifiziert wurden, vertrieben werden könnte.


Am 25. August forderten daher palästinensische Communitysprecher*innen in Gaza Eltern auf, ihre Kinder daran zu hindern, Drachen steigen zu lassen – nicht, weil die Drachen selbst gefährlich geworden sind, sondern weil die Kinder, die die Schnüre halten, zur Zielscheibe werden könnten. Innerhalb weniger Tage wurde so eine der einfachsten und kostengünstigsten Möglichkeiten zum Spielen für Kinder im Gazastreifen vernichtet.


Drachensteigen gehört insbesondere in Gaza, aber auch im Westjordanland und Ostjerusalem zu den beliebtesten Spielen für palästinensische Kinder. Viele bauen ihre Modelle aus einfachen Materialien selbst und führen Wettbewerbe durch, welche der selbstgebauten Drachen am höchsten in die Luft steigen. In Jerusalem nennt man die zahlreichen durch die Luft segelnden Flugdrachen spaßhalber auch „Palestinian Airforce“.


Am 28. Juli 2011 veranstaltete die UNRWA am Al-Waha-Strand im nördlichen Gazastreifen im Rahmen seiner Sommerspiele einen Weltrekordversuch im Drachensteigen. Zwischen 12 000 und 13 000 Flugdrachen wurden von tausenden Kindern gleichzeitig in die Luft gebracht, womit ihnen der – bis heute ungebrochene – Weltrekord gelang. Die Drachen trugen oft die Farben der palästinensischen Flagge sowie Botschaften für Frieden und das Ende der Blockade. Interviewte Kinder waren begeistert: „Wir freuen uns sehr, dass wir den Rekord gebrochen haben“, so die 14-jährige Nayeema al-Maden gegenüber ABC News. „Wenn die nächsten Sommerspiele stattfinden, werde ich dabei sein, und wir werden einen weiteren Rekord brechen.“ „Wir haben unserem Land Freude bereitet, indem wir den Weltrekord gebrochen haben“, so die 13-jährige Nadia el Haddad. „Weil wir heute den Weltrekord gebrochen haben, habe ich das Gefühl, dass ich Rechte habe und dass ich wie alle anderen auf der Welt bin.“ Und der elfjährige Abdullah Musleh sagte: „Ich bin glücklich, wenn ich die Drachen steigen lasse. Wir sind die Besten!“


Heute muss ein Kind, das inmitten von Zelten und Trümmern lebt, nun abwägen, ob das Steigenlassen eines Stücks Plastiksackerl seine Familie oder Nachbarschaft gefährden könnte.


Dr. Oroub El-Abed, Wissenschaftlerin und Forscherin mit Schwerpunkt auf Flucht und Vertreibung im Nahen Osten sieht darin in ihrem Beitrag „When a kite becomes a threat: What Gaza’s children reveal about the politics of fear“ mehr als nur eine Geschichte über Drachen:

„Es geht um die fortschreitende Militarisierung des palästinensischen Alltags. Der palästinensische junge Mann, der an einem Kontrollpunkt steht, wird als Bedrohung behandelt. Das palästinensische Kind, das bei einer Militärrazzia festgenommen wird, wird als Bedrohung behandelt. Der Bauer, der sein Land in der Nähe einer Siedlung bewirtschaftet, wird als Bedrohung behandelt. Ein Olivenhain, der von Siedlungsaußenposten umgeben ist, wird zu einem umkämpften Raum; eine Familie wird so lange eingeschüchtert, bis ein Verbleiben unerträglich wird; eine Straße wird für Palästinenser*innen gesperrt; ein Haus wird abgerissen; ein Dorf wird nach und nach entvölkert; und einer ganzen Bevölkerung wird wiederholt befohlen, umzusiedeln. Selbst eine Frau, die an einem Kontrollpunkt Wehen hat und ein Neugeborenes zur Welt bringt, ist derselben Architektur des Misstrauens und der Kontrolle ausgesetzt. Ein Stadtviertel kann nach einem Akt des Widerstands über Nacht in eine Militärzone verwandelt werden. Und nun wird sogar der Himmel über einem Vertriebenenlager, in den nur der Drachen eines Kindes vordringt, in diese sich ausweitende Geografie der Sicherheitsmaßnahmen hineingezogen.“


Wenn schon das Steigenlassen eines Kinderdrachens zu gefährlich wird, wird einem palästinensischen Kind mehr als nur ein Spielzeug genommen. Vielmehr wird ihm einmal mehr der ohnehin kaum noch vorhandene Raum, in dem es einfach nur Kind sein darf, geraubt.


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Informationen entnommen aus:

Gaza kids grab kite-flying Guinness World Record back from China

UNRWA, 29. July 2011


When a kite becomes a threat: What Gaza’s children reveal about the politics of fear

Von Dr Oroub El-Abed, Middle East Monitor, 25. August 2026


Gaza's children forced to put away their kites after Israeli threats

After several kites from the enclave were discovered on the Israeli side, authorities, seeing a potential threat, announced that anyone flying a kite would be targeted. Many Palestinian families chose to confiscate these toys – one of the few pastimes left – from their children.

Von Marie Jo Sader, Le Monde, 25. August 2026




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