Israel erweitert und modernisiert Stützpunkte palästinensischer Milizen im Gazastreifen
Mindestens fünf von Israel unterstützte palästinensische Milizen operieren von Stützpunkten aus, die sich in der Nähe israelischer Militärstützpunkte im gesamten Gazastreifen in Gebieten östlich der gelben Linie befinden.
Von Forensic Architecture und Sharif Abdel Kouddous, Dropsite News, 21. September 2026
(
in englischer Sprache)
Mindestens fünf von Israel unterstützte palästinensische Milizen operieren laut online veröffentlichten Satellitenbildern und Videos von Stützpunkten aus, die sich in Gebieten unter israelischer Militärkontrolle im gesamten Gazastreifen befinden. Seit Inkrafttreten des sogenannten Waffenstillstands vor fast einem Jahr wurden diese Stützpunkte laut einer vorläufigen Analyse von „Forensic Architecture“ ausgebaut und in Bezug auf Größe und Ausstattungsniveau verbessert. Viele dieser Ausbauten ähneln der israelischen Militärinfrastruktur mit Erdwällen, Kasernen, Zäunen und Gebäuden. Mindestens ein Stützpunkt in Ost-Rafah umfasst neue Geschäfte, Klassenzimmer und einen Spielplatz.
Zwar gab es einige Splittergruppen und Überläufer, doch die fünf wichtigsten von Israel unterstützten palästinensischen Milizen sind bekannt als:
Nordstreitkräfte/Volksarmee in Beit Lahia, angeführt von Ashraf Al-Mansi
Volksverteidigungskräfte in Shujaieya, östlich von Gaza-Stadt, angeführt von Rami Halas
„Kräfte der freien Heimat“ im zentralen/östlichen Gazastreifen nahe Deir al-Balah, angeführt von Shawqi Abu Nasira
„Anti-Terror-Einsatztruppe“ im Südosten von Khan Yunis, angeführt von Hussam al-Astal
„Volkskräfte/Anti-Terror-Dienst“ in Ost-Rafah, angeführt von Ghassan Al-Duhaini
Viele der Milizführer, die während des Völkermords im Gazastreifen in Zusammenarbeit mit Israel an die Macht gelangten, sind ehemalige Bandenchefs mit krimineller Vergangenheit, standen in Verbindung mit dschihadistischen Gruppen oder sind ehemalige Angehörige der Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde, die alle ins Abseits gedrängt wurden, nachdem die Hamas 2007 die Kontrolle über das Gebiet übernommen hatte.
„Diese Milizen werden nicht nur von Israel unterstützt. Diese Milizen wurden von Israel geschaffen“, erklärte Muhammad Shehada, ein Autor und Analyst aus Gaza und Gastwissenschaftler beim European Council on Foreign Relations, gegenüber Drop Site News. „Die israelische Armee und der Shin Bet [Israels Inlandsgeheimdienst] waren es, die diese Banden rekrutierten, finanzierten, ausbildeten, ihnen Unterschlupf, Unterkunft, Verpflegung und so weiter zur Verfügung stellten, sie zusammenbrachten und jeder von ihnen ein ganz bestimmtes Revier zuwiesen, in dem sie operieren.“
Vier der fünf Stützpunkte, an denen die Milizen stationiert sind, liegen ganz in der Nähe der „gelben Linie“ – der Demarkationslinie der israelischen Kontrollzone – und alle befinden sich in der Nähe israelischer Militärstützpunkte. Israel hat fast 40 Militärstützpunkte in Gebieten im Gazastreifen östlich der gelben Linie errichtet. Ein Milizstützpunkt im Osten von Khan Yunis, direkt an der gelben Linie, liegt weniger als einen Kilometer von zwei israelischen Militärstützpunkten entfernt.
Anfangs bestand Israels vorrangiges Ziel in Bezug auf die Banden darin, die nach Gaza gelangenden Hilfsgüter ab etwa Mai 2024 systematisch zu plündern, während israelische Truppen tatenlos zusahen und nicht eingriffen. „Das war der erste Zweck, den Israel für sie hatte: Hilfsgüter systematisch zu plündern und Israel gleichzeitig eine plausible Ausrede zu verschaffen“, so Shehada. „Schließlich haben sie ihnen Polizeiuniformen mit palästinensischen Emblemen angezogen, um vorzutäuschen, sie seien eine Art legitime Autorität, hinter der eine propagandistische Psyop-Operation [Psychologische Kriegsführung, Anm.] stecke.“ Er fügte hinzu: „Plötzlich wurden sie zu einer organisierten Miliz statt nur zu Banditen.“
Den Milizmitgliedern wird vom israelischen Militär relative Bewegungsfreiheit gewährt sowie privilegierter Zugang zu Ressourcen wie Waffen und medizinischer Versorgung innerhalb Israels. Die Milizen haben zudem in Abstimmung mit dem israelischen Militär, das sie mit Artillerie- und Luftunterstützung gedeckt hat, bewaffnete Überfälle und Angriffe auf Palästinenser*innen durchgeführt, die in der Nähe der Gelben Linie leben.
Mindestens ein Gelände in Ost-Rafah umfasst neue Geschäfte, Klassenzimmer und einen Spielplatz. Ein am 2. April 2026 veröffentlichtes Video zeigt das Innere eines mit einer Klimaanlage ausgestatteten Klassenzimmers auf dem Gelände der Miliz des „Counter-Terrorism Service“. In dem Video ist Ghassan Al-Duhaini zu sehen – der nach der Ermordung des ehemaligen Anführers Yasser Abu Shabbab das Kommando über die Miliz der „Popular Forces“, auch bekannt als „Counter-Terrorism Service“, übernommen hat –, wie er durch ein Klassenzimmer geht, während Schulkinder Unterricht erhalten. Diese Siedlungen stehen nicht allen Palästinenser*innen offen, sondern sind einer ausgewählten Minderheit vorbehalten, darunter den Familien von Angehörigen der Milizen.
Seit Inkrafttreten des sogenannten Waffenstillstands vor fast einem Jahr hat Israel Militärstützpunkte im östlichen Teil des von ihm kontrollierten Gebiets befestigt und eine physische Barriere errichtet, die die Palästinenser*innen vom Großteil des Gazastreifens abschottet. Parallel dazu wurden auch die Anlagen der von Israel unterstützten palästinensischen Milizen ausgebaut und befestigt, unter anderem unter Verwendung israelischer Baumaterialien wie T-Wände (eine T-förmige bauliche Barriere oder Wandplatte).
Der anhaltende Bau und die Befestigung der israelischen Militärstützpunkte und der Stützpunkte palästinensischer Milizen erfolgen trotz eines völligen Mangels an Wiederaufbau im westlichen Teil des Gazastreifens, wo fast alle Palästinenser*innen im Gazastreifen zusammengepfercht wurden. Israel hat im vergangenen Jahr unter Verstoß gegen das Waffenstillstandsabkommen keine Baumaterialien und -ausrüstung in den Gazastreifen gelassen. Hunderttausende Palästinenser*innen leben in baufälligen Zeltlagern oder suchen Zuflucht in Gebäuden, die durch den israelischen Angriff schwer beschädigt wurden und einsturzgefährdet sind. Erst letzte Woche, beim jüngsten Vorfall, wurden mindestens 21 Palästinenser*innen, darunter 12 Kinder, getötet und 45 weitere verletzt, als ein Wohnhaus in Gaza-Stadt einstürzte. Schätzungen zufolge hatten sich mehr als 100 Menschen, darunter 50 Kinder, in dem Gebäude aufgehalten.
„Was man über diese Banden wissen muss, ist, dass ihre Strukturen völlig unhaltbar sind“, sagt Shehada. „Sie wurden künstlich von der israelischen Regierung, der Armee und dem Shin Bet geschaffen – und das Einzige, was sie zusammenhält, sind im Grunde die Bestechungsgelder, die sie von der israelischen Armee erhalten, der Schutz, den sie von der israelischen Armee genießen, sowie das Gebiet, in dem sie leben dürfen, mit besseren Privilegien als der Rest der Bevölkerung im westlichen Gazastreifen. Wenn diese Dinge wegfallen, werden die Banden auseinanderfallen.“
Die Analyse von Forensic Architecture [siehe Bilder und Videos zur Veranschaulichung im Beitrag selbst, Anm.]
In Gaza sind mindestens fünf palästinensische Milizen in dem Gebiet unter israelischer Militärkontrolle aktiv. Dabei handelt es sich um palästinensische bewaffnete Gruppen, die von Israel unterstützt werden, welches ihnen Ressourcen und Bewegungsfreiheit gewährt. Ihre Stützpunkte befinden sich im von Israel kontrollierten Gebiet, zwischen Militärstützpunkten. Milizen genießen Bewegungsfreiheit
Ein weiteres Milizgelände befindet sich in der Nähe einer israelischen Militärbasis im Osten von Rafah. Diese als „Counter-Terrorism Service“ bekannte Gruppe existierte bereits vor dem Waffenstillstand, doch seit dessen Inkrafttreten hat ihre Präsenz zugenommen. Während Israel weiterhin Gebäude in der Umgebung abreißt, wurde das Gelände um neue Bauten erweitert. Videos zeigen, dass es dort neue Geschäfte, Unterrichtsräume und einen Spielplatz gibt – Einrichtungen, die nur Milizmitgliedern und ihren Familien zugänglich sind. Viele dieser Modernisierungsmaßnahmen weisen architektonische Elemente auf, die auch in der israelischen militärischen Infrastruktur zu finden sind: Erdwälle, Kasernen, Zäune und Gebäude.




Kommentare