Israel hat die UNRWA in Gaza zerstört – und der Rest der Welt hat nichts unternommen
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Ich trete von meiner Funktion in der Organisation in einer für das Völkerrecht schwierigen Zeit zurück. Dies hat nicht nur Folgen für die Palästinenser*innen, sondern für den gesamten Nahen Osten.
Von Philippe Lazzarini, The Guardian, 21. März 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
In diesem Monat werde ich meine Amtszeit als Generalkommissar der UNRWA beenden – jener Organisation der Vereinten Nationen, die seit mehr als 75 Jahren unverzichtbare, gemeinnützige Dienste für palästinensische Flüchtlinge im gesamten Nahen Osten erbringt. Während die Welt darum ringt, sich aus dem Sumpf des Gazastreifens zu befreien, und der Krieg der USA und Israels gegen den Iran die gesamte Region zu verschlingen droht, bin ich zutiefst besorgt um die Zukunft der palästinensischen Flüchtlinge und des multilateralen Systems insgesamt.
Nach mehr als zwei Jahren unerbittlicher physischer, politischer und rechtlicher Angriffe, die in Palästina am heftigsten waren, hat die UNRWA ihre Belastungsgrenze erreicht. Die Folgen für die Rechte der Palästinenser*innen und die Stabilität der Region sind immens.
Im Dezember 2023, inmitten der eskalierenden Brutalität des Krieges in Gaza, schrieb ich an den Präsidenten der UN-Generalversammlung, dass ich in meinen 35 Jahren der Arbeit in komplexen Notsituationen noch nie Anlass gehabt hatte, den Tod von 130 Mitarbeiter*innen zu melden oder den Tod von vielen weiteren vorherzusagen. Ich hätte mir damals nicht vorstellen können, dass sich die Zahl der getöteten Kolleg*innen verdreifachen würde – die Zahl der Todesopfer liegt mittlerweile bei über 390 – oder dass so viele andere lebensverändernde Verletzungen erleiden oder willkürlich inhaftiert und gefoltert werden würden.
Hunderte von UNRWA-Einrichtungen im Gazastreifen wurden beschädigt oder zerstört. Das israelische Parlament hat Gesetze verabschiedet, um die Präsenz der Organisation im besetzten Ostjerusalem zu beenden, unter anderem durch die gewaltsame Schließung von Schulen und Gesundheitszentren sowie durch die Unterbrechung der Wasser- und Stromversorgung unserer Einrichtungen. Das UNRWA-Hauptquartier in Ostjerusalem wurde besetzt, geplündert und in Brand gesetzt, wobei hochrangige israelische Politiker die Zerstörung vor Ort und im Internet feierten. Der stellvertretende Bürgermeister von Jerusalem drohte sogar damit, „alle Mitglieder der UNRWA zu vernichten und zu töten“.
Es ist unfassbar, dass es zugelassen wurde, eine UN-Einrichtung wie die UNRWA unter Verletzung des Völkerrechts völlig straffrei zu zerstören, wobei das Personal und die palästinensischen Gemeinschaften einen inakzeptablen Preis zahlen.
Eine gut orchestrierte Desinformationskampagne der israelischen Regierung unterstellt der gesamten Organisation Verstöße gegen die Neutralität und behauptet, die UNRWA sei in Palästina nicht mehr operativ, wo sie nach wie vor ein wichtiger Anbieter von medizinischer Grundversorgung, Bildung, sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen und Hygiene ist. Diese böswilligen Behauptungen, die wiederholt widerlegt wurden, zielen darauf ab, die internationale Unterstützung für die Organisation zu untergraben und die Rechte der Palästinenser*innen in Fragen des endgültigen Status im israelisch-palästinensischen Konflikt zu schwächen.
Die UNRWA hat kein politisches Mandat. Ihre Registrierung von Flüchtlingen und ihre Archive, die deren historische Vertreibung dokumentieren, sind jedoch von entscheidender Bedeutung für den Schutz der Rechte der Palästinenser*innen bei der Festlegung des endgültigen Status. Aus diesem Grund wurde die Zerschlagung der Organisation zu einem ausdrücklichen Ziel des Krieges im Gazastreifen, und die Bemühungen in dieser Richtung dauern an.
Diese Woche habe ich erneut an die Präsidentin der UN-Generalversammlung geschrieben und die Mitgliedstaaten aufgefordert, die Mitarbeiter*innen und das Fachwissen der UNRWA als wichtige Ressourcen für die erfolgreiche Umsetzung der Resolution 2803 des Sicherheitsrats zu nutzen. Damit würde eine Wiederholung des katastrophalen Fehlers vermieden, der 2003 mit der Abschaffung der gesamten Zivilverwaltung im Irak begangen wurde und der Aussichten auf Wiederaufbau und dauerhaften Frieden zunichte machte.
Über Gaza hinaus ist die UNRWA eine unverzichtbare Ressource für den Schutz der Rechte palästinensischer Flüchtlinge in der gesamten Region und für die Lösung der seit langem bestehenden Palästina-Frage. Ohne sofortige und substanzielle politische und finanzielle Unterstützung wird die Organisation jedoch bald das Ende ihrer Existenzfähigkeit erreichen. Ein ungeordneter Zusammenbruch der UNRWA würde die Unsicherheit schüren, die volle Verantwortung für die Versorgung der palästinensischen Flüchtlinge in Palästina auf Israel als Besatzungsmacht abwälzen und den Aufnahmeländern Libanon, Syrien und Jordanien eine enorme Last auferlegen. Das Leid der palästinensischen Flüchtlinge, die seit Generationen Vertreibung und Elend erdulden, würde sich noch verschlimmern.
Es ist empörend, dass die UNRWA trotz ihrer entscheidenden Rolle von der internationalen Gemeinschaft nicht angemessen geschützt wurde. Stattdessen wurde zugelassen, dass sie zu einem Stellvertreter-Schlachtfeld im israelisch-palästinensischen Konflikt wurde, wobei sie als schuldig galt, bis ihre Unschuld bewiesen war. Zwar tragen diejenigen, die die schändlichen Handlungen gegen die UNRWA angeordnet und ausgeführt haben, die größte Schuld, doch sollte jeder, der vorgibt, das Völkerrecht zu unterstützen, sich seiner Verantwortung bewusst werden.
Die Vereinten Nationen wurden gegründet, um „künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren“. Wenn wir heute das menschliche Leid in Palästina, Israel und darüber hinaus betrachten, erfordert die Verwirklichung der Ziele der UN-Charta moralische Klarheit und eine prinzipientreue Führung.
Das klägliche Versagen, eine wirksame multilaterale und völkerrechtsbasierte Reaktion in Gaza zu mobilisieren, ermöglichte einen Krieg außerhalb der Grenzen des Völkerrechts – einen Krieg, der sich nun über den Nahen Osten hinaus ausbreitet. Dieses Versagen hat die Missachtung der regelbasierten internationalen Ordnung zur Normalität werden lassen.
Die UNRWA könnte bald aufhören zu existieren, mit verheerenden Folgen nicht nur für Millionen von Flüchtlingen, sondern auch für den Frieden und die Stabilität in der Region sowie für das auf Rechten basierende internationale Rahmenwerk, an dessen Aufbau wir so hart gearbeitet haben. Wir müssen handeln – nicht später, sondern jetzt –, um eine breite Koalition zu mobilisieren, die entschlossen ist, das Völkerrecht aufrechtzuerhalten und den Multilateralismus zu verteidigen.
Philippe Lazzarini ist Generalkommissar des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).




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