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Israel ist ungestraft damit durchgekommen, Einrichtungen des Gesundheitswesens in Gaza anzugreifen. Es ist keine Überraschung, dass sie dies auch im Libanon tun

  • vor 6 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Als Ärztin, die in Konfliktregionen gearbeitet hat, habe ich erlebt, wie Orte, die einst als unantastbar galten, im Krieg zur legitimen Zielscheibe wurden. Das muss ein Ende haben.


Von Seema Jilani, The Guardian, 8. April 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Das Osterwochenende war einer der bisher intensivsten Momente in Israels Krieg gegen den Libanon. Am Sonntag gegen 14 Uhr bombardierten die israelischen Streitkräfte ein dicht besiedeltes Wohngebiet in der Nähe des Universitätskrankenhauses Rafik Hariri, dem größten öffentlichen Krankenhaus des Libanon, wobei mindestens fünf Menschen getötet und 50 weitere verletzt wurden.

Als ich 2020 in diesem Krankenhaus arbeitete, behandelte ich die schutzbedürftigsten Menschen der libanesischen Gesellschaft: Wanderarbeiter*innen, staatenlose Palästinenser*innen, syrische Flüchtlinge. Was am Sonntag geschah, deckt sich mit dem, was Israels umfassendere Strategie im Libanon zu sein scheint: Menschenrechtsorganisationen und medizinisches Personal berichten, dass die israelische Armee die Gesundheitsinfrastruktur lahmlegt und Krankenhäuser sowie medizinisches Personal ins Visier nimmt, manchmal sogar, wenn diese in Krankenwagen oder in Erste-Hilfe-Stationen sitzen. Israel erzwingt zudem die Vertreibung von Zivilist*innen in großem Umfang und macht Teile des Landes unbewohnbar, während Benjamin Netanjahus Behauptung, dass der zweiwöchige Waffenstillstand mit dem Iran nicht für den Libanon gelte, uns zeigt, dass das alles noch lange nicht vorbei ist.

Israel wendet seine Taktik aus dem Gazastreifen nun auch im Libanon an. Das Konzept hat sich als wirksam erwiesen. Es normalisiert die Zerstörung von Krankenhäusern und medizinischer Ausrüstung und schreckt gleichzeitig Menschen ab, die medizinische Versorgung suchen. Laut Save the Children kommt es im Nahen Osten und der gesamten Region alle sechs Stunden zu einem Angriff auf Gesundheitseinrichtungen, was darauf hindeutet, dass Krankenhäuser selbst de facto zu eigenen Kriegsgebieten geworden sind.

Als ich 2023 und 2024 mit palästinensischen Gesundheitsfachkräften in Gaza zusammenarbeitete, wurde ich Zeugin außergewöhnlichen beruflichen Heldentums. Sie verbrachten endlose Stunden im Bereitschaftsdienst, erklärten ihre eigenen Kolleg*innen in der Notaufnahme für tot und verließen dann ihre Arbeit, um während der Zwangsvertreibungen nach Nahrung und Unterkunft zu suchen. Die israelische Koordinierungsstelle für Regierungsaktivitäten in den Gebieten [COGAT, Anm.] versprach, dass das Al-Aqsa-Krankenhaus, in dem wir arbeiteten, und unser Gästehaus unberührt bleiben würden, also „konfliktfrei“ wären. Doch langsam rückte der Krieg näher. Im Januar 2024 traf eine Kugel die Wände der Intensivstation. Kurz nachdem ich gegangen war, wurde unser Gästehaus bombardiert, und die meisten Patient*innen und medizinischen Mitarbeiter*innen waren gezwungen, das Krankenhaus aufgrund von Evakuierungsbefehlen in der Umgebung zu verlassen. Ich weiß bis heute nicht, was aus meinen kleinen Patient*innen geworden ist.

Nichts davon ist vergleichbar mit den Gräueltaten, die palästinensisches medizinisches Personal erdulden musste. CNN berichtete, wie im November 2023 medizinisches Personal auf Anweisung des israelischen Militärs so überstürzt aus dem Al-Nasr-Krankenhaus vertrieben wurde, dass später Babys verwest in ihren Betten aufgefunden wurden. Seit Dezember 2024 befindet sich der Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses, Dr. Hussam Abu Safiya, in Haft; seine Anwältin erklärte, er sei gefoltert, geschlagen und einer medizinischen Versorgung vorenthalten worden. Im März 2025 wurden laut UNO die Leichen von 15 Sanitätern und Rettungskräften in einem Massengrab gefunden, die von israelischen Streitkräften erschossen worden waren.

Israel entging in Gaza den Konsequenzen dafür und agiert nun ungestraft im Libanon. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wurden im Libanon seit dem 2. März mehr als 90 „Angriffe auf das Gesundheitswesen“ gemeldet, die zu 137 Verletzten und 53 Toten führten. Vielleicht ebenso verheerend ist, dass Patient*innen glauben, dass das Gesundheitssystem nicht mehr sicher ist. Früher galten Krankenhäuser als unantastbar. Die neue Situation verändert die Abwägung einer Familie: Lohnt es sich, das Risiko einzugehen, unser Baby wegen seines Asthmaanfalls ins Krankenhaus zu bringen, wenn man weiß, dass Israel Krankenhäuser angreift?

Das israelische Militär behauptet, die Hisbollah nutze medizinische Einrichtungen im Libanon systematisch für „terroristische Aktivitäten“. Es hat keine Beweise für diese Behauptungen vorgelegt. Als ich aus dem Gazastreifen zurückkehrte, wurde mir von meiner NGO erklärt, wie ich auf diese haltlose Anschuldigung reagieren solle: indem ich einfach schildere, was ich gesehen habe, nämlich dass es keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass Krankenhäuser als Stützpunkte für Kämpfer genutzt wurden. Die umfassendere, wahrhaftigere Antwort lautet jedoch: Es spielt nicht die geringste Rolle, ob Krankenhäuser auch für militärische Zwecke genutzt werden. Ein Angriff auf ein Krankenhaus ist ein Verbrechen, Punkt. Ärzt*innen müssen Patient*innen ohne Furcht oder Bevorzugung behandeln. Wenn ein Kind einen Herzstillstand erleidet, werde ich die Herzdruckmassage nicht unterbrechen, um die politische Zugehörigkeit seiner Eltern zu erfragen.

Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren in palästinensischen Flüchtlingslagern. Im Jahr 2010 behandelte ich Patient*innen in Shatila – dem Ort des berüchtigten Massakers von Sabra und Shatila im Jahr 1982. Dort begegnete ich Fatima, einer Mutter von drei Kindern, die sich daran erinnerte, wie sie nach den Massakern über unzählige Leichen hinwegging und ihren Mann unter den Getöteten fand. Ich weiß nicht, wo sie heute ist, aber ich weiß, dass sie als staatenlose Palästinenserin keinen Anspruch auf medizinische Versorgung in den privaten Krankenhäusern im Libanon hätte. Wenn sie in einem Krankenwagen läge, könnte sie Gefahr laufen, ins Visier genommen zu werden. Ihr Tod wäre nur eine weitere Statistik in hochrangigen Briefings, die niemals Konsequenzen für diejenigen nach sich ziehen, die Kriegsverbrechen begehen.

Der Präzedenzfall, der in Gaza und nun auch im Libanon geschaffen wurde, ist für jeden künftigen Konflikt gefährlich. Wenn sogar Krankenwagen zur Zielscheibe werden, werden die Einsatzregeln für immer verändert.

 

Seema Jilani ist Kinderärztin in Texas und Mitglied des Council on Foreign Relations.



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