Israel verlegt den Direktor eines Krankenhauses in Gaza in Einzelhaft, nachdem sein Anwalt gegen die Inhaftierung Einspruch eingelegt hatte
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Dr. Hussam Abu Safiya ist einer von 14 Ärzten aus Gaza, die seit Dezember 2024 in Israel festgehalten werden, und einer der derzeit weltweit bekanntesten palästinensischen Häftlinge. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, UN-Gremien und Ärzt*innen auf der ganzen Welt haben die sofortige Freilassung von Abu Safiya gefordert.
Von Nir Hasson, Haaretz, 8. Juni 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Der israelische Strafvollzugsdienst hat den Direktor eines großen Krankenhauses im Gazastreifen, der seit 2024 in Israel inhaftiert ist, in Einzelhaft verlegt, nachdem sein Anwalt gegen die Fortsetzung seiner Haft Einspruch eingelegt hatte.
Israelische Streitkräfte nahmen Dr. Hussam Abu Safiya, den Direktor des Kamal-Adwan-Krankenhauses im Norden des Gazastreifens, im Dezember 2024 fest. Zusammen mit 13 weiteren Ärzten, die Israel inhaftiert hat, wird er ohne Anklage festgehalten. Wie alle inhaftierten Bewohner*innen des Gazastreifens wird Abu Safiya als illegaler Kämpfer eingestuft, und seine Haft wird alle sechs Monate verlängert.
Ende Mai reichte die Organisation „Legal Action Worldwide“ beim Obersten Gerichtshof Israels eine Klage gegen seine erneute Inhaftierung in Israel ein. Nach Angaben anderer Häftlinge im israelischen Ketziot-Gefängnis wurde Abu Safiya aus seiner Zelle geholt und in die Einzelhaft im Nafcha-Gefängnis verlegt, das sich in der Nähe von Mitzpe Ramon im Negev befindet.
Nach seiner Isolierung beantragte Abu Safiyas Anwalt, Nasser Odeh, beim Obersten Gerichtshof eine Beschleunigung der Anhörung, doch der Staat legte Einspruch gegen diesen Antrag ein. Die Gerichtsverhandlung ist für Mittwoch (10. Juni 2026) angesetzt.
Abu Safiya ist heute einer der weltweit bekanntesten palästinensischen Häftlinge. Schon vor seiner Inhaftierung war er zu einem Symbol für das Leid im Gazastreifen geworden, nachdem sein Sohn getötet, er selbst verwundet und viele seiner Kolleg*innen getötet worden waren und er zu Verhören abgeführt worden war. Große Teile des von ihm geleiteten Krankenhauses in Beit Lahiya wurden zerstört, doch er bestand darauf, im Krankenhaus zu bleiben.
Nachdem die israelische Armee das Krankenhaus im Dezember 2024 zum zweiten Mal eingenommen hatte, wurde Abu Safiya schließlich nach Israel gebracht. Seit seiner Inhaftierung gab es zahlreiche Berichte, wonach sich sein Gesundheitszustand verschlechtert, er erheblich an Gewicht verloren habe und von israelischen Gefängniswärtern misshandelt worden sei.
Der israelische Strafvollzugsdienst bezeichnete Berichte, wonach Abu Safiyas Einzelhaft eine Folge des Berufungsverfahrens sei, als „unbegründet“. Auf Anfrage erklärte der Strafvollzugsdienst, er „lege den Haftort von Gefangenen und Inhaftierten unter Berücksichtigung fachlicher, betrieblicher und sicherheitsrelevanter Erwägungen sowie auf der Grundlage fachlicher Einschätzungen fest“.
Antonia Mulvey, Geschäftsführerin von Legal Action Worldwide, bezeichnet Abu Safiyas Verlegung in Einzelhaft als „alarmierende Eskalation“. „Dies ist ein Arzt, der bei seinen Patient*innen blieb, während sein Krankenhaus belagert und angegriffen wurde“, sagt sie. „Medizinisches Fachpersonal steht unter dem Schutz des humanitären Völkerrechts, und wir können nicht schweigen, während Ärzt*innen dafür bestraft werden, dass sie in Konfliktzeiten medizinische Versorgung leisten.“
„Physicians for Human Rights Israel“, eine Organisation, die die Situation von in Israel inhaftierten Ärzten beobachtet, protestierte gegen Abu Safiyas Verlegung in Einzelhaft. „Bei einem Besuch eines Anwalts von PHRI im vergangenen Monat schilderte er harte Haftbedingungen, medizinische Probleme, die nicht angemessen behandelt werden, und einen gravierenden Mangel an Nahrungsmitteln“, erklärt die gemeinnützige Organisation.
„Einzelhaft ist eine der härtesten Formen der Inhaftierung“, erklärt PHRI. „Gemäß den Mandela-Regeln der Vereinten Nationen kann eine Einzelhaft von mehr als 14 Tagen als grausame, unmenschliche Behandlung und sogar als Folter angesehen werden.“
Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, UN-Gremien und Ärzt*innen weltweit haben die sofortige Freilassung von Abu Safiya gefordert.
Die Inhaftierung des Krankenhausdirektors war auch einer der Hauptgründe für die Forderung der Hind Rajab Foundation an die britischen Behörden, während seines Besuchs in London Ermittlungen gegen den israelischen Außenminister Gideon Sa’ar einzuleiten und ihn festzunehmen.
Einer der palästinensischen Ärzte, die in israelischen Haftanstalten festgehalten werden, berichtete Haaretz, dass in dem Trakt, in dem er untergebracht ist, häufig Tränengas gegen die Insassen eingesetzt wird, das in den Hof und manchmal auch in den Trakt selbst geleitet wird, was bei den Häftlingen zu Atemnot und anhaltendem Brennen führt. Alle fünf Ärzte baten um Unterstützung bei der medizinischen Versorgung. Sie berichteten von verschiedenen gesundheitlichen Problemen, darunter Zahnschmerzen, Rückenschmerzen, Sehstörungen und chronische Erkrankungen, für die sie nach eigenen Angaben keine angemessene medizinische Versorgung erhalten.
Im April reichte die PHRI beim Obersten Gerichtshof Israels eine Petition ein, in der sie die israelische Armee aufforderte, die 14 in Israel inhaftierten Ärzte aus Gaza freizulassen, doch die Petition wurde bislang noch nicht behandelt.
Anwälte, die die Inhaftierten besucht haben, berichteten, dass sich die Behandlung durch das Gefängnispersonal in den letzten zwei Monaten verschlechtert habe. Den Anwälten zufolge beschlagnahmen die Gefängniswärter jeden Morgen die Matratzen der Inhaftierten und geben sie erst am Abend zurück, sodass diese gezwungen sind, den größten Teil des Tages auf Eisenbetten oder auf dem Boden zu sitzen oder zu liegen. Sie berichteten außerdem, dass sich ansteckende Hautkrankheiten, darunter Krätze, unter den Häftlingen weiter ausbreiten und dass die Gefängnisverwaltung den Häftlingen keine ausreichende medizinische Versorgung gewährt.
Das Öffentliche Komitee gegen Folter in Israel hat kürzlich beim Obersten Gerichtshof Israels eine Klage gegen ein Gesetz eingereicht, das die unbefristete Inhaftierung von als „illegale Kämpfer“ eingestuften Häftlingen fast ohne gerichtliche Überprüfung erlaubt. Letzte Woche reichte der Staat eine Antwort auf die Petition ein, in der er angab, dass Israel 1.358 Häftlinge aus dem Gazastreifen festhält, von denen 1.296 vom israelischen Strafvollzugsdienst und der Rest von der israelischen Armee festgehalten werden.
Aus der Antwort des Staates geht auch hervor, dass die israelische Armee trotz des im Oktober in Kraft getretenen Waffenstillstands weiterhin Palästinenser*innen im Gazastreifen festnimmt. Außerdem wird darin angegeben, dass die israelische Armee zwischen Dezember 2025 und April dieses Jahres 141 weitere Palästinenser*innen im Gazastreifen festgenommen hat. Im gleichen Zeitraum hat Israel 114 Gefangene zurück nach Gaza entlassen.
„Sobald im Oktober 2023 die Welle der Massenverhaftungen in Gaza einsetzte, war klar, dass die Zahl der Zivilist*innen, die ohne jegliche Schuld festgehalten werden, enorm ist“, erklärt das Öffentliche Komitee gegen Folter in Israel in einer Stellungnahme. „Der Oberste Gerichtshof verfolgt das Verfahren wie ein Zuschauer, ist jedoch verpflichtet, über die Petition zu entscheiden und die einstweilige Verfügung aufzuheben, die den willkürlichen und anhaltenden Missbrauch von Inhaftierten ermöglicht.“
Nir Hasson ist Haaretz-Korrespondent und berichtet unter anderem über die humanitäre Krise im Gazastreifen.




Kommentare