„Israel zwingt uns zum Gehen“: Der Plan zur Öffnung des Grenzübergangs Rafah in Gaza hinterlässt bei der palästinensischen Bevölkerung mehr Fragen als Antworten
- 7. Jan.
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Palästinenser*innen im Gazastreifen berichten, sie stehen unter Druck, sich zu entscheiden, ob sie ihre Familien zurücklassen wollen, in der Hoffnung, nach Ägypten zu gelangen; andere wiederum haben die Hoffnung, den Gazastreifen zu verlassen, ganz aufgegeben.
Von Nagham Zbeedat, Haaretz, 8. Dezember 2025
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Israel hat angekündigt, dass der Grenzübergang Rafah zu Ägypten in den „kommenden Tagen“ wieder geöffnet wird, sodass Palästinenser*innen zum ersten Mal seit Monaten den Gazastreifen verlassen können.
Diese Entscheidung könnte einen Wendepunkt für die Bewohner*innen des belagerten Gazastreifens bedeuten, aus dem seit Beginn des Krieges ein Verlassen nahezu unmöglich war. Sie weckt Hoffnungen bei den 16 500 Kranken und Verwundeten, die laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) dringend den Gazastreifen verlassen müssen, um im Ausland lebensrettende medizinische Behandlung zu erhalten, da das Gesundheitssystem in Gaza nahezu zusammengebrochen ist. Die Wiedereröffnung könnte auch der kollabierten Wirtschaft Gazas einen schwachen Aufschwung verleihen und Händlern die seltene Gelegenheit bieten, Waren aus der Enklave zu transportieren.
Die Wiedereröffnung ist jedoch mit strengen Auflagen seitens Israels und politischen Auseinandersetzungen verbunden, die erneut Befürchtungen geweckt haben, dass dieser Schritt Teil einer umfassenderen Strategie sein könnte, die Palästinenser*innen dauerhaft aus Gaza zu vertreiben.
Laut israelischen Regierungsvertreter*innen müssen Palästinenser*innen, die das Gebiet verlassen wollen, eine Sicherheitsgenehmigung sowohl von Israel als auch von Ägypten einholen – wobei die Kriterien für solche Genehmigungen weiterhin unklar sind.
Israel hat erklärt, dass die Wiedereröffnung von logistischen Vorbereitungen der Mission der Europäischen Union, die seit 2005 den Grenzübergang überwacht, sowie von Reparaturen an der während des Krieges schwer beschädigten Infrastruktur abhängt.
Es bleibt auch unklar, wie Menschen ohne Papiere behandelt werden oder ob sie gänzlich ausgeschlossen werden – was angesichts der Tatsache, dass viele Familien in Gaza durch wiederholte Vertreibungen und Bombardierungen wichtige Ausweisdokumente wie Reisepässe und Personalausweise verloren haben, eine weitere Unsicherheit darstellt.
Nach der Ankündigung Israels gaben die Außenminister Ägyptens, Indonesiens, Jordaniens, Pakistans, Katars, Saudi-Arabiens, der Türkei und der Vereinigten Arabischen Emirate am Freitag eine gemeinsame Erklärung ab, in der sie ihre „tiefe Besorgnis“ über Israels Plan zum Ausdruck brachten, den Grenzübergang Rafah ausschließlich „in eine Richtung zu öffnen, mit dem Ziel, die Bewohner*innen des Gazastreifens nach Ägypten zu transferieren“.
In der gemeinsamen Erklärung verurteilten die Außenminister das, was sie als „Versuche, das palästinensische Volk gewaltsam aus seinem Land zu vertreiben“ bezeichneten, und betonten die „Bedeutung“ der Umsetzung des 20-Punkte-Waffenstillstandsplans von US-Präsident Donald Trump, der vorsieht, dass der Grenzübergang in beide Richtungen offen bleiben soll.
Vor dem Krieg war Rafah Gazas einziger, nicht von Israel kontrollierter Zugang zur Außenwelt – eine Lebensader, über die Student*innen reisten, Familien wieder zusammenfanden und Waren flossen.
Seit Beginn des Krieges hat Ägypten die Beschränkungen stark verschärft. Die Lage verschlechterte sich im Mai 2024 weiter, als israelische Streitkräfte die Kontrolle über die Gaza-Seite des Grenzübergangs übernahmen, was Ägypten dazu veranlasste, ihn zu schließen. Seitdem ist Rafah fast vollständig geschlossen und wird nur sporadisch für begrenzte medizinische Evakuierungen genutzt, zuletzt im Februar.
„Viele Ängste“
Für viele Palästinenser*innen im Gazastreifen – gefangen zwischen Krieg, Vertreibung und einem zusammengebrochenen Gesundheitssystem – stellte die Ankündigung Israels eine seltene Öffnung in einer vorbestimmten Realität dar. Innerhalb des Gazastreifens ist die Stimmung jedoch komplexer. Für manche ist die Ankündigung kein Tor zur Hoffnung, sondern ein Dilemma.
Der 29-jährige Hamada stammt ursprünglich aus Gaza-Stadt und lebt seit September in Deir al-Balah. Seine Eltern und Geschwister sind weiterhin in Gaza-Stadt. Wenn er die Möglichkeit hätte, würde er gerne nach Ägypten gehen, um dort seine Freundin aus dem Westjordanland wiederzusehen, zu heiraten und ein neues Leben aufzubauen.
Aber selbst dieser Traum erscheint ihm schwer erreichbar.
„Als ich die Nachricht zum ersten Mal hörte, war ich völlig verwirrt“, sagt er. „Einerseits werde ich meine Familie zurücklassen und mich den Plänen der israelischen Besatzungsmacht fügen. Andererseits werden uns die grundlegenden Lebensgrundlagen genommen – persönlich und kollektiv. Ich kann meine Arbeit nicht richtig machen. Ich arbeite online und habe keine stabile Internetverbindung. Um etwas Arbeit zu erledigen, muss ich Geld ausgeben, das ich gar nicht verdienen kann.“
Sein Wunsch zu gehen hat nichts mit Bequemlichkeit zu tun, sondern mit Erschöpfung.
„Für jemanden wie mich, der ein normales Leben führen möchte, ist das Leben an diesem Ort körperlich, emotional, finanziell und mental zermürbend“, sagt er. „Wenn meine Familie nicht wäre, wäre ich schon längst weggegangen.“
Seine Vorstellung von Ägypten ist nicht romantisch. Sie ist fragil und ungewiss. „Wenn wir es nach Ägypten schaffen, möchte ich mich dort niederlassen, eine Familie gründen und in Frieden leben“, sagt er. „Aber in Wirklichkeit weiß ich, dass es schwer werden wird. Wenn ich etwas anderes denke, mache ich mir etwas vor. Jeder, der in der Diaspora lebt, hat es schwer, selbst in Ägypten, dem Ort, der Gaza am nächsten liegt.“
Was ihn zurückhält, ist nicht der Mangel an Lebenswillen, sondern die Angst, alles andere zu verlieren. „Es gibt viele Fragen und Ängste“, sagt er. „Die Familie zurückzulassen, eine mögliche Rückkehr, die Anpassung innerhalb und außerhalb von Gaza. Wenn ich weggehe und in Ägypten heirate, werde ich dann allein sein? Meine Familie kann den Gazastreifen nicht verlassen. Was würden wir tun? Es gibt viele Ängste, die uns lähmen.“
Hinzu kommen die Kosten. „Wenn die Grenze geöffnet wird und die Preise in die Höhe schnellen, kann ich nicht wegziehen“, sagt er. „Das kann ich mir nicht leisten.“
Online beobachtet Hamada, wie Menschen darüber schreiben, dass sie wegziehen wollen. Er betont, dass diese Worte nicht bedeuten, dass die Menschen Gaza verlassen wollen. „Wir alle lieben Gaza“, sagt er. „Selbst wenn es zerstört ist und keine Lebenszeichen mehr zeigt, lieben wir es. Das ist keine Poesie oder Romantisierung unseres Lebens. Das Leben inmitten all dieser Zerstörung und dieses Todes hat uns an diesen Ort gebunden.“
Was die Menschen hier träumen, sagt er, habe sich auf die grundlegendsten Formen der Würde reduziert. „In Gaza beschränken sich unsere Liebe und unsere Träume darauf, eine heiße Schüssel Linsensuppe zu lieben, einen leeren Teller zu hassen und von einem Ort zu träumen, den keine Luftangriffe erreichen können.“
„Der Druck, diese Entscheidung jetzt zu treffen, ist groß“
Sami, 26, stammt ursprünglich aus Jabaliya und lebt seit dem 14. Oktober 2023 in Deir al-Balah. Er arbeitet als Podcaster und Ersteller visueller Inhalte und ist außerdem bei Save the Children beschäftigt. Nur zwei Tage vor Kriegsbeginn eröffneten er und sein Team ihr Podcast-Studio – der Höhepunkt jahrelanger Arbeit.
„Einen Monat später wurde das Studio bombardiert und dem Erdboden gleichgemacht“, berichtet er.
Der physische Raum ist verschwunden, aber die Arbeit geht weiter. Das Team produziert weiterhin Episoden, in denen es um das Leben der Jugendlichen, das soziale und kulturelle Leben in Gaza geht, auch wenn ihre Ausrüstung und Infrastruktur verschwunden sind. Im Gegensatz zu anderen, die das Verlassen des Landes als einzigen Weg nach vorne sehen, glaubt Sami immer noch an die Idee des Bleibens – zumindest theoretisch.
„Ich habe immer gedacht, dass ich Gaza nicht sofort verlassen würde, wenn der Krieg endet“, sagt er. „Ich glaube, ich werde dem Land eine Chance geben, durchzuatmen, sich wieder aufzubauen und zu erholen. Ich glaube daran, die Dinge langsam anzugehen.“
Aber seine Entschlossenheit zu bleiben ist mit Verantwortung und Angst verknüpft. „Ich bin der Mann im Haus“, sagt er. „Meine alten Eltern, meine sieben Geschwister – wie soll ich mit ihnen allen weggehen? Wie soll ich ohne sie weggehen?“
Für ihn hängt die Möglichkeit zu gehen weniger von der Gelegenheit als vielmehr von der Ungewissheit ab.
„Wenn ich sicher sein könnte, dass der Waffenstillstand und das Ende des Krieges garantiert sind und von Dauer sein werden, würde ich vielleicht in Betracht ziehen, das Land zu verlassen“, sagt er. „Zumindest würde ich mir dann weniger Sorgen um meine Familie machen. Ich hätte das Gefühl, dass sie in Sicherheit sind.“
Aber es gibt keine Garantien. „Der Krieg könnte wieder ausbrechen. Die Armee könnte sich niemals zurückziehen. Der Druck, diese Entscheidung jetzt zu treffen, ist groß“, so Sami. Er sagt, wenn er im Ausland arbeiten und seine Familie mitnehmen könnte, würde er es in Betracht ziehen. Ohne diese Option erscheint ihm der Gedanke an eine Ausreise jedoch unrealistisch. Er beschreibt das tägliche Leben in Gaza als eine Art grausame Illusion von Normalität. „Unsere Schreie und Forderungen sind weit entfernt von dem, was wir bekommen“, berichtet er. „Eine riesige Menge an Produkten hat es auf unsere Märkte geschafft, aber ohne wirklichen Nährwert. Sie haben unsere Märkte mit iPhones, Schokoriegeln und lächerlichen Sachen überschwemmt. Das ist, als würde man einen Pool für einen Obdachlosen bauen.“
In seiner Stimme schwingt keinerlei Vorwurf gegenüber denen mit, die das Land verlassen oder Geld für Luxusgüter ausgeben. „Ich kann Menschen, die iPhones kaufen oder weggehen, keinen Vorwurf machen“, sagt er. „Wir alle wissen nicht, was wir tun sollen. Es gibt keine richtigen Lebensmittel zu kaufen – kein Huhn, kein Fleisch – und wenn man etwas findet, ist es eine Seltenheit.“
Die Öffnung des Grenzübergangs Rafah ist seiner Meinung nach ebenso eine Frage der Optik wie der Logistik. „Die Öffnung des Grenzübergangs Rafah ist entweder ein Mittel, um das Bild Israels in den internationalen Medien aufzupolieren – ‚Seht her, wir versorgen sie mit iPhones und Schokolade und lassen sie gehen‘ – oder um uns in die Enge zu treiben, sodass wir keine Hoffnung mehr haben und gezwungen sind, ‚freiwillig‘ zu gehen.“
Sein Verständnis von Druck ist in der täglichen Realität verwurzelt. „Wir brauchen Nahrung, Kleidung, Unterkunft. Das sind unsere Forderungen. Aber selbst das Nötigste, nämlich Sicherheit, ist nicht gegeben. Viele Details zeigen, wie Israel uns aus dem Gazastreifen verdrängt. Es macht uns zu Fremden und Flüchtlingen in unserem eigenen Heimatland.“
Er sieht den Widerspruch in Echtzeit. „Viele Palästinenser*innen, die Gaza verlassen haben und sich jetzt in Ägypten aufhalten, warten darauf, dass die Grenze geöffnet wird, damit sie zurückkehren können“, sagt er. „Und viele auf der anderen Seite warten darauf, das Gegenteil zu tun.“
Für ihn sind die Urteile aus der Ferne irrelevant. „Den Menschen, die uns kritisieren, egal ob wir bleiben oder gehen, sage ich: Das geht sie nichts an“, sagt er. „Niemand spürt unsere Wunden so wie wir, also wissen sie auch nicht, wie wir heilen können.“
Das Vorhaben aufgeben
Für Khaled Abu Sultan, 33, der einst versuchte, die Idee der Flucht in eine kollektive Anstrengung zu verwandeln, war die Ankündigung zur Grenze kaum noch von Bedeutung. Anfang dieses Jahres startete er eine Basisinitiative, um den Bewohner*innen Gazas dabei zu helfen, Informationen über mögliche Auswege aus dem Gazastreifen auszutauschen.
Damals beschrieb er diese Bemühungen nicht als Plan, Gaza zu verlassen, sondern als Kampf ums Überleben. Nach monatelanger Vertreibung im Süden hat er sich eine kleine Wohnung in Gaza-Stadt gemietet. Er beschreibt den Süden Gazas als „unerträglich”, sagt aber, dass sich auch jetzt nichts im Gazastreifen lebenswert anfühlt. Der Unterschied, sagt er, sei die Isolation.
„Ich habe in Gaza-Stadt ein wenig Ruhe gefunden“, sagt er. „Ich bin isoliert. Ich möchte nicht mit Menschen sprechen. Ich möchte mich nicht mit dem beschäftigen, was um mich herum geschieht. Ehrlich gesagt habe ich mir nicht einmal die Mühe gemacht, die Entscheidung zum Verlassen des Gazastreifens zu hinterfragen. Ich konzentriere mich auf mein Zuhause, meine Arbeit und mich selbst, und das war's.“
Im Gegensatz zu den vergangenen Monaten, in denen er obsessiv jedes Gerücht über eine Öffnung des Grenzübergangs verfolgte, glaubt er nicht mehr daran, dass dies in nennenswertem Umfang geschehen wird. Seiner Ansicht nach hat der Streit zwischen dem israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu und dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah el-Sisi den Grenzübergang zu einer politischen Inszenierung gemacht.
„Ich glaube nicht, dass die Grenze geöffnet wird“, sagt er. „Netanjahu will etwas, und Sisi sagt nein. Für sie ist es ein provokatives Spiel. Und selbst wenn die Grenze geöffnet wird, werden sie nur Patient*innen und Verwundete durchlassen, und es wird eine strenge Überwachung der Situation geben.“
Was wie eine politische Analyse klingt, wird schnell zu etwas Persönlichem.
„Ich bin einer von vielen Menschen, die die Hoffnung verloren haben“, sagt er. „Ich möchte nicht mehr reisen und weggehen. Alle um mich herum standen unter Schock. Ich habe mich der Realität ergeben und mich in Gaza-Stadt niedergelassen, weil dieses Thema uns erschöpft hat.“
Diese Veränderung ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie viel Energie er einst darauf verwendet hat, Menschen dabei zu helfen, einen Ausweg zu finden. Auf die Frage, wie er dazu kam, für andere zu organisieren und dann selbst die Hoffnung aufzugeben, wegzugehen, gibt er eine einfache Antwort. „Ich habe die Hoffnung verloren. Ich kam an einen Punkt, an dem ich mich selbst nicht mehr ertragen konnte, also gab ich auf.“
„Ich empfinde jetzt Gleichgültigkeit gegenüber allem, was geschieht“, fährt er fort. „Ich schaue nicht einmal mehr die Nachrichten. Das Leben hat keinen Sinn und keinen Zweck. Unsere gesamte Existenz ist willkürlich. Diese Entscheidung entstand aus Verzweiflung, weil sie mich völlig eingenommen hat. Sie hat mein Denken eingenommen. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Deshalb habe ich beschlossen, sie aus meinem Kopf und aus meinem System zu verbannen.“
Sein Rückzug ist nicht als Frieden zu verstehen, sondern als Selbstschutz. Für ihn wurde Hoffnung zu einer Form der Qual.
In dieser Ungewissheit ist allein schon der Gedanke an eine Ausreise zu einer Quelle der Erschöpfung geworden. Und doch gibt Khaled die Hoffnung nicht ganz auf. Er geht nur anders damit um als früher.
„Wenn man loslässt, kommt die Erkenntnis“, sagt er und macht eine Pause, bevor er einen Widerspruch hinzufügt, der eher menschlich als politisch wirkt. „Solange wir atmen, gibt es noch Hoffnung“, sagt er. „Wenn wir aufhören zu träumen, sterben wir.“
Im Zentrum der Spannung steht eine größere politische Frage: Ist die Wiederöffnung in erster Linie dazu gedacht, den humanitären Druck zu verringern – oder schafft sie Bedingungen, die das Verlassen des Landes einfacher machen als das Überleben?
Nagham Zbeedat berichtet für Haaretz über palästinensische Angelegenheiten und die arabische Welt.




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