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Israelische Beschränkungen führen zu Milchpulverknappheit für Neugeborene im Gazastreifen

  • 6. Apr.
  • 4 Min. Lesezeit

Zehntausende Säuglinge sind auf Säuglingsnahrung angewiesen, sodass jede Unterbrechung der Versorgung schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann.


Von Sally Ibrahim, The New Arab, 6. April 2026


(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Der vom Krieg zerstörte Gazastreifen sieht sich aufgrund strenger israelischer Beschränkungen mit einem gravierenden Mangel an Säuglingsnahrung konfrontiert. Tausende Neugeborene und Kleinkinder in der belagerten Küstenenklave, die ohnehin schon mit chronischer Unterernährung, instabilen Gesundheitsverhältnissen und überfüllten medizinischen Einrichtungen zu kämpfen haben, müssen laut medizinischen Vertreter*innen mit schwerwiegenden Folgen rechnen.

Die Krise hat sich durch strenge israelische Beschränkungen an den Grenzübergängen, die begrenzte Einfuhr lebenswichtiger Güter und die hohe Geburtenrate verschärft, was Familien in Verzweiflung stürzt und Krankenhäuser überfordert. Für viele Mütter in Gaza ist Säuglingsnahrung die einzige Option. Frühgeburten, Vertreibung und das Leben in überfüllten Notunterkünften oder Zelten machen das Stillen nahezu unmöglich.

Nour Al-Arabi, Mutter eines 35 Tage alten frühgeborenen Babys aus Khan Younis im südlichen Gazastreifen, berichtet gegenüber The New Arab: „Wir leiden unter einem Mangel an Säuglingsnahrung.“ Nour brachte ihr Kind nach nur acht Monaten Schwangerschaft zur Welt, und ihr frühgeborener Sohn verbrachte 18 Tage auf der Neugeborenen-Intensivstation. Da sie ihn nicht stillen konnte, war sie auf Säuglingsnahrung angewiesen. Als diese verfügbar wurde, gab es sie nur in sehr begrenzten Mengen, sodass sie immer wieder zwischen verschiedenen Sorten wechseln musste. Die ständigen Wechsel belasteten die Gesundheit des Säuglings; er litt unter Blähungen und starken Koliken, hatte nachts Schlafprobleme und hatte seit seiner Geburt nur 300 Gramm zugenommen.

„Früher gab es Essen, Trinken und Nahrung. Ich musste ihm keine Säuglingsnahrung geben. Heute ist die Lage schlimm. Ich gebe mein Bestes, aber mit jedem Wechsel der Säuglingsnahrung besteht für ihn das Risiko von Komplikationen“, erzählt sie. „Wir bitten nur um Milch für die Kinder; sie sind unschuldig. Wir wollen ihnen Kraft geben und ihnen beim Wachsen helfen, denn sie sind erschöpft.“

Zainab Obeid, Mutter eines weiteren Neugeborenen, schilderte ähnliche Schwierigkeiten. Ihr Säugling leidet unter Sauerstoffmangel und Atemproblemen und benötigt intensive Pflege. „Mein Sohn ist einen Monat alt, und ich musste seine Babynahrung bereits drei- oder viermal wechseln. Jeder Wechsel verursacht Gesundheitsprobleme, Infektionen und Viren“, berichtet sie TNA. „Ich muss ihn ständig ins Krankenhaus bringen. Ich bin psychisch am Ende. Ich habe zu Hause noch fünf weitere Kinder, die ebenfalls Pflege brauchen, und ich schaffe das einfach nicht mehr.“

Die Mütter berichten von einem ständigen Gefühl der Hilflosigkeit. Die Krankenhäuser in Gaza sind überfüllt mit unterernährten Säuglingen und leiden unter einem gravierenden Mangel an Medikamenten und medizinischem Material. Die Unmöglichkeit, Patient*innen aus dem Gazastreifen zu verlegen, hat laut medizinischen Vertreter*innen bereits zu vermeidbaren Todesfällen bei Kindern geführt, denen es an angemessener Versorgung mangelt.

 

Krankenhäuser überlastet, drohende Katastrophe

Medizinische Fachkräfte warnen davor, dass sich der Mangel zu einer regelrechten humanitären Katastrophe ausweiten könnte, wenn nicht umgehend Maßnahmen ergriffen werden. Im Nasser-Krankenhaus im Süden des Gazastreifens beschrieb ein medizinischer Mitarbeiter die Lage als dramatisch, da die Vorräte an Säuglingsnahrung gefährlich zur Neige gehen.

Ahmed Al-Farra, Leiter der Kinderklinik im Nasser-Krankenhaus, erklärte gegenüber TNA, dass beide Sorten von Säuglingsnahrung – Typ 1 und Typ 2 – knapp seien. „Das Problem ist nicht nur die Menge; die verfügbaren Sorten wechseln ständig. Eine Sorte reicht nicht länger als zwei Wochen, bevor sie aufgebraucht ist und durch eine andere ersetzt wird, was sich negativ auf die Gesundheit der Kinder auswirkt“, berichtet er. Al-Farra erklärt weiters, dass häufige Wechsel der Babynahrung zu Durchfall, Blähungen, Verstopfung, Allergien, Hautausschlägen, ständigem Weinen und allgemeinem Unwohlsein führen. Viele Babynahrungsvorräte nähern sich ihrem Verfallsdatum, was die Gesundheit der Kinder weiter gefährdet. „Viele Mütter sind aufgrund von Frühgeburten und deren längeren Aufenthalten im Inkubator, die das Stillen beeinträchtigen, auf Säuglingsnahrung angewiesen. Unterernährung während der Schwangerschaft mindert zudem die Fähigkeit der Mütter, für eine angemessene Ernährung zu sorgen. Der Mangel zwingt einige dazu, zu früh feste Nahrung für ihre Kinder einzuführen, was zu Allergien, Gewichtsverlust, Durchfall und chronischen Verdauungsproblemen führt“, fügt er hinzu.

Al-Farra hebt auch die psychische Belastung für die Mütter hervor. „Die Unfähigkeit, für eine angemessene Ernährung zu sorgen, schürt Stress und Ängste. Mütter brauchen eine stabile Versorgung. Kinder können sich nicht gut entwickeln, wenn die Babynahrung alle zwei Wochen ausgeht.“

 

Beschränkungen und Geburtenraten

Offizielle Zahlen zeigen, dass die Geburtenrate in Gaza weiterhin hoch ist. Allein im März 2026 registrierte das Innenministerium 2 890 Neugeborene, was den Druck auf den Markt für Babynahrung weiter erhöht. Zehntausende Säuglinge sind auf Babynahrung angewiesen, sodass jede Unterbrechung der Versorgung schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben kann. Die israelischen Beschränkungen an den Grenzen zum Gazastreifen verschärfen die Krise weiter. Nach Angaben des Regierungspressebüros durften kürzlich nur 38 358 von 94 800 Lastwagen, die Hilfsgüter, Handelswaren und Treibstoff transportierten, in den Gazastreifen einfahren – eine Durchlassquote von lediglich 40 Prozent. Tanklastwagen durften zu nur 14 Prozent einreisen, während der Grenzübergang Rafah weiterhin teilweise geschlossen ist. Unverzichtbare Infrastrukturmaterialien und medizinische Hilfsgüter werden nach wie vor zurückgehalten, was es den Krankenhäusern erschwert, die Grundversorgung sicherzustellen.

Für die Familien bedeutet dies tägliche Unsicherheit. Mütter befürchten, dass ein Mangel an Säuglingsnahrung sie dazu zwingen könnte, auf ungeeignete Alternativen zurückzugreifen, was die Gesundheit der Säuglinge gefährdet. Krankenhäuser sind dazu gezwungen, die Vorräte zu rationieren, während Ärzt*innen darum kämpfen, die Gesundheit der besonders gefährdeten Neugeborenen zu erhalten. Die Krise bei der Säuglingsnahrung in Gaza spiegelt eine umfassendere humanitäre Notlage wider. Knappe Vorräte, hohe Geburtenraten, Unterernährung bei Müttern und überfüllte Krankenhäuser führen zusammen zu einer Situation, in der Säuglinge extrem gefährdet sind.

Während Mütter auf Hilfe warten, verdeutlichen das Schreien der Säuglinge und die Angst der Eltern die Dringlichkeit der Lage. Al-Farra warnt, dass sich der Mangel ohne sofortiges Eingreifen zu einer weitreichenden Gesundheitskatastrophe ausweiten könnte, die Unterernährung und Krankheiten unter den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft verschlimmert. Die internationale Gemeinschaft und humanitäre Organisationen haben wiederholt eine stabile und ausreichende Versorgung mit Säuglingsnahrung gefordert und betont, dass selbst eine kleine Verzögerung irreversible Folgen haben könnte.

„Kinder benötigen eine beständige und kontinuierliche Versorgung mit Säuglingsnahrung, um ernsthafte Gesundheitsrisiken zu vermeiden. Jede Verzögerung wird die Unterernährung verschlimmern und Leben gefährden. Es sind sofortige Maßnahmen erforderlich, um Säuglingsnahrung zu sichern, bevor diese Krise zu einer unkontrollierbaren Tragödie wird“, so al-Farra.


Sally Ibrahim ist die Korrespondentin von „The New Arab“ in Gaza.



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