„Israelische Scharfschützen haben meine Söhne erschossen, als sie auf dem Weg zum Krankenhaus waren. Wir verdienen Gerechtigkeit.“
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Exklusiv: Ein neuer Bericht enthüllt potenzielle Beweise für israelische Kriegsverbrechen, nachdem drei Brüder der Familie al-Aweini auf der Suche nach medizinischer Hilfe in Khan Yunis getötet wurden. Auch ihre Eltern, beide in den Fünfzigern, wurden angegriffen. Maira Butt untersucht, wie die Belagerung eines Krankenhauses eine Familie in Trauer stürzte.
Von Maira Butt, The Independent, 8. März 2026
(Originalbeitrag in englischer Sprache und dazugehörendem Video- und Fotomaterial)
Israelische Scharfschützen haben zwei Brüder erschossen, als diese auf dem Weg zu einem Krankenhaus in Gaza waren, um medizinische Hilfe zu suchen. Das ergab eine erschütternde neue Untersuchung.
Husam, 27, und Saad al-Aweini, 22, trugen ihren verwundeten Bruder Abdullah zum Nasser-Krankenhaus, als sie mehrfach von israelischen Streitkräften beschossen wurden, die die südliche Stadt Khan Younis belagerten. Der 29-jährige Abdullah war zuvor bei einem Raketenangriff auf sein Haus verletzt worden, als er Kleidung für seine Frau und seinen Sohn zusammenpacken wollte. Alle drei Brüder verbluteten tagelang auf dem Boden liegend, während um sie herum Schüsse fielen.
Der Vorfall wurde durch eine Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Euro-Med Monitor ans Licht gebracht, die erklärt, dass die gezielte Verfolgung der Familie ein mögliches Kriegsverbrechen darstellt. Israel sieht sich wegen der hohen Zahl ziviler Opfer während seines Krieges im Gazastreifen internationaler Empörung ausgesetzt, weist jedoch Vorwürfe von Kriegsverbrechen oder Völkermord zurück.
Mehr als zwei Jahre nach dem Vorfall suchen die Eltern der drei Brüder weiterhin nach Antworten darauf, warum sie ins Visier genommen wurden. Sie wissen nach wie vor nicht, wie ein einminütiger Fußweg von ihrem Zuhause zum Krankenhaus für eine Notfallbehandlung zum Tod ihrer drei Söhne führen konnte.
The Independent wandte sich mit mehreren Fragen zum Tod der Brüder und zur Untersuchung von Euro-Med Monitor an die israelischen Streitkräfte. Wir stellten ihnen die geografischen Koordinaten eines Angriffs auf das Haus der Familie sowie einen 25-seitigen Bericht mit Satellitenbildern und Augenzeugenaussagen zur Verfügung.
In ihrer Antwort erklärte eine Sprecherin, dass der Vorfall „der israelischen Armee nicht bekannt” sei und dass weitere Details erforderlich seien, um Klarheit zu schaffen. Sie gab jedoch nicht an, welche weiteren Informationen erforderlich wären. Die israelische Armee konnte auch nicht bestätigen, ob sie Aufzeichnungen über jede ihrer Operationen führt.
Wie sich die Erschießungen in Khan Yunis zutrugen
Am 11. Februar 2024 gegen 11 Uhr morgens traf eine Rakete das Obergeschoss des Hauses der Familie al-Aweini, während diese im Erdgeschoss Essen zubereitete. Abdullah, der sich im Obergeschoss befand, erlitt bei dem Angriff eine schwere Verletzung am Bauch.
Ibrahim al-Aweini, 56, der Vater der Brüder, ging nach oben, um nach seinem Sohn zu sehen, und erinnert sich, dass er von einer Quadcopter-Drohne gefilmt wurde, bevor er im offenen Treppenhaus ihres Hauses mehrfach angeschossen wurde. Dabei erlitt er Splitterverletzungen an Kopf und Rücken und verlor das Bewusstsein. „Der Quadcopter war 30 oder 40 Zentimeter von meinem Gesicht entfernt“, erzählt er The Independent. „Als er mich filmte, fühlte ich mich sicher, denn ich war Zivilist und er hätte nicht auf mich schießen dürfen. Aber er tat es doch.“
Zu diesem Zeitpunkt hatte Abdullah das Bewusstsein verloren. Seine Familie beschloss sofort, ihn ins nahegelegene Nasser-Krankenhaus zu bringen. Abdullahs Brüder Husam und Saad sowie seine noch lebenden Geschwister Hassan (33) und Anas (16) eilten herbei, um ihn zu tragen und ihm zu helfen.
Forscher*innen von Euro-Med Monitor nutzten Satellitenbilder und topografische Karten, um die genaue Lage des Gebäudes zu bestimmen und die Entfernung zum Krankenhaus zu messen, die sie auf nicht mehr als 100 Meter schätzten. Husam und Saad hielten Abdullah an Kopf und Armen fest, während Hassan – ein Krankenpfleger des Krankenhauses – und Anas seinen Unterkörper stützten. Augenzeugen, darunter auch die überlebenden Brüder, beschrieben den Moment, in dem sie unter direkten Beschuss gerieten.
„Wir gingen ein kurzes Stück eine Seitenstraße entlang und erreichten die Hauptstraße, etwa 15 Meter von der Krankenhausmauer entfernt“, berichtet Anas. „Sobald wir die Hauptstraße überquert hatten, gerieten wir unter direkten Beschuss. Husam und Saad fielen hin und ließen Abdullah fallen, während Hassan und ich, die näher an der Seitenstraße standen, uns schnell zurückzogen. All dies geschah innerhalb kürzester Zeit.“ Hassan beschreibt den Moment, als er seine Brüder um Hilfe rufen sah: „Ich sah meine drei Brüder auf dem Boden liegen; einer bewegte sich noch und rief um Hilfe, aber ich war machtlos, ihm zu helfen.“
„Meine Söhne sind tot“
Zeug*innen berichten, dass sie gesehen haben, wie Husam und Saad mehrfach versucht haben, blutend weiter zu kriechen. Sie wurden weiterhin von offenbar israelischen Scharfschützen beschossen. Euro-Med Monitor untersuchte die Sichtlinien von nahe gelegenen, erhöhten Gebäuden, um mögliche Schusswinkel zu ermitteln, und verglich diese mit den Verletzungsstellen.
Mohammad H., 35, ein Nachbar, der Zeuge des Vorfalls war, sagt: „Als sie versuchten, die Hauptstraße zu überqueren, gerieten sie unter direkten Beschuss. Ich sah, wie Hassan und Anas sich schnell zurückzogen und sich duckten, um den Kugeln auszuweichen. Husam und Saad versuchten nach dem Treffer zu kriechen, wurden aber erneut erschossen. Ich habe mich Husam und Saad nicht genähert, weil ich bemerkte, dass sich Scharfschützen auf den Dächern befanden. Gleichzeitig sah ich ihren Vater Ibrahim, der von Kopf bis Fuß mit Blut bedeckt war und laut schrie: ‚Meine Söhne sind tot.‘“
Die Mutter der Familie, Tahani al-Aweini, 55, eilte nach dem Hören von Schüssen nach draußen und wurde von Hassan angehalten, zurückzugehen. Sie erzählt The Independent von dem schrecklichen Moment, als sie sah, wie ihr Kind sie rief, während es sterbend und blutend dalag.
„Er streckte seine Hand nach mir aus“, sagt sie über ihren Sohn Saad. „Er flehte mich an, zu kommen und ihm zu helfen. Davor hatte er mir noch geholfen, Glassplitter aus meinem Kopf zu entfernen. Er half mir, aber ich konnte ihm nicht helfen.“
Sie weigerte sich zu bleiben und nahm einen Umweg, um zum Krankenhauskomplex zu gelangen. Auf dem Weg dorthin wurde sie angeschossen, schaffte es aber dennoch ins Krankenhaus, wo sie vier Tage lang blieb. Dr. Atef al-Hout, Direktor des Nasser Medical Complex, erinnert sich an Tahani, die „aus ihrem Fuß blutete und heftig weinte.“
„Sie sagte mir: ‚Meine drei Söhne liegen neben der Ostmauer des Krankenhauses,‘“ berichtet er. „Zu diesem Zeitpunkt wussten wir nicht, was mit den jungen Männern geschehen war, ob sie verwundet oder bereits tot waren. Auf jeden Fall konnten wir keine Hilfe oder medizinische Versorgung leisten, da die Situation extrem gefährlich war. Jede Bewegung außerhalb der Krankenhausgebäude hätte das Personal in Lebensgefahr gebracht. Scharfschützen der israelischen Armee waren auf den Dächern der UNRWA-Schulen, auf den Austrian Towers und auf Wohngebäuden in der Umgebung postiert.“
Über die Auswirkungen ihres Todes sagt er: „Ehrlich gesagt habe ich um die Tränen der Mutter geweint. Ich fühlte mich machtlos, ihnen irgendwie helfen zu können. Unsere humanitäre Pflicht ist es zwar, Menschen zu retten, zu behandeln und medizinisch zu versorgen, aber die Kriegsmaschinerie und die Verbreitung von Scharfschützen hinderten uns daran, etwas zu unternehmen.“
Ein Krankenhaus unter Belagerung
Die Leichen der drei Brüder lagen vier Tage lang vor den Mauern des Krankenhauses, während die israelische Armee den Nasser Medical Complex in einer der umstrittensten Militäroperationen ihrer Geschichte belagerte.
Mehrere Berichte aus dieser Zeit, darunter auch von Ärzte ohne Grenzen, dokumentierten die Anwesenheit israelischer Scharfschützen auf umliegenden Gebäuden, die auf das Krankenhausgelände zielten. Diese Soldaten töteten und verletzten mehrere Menschen, bevor Israel am 14. Februar die Räumung anordnete. Die Anwesenheit von Scharfschützen in dem Gebiet zu dieser Zeit ist auch in Berichten von Helfer*innen, Hilfsorganisationen, Menschenrechtsorganisationen und medizinischem Personal gut dokumentiert.
Die Leichen der Brüder al-Aweini blieben verschollen, nachdem die israelische Armee das Gebiet mit Bulldozern durchkämmt hatte.
„Wir haben kürzlich Informationen erhalten, dass einige Leichen nach dem Abzug der israelischen Streitkräfte möglicherweise von der Zivilschutzbehörde geborgen wurden“, sagt Maha Hussaini, Direktorin von Euro-Med Monitor. „Obwohl diese Informationen erst nach Abschluss unserer Untersuchung bekannt wurden, sind wir dabei, diese Berichte mit der Zivilschutzbehörde und der Abteilung für Rechtsmedizin zu überprüfen, und werden eine bestätigte Aktualisierung vorlegen, sobald die Details vollständig belegt sind.“
Euro-Med Monitor befragte Zeug*innen und Nachbar*innen, und Forscher*innen bestätigten, dass die Brüder Zivilisten waren und keine politischen Verbindungen hatten. Die israelische Armee gab keine weiteren Auskünfte darüber, warum die Brüder möglicherweise ins Visier genommen wurden.
„Wir sind eine einfache Familie“, sagt Tahani. „Unsere Priorität für unsere Kinder war eine gute Ausbildung.“
Der Bericht kam zu dem Schluss: „Dies zeigt die Absicht, Zivilist*innen zu schaden, die nicht an den Kämpfen beteiligt sind. Der Vorfall muss eindeutig als vollwertiges Kriegsverbrechen und nicht als Kollateralschaden eingestuft werden. Darüber hinaus verstößt der plötzliche Angriff ohne Vorwarnung gegen das Vorsorgeprinzip, das von der angreifenden Streitmacht verlangt, alle möglichen Maßnahmen zu ergreifen, um zivile Opfer zu verhindern oder zu minimieren.“
Weiters heißt es: „Vor dem Hintergrund der Belagerung des Nasser Medical Complex und der oben dargelegten Sachverhalte ist die gezielte Verfolgung der Familie al-Aweini ein eindeutiger Fall von Völkermord in Gaza.“
Israel bestreitet, einen Völkermord zu begehen.




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